Das Bundeskanzleramt ist ein Gebäude im Berliner Ortsteil Tiergarten (Bezirk Mitte) und Sitz der gleichnamigen deutschen Bundesbehörde. Im Rahmen des Umzugs der deutschen Bundesregierung von Bonn nach Berlin zog das Amt im Jahr 2001 in den von den Architekten Axel Schultes und Charlotte Frank geplanten Neubau. Das Gebäude ist Teil der „Band des Bundes“ genannten Baugruppe im Spreebogen, Willy-Brandt-Straße 1, 10557 Berlin. Das Bundeskanzleramt in Berlin ist der größte Regierungssitz der Welt.
Als Ausweichdienstsitz für das Bundeskanzleramt dient die fünf Kilometer entfernte Julius-Leber-Kaserne im Wedding.
Baugeschichte
Nach Beschluss, den Sitz der deutschen Bundesregierung von Bonn nach Berlin zu verlegen, wurde im Jahr 1992 ein städtebaulicher Wettbewerb für einen Neubau des Bundeskanzleramts im Bereich des Berliner Spreebogens ausgeschrieben.Geschichte und Architektur des Kanzleramts. Website der deutschen Bundesregierung, abgerufen am 12. September 2026. 835 Beiträge aus 54 Ländern wurden eingereicht. Am 18. Februar 1993 fiel die Entscheidung der Jury auf den später verwirklichten Entwurf. Beteiligt waren mehrere Architekten und Vertreter der Bundes- und Landespolitik. Nach dem ersten Spatenstich am 4. Februar 1997 und knapp vierjähriger Bauzeit konnte das Gebäude am 2. Mai 2001 vom damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder bezogen werden, wodurch der Regierungsumzug nach Berlin abgeschlossen wurde.Vor 30 Jahren: Berlin/Bonn Gesetz regelt Regierungs- und Parlamentsumzug. Artikel vom 10. März 2024 auf der Website der Bndeskanzler-Helmut-Kohl-Stiftung, abgerufen am 12. September 2026.
Architektur
Aufbau mini|Band des Bundes, Entwurf 1992
Das gleichermaßen spektakuläre wie umstrittene monumentale Bauensemble des neuen Bundeskanzleramtes wurde von den Berliner Architekten Axel Schultes und Charlotte Frank in der Amtszeit von Kanzler Helmut Kohl entworfen. Ihr Entwurf bezog das Kanzleramt in ein monumentales städtebauliches Konzept ein, das Band des Bundes genannt wird. Das bebaute Grundstück ist mit Hubschrauberlandeplatz und Kanzlerpark rund 73.000 m² groß.
Das Bundeskanzleramt ist der größte Regierungssitz der Welt. Es ist rund achtmal so groß wie das Weiße Haus in Washington, zu dem allerdings noch weitere Gebäude gehören. Die wichtigsten Kenndaten des Bauensembles lauten: Brutto-Grundfläche: 64.413 m² Brutto-Rauminhalt: 283.646 m³ Nutzungsfläche: 25.347 m² Hauptnutzungsfläche: ca. 19.000 m²
Mit einer Höhe von 36 Metern übertrifft das Gebäude die ansonsten in Berlin geltende Traufhöhe von 22 Metern. Das Gebäude hat eine moderne, weitgehend verglaste Außenfläche und zahlreiche Stilelemente der Postmoderne. Großflächig benutzte Farben haben eigene, genau festgelegte Symbolwirkungen. Auf dem Ehrenhof, der vom Leitungsbau und den zwei Bürotrakten gebildet wird, befinden sich die Skulptur Berlin des spanisch-baskischen Künstlers Eduardo Chillida sowie vier Säulen jeweils mit Baumbepflanzung, Fahnenmasten und vor dem Haupteingang eine gespannte Dachkonstruktion.Zu einem gestalterischen Aspekt des Ehrenhofes Marie Luise Birkholz: Vielschichtiger Boden. Eine Beschreibung der horizontalen Gestaltung vor dem Bundeskanzleramt. In: Karl Braun, Claus-Marco Dieterich, Angela Treiber (Hrsg.): Materialisierung von Kultur. Diskurse – Dinge – Praktiken. Königshausen & Neumann, Würzburg 2015, ISBN 978-3-8260-5594-2, S. 242–253. Der Ehrenhof dient hauptsächlich zum Empfang von Gästen.
mini|Das Bundeskanzleramt vom Dach des Reichstagsgebäudes aus gesehen mini|Bundeskanzleramt mit Regierungsviertel aus der Luft mini|Haupteingang des Bundeskanzleramtes mit Skulptur Berlin mini|hochkant|Die große Treppe mini|Internationaler Konferenzsaal mini|Pressewand mit Rednerpulten mini|Blick vom 6. Stockwerk des Bundeskanzleramtes auf das Reichstagsgebäude mini|Nächtlicher Blick auf das Bundeskanzleramt über die Spree
Im Leitungsbau, der von zwei Büroflügeln flankiert wird, gibt es neun Ebenen: Erdgeschoss: Foyer mit einer großen Treppenanlage für Fototermine mit Gästen. 1. Etage: Internationaler Konferenzraum mit 32 Plätzen, Dolmetscherkabinen und Regieräumen. Inforaum mit Bühne, Sitzplätze für 200 Journalisten. 2. und 3. Etage: Technik- und Funktionsräume (Küche, Weinkeller, Blumenkühlraum usw.) 4. Etage: „Geheim-Etage“ mit abhörsicherem Raum für den Krisenstab, Planungszentrum und Archiv. 5. Etage: Großer Bankettsaal für Empfänge und Festessen. Loggien in Richtung Osten und Westen. Büro des Staatsministers. 6. Etage: Kleiner Kabinettsaal mit Dolmetscherkabinen und Großer Kabinettsaal. Beide Säle sind gleich groß. Büro des Staatsministers. 7. Etage: Arbeitszimmer des Bundeskanzlers mit Fenstern in Richtung Reichstagsgebäude und Brandenburger Tor. Sekretariat. Büro des Kanzleramtchefs. Zwischen 7. und 8. Etage: „Skylobby“. 8. Etage: Kanzlerappartement mit Wohnraum, integrierter Küche und Schlafzimmer im Süden. Büro des Kulturstaatsministers im Norden.
In den Seitenflügeln befinden sich 300 Büros von je 20 m² und 13 Wintergärten. Im südlichen Bürotrakt gibt es eine Kantine. Im nördlichen Bürotrakt findet sich der Presse- und Personaleingang neben der separaten Hauptwache. Jenseits der Spree im westlich gelegenen Kanzleramtspark befindet sich ein Hubschrauberlandeplatz. Der Park ist über den Kanzleramtssteg, eine doppelgeschossige Brücke, für Fußgänger und Fahrzeuge erreichbar.
Kritisiert werden im neuen Bundeskanzleramt die zum Teil langen Wege. Es gibt neben der Möglichkeit der elektronischen Kommunikation auch ein Rohrpostsystem für den Aktenversand. Dieses wird für etwa 1000 Sendungen im Monat genutzt und hat – neben der Übertragungsgeschwindigkeit – den Vorteil einer erhöhten Abhörsicherheit. Der Unterhalt der Anlage verursacht Kosten von etwa 15.000 Euro im Jahr.Rohrpostanlage im Kanzleramt bleibt weiter in Betrieb. In: Der Spiegel, 11. Januar 2024, abgerufen am 11. Januar 2024.
Es werden Besuchergruppen zugelassen, wenngleich unter äußerst hohen Sicherheitsstandards (Eingangskontrolle wie am Flughafen, Ausweiskontrolle, zuvor angefertigte Namenslisten, Begleitung jeder Besuchergruppe durch BKA-Beamte).
Bauqualität, Renovierungen, Erweiterungsplanungen Das Bundeskanzleramt musste schon mehrmals renoviert werden – teils wegen Mängeln bei der Bauausführung und teils wegen prinzipieller und vorhersehbarer Probleme der verwendeten Materialien. So wurde der Sichtbeton an der exponierten Westfassade, der (als unästhetisch empfundene) Flecken entwickelte, im Jahr 2007 gereinigt und mit einer schützenden Lasur überzogen.Sanierung an der Fassade des Bundeskanzleramtes. In: Die Welt, 4. Juni 2007, abgerufen am 19. Juli 2013. Auch bei der vielgepriesenen ökologischen Haustechnik, wie bei dem mit Pflanzenöl betriebenen Blockheizkraftwerk, wurden aufwändige Reparaturarbeiten notwendig.Das Kanzleramt – reif für die Renovierung. In: Handelsblatt, 9. März 2009, abgerufen am 19. Juli 2013.
Anfang 2019 wurde bekannt, dass für das Bundeskanzleramt ein Erweiterungsbau geplant wird. Es sollen für die mittlerweile 750 Mitarbeiter (statt 410 wie beim Einzug) für zwischen 485 und 600 Millionen Euro 400 neue Büros sowie eine Kindertagesstätte und eine weitere Kantine entstehen. Der Hubschrauberlandeplatz soll auf das Dach des Gebäudes verlegt werden. Der Baubeginn war zunächst für 2023 vorgesehen. Geplant und errichtet werden soll der Erweiterungsbau durch die Architekten des Bundeskanzleramtes, Axel Schultes und Charlotte Frank. Der Bundesrechnungshof kritisierte die Kosten.Ralf Schönball: 19.000 Euro pro Quadratmeter – Rechnungshof kritisiert Kosten für Bürobau des Kanzleramts. In: Der Tagesspiegel, 7. Oktober 2020 Im Januar 2023 wurde mit den Bauarbeiten begonnen. Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) sagte im März 2023, der geplante Erweiterungsbau sei in Zeiten von mehr Homeoffice und ortsflexiblem Arbeiten und angesichts der auf mindestens 777 Millionen Euro gestiegenen Kosten entbehrlich. Die Rohbauten konnten im Januar 2026 fertiggestellt werden, ebenso die neue Südbrücke, die an Land vormontiert wurde. Ende März 2026 erfolgte der Einschub des südlichen Kanzleramtssteges. Die Fertigstellung ist für 2028 geplant.
Kunst am und im Kanzleramt Das Kanzleramt beherbergt nicht nur bedeutende Kunstwerke der Klassischen Moderne, sondern auch Werke zeitgenössischer deutscher und internationaler Künstler.
Eines der Hauptwerke am Kanzleramt bildet die monumentale Eisenskulptur Berlin des Bildhauers Eduardo Chillida. Die 5,5 Meter hohe und 87,5 Tonnen schwere Skulptur weckt mit ihren zwei sich beinahe berührenden Armen Assoziationen wie Annäherung, Teilung und Vereinigung, was als beabsichtigte politische Symbolik verstanden werden kann. Die Skulptur nimmt eine ähnliche Stellung wie Henry Moores Large Two Forms des Bonner Kanzleramtes ein und ist von ähnlicher Symbolik.
Ein weiteres Hauptwerk befindet sich im Garten des Kanzleramts – eine Originalkopie der Bronzeplastik Non-Violence (The Knotted Gun), die der schwedische Bildhauer Carl Fredrik Reuterswärd erstmals 1980 als künstlerisch verfremdende Replik des Revolvers schuf, mit dem sein Freund John Lennon ermordet wurde. In respektvoller Anerkennung der Weigerung Deutschlands, sich dem Irakkrieg anzuschließen schenkte Reuterswärd diese Replik der seit 1984 vor dem UN-Hauptgebäude in New York platzierten Urversion des Revolvers mit „verknotetem“ Lauf 2005 stellvertretend für das deutsche Volk dem damaligen Bundeskanzler Schröder. Die Laudatio zur Enthüllung des Kunstwerks hielt der Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass.„Verknotete Pistole“: Neue Skulptur am Kanzleramt enthüllt. Bei: Tagesspiegel Online, 21. August 2005Politik: Kunst mit Knoten am Kanzleramt Bei: Tagesspiegel Online, 22. August 2005Schröders verknotete Pistole. Bei: Spiegel Online, 21. August 2005
Der innere Eingangsbereich wurde künstlerisch durch den Maler Markus Lüpertz mitgestaltet, der das zentrale Treppenhaus in sechs verschiedene „Farbräume“ verwandelte, deren Farben bestimmte klassische Tugenden symbolisieren sollen: Blau (Weisheit), Umbra (als Löwenfarbe für Kraft und Stärke), Rot (Tapferkeit), Ocker-Gold (Gerechtigkeit) und Grün/Weiß (Klugheit). Außerdem schuf Lüpertz die ebenfalls im Eingangsbereich stehende Skulptur Die Philosophin als Inbegriff des nachdenklichen Menschen. Als weitere große Skulptur im Innenbereich kann das Große weiße Kopfzeichen des Künstlers Rainer Kriester genannt werden.
Im Kanzleramt befinden sich darüber hinaus zahlreiche bedeutende Gemälde, zum Teil als Ankäufe oder Leihgaben. Aus dem Bonner Kanzleramt stammen das Orientalische Märchen von August Macke und der für den Kabinettssaal ausgewählte Sonntag der Bergbauern von Ernst Ludwig Kirchner. Im Pressesaal befindet sich die dreiteilige Arbeit Augenbilder von Ernst Wilhelm Nay, die auf der Kasseler Documenta III im Jahr 1964 für Aufsehen sorgte. Die Gemälde von Emil Nolde wurden aus dem Bundeskanzleramt entfernt, nachdem dessen antisemitischen Einstellungen und seine Nähe zum Nationalsozialismus einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurden.
In der ersten Etage befindet sich die Kanzlergalerie.Kanzlergalerie. bundeskanzlerin.de; abgerufen am 5. Dezember 2021
Baukosten Die Baukosten betrugen 465 Millionen Mark (kaufkraftbereinigt in heutiger Währung: rund Millionen Euro).Bundeskanzleramt Eintrag bei structurae.de Laut anderen Berichten kostete das Bundeskanzleramt statt der ursprünglich vorgesehenen 398,5 Millionen sogar 513,3 Millionen Mark.Regierungsviertel: Teures Berliner Pflaster. In: FAZ, 2. November 2001
Nutzung mini|Kabinettssaal