mini|Kanzleramtsgebäude (2007) mini|Ehemaliges Bundeskanzleramt, Ansicht vom Marriott Hotel (2016) Das Bundeskanzleramtsgebäude in Bonn war von 1976 bis 1999 Sitz des Bundeskanzleramtes der Bundesrepublik Deutschland und beherbergt seit 2005 das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Es liegt im Ortsteil Gronau an der Adenauerallee 139 (Bundesstraße 9) im Zentrum des Bundesviertels und ist eine Station des Geschichtsrundwegs Weg der Demokratie.

1999 wurde der Hauptsitz des Bundeskanzleramtes nach Berlin verlegt, zunächst in das Staatsratsgebäude, dann in den Neubau am Spreebogen; Zweitsitz des Bundeskanzleramtes ist seit 2001 das zur Liegenschaft gehörende Palais Schaumburg. Das Areal des ehemaligen Bundeskanzleramts, das noch einige weitere Gebäude umfasst, steht als Baudenkmal unter Denkmalschutz.

Lage Das Areal des ehemaligen Bundeskanzleramts (Adenauerallee 139–141/Dahlmannstraße 4) mit Hauptzugang über die Dahlmannstraße erstreckt sich von der Adenauerallee/Bundeskanzlerplatz (Bundesstraße 9) im Südwesten bis zum Rheinufer im Nordosten. Nordwestlich grenzt das Grundstück der Villa Hammerschmidt (Amtssitz Bundespräsident) an, südlich das durch einen verschließbaren öffentlichen Durchgang getrennte Presse- und Informationsamt der Bundesregierung sowie östlich die ehemalige Landesvertretung Nordrhein-Westfalens. Das frühere Bundeshaus liegt etwa 200 m östlich.

Geschichte mini|Schreibtisch des Bundeskanzlers Helmut Schmidt, 1976 mini|hochkant|Adenauer-Plastik von Hubertus von Pilgrim

Als erstes eigenes Gebäude für das Bundeskanzleramt in Bonn mit anfänglich 120 Mitarbeitern diente ab November 1949 nach einer provisorischen Anfangsunterbringung im Museum Koenig das Palais Schaumburg. 1954/55 entstanden als Häuser 2 und 3 baulich angebundene Erweiterungsbauten („Altes Kanzleramt“), die im August 1955 bezogen wurden. Das zu Beginn noch dem Bundeskanzleramt angegliederte Presse- und Informationsamt der Bundesregierung erhielt 1956 einen nahegelegenen Neubau. 1963/64 wurde im Park des Palais der Kanzlerbungalow als Wohn- und Empfangsgebäude des Bundeskanzlers errichtet. Aufgrund des wachsenden Raumbedarfs mussten einzelne Abteilungen des Bundeskanzleramts mit 134 von insgesamt etwa 260 Mitarbeitern ausgelagert werden (Stand: 1969), darunter die Abteilung IV in die Adenauerallee 120 und die Abteilungen III und V in angemietete Bürogebäude in der Baunscheidtstraße 2 und 15.

1969 wurde das Aufgabenspektrum des Amtes durch die sozialliberale Koalition unter Willy Brandt und dessen Kanzleramtschef Horst Ehmke um verschiedene Aspekte der Bildungs-, Sozial- und Technologiepolitik erweitert. Um den gewachsenen Anforderungen gerecht werden zu können, für die auch das erweiterte Gelände des Palais zu klein geworden war, beschloss das Bundeskabinett in Umsetzung eines Vorschlags der interministeriellen Projektgruppe Regierungs- und Verwaltungsreform bereits am 4. Dezember 1969, ein neues Kanzleramtsgebäude zu errichten. Als Standort legte Kanzleramtschef Ehmke noch im selben Monat die sogenannte Görreswiese an der für den Neubau aufzulassenden Görresstraße unmittelbar südlich des bisherigen Kanzleramts in direkter Nachbarschaft zum Presse- und Informationsamt fest, der damit de facto aus der Gesamtplanung des im Januar 1970 gegründeten städtebaulichen Arbeitskreises Bundesbauten Bonn ausgeklammert wurde. Die Planung des Neubaus erfolgte nach organisationskybernetischen Maßstäben unter Beteiligung der von Wolfgang und Eberhard Schnelle geleiteten Unternehmensberatung Quickborner Team; auf einen repräsentativen Staatsbau mit nationaler Symbolik sollte zugunsten einer architektonischen Effizienzlösung verzichtet werden. Zunächst wurde nach einem Beschluss im Februar 1970 im Park nahe Haus 3 bis April 1971 für 1,5 Millionen DM ein Planungspavillon als Fertighaus erstellt, das später auch als Baubüro dienen sollte. Mit der Planung des eigentlichen Neubaus wurde die Planungsgruppe Stieldorf beauftragt, die aus einem bundesweit am 2. November 1970 offen ausgeschriebenen Architektenwettbewerb – dem ersten seit Bestehen der Bundesrepublik – am 12. Mai 1971 als Sieger hervorging. Zwischen Oktober 1972 und Januar 1973 musste die Planung aufgrund einer Haushaltssperre pausieren, die Voraussetzungen für einen Baubeginn bestanden schließlich seit der Verabschiedung des Bundeshaushalts 1973 im Juni 1973. Für die künstlerische Ausgestaltung der Gebäude und des Außenbereichs fand 1974 ein eigener Wettbewerb statt. Am 27. November 1973 begannen mit dem Ersten Spatenstich die Bauarbeiten, am 15. Oktober 1974 wurde Richtfest gefeiert und der Bezug des Neubaus nach der feierlichen Schlüsselübergabe am 1. Juli 1976 fand zwischen dem 2. und 4. Juli 1976 statt; die erste Kabinettssitzung am neuen Standort folgte am 7. Juli 1976. Das Palais Schaumburg wurde weiterhin, aber vorwiegend zu Repräsentationszwecken genutzt und das „Alte Kanzleramt“ vom Auswärtigen Amt übernommen. Der Neubau war auf Zuwachs hin konzipiert und stand deshalb zu Beginn teilweise noch leer.

mini|hochkant|Skulptur von Henry Moore Der Vorplatz wurde in seiner ursprünglichen Form vom Landschaftsarchitekten Hans Luz und dem Bildhauer Hans Dieter Bohnet gestaltet. Der erste Hausherr Helmut Schmidt ließ ihn 1979 umgestalten, wobei eine große Grünfläche angelegt und dort die Skulptur Large Two Forms von Henry Moore (heute denkmalgeschützt) aufgestellt wurde. Im Mai 1982 wurde auf dem außerhalb gelegenen Bundeskanzlerplatz eine Kopfplastik von Konrad Adenauer aufgestellt, die zum Symbol der Bonner Republik wurde. Längster Hausherr im Kanzleramtsgebäude war von 1982 bis 1998 Helmut Kohl.

Im Zuge der Verlegung des Regierungssitzes zog das Bundeskanzleramt im Spätsommer 1999 unter Bundeskanzler Gerhard Schröder mit seinem Hauptsitz nach Berlin um; die letzte Kabinettssitzung fand hier am 28. Juli statt.28. Juli 1999. Bundeszentrale für politische Bildung.Torsten Krauel: Der letzte Akt in Bonn, Die Welt, 28. Juli 1999 Im Bonner Bundeskanzleramtsgebäude wurde zunächst ein zweiter Dienstsitz belassen, der im Mai 2001 in das Palais Schaumburg verlegt wurde. Zugleich wurde das Gebäude mit den Häusern 2 und 3 (Liegenschaft Adenauerallee Süd) dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) übergeben. Damit das Ministerium in die Liegenschaft einziehen konnte, wurde im Zeitraum von 2001 bis 2005 eine umfangreiche denkmalgerechte Generalinstandsetzung bei Kosten von 57 Millionen Euro durchgeführt, in deren Gesamtumfang eine der in Deutschland größten Spritzasbest-Sanierungsmaßnahmen erfolgreich umgesetzt wurde.Anfang der 1970er Jahre war es gängige Praxis – und von der BAM empfohlen – Stahlträgerkonstruktionen als Feuerschutz mit Spritzasbest zu ummanteln. Das hatte sich auch beim Bau des New Yorker World Trade Centers bewährtBernd Leyendecker: In: General-Anzeiger. 7. Dezember 2001. Das BMZ zog anschließend im Dezember 2005 aus dem „Bonn-Karree“ südlich der Museumsmeile in das ehemalige Kanzleramt um.Bernd Leyendecker: Ministerin: Ein Signal für die UN-Stadt Bonn. In: General-Anzeiger. 7. Dezember 2005. Die Sanierung von Haus 3 für das BMZ erfolgte erst 2007. 2016 wurden der Betrieb und das Eigentum an der Liegenschaft der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben übertragen. Zukünftig sollen auf Basis eines Liegenschaftsenergiekonzepts verschiedene Maßnahmen zur energetischen Sanierung des Gebäudes durchgeführt werden, zunächst die energetische Ertüchtigung des Flachdachs und die Errichtung von Photovoltaikanlagen (Stand: Mitte 2021). Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung

2016 wurde auf Initiative von Bundesentwicklungsminister Gerd Müller das Kanzlerzimmer mit den früheren Möbeln und Einrichtungsgegenständen von Helmut Schmidt rekonstruiert; es ist seit Januar 2017 ebenso wie der Empfangsraum („Heckelzimmer“) und der Kabinettssaal im Rahmen von Führungen durch das Haus der Geschichte zugänglich.Günter Bannas: Löcher im Kanzlersessel. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23. September 2016. Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, 23. September 2016.Thomas Kliemann: Führung durch das alte Kanzleramt. In: General-Anzeiger. 9. Januar 2017.

Liegenschaft Der ehemalige Sitz des Bundeskanzleramts umfasst auf insgesamt 109.000 m² neben dem als funktionales Verwaltungsgebäude konzipierten Neubau von 1973–76 (Haus 1) mit dem zugehörigen Vorplatz (Ehrenhof) und der darunter liegenden Tiefgarage das nach dessen Fertigstellung der Repräsentation und dem Empfang dienende Palais Schaumburg, den Kanzlerbungalow als Wohn- und Empfangsgebäude sowie Gästehaus des Bundeskanzlers, das Kanzler-Teehaus und die ursprünglich zum Palais gehörende Parkanlage, in der sich auch der zum Dienstsitz gehörige Hubschrauberlandeplatz und ein Wirtschaftsgebäude („Römerhof“) befinden. An der Dahlmannstraße liegt die gemeinsam mit dem Neubau von 1973–76 entstandene Hauptpforte (Wach- und Pförtnerhaus); zur Adenauerallee hin aus derselben Bauzeit ein über das Tiefgeschoss ihm angeschlossenes ehemaliges BGS-Gebäude (Haus 4). Zur Liegenschaft gehören auch die nach 1976 nicht mehr vom Bundeskanzleramt genutzten Häuser 2 und 3 (heute BMZ) als Anbauten an das Palais Schaumburg. Die Durchfahrt zu den hinter dem Neubau gelegenen Gebäuden erfolgt durch die Tiefgarage, deren Einfahrt sich direkt an die Hauptpforte anschließt.

Architektur Baubeschreibung Das Bundeskanzleramtsgebäude (Haus 1) besteht aus einem dreigeschossigen Komplex mit zwei Untergeschossen, der sich in zwei Bauteile gliedert: den sogenannten „Abteilungsbau“ (auch „Verwaltungsbau“ genannt) und den „Kanzler- und Kabinettsbau“. Der Abteilungsbau fußt auf einem Grundrissraster, das jeweils knapp 100 m² stützenfreie Flächen im Innern erzeugt, und wird durch den auf der Rheinseite (im Osten) gelegenen Haupteingang betreten. Nördlich des Abteilungsbaus liegt versetzt der wesentlich kleinere Kanzler- und Kabinettsbau mit separatem Eingang. Die Erdgeschossfassaden sind hier weitgehend zurückgesetzt und vollverglast, um einen größtmöglichen Durchblick in die dahinter liegende alte Parklandschaft zu ermöglichen (zur Planungszeit hatte es noch Überlegungen gegeben, das Gelände der Öffentlichkeit zugänglich zu machen). Dem Abteilungsbau zur Adenauerallee hin vorgelagert und über das Tiefgeschoss angeschlossen ist ein langgestreckter Riegel mit den ehemaligen Räumen für das Sicherheitspersonal des Bundesgrenzschutzes (Haus 4). Im ersten Untergeschoss des Hauptbaus befinden sich fünf jeweils 120 m² große Schutzraumkomplexe für insgesamt 500 Personen, die jeweils in zwei eigenständige Schutzräume gegliedert und mit Stühlen und Betten sowie teilweise mit Notausgängen ausgestattet sind.

Die freie Stahlskelettkonstruktion (mit nur sechs Betonkernen als Festpunkten) erlaubt durch veränderbare Wände die Anpassung an alle organisatorischen Anforderungen. Die geringe Höhenentwicklung (unterhalb der Baumkronen des Parks und dem First des Palais Schaumburgs) bei einem Neubauvolumen von über 200.000 m³ Kubatur, 30.000 m² Nutzflächen und 13.000 m² Fassade begründete die Entscheidung der Jury für Preis und Ausführung. Mit einem abhörsicheren internationalen Konferenzraum („NATO-Saal“) im Erdgeschoss des Abteilungsbaus, der in einer dreireihigen Sitzordnung Platz für 83 Personen bietet, wurde eine Vorgabe der NATO an Regierungsbauten erfüllt. Ebenfalls neu hinzugekommen im Vergleich zum Palais Schaumburg waren ein Presse- und Informationsraum für Pressekonferenzen der Bundesregierung im Erdgeschoss sowie ein an die Kabinetträumlichkeiten angeschlossenes knapp 400 m² großes Lagezentrum – zu aktivieren im Krisenfall – im ersten Obergeschoss des Kanzler- und Kabinettsbaus.

Bautypologische Einordnung