mini|hochkant=1.5|Gartenkünsterlische Interpretation der irokesischen Mutter Erde im Jacques Cartier Park in Gatineau, Quebec. Nach der Schöpfungsgeschichte der Haudenossaunee-Stämme entstand sie aus Resten der „Himmelsfrau“, die der Gute Geist in der Erde vergrub, damit die Lebewesen nie Hunger leiden müssen.
Mutter Erde bezeichnet im religiösen Sinn verschiedene Vorstellungen von der Erde (im Sinne von Umwelt, Land, Natur oder Planet) als einer heiligen Ganzheit mit diversen übersinnlich-transzendenten Attributen. In vielen Sprachen der Welt wird die Erde weiblich und der Himmel männlich aufgefasst.Dieterich, S. 17. Daraus folgt allerdings nicht, dass es sich bei der Vorstellung der „Mutter Erde“ um eine religiöse Universalie handelt.
Der Begriff hat mehrfach einen Bedeutungswandel erfahren und wird auch heute noch in verschiedenen Lesarten verwendet, die sich nur aus dem jeweiligen Kontext erschließen: Es gibt zahlreiche Bezeichnungen aus verschiedensten historischen Religionen, ethnischen Glaubensvorstellungen, der Volksreligiosität und der Naturphilosophie, die mit dem Begriff „Mutter Erde“ übersetzt werden können. Sie stehen alle für die Auffassung einer diffus personifizierten heiligen Erde (im Sinne von physischer Umwelt) als der animistisch beseelten Quelle allen Lebens, die von den Menschen mit ganz unterschiedlichen Ritualen und Bräuchen religiös-kultisch verehrt wurde. Die erzwungene Auseinandersetzung mit der Landnahme der Euroamerikaner in Nordamerika führte bei den Indianern im 19. Jahrhundert zur Bildung des Ausdruckes Mutter Erde (Mother Earth) als strategisch wichtiger Sammelbegriff, um die verschiedensten Formen der spirituellen Naturverehrung, die in irgendeiner Weise einen Bezug zur Erde (im Sinne von Land und Lebensraum) hatten, unter einem Begriff zu vereinen. Strategisch deshalb, weil der Begriff in den meisten Fällen nur als plakative Metapher in der Kommunikation mit den Eindringlingen verwendet wurde und selbst keine religiöse Bedeutung hatte. Für viele re-traditionelle nord- und südamerikanische Indianer der Gegenwart ist die im 19. Jahrhundert entstandene Mother-Earth-Philosophie (im Sinne einer gemeinsam indianischen, erdverbundenen Spiritualität) ein identitätsstiftender Begriff. Die Umweltbewegung im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts weitete den indianischen Sammelbegriff auch auf andere indigene Völker aus und machte die „irgendwie heilige“ Mutter Erde (im Sinne der gesamten Biosphäre) zu einem mystisch-romantisch verklärten Symbol für den nachhaltigen Umgang mit der Welt. Dies war ursprünglich profan, führte jedoch nachträglich zu neuen spirituellen Verknüpfungen. Die Vordenker einiger esoterisch geprägter Bewegungen des Westens (insbesondere des Neopaganismus) platzierten die Auffassung einer pantheistisch gedachten Erdgottheit (zumeist im Sinne eines mit Geist ausgestatteten Planeten) als neureligiöse Personifizierung in ihre konstruierten Weltanschauungen.
Weltanschauungen, bei denen die Verehrung der Erde im Mittelpunkt steht, werden bisweilen als chthonisch bezeichnet.Manfred Kurt Ehmer: Göttin Erde: Kult und Mythos der Mutter Erde. Zerling, Berlin 1994, S. 12. Dies gilt auch für moderne Theorien wie etwa die evolutionsbiologische Gaia-Hypothese.
Abgrenzung zur „Erdmutter“ und „Muttergöttin“ Häufig werden die Bezeichnungen Erdmutter und Mutter Erde in ethnologischer oder religionswissenschaftlicher Literatur synonym verwendet. Einige Autoren differenzieren jedoch zwischen der Erdgöttin oder Muttergöttin im Sinne einer göttlichen Personifikation der Erde, der menschenähnliche Züge, Wille und Handlungsmacht zugesprochen wird, und der „Mutter Erde“ als einer pantheistisch beziehungsweise animistischen Auffassung im Sinne einer „mit Geist oder göttlicher Kraft ausgestatteten Erde“.Wilhelm Kühlmann: Pantheismus I, erschienen in: Horst Balz et al. (Hrsg.): Theologische Realenzyklopädie, Band 25: „Ochino – Parapsychologie“. Walter de Gruyter, Berlin, New York 1995/2000, ISBN 978-3-11-019098-4. S. 628. Eine eindeutige Zuordnung zu beseelter Erde oder Erdgöttin ist jedoch in sehr vielen Fällen schwierig, da vielfach beide Aspekte eine Rolle spielen.
Klassische Vorgabe: Die diffuse Personifizierung Die elementarste religiöse Vorstellung, die in allen Religionen zu finden ist, beruht auf der universalen Annahme einer menschlichen Seele:Karl R. Wernhart: Ethnische Religionen – Universale Elemente des Religiösen. Topos, Kevelaer 2004, ISBN 3-7867-8545-7. S. 10–24, 144. Daraus folgt der Gedanke, dass alle anderen Wesen genauso beseelt sein müssten wie der Mensch. Die Ausweitung dieses Gedankens auf unbelebte Naturerscheinungen wie Felsen, Gewässer, Berge usw., die von rezenten Wildbeuterkulturen bekannt ist, wird als Animismus bezeichnet.Walter Hirschberg (Begr.), Wolfgang Müller (Red.): Wörterbuch der Völkerkunde. Neuausgabe, 2. Auflage, Reimer, Berlin 2005. S. 25 (Animismus).Bruno Illius: Schamanismus: Die Vorstellung von „ablösbaren Seelen“. In: Der Begriff der Seele in der Religionswissenschaft. Johann Figl, Hans-Dieter Klein (Hrsg.), Königshausen & Neumann, Würzburg 2002, ISBN 3-8260-2377-3. S. 96–97. So wie die Redewendung von der Mutter Natur ein Bild ist, das nahezu zwangsläufig der alltäglichen Lebenswirklichkeit entspringt, ist auch die Übertragung der Idee von der Beseeltheit aller Naturerscheinungen auf die gesamte Erde naheliegend.Markus Porsche-Ludwig, Jürgen Bellers (Hrsg.): Handbuch der Religionen der Welt. Bände 1 und 2, Traugott Bautz, Nordhausen 2012, ISBN 978-3-88309-727-5. S. 974–977. Die philosophische Auseinandersetzung mit dieser Idee führte zum weiteren Ausbau dieser Vorstellungen: Wird die Erde (oder synonym der gesamte Kosmos) als göttlicher „Urgrund“ der Welt, als „diffuses, göttliches Prinzip“ ohne menschliche (anthropomorphe) Eigenschaften gedacht, ist die Vorstellung pantheistisch. Wird eine Personifizierung mit dem Bild menschenähnlicher Eigenschaften (Gestalt und Verhalten) vorgenommen, entsteht die Idee einer separaten, „über der Erde stehenden“ Erdgöttin, die die Erde nur noch repräsentiert oder sie erschaffen hat. So klar diese beiden Definitionen erscheinen mögen, so vielfältig (und oftmals widersprüchlich) ist die Spanne zwischen sakralen und profanen Mutter-Erde-Auffassungen, die eine klare Zuordnung häufig nicht zulassen.
Prähistorische und historische Religionen
mini|200 px|Gaia mit dem Ewigkeitsgott Aion und ihren vier Kindern, die die Jahreszeiten verkörpern, zwischen einem kahlen und einem grünen Baum. Römisches Mosaik, erste Hälfte des 3. Jahrhunderts Dieser Auszug aus den Homerischen Hymnen beschreibt die in anderen Aufzeichnungen eher menschenähnlich (anthropomorph) dargestellte griechische Erdgöttin Gaia als „nicht-anthropomorphe“ Personifikation göttlicher Macht in Gestalt der sinnlich erfahrbaren Erde, wofür es aus der griechischen und römischen Antike noch einige Belege mehr gibt.Dieterich, S. 40, 80. Trotz der häufigen Menschengestalt der Erdmutter werden die griechisch-römischen Göttinnen Gaia/Tellus und Demeter (von γῆ μήτηρ, gễ mếtêr, „Mutter Erde“)/Ceres weiterhin auch als „die göttliche Erde selbst“ betrachtet, deren Leib das Leben hervorbringt, in den es nach dem Tod zurücksinkt.Klaus Mailahn: Der Fuchs und die Göttin: Erkenntnisse über ein heiliges Tier der Großen Mutter. Disserta, Hamburg 2014, ISBN 978-3-95425-770-6, S. 23.
Die Theorie, dass in späten Sammler- und frühen Feldbauernkulturen der Frühzeit eine liebevoll-ehrfürchtige Scheu des Menschen vor der Fruchtbarkeit der Erde bestand, die Religion und Kult maßgeblich bestimmten, ist unter den notwendigerweise oft auf Spekulation angewiesenen Erforschern der Religion im Paläolithikum weitgehend unbestritten. Allerdings ist nicht nachzuweisen, ob daraus die Verehrung einer Mutter Erde entsprang und welche Handlungsnormen damit verbunden waren.Joachim Radkau: Natur und Macht – Eine Weltgeschichte der Umwelt. 2. Auflage, C.H.Beck, München 2012, ISBN 978-3-406-63493-2. S. 101–103.
In den historischen Religionen ist „Mutter Erde“ als weibliches Prinzip und „Vater Himmel“ als männliches Prinzip eine typische duale pantheistische Vorstellung: Das Paar gilt oft als Schöpfer der Welt.Geo Widengren: Religionsphänomenologie. Walter de Gruyter, Berlin 1969. S. 125–126. Insbesondere in der östlichen Orthodoxie wurde die Mutter Erde verehrt.Andrei A. Znamenski: The Beauty of the Primitive. Shamanism and the Western Imagination. Oxford 2007.
Ethnische Religionen
In zahlreichen traditionellen Religionen sogenannter Naturvölker – insbesondere bei Feldbauern – kommt bzw. kam die Verehrung einer als göttlich betrachteten Erde vor; sie war auch hier manchmal schwierig von Erdmutter-Göttinnen zu unterscheiden. Sie gilt hier als „fruchtbarkeitserhaltende weibliche Manifestation der spirituellen Energie“, oft als „Mutter Erde“ oder als „Großmutter Erde“ bezeichnet. Der Terminus „Erde“ umfasst dabei nicht nur den Erdboden, sondern ebenso die Gewässer, alle Lebewesen, die Luft und alle bekannten Naturphänomene inklusive aller ihnen innewohnenden Geistwesen.Suzanne J. Crawford (Hrsg.): American Indian Religious Traditions: A-I. Band 1 von American Indian Religious Traditions: An Encyclopedia. Dennis F. Kelley, ABC-Clio, Santa Barbara (USA) 2005, ISBN 978-1-57607-517-3, S. 563–566.
Bei den Yoruba wird die Erdmutter Ajala auch als Schöpferin der Menschenköpfe betrachtet, aber nicht als Gottheit verehrt. Sie verkörpert eher das Prinzip der kosmischen Harmonie.
Aufgrund der populären panindianischen Mother-Earth-Philosophie wird der Begriff zumeist mit den nordamerikanischen Indianern in Verbindung gebracht. Gerade in Nordamerika war die Vorstellung einer beseelten irdischen Einheit jedoch ursprünglich äußerst selten. Erst die Konfrontation mit der euroamerikanischen Kultur hat diesbezüglich zu einem Begriffswandel geführt, wie weiter unten noch ausführlich dargestellt wird (→ Der identitätsstiftende Begriff)
Nordamerika: Vor der europäischen Landnahme Vor der europäischen Expansion gab es die klassische Mutter-Erde-Anbetung mit großer Wahrscheinlichkeit bei einigen bodenbebauenden Stämmen (wenn auch nicht in prominenter Rolle) wie den Irokesen und Yuchi,Christian F. Feest: Beseelte Welten – Die Religionen der Indianer Nordamerikas. In: Kleine Bibliothek der Religionen, Bd. 9, Herder, Freiburg / Basel / Wien 1998, ISBN 3-451-23849-7. S. 55–59, 101. den Pawnee (Tirawahat, „das Universum und alles darin“) und den früher feldbautreibenden Absarokee (Awaisahké, „Mutter Erdboden“).Thomas Bargatzky: Ethnologie: eine Einführung in die Wissenschaft von den urproduktiven Gesellschaften. Buske, Hamburg 1997, ISBN 3-87548-039-2, S. 170.
Unter Jägern und Sammlern, die häufiger Wälder und Tiere verehrten, findet sich die Vorstellung von Mutter Erde nur sehr selten oder sie spielen keine zentrale Rolle. Das gilt für die Cheyenne, die früher Ackerbau betrieben, bevor sie nomadisch lebten. Für sie verkörperten die Erde das weiblich-materielle Prinzip, der Himmel das männlich-geistige Prinzip. Eine ähnliche Auffassung hatten die benachbarten Lakota, die ebenfalls zum Teil bis ins 18. Jahrhundert Ackerbauern warenDavid Krieger u. Christian Jäggi: Natur als Kulturprodukt: Kulturökologie und Umweltethik. Originalausgabe 1997, Springer, Basel 2013, ISBN 978-3-0348-7771-8, S. 277–278. (siehe Zitat von Black Elk). In der Mythologie der Okanagan aus dem Nordwesten ist die Erde die Vorfahrin aller Menschen. Sie war zuerst die menschengestaltige Urmutter, aus der der Gott „Old-One“ die gesamte Erde schuf, deren Körperteile dabei zu den Teilen der Erde wurde, auf denen nunmehr die Menschen leben.
Mittel- und Südamerika mini|Medizinmann des Kogi-Volkes aus Kolumbien, deren Religion auf dem Glauben an „Aluna“, die spirituelle „mütterliche“ Kraft der Erde gründet.
Von den Kariben kommt die Vorstellung vom Erdbeben als Tanz der Mutter Erde, der zudem die Aufforderung für die Menschen war, selbst zu tanzen.Dieterich, S. 13.