Die Dynamit Nobel AG war ein deutsches Chemie- und Rüstungsunternehmen, dessen Sitz sich zuletzt in Troisdorf befand. Das Unternehmen wurde 2004 vom ehemaligen Mutterkonzern MG technologies (heute GEA Group AG) in verschiedenen Teilen an verschiedene Unternehmen verkauft. Im letzten Jahresabschluss 2003 wies Dynamit Nobel einen Umsatz von 2,5 Milliarden Euro aus und beschäftigte rund 13.000 Mitarbeiter. Vom 1. Januar 2003 bis zum Verkauf am 31. Juli 2004 wurde das Unternehmen von Jürg Oleas als Vorstandsvorsitzendem geleitet, der diese Funktion zugleich auch beim Mutterkonzern innehatte.
Unter dem Namen Dynamit Nobel gibt es heute zwei voneinander unabhängige Unternehmen, Dynamit Nobel GmbH Explosivstoff- und Systemtechnik (DNES) in Leverkusen und die Dynamit Nobel Defence GmbH in Burbach.
Geschichte 1865 bis 1918 Die Dynamit Nobel AG geht auf das am 21. Juni 1865 von dem schwedischen Chemiker und Unternehmer Alfred Nobel in Hamburg gegründete Unternehmen Alfred Nobel & Co. zurück. Anfangs wurde Sprengstoff auf Basis von Nitroglycerin in der Dynamitfabrik Krümmel in Geesthacht bei Hamburg hergestellt. Bei diesem Werk handelte es sich um die erste Nitroglycerinfabrik außerhalb Schwedens.
mini|hochkant|Alfred Nobel mini|Aktie über 100 RM der Dynamit AG, vormals Alfred Nobel & Co., vom August 1928 Nobel verfolgte den Plan, Nitroglycerin an vielen Standorten in Europa zu produzieren, da der Transport des Sprengstoffs wegen dessen Stoßempfindlichkeit ein überaus riskantes Unterfangen war. Da sich die Handhabung von Nitroglycerin als sehr gefährlich erwies, begann Nobel damit, einen Sicherheitssprengstoff, das Dynamit, zu entwickeln. Noch während der Erprobungsphase kam es 1866 zu einem schweren Explosionsunglück, bei dem das Werk in Krümmel fast vollständig zerstört wurde. Kurz darauf erzielte er dennoch den Durchbruch, indem er Nitroglycerin mit Kieselgur mischte und es so gegen Stoßeinwirkungen unempfindlicher machte. Im Oktober 1867 ließ er sich den neuen Sprengstoff patentieren, der auch unter dem Namen Nobel’s Sicherheits-Sprengpulver vertrieben wurde. Um den Ruhrbergbau als Hauptabnehmer besser beliefern zu können, übernahm das Unternehmen 1874 die Sprengstoff-Fabrik Kaiser & Edelmann in Manfort (seit 1930 ein Stadtteil von Leverkusen), deren vorherige Betriebsstätte in Dünnwald unter anderer Betriebsleitung 1870 von einer Explosion zerstört worden war. Nobel war 1872 an deren Wiederaufbau beteiligt und hatte dort auch zeitweilig die Produktion geleitet. Der Transport per Eisenbahn lief über den Bahnhof im nahen Schlebusch, so dass die Fabrik auch als Werk Schlebusch bezeichnet wurde. Im Jahr 1876 wurde Nobels Unternehmen in eine Aktiengesellschaft umgewandelt und die Firma in Dynamit AG, vormals Alfred Nobel & Co. (abgekürzt DAG) geändert. Nun wurde auch die Produktion von Rüstungsgütern aufgenommen, und schon bald stieg die DAG zum größten Pulver- und Munitionsproduzenten im Deutschen Reich auf.
Unter Führung der DAG schlossen sich, wie auch in anderen europäischen Ländern, die größten deutschen Pulverproduzenten 1884 zu einem Kartell zusammen, das Pulvergruppe I genannt wurde. Bis 1889 folgten alle größeren Pulverproduzenten des Deutschen Reichs in diesen Zusammenschluss, der durch Preisabsprachen und Kooperationen Wettbewerb untereinander unterbinden sollte. In der Folgezeit kam es zu einer engen Zusammenarbeit mit dem britischen Pulverkartell Nobel Dynamite Trust Coy und anschließend zur gemeinsamen Bildung des sogenannten „Generalkartells“ deutscher und britischer Pulverfabriken. Durch den Rüstungswettlauf vor dem Ersten Weltkrieg konnten die Pulverproduzenten enorme Gewinne erzielen, die durch die Kartellstruktur noch erhöht wurden. Zudem unterstützten die Staaten in dieser Zeit massiv die Rüstungsentwicklung und -produktion. Das DAG-Werk in Saarwellingen wurde 1910 in Betrieb genommen.
Da der Unternehmensgründer Nobel kinderlos blieb, verfügte er, dass mit seinem Vermögen die nach ihm benannte Nobel-Stiftung gegründet werden sollte, was im Jahr 1900 geschah. Die wichtigste Aufgabe der Stiftung ist die jährliche Verleihung der Nobelpreise. Die Stiftung finanziert sich bis in die Gegenwart aus den Zinsen und den Erlösen aus den anfangs gehaltenen Unternehmensbeteiligungen, die kurz nach Nobels Tod abgestoßen wurden, so dass sich die an der Berliner Börse notierte DAG danach vollständig im Streubesitz befand.
Bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs wuchs die DAG durch Übernahme kleinerer Konkurrenten zum größten europäischen Sprengstoffhersteller heran. Während des Kriegs setzte die DAG in ihren Werken auch Kriegsgefangene ein – vorwiegend russische Kriegsgefangene in dem 1912 von der Sprengstoffwerke Dr. R. Nahnsen & Co. AG übernommenen Werk Dömitz.
1918 bis 1945 mini|Verladung von Sprengstoffen im Werk Krümmel, um 1900 mini|Produktionsstätten im Werk Krümmel, um 1900 mini|Laboratorium der Dynamit AG, um 1900 mini|Ehemaliges Verwaltungsgebäude der Dynamitfabrik Krümmel Nach Kriegsende wurden Teile der Produktionsanlagen demontiert und mit Inkrafttreten des Versailler Vertrags dem Unternehmen zunächst die Produktion von Rüstungsgütern untersagt. Fortan stellte es vorwiegend Bergwerkssprengstoffe, Sprengkapseln, Zündhütchen sowie Jagd- und Sportmunition (Flintenmunition / Schrot) her. Der Verzicht auf die Produktion lukrativer Rüstungsgüter bedeutete für die DAG große finanzielle Einbußen, so dass einige Werke geschlossen und die Produktionskapazität verringert werden musste. Das Unternehmen war bestrebt, durch die Produktion von chemischen Grund- und Zwischenprodukten seine Abhängigkeit von Rüstungsgütern zu verringern. Von der zur BASF gehörenden Chemische Werke Lothringen GmbH in Bochum-Gerthe wurde 1925 die ehemalige Egestorffsche Zündhütchenfabrik in Empelde bei Hannover übernommen, die Produktion dort allerdings 1928 eingestellt und erst 1938 im Rahmen der Aufrüstung der Wehrmacht wieder aufgenommen. In den 1920er Jahren arbeitete die DAG eng mit der Siegener Dynamitfabrik AG sowie der Rheinisch-Westfälischen Sprengstoff-AG Köln – Troisdorf (RWS) zusammen. Letztere produzierte in ihrem Troisdorfer Werk bereits ab 1905 Zelluloid, einen auf Basis des Sprengstoffs Cellulosenitrat („Schießbaumwolle“) entwickelten Kunststoff, und begann 1923 mit der Herstellung von Kunststoff-Formteilen aus Zelluloid. Später gründete die RWS dafür 1930 in Köln die Rheinische Spritzguß-Werk GmbH (späterDynamit Nobel Kunststoff GmbH).
Anfang 1931 fusionierten DAG, RWS, Deutsche Sprengstoff-AG Hamburg, Rheinische Dynamitfabrik Opladen, Westdeutsche Sprengstoffwerke, Siegener Dynamit-Fabrik (beide mit Sitz Köln) und die Dresdner Dynamitfabrik zur neuen Dynamit AG mit Unternehmenssitz in Troisdorf. Zusammen mit der bereits 1925 gegründeten I.G. Farben, in der die Köln-Rottweil AG mit Sitz in Köln (bis 1919 Vereinigte Köln-Rottweiler Pulverfabriken AG) aufgegangen war, entstand so ein Kartell, das in der Weimarer Republik annähernd eine Monopolstellung für die Sprengstoffherstellung hatte.
Nach der Machtergreifung der NSDAP und durch deren Bestreben nach einer starken deutschen Rüstungsindustrie wurde von der Reichswehr (ab 1935: Wehrmacht) größere Produktionskapazität für Munition gefordert. Dazu gründete die DAG 1934 zusammen mit der Westfälisch-Anhaltischen Sprengstoff-AG (WASAG, Teil des I.G.-Farben-Konzerns) die Deutsche Sprengchemie GmbH, die mit Unterstützung der staatseigenen Verwertungsgesellschaft für Montanindustrie GmbH (kurz: Montan GmbH) neue Sprengstoff- und Munitionswerke auf staatlichem Grund und Boden errichtete (→ Montan-Schema). Später wurde die Deutsche Sprengchemie GmbH ein alleiniges Tochterunternehmen der WASAG. Die DAG führte dieselben Tätigkeiten in der Gesellschaft zur Verwertung chemischer Erzeugnisse mbH (kurz: Verwertchemie) weiter. Diese betrieb mehr als 30 Fabriken, unter anderem das Werk Hessisch Lichtenau, das Werk Empelde und das Werk Allendorf (heute Stadtallendorf) sowie auch in Bromberg (heute Bydgoszcz, Polen). Das Werk Allendorf war damals größter Hersteller von TNT in Europa. Dort mussten während des Zweiten Weltkriegs über 15.000 Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge arbeiten. 1938 wurde in Aschau am Inn ein weiteres Werk zur Herstellung von Nitrocellulose errichtet, das nach dem Krieg im Rahmen der Entflechtung der I.G. Farben AG in den Besitz der WASAG überging.
1939 erwarb die Verwertungsgesellschaft für Montanindustrie in München ein Grundstück an der Ecke Rosenheimer Straße / Anzinger Straße und baute dort eine Fabrikanlage. Ab 1941 wurden die Fabrik München von der Dynamit AG gemietet und dort monatlich 100.000 Sprengstoffzünder hergestellt, unter anderem von Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern. Ein Lager mit rund 1300 Zwangsarbeitern war im Gebäudekomplex untergebracht. Es waren die Arbeitslager 16 (Anzinger Straße / Glonner Straße) und 17 (Rosenheimer Straße 145). Die Fabrikanlage blieb im Krieg unbeschädigt. Auch im Werk Stadeln wurde Zwangsarbeit geleistet.
1945 bis 1992 Nach dem Zweiten Weltkrieg begann die DAG in Westdeutschland wieder mit der Produktion von Kunststoffen, Wehrtechnik und Munition. Die in der sowjetischen Besatzungszone gelegenen Werke wurden enteignet und teilweise demontiert. Ab 1953 versuchte sich die DAG in der Entwicklung organischer Zwischensubstanzen, um neben den Kunststoffen ein weiteres ziviles Standbein aufzubauen. Nach der Entscheidung zur Wiederbewaffnung der Bundesrepublik wurde 1957 durch die Gesellschaft zur Verwertung chemischer Erzeugnisse mbH, die den Krieg überstanden hatte und jetzt wie zuvor Grund und Boden von der nun bundeseigenen Industrieverwaltungsgesellschaft (IVG) bereitgestellt bekam, beginnend im Werk Liebenau die Produktion von Rüstungsgütern wieder aufgenommen. Zu Beginn der 1960er Jahre erreichte das Unternehmen in der Pulverherstellung wieder die Marktführerschaft in Deutschland. Dazu trug auch die 1963 erfolgte Übernahme des Munitionsherstellers Gustav Genschow & Co. AG in Karlsruhe bei. Mit ihr war Dynamit Nobel nun der größte Munitionsproduzent sowohl für militärische als auch für zivile Zwecke in Deutschland. Daneben trieb man vorwiegend die Produktion von Minen voran. So wurden ab 1958 in Liebenau mit Lizenz des schwedischen Unternehmens LIAB etwa 2 Millionen Stück Panzerabwehrminen vom Typ DM-11 produziert. Daneben beteiligte sich die DAG zusammen mit Bölkow und Dornier auch an Forschungsprojekten des damaligen Ministeriums für Atomkernenergie (heute Bundesministerium für Bildung und Forschung) zu einer möglichen deutschen Raketenrüstung.
Ende der 1950er Jahre begann der bereits in der Vorkriegszeit im Aufsichtsrat sitzende Friedrich Flick, mit teils rüden Methoden gegenüber Kleinaktionären die DAG aufzukaufen. Mit Unterstützung des Bremer Aktienspekulanten Hermann Krages erwarb er, zum Teil durch komplizierte Aktientausche mit der Feldmühle AG, an der Flick ebenfalls beteiligt war, bis 1958 die Aktienmehrheit des Unternehmens und wurde Aufsichtsratsvorsitzender. Nun bediente sich Flick, der 82 Prozent der Anteile besaß, einer umstrittenen Regelung des Umwandlungssteuergesetzes, die zum 31. Dezember 1959 auslief, um Kleinaktionäre gegen eine Abfindung aus dem Unternehmen zu drängen (ähnlich dem heutigen Ausschluss von Minderheitsaktionären). Nach Protesten von Aktionärsgruppen gegen die im Dritten Reich eingeführte Regelung entschied schließlich das Bundesverfassungsgericht zu Gunsten Flicks.