mini|Ilija Trojanow, 2009 Der Weltensammler ist der zweite im Druck erschienene Roman des in Bulgarien geborenen, in Kenia, Südafrika, Deutschland, Indien und Österreich beheimateten Autors Ilija Trojanow, der 2006 veröffentlicht wurde. Das Buch wurde 2006 mit dem Preis der Leipziger Buchmesse (Kategorie: Belletristik) ausgezeichnet und war Finalist beim Deutschen Buchpreis. Sein Roman fügte sich in seine bestehenden Werke seit Die Welt ist groß und Rettung lauert überall (1996) ein, indem er indirekt die Frage nach der transkulturellenAntje Gunsenheimer (Hg.), Grenzen. Differenzen. Übergänge. Spannungsfelder inter- und transkultureller Kommunikation, Bielefeld: transcript 2007, ISBN 978-3-89942-794-3 Identität im Zuge der Diskussion um die LeitkulturBassam Tibi, Leitkultur als Wertekonsens - Bilanz einer missglückten deutschen Debatte, In: Aus Politik und Zeitgeschehen (Das Parlament), B 1–2/2001, S. 23–26 thematisierte und auch dementsprechend rezipiert wurde.
Handlung mini|Richard Francis Burton, vor 1876 miniatur|John Hanning Speke, Lithografie, 1890 Der Roman zeichnet wesentliche Stationen der Biographie von Richard Francis Burton (1821–1890) nach, der zunächst als Beamter der East India Company gedient hatte, um später als einer der ersten Europäer in der Maske eines indischen Muslims die Pilgerfahrt nach Mekka zu unternehmen. Die dritte große Station seines Lebens war eine große Entdeckungsreise nach Zentralafrika auf der Suche nach den Quellen des Nils.
Die Handlung beschränkt sich auf drei Stationen seines Lebens über einen Zeitraum von sechzehn Jahren hinweg in Indien (Karriere und Liebe), Arabien (Glaubensgewissheit durch die Hadj Bart) und Ostafrika (Entdeckerruhm und Leibrente), mit denen sich also jeweils besondere Hoffnungen und Erwartungen verbinden.
Im ersten Teil fährt Burton im Alter von 21 Jahren nach Indien, um dort ein Leben zu führen, wie es sonst kaum einer der anderen Europäer sich vorstellen kann. Er lernt die Landessprache, die Sitten und Gebräuche, und versucht vor allen Dingen deren Einwohner zu verstehen. Dafür lebt er manchmal wochenlang als einer von ihnen inmitten der indischen Bevölkerung. Richard Francis Burton nimmt sich einen einheimischen Lehrer, lernt Hindi, Gujarati, Persisch und später auch Arabisch. Bei dem Brahmanen Upanitsche erlernt er Sanskrit und kommt dadurch mit dem Kamasutra in Berührung, das er später ins Englische übersetzen wird. Schließlich kommt er auch näher mit dem Islam in Berührung, was gewissermaßen die Überleitung zum zweiten Teil des Buches schafft. Um eine Pilgerfahrt nach Medina und Mekka unternehmen zu können, schifft er sich verkleidet und inkognito als indischer Moslem 1853/1854 nach Kairo ein, wo er allgemein akzeptiert wird und dank seines schauspielerischen Talentes sich bald auch als Arzt niederlässt. Burton geht gleichsam in seiner neuen Heimat auf, um begeistert und erfolgreich die Pilgerreise vollenden zu können. Am Ende steht die Frage im Raum, ob er nicht auch innerlich zum Islam konvertiert ist. Der dritte Teil des Werks schildert Burtons Lebensabschnitt als Forschungsreisender an der Seite des ursprünglich mit ihm befreundeten John Hanning Speke auf der Suche nach den Quellen des Nils, beide gleichermaßen getrieben von der Wissbegierde des Forschungsreisenden. So entdecken sie als erste Europäer am 13. Februar 1858 den Tanganjikasee, den Burton für die Quellen des Nils hielt.
Burtons Hoffnungen und Erwartungen zerbrechen am Ende trotz oder wegen seiner glänzenden Anlagen notwendigerweise, und gleichermaßen entfremdet er sich den Menschen, wie z. B. seiner indischen Geliebten Kundalini, von Speke oder seiner eigenen Frau Isabel, immer mehr. Dadurch wird der historische Brite zu einer paradigmatischen, d. h. eminent literarischen Figur. Freilich stellt die Wahl dieser faszinierenden Persönlichkeit einen Glücksfall dar, weil der Autor nur nebensächliche verbürgte Tatsachen zu beugen brauchte, um sein Ziel zu erreichen: Burton muss letztlich stets an sich selbst scheitern und mit ihm die abendländische Gesinnung, die er vertritt.
Das verdeutlicht auch der Rahmen, der weniger das Sterben als vielmehr die Folgen seines Todes in Triest skizziert: Seine Notizen gehen in Flammen auf, und ein Bischof ernennt ihn der Bequemlichkeit wegen zum Katholiken ehrenhalber. Zuletzt fällt der Blick auf seine persische Kalligraphie: Auch dies wird vergehen.
Der Roman beschränkt sich nicht nur auf eine Erzählperspektive, da im Wechsel auch Burtons Diener oder andere Zeitzeugen wie sein Reisebegleiter zu Wort kommen.
Erzählverfahren und Gattungszuordnung mini|Richard Francis Burton in arabischer Tracht Erzähltechnisch wechseln Abschnitte mit Burtons Reflexionen bzw. Dokumenten, mit den Berichten anderer Personen über ihn in ihrer ganz eigenen Sichtweise. In Indien geschieht dies in hierarchisch perspektivischer Brechung (Diener, Lahiya), in Arabien aufgefächert beiordnend (die Zeugen und Offiziellen aus Mekka im Verlauf des Verhörs), in Afrika wird verengt auf die nur scheinbar naive Erzählung des Führers. Von Indien zu Afrika fällt die Kenntnis anderer über Burton zwar ab, gleichzeitig steigt die Offenheit der Berichtenden aber an. Solche (hier an nur einer Linie beispielhaft) aufgezeigte Gegenläufigkeit kann als Strukturprinzip gelten, die mitunter in Paradoxien gipfelt: Der indische Schreiber stößt durch seine Einbildungskraft zur Wahrheit vor, und der afrikanische Führer erfasst das Wesen des Engländers noch am besten, obwohl er niemals zu seinem Vertrauten wurde und ihn gar nicht verstehen will.
Insgesamt erzeugt sich dadurch eine subtile Spannung, indes liegt kein psychologischer Roman vor, weil der Leser selbst auf seine analytischen Fähigkeiten verwiesen wird, erst recht kein Abenteuerroman, denn äußere Handlung tritt zurück, wie sogar besonders spannende verbürgte Ereignisse unterdrückt werden. Aber auch kein historischer Roman, dazu müssen Fakten zu sehr dem Kunstwillen weichen. Vor allem missbraucht der Autor nie seine Figur als Sprachrohr, zudem erzählt die echte Gattung auktorial, nicht personal. Am besten ordnet man das Werk als große Parabel über das Scheitern wahnhaft selbstbestimmter Lebensentwürfe ein.
Hintergrund
Der Autor selbst beschreibt seine erste Berührung mit der Biografie Richard Francis Burtons an seinem 10. Geburtstag, die ihn zu diesem Werk motivierte: „Ich sitze an einem Wasserloch im Tsavo-Nationalpark in Kenia und blättere durch einen illustrierten Band über die berühmten Entdecker Afrikas, den mir meine Eltern geschenkt haben. In dem prachtvollen Buch tauchen sie alle auf, die europäischen Heroen, die aufbrachen, das Unbekannte vom Angesicht der Erde zu tilgen, von Vasko da Gama bis Henry Morton Stanley. Keine der Illustrationen fasziniert mich mehr, als die nachkolorierte Gravur eines arabisch gekleideten Mannes mit wilden Gesichtszügen und strengen Augen. Wie merkwürdig: laut Bildunterschrift war dieser Mann (..) weder Sklavenhändler noch Sultan, sondern ein Brite. Als erster Europäer sei er in das Innere Ostafrikas vorgedrungen, auf der Suche nach den Quellen des Nils, und als einziger unter all den Entdeckern in meinem Buch sieht er aus wie ein Einheimischer. Das Abenteuer der Verkleidung erregt und verstört mich mehr als das Wagnis der Reise. Ich merke mir den Namen dieses seltsamen Mannes: Richard Francis Burton. Gut zwanzig Jahre später ziehe ich nach Bombay, Indien, weil ich beschlossen habe, einen Roman über Burton zu schreiben, oder vielmehr über die (Un)Möglichkeit, sich in die Fremde hineinzuleben“.
Für die Recherche beschloss der Verfasser längere Zeit in Bombay und Baroda zu leben, um sich mit den dortigen Sitten und Gebräuchen wie einst Burton vertraut zu machen. Auch durchquerte er mit möglichst wenig Gepäck zu Fuß Tansania, um die „Langsamkeit des damaligen Reisens nachzuempfinden“ zu können. Auf die Hadj, die Pilgerreise der Moslems nach Mekka und Medina, bereitete er sich ein Jahr in Bombay vor, indem er zunächst junge, islamische Rechtsgelehrte in Englisch unterrichtete, die ihn dann im Gegenzug den Koran lehrten. Zusammen mit einer indischen Pilgergruppe unternahm er die Reise im Januar 2003.
Kritik
In der Begründung der Jury, der Martin Lüdke (Südwestrundfunk) Franziska Augstein (Süddeutsche Zeitung), Richard Kämmerlings (Frankfurter Allgemeine Zeitung), Andrea Köhler (Neue Zürcher Zeitung), Sigrid Löffler (Literaturen), Norbert Miller (Technische Universität Berlin), Klaus Reichelt (Mitteldeutscher Rundfunk) und andere Fachleute und Literaturkritiker angehörten, zum Preis der Leipziger Buchmesse beschrieb man das Fazit des Werks folgendermaßen: „Ilija Trojanows Roman über den britischen Spion, Diplomaten und Entdeckungsreisenden Richard Francis Burton ist eine ebenso spannende wie tiefgründige Annäherung an eine der schillerndsten Gestalten des neunzehnten Jahrhunderts. Mit orientalisch-sinnlicher Fabulierlust und großer Anschaulichkeit erzählt der Roman vom Reiz und vom Abenteuer des Fremden und spiegelt so in einer faszinierenden historischen Gestalt die drängenden Fragen unserer Gegenwart“.
Trojanows Weltensammler, der u. a. in Druckfrisch medienwirksam vorgestellt wurde, attestierten die Kritiker, nach langer Zeit wieder ein großer Roman deutscher Sprache zu sein, denn er zeige sich bis in alle Einzelheiten durchstrukturiert, was sich freilich erst wiederholt genauer Lektüre erschließe, böte eine reiche und poetische Sprache und Tiefe des Inhaltes.
Obwohl Trojanow an die ehemals große europäische Erzähltradition zumal deutscher und slawischer Autoren kongenial anschließt, lassen sich unmittelbare Vorbilder nicht finden, indes könnte man ihn als ganz anders gearteten Nachfahren Joseph Conrads fassen, wobei die Gemeinsamkeit nur darin besteht, dass beide Literaten nicht in ihrer angestammten Sprache schreiben, aber ihre muttersprachlichen Zeitgenossen das Fürchten lehren, gerne ferne Schauplätze (freilich in anderer Absicht) wählen und von der Einsamkeit des Einzelnen sprechen.
Katharina Granzin sah es in der taz differenzierter: „Was Trojanow interessiert, ist das Leben und die Identitätssuche zwischen den Kulturen; und das Leben des Richard Burton bietet eine hervorragende Folie, um dieses Thema in Variationen durchzuspielen. Auch Trojanows übriges Werk - meist literarische Reportagen sowie ein weiterer Roman - umkreist auf verschiedenen Bahnen immer wieder dieses weite Feld. (...) Eine enttäuschende Antiklimax: Nach jenem furiosen ersten Teil, der seine Hauptfigur so nachdrücklich hinterfragt hat, scheint es am Schluss, als habe Trojanow vergessen, dass er mit Burton noch eine Rechnung offen haben könnte. Was als Ideenroman begann, endet in der Dschungelreportage. Aber wunderschön erzählt ist es allemal. (...) Eine wirkliche Innenschau der Figur ist nicht möglich, wenn man ihr ihr Geheimnis lassen möchte. Trojanows Weltensammler erinnert an Hari Kunzrus Roman Die Wandlungen des Pran Nath.“Katharina Granzin: Der Schmuck von Äffinnen. taz.de, 25. März 2006.