mini|hochkant=1.2|Heiliggrabkapelle, auch Blutkapelle.

Das Kloster Stift zum Heiligengrabe ist ein Ende des 13. Jahrhunderts gegründetes, ursprünglich von Zisterzienserinnen bewohntes Kloster in Heiligengrabe im brandenburgischen Landkreis Ostprignitz-Ruppin. Die Klosteranlage gilt als besterhaltene in BrandenburgBüro-Asd.de/Index: Informationen über die bauhistorische Untersuchung des Stifts und seiner Bauten. Stand 10. März 2022. und ist seit 1998 als Denkmal nationaler Bedeutung eingestuft.

Geschichte Gründung um 1287 Das Kloster wurde 1287 durch Markgraf Otto IV. gegründet und zwei Jahre später auf seine Veranlassung durch zwölf Nonnen des Zisterzienserinnenklosters Neuendorf (Altmark) bezogen. 1317 wurde erstmals die Existenz eines Heiligen Grabes erwähnt (Cenobium ad sanctum sepulchrum in Thegow, monasterium sanctimonialium in Thegow, cenobium tu den heiligen grabe). Aus dem 14. und 15. Jahrhundert liegen kaum gesichert dokumentierte Unterlagen vor. Ein Zinsbuch aus dem Jahr 1513, einzusehen im Brandenburgischen Landeshauptarchiv in Potsdam, weist nach, dass zu Beginn des 16. Jahrhunderts rund 180 Personen zum Kloster gehörten. Hierzu zählten ca. 70 Zisterzienserinnen, denen eine Äbtissin vorstand.

Wie in Zisterzienserniederlassungen üblich, leisteten die Ordensleute auch in Heiligengrabe Pionierarbeit, in diesem Falle vor allem in der Urbarmachung des von zahlreichen Bächen durchzogenen Feuchtgebietes. Um 1500 umfasste das Klostergut 65.000 Morgen Land, vor allem in einem etwa acht Kilometer breiten Streifen zwischen Wittstock und Pritzwalk an den Seiten der Dosse im Norden und der Jäglitz im Süden. Abgesehen von der Eigenwirtschaft, die den Grundbedarf des Klosters an Getreide, Fleisch und Fisch sicherte, wurden Naturalien- und Geldzehnt sowie Pachtzinse aus 17 Dörfern eingenommen.

Gründungslegende Die Gründungsgeschichte des Klosters wird verknüpft mit einer judenfeindlichen Legende. Diese berichtet von einem Hostienfrevel, der nach einem gängigen mittelalterlichen Muster einem Juden angelastet wurde. Dieser soll aus der Techower Kirche eine Hostie entwendet, sie dann in der Nähe (dem Standort der Heiliggrab-Kapelle, früher auch Blutkapelle genannt) unter einem Galgen vergraben haben und anschließend zur Strafe hingerichtet worden sein. An dem Ort, wo die Hostie vergraben wurde, so die Legende, sei ein wundertätiger Ort entstanden. Dieses sei der Grund für die Klostergründung. In Quellen belegt ist die Legende erstmals für das Jahr 1516 als Druck in lateinischer Sprache. Im Jahr 1521 erschien sie bei Ludwig Dietz in Rostock in niederdeutscher Sprache, illustriert mit 15 Holzschnitten. Hinweise oder gar Quellen, die die Existenz der Legende bereits vor diesem Zeitpunkt belegen könnten, sind nicht bekannt.Siehe etwa Damit stammt die Legende aus der Zeit des sogenannten Berliner Hostienschänderprozess von 1510, bei dem eine tatsächlich kursierende Anschuldigung dieser Art zur Vertreibung der Juden aus der Mark Brandenburg führte.Über diesen Prozess und seine Hintergründe jüngst

1532 ließ die Äbtissin Anna von Rohr nach den 15 Holzschnitten einen Legendenzyklus mit Tafelbildern malen. Die einfache Herstellungsweise (Temperafarben auf Eichenbohlen, einfache, flächige Darstellung der Personen) lässt auf einen einheimischen Künstler ohne überregionale Bedeutung schließen. Von diesen Tafeln sind heute noch sieben erhalten und im Klostermuseum ausgestellt. Erstellt wurden die Tafeln für die zu Beginn des 16. Jahrhunderts im spätgotischen Stil neu errichtete und 1512 eingeweihte Heiliggrab-Kapelle. Durch den Neubau der Kapelle, den zeitgleich erfolgten Ausbau der Abtei, die Legende von der Bluthostie und die behauptete Wundertätigkeit sollte sich das Kloster zu einem Wallfahrtsort entwickeln. Zu den Triebfedern dieser Aktion zählte die Konkurrenz zu bedeutenden Wallfahrtsorten unweit von Heiligengrabe wie Alt Krüssow und Bad Wilsnack.

Das Kloster Stift zum Heiligengrabe gibt dazu heute folgende Stellungnahme ab: „Die Legende über den angeblichen Hostienfrevel stammt nicht aus den Gründungsjahren des Klosters, sie ist vielmehr eine Erfindung des frühen 16. Jahrhunderts. Für eine bis in das 13. Jahrhundert zurückreichende Wallfahrtstradition können keine Quellen benannt werden. Mit der Verbreitung der Legende verfolgte das Kloster wirtschaftliche Ziele. Das damals eher unbedeutende Kloster sollte zu einem frequentierten Wallfahrtsort aufgewertet werden. Ebenso von Bedeutung waren Glaubensauseinandersetzungen in der (Vor)Reformationszeit. Das Kloster kämpfte mit Unterstützung der Havelberger Bischöfe bis 1546 vehement gegen die Reformation. Daher ist auch davon auszugehen, dass die Äbtissin Anna von Rohr mit der Legende ein Bekenntnis für den katholischen Glauben und damit gegen Martin Luther, einen Gegner des Wallfahrtswesens, abgeben wollte.“

Von der Reformation 1539 bis zum 18. Jahrhundert 1539 wurde die Reformation durch Kurfürst Joachim II. in Brandenburg eingeführt. Die in Heiligengrabe tätigen Nonnen unter der Leitung der Äbtissin Anna von Quitzow und der Priorin Elisabeth von Alvensleben verweigerten jedoch die Konversion und verließen zunächst 1548 das Kloster, kehrten aber in dem darauf folgenden Jahr zurück. Die Expansion des Klosters war allerdings damit beendet. Ab 1552 setzte die Kirche einen Klosterhauptmann ein, der sich um die wirtschaftliche Entwicklung kümmern sollte.

Das sich entwickelnde evangelische Frauenstift wurde ab dem Dreißigjährigen Krieg nicht mehr durch eine Äbtissin, sondern durch eine Domina geleitet. Aufgrund von Brandschatzungen während des Krieges war das Klostergut nach 1636 bis gegen Ende 1648 verlassen und wurde anschließend von acht Klosterdamen unter Führung der Domina Anna von Rathenow wiederbelebt. Die Nutzung des Klosters änderte sich jetzt dahingehend, dass zunehmend die unversorgten Töchter wohlhabender Adelsfamilien aufgenommen wurden. Sie konnten sich in die Stiftsstellen einkaufen und erhielten im Stift eine für damalige Verhältnisse umfassende Erziehung. 1645 kam mit Hans Erdmann von Bert(i)kow aus dem gleichnamigen Bertkow der achte Klosterhauptmann nach Heiligengrabe. Auch er leistete seinen Beitrag zum Wiederaufbau des Klosters. So legte er mit einer Schenkung aller Werke Luthers im Jahr 1668 den Grundstock für die Klosterbibliothek; zehn Bände sind noch vorhanden (Stand 2015). Von Bert(i)kow fand sein Grab in der Stiftskirche hinter dem Altar.Informationstafel: Klosterhauptmann Hans Erdmann von Bert(i)kow, aufgestellt südwestlich der Kirche, Inaugenscheinnahme im März 2015.

1722 erfolgte die Grundsteinlegung für Wohngebäude am künftigen Damenplatz, die für die wohlhabenden Stiftsdamen vorgesehen waren.

Allerdings nahm die weltliche Herrschaft, insbesondere Friedrich Wilhelm I., zunehmend Einfluss auf die Gestaltung des Klosterlebens und dessen personelle Besetzung. So wurden auch die Leitungspositionen und die Anwartschaften auf Stiftsstellen von herrschaftlicher Seite festgelegt. Mit der Erhebung des Klosters zum Damenstift und der Rücktitulierung der Leiterin Juliane Auguste Henriette von Winterfeldt zur Äbtissin 1740 durch König Friedrich II. endete diese äußerst bewegte Phase der Klosterentwicklung.

19. Jahrhundert mini|hochkant|Äbtissin Luise von Schierstedt 1870. mini|links|Einführung einer Stiftsdame in der Heiliggrabkapelle 1862.

1811 ging das Stift eines großen Teils seiner Besitzungen und seines Einflusses verlustig. Die Stein-Hardenbergschen Reformen beendeten die Leibeigenschaft in Preußen und reduzierten den Besitz des Klosters um alle bis dahin zugehörigen Dörfer auf drei verbliebene Rittergüter. Die Gerichtsbarkeit des Stifts blieb jedoch erhalten. Noch bis 1849 übte das Stiftsgericht (ein bekannter Richter am Stiftsgericht war Julius von Wartensleben) als Patrimonialgericht die Rechtsprechung über die bisherigen Orte des Stiftes aus. 1849 wurde die Patrimonialgerichtsbarkeit aufgehoben und das staatliche Kreisgericht Wittstock übernahm die Rechtsprechung.Zu den Orten, für die das Stiftsgericht verantwortlich war, siehe: Amtsblatt der Königlichen Regierung zu Potsdam und der Stadt Berlin. 1849. A. W. Hayn, Potsdam 1849, S. 21 f.

Die Aufgaben des Stifts erweiterten sich allerdings und erforderten funktionsfähige Einrichtungen. So wurde 1838 das Stiftshauptmannshaus errichtet, 1840 die Heiliggrabkapelle, seit der Reformation als Getreidespeicher zweckentfremdet, saniert. 1847 gründete Äbtissin Luise von Schierstedt zunächst eine Erziehungsanstalt für „Mädchen aus verarmten adligen Familien“, ein Waisenhaus folgte. 1848 wurde der lutherische Pastor Hermann Ferdinand Uhden Stiftsprediger, der sich von Heiligengrabe aus für die Rechte der Lutheraner innerhalb der Union einsetzte.

Nachdem 1853 die Verantwortung für das Kloster Stift zum Heiligengrabe von König Friedrich Wilhelm IV. an den altpreußischen Evangelischen Oberkirchenrat übergeben wurde, kamen geistliche Gesichtspunkte und Traditionen wieder stärker zur Geltung. Soziale Tätigkeiten wie Armenspeisung, Waisen-, Alten- und Krankenbetreuung erhielten einen festen Platz in der Klostertätigkeit.

80 Ehrenstiftsdamen wurden von 1828 bis 1918 ernannt, in der Regel Töchter aus preußischem Adel, deren Väter als Generäle, Minister oder Spitzenbeamte hervorgetreten waren. Die Ernennung konnte auch in Anerkennung für den Dienst als königlicher Hofdame erfolgen. Zu den Ehrenstiftsdamen vom Kloster Heiligengrabe zählte u. a. Ulrike von Levetzow, der Goethe seine „Marienbader Elegie“ 1823 gewidmet hatte.

Im 20. Jahrhundert bis 1945 mini|links|Westflügel des Klosters

Kaiser Wilhelm II. initiierte 1904 die Neuausstattung der Heiliggrabkapelle. In den Jahren zuvor setzte er gegen interne Widerstände die Einsetzung der Äbtissin Adolphine von Rohr durch, die ab 1899 das Kloster in das 20. Jahrhundert führte. Sie förderte verstärkt die soziale Ausrichtung der Klostertätigkeit, aber auch 1909 die Einrichtung eines Heimatmuseums für die Prignitz im südlichen Klausurflügel, das durch seinen Publikumszuspruch auch das Klosterleben nach außen öffnete. Der Arbeit des Heimatmuseums in den 1920er Jahren ist der bedeutendste paläontologische Fund der Prignitz zu verdanken: das Xenusion auerswaldae, das nach der Heiligengraber Museumsleiterin Annemarie von Auerswald benannt ist und heute im Museum für Naturkunde (Berlin) gezeigt wird. Zum Ende des Zweiten Weltkrieges wurde das Museum geschlossen. Teile des musealen Bestandes konnten von Albert Guthke, der 1936 bis 1941 als Assistent im Heimatmuseum Heiligengrabe tätig war, 1946/47 aufgearbeitet und in den Bestand des 1954 von ihm gegründeten Kreisheimatmuseums Pritzwalk überführt werden, aus dem die heutige Museumsfabrik Pritzwalk hervorging. Weitere Exponate wurden auf die umliegenden, neu gegründeten Kreismuseen der Region verteilt.

1933 konnten Absolventinnen der schulischen Mädchenausbildung in Heiligengrabe die Abiturprüfung ablegen. Durch die nationalsozialistische Machtergreifung wurden der Weiterentwicklung dieses Schulzweiges allerdings schnell Probleme in den Weg gelegt. Die Äbtissin Elisabeth von Saldern, seit 1924 im Amt, und die christliche Erziehungspraxis in Heiligengrabe gerieten in Konflikt mit den Anhängern der neuen Machthaber inner- und außerhalb der Klosterorganisation. Zudem wurde die Besetzung der Schulplätze mit vor allem adligen Schülerinnen als „reaktionär“ bezeichnet. Die Unterrichtsinhalte mussten zwangsläufig angepasst werden. Allerdings gelang es der Äbtissin, durch starken persönlichen Einsatz und ihre Kontakte zu hohen gesellschaftlichen und Regierungskreisen, eine Schließung der Schule und eine völlige Säkularisierung der Unterrichtsinhalte zu vermeiden.

Nach dem Tod von Elisabeth von Saldern im Jahr 1938 übernahm Armgard von Alvensleben 1939 das Äbtissinnenamt. Auch ihr gelang es in den folgenden Jahren, die Eingliederung der Schule in das nationalsozialistische staatliche Erziehungssystem zu verhindern.