Nationaler Sozialismus bezeichnet seit etwa 1890 entstandene ideologische Strömungen und politische Parteien in Europa, die Elemente des Nationalismus und des Sozialismus auf verschiedene Weise miteinander verbanden und verbinden.

Der bis dahin vieldeutige Begriff wurde im deutschen Sprachraum seit Gründung der NSDAP 1920 zunehmend zum Synonym für „Nationalsozialismus“. Er wird deshalb heute weithin mit Antisemitismus, Rassismus, Imperialismus, Totalitarismus und Völkermord assoziiert und als nicht erneuerbare Ideologie betrachtet.Wolfgang Wippermann: Nationalsozialismus. In: Enzyklopädie des Nationalsozialismus. 2. Auflage. 1998, ISBN 3-423-33007-4, S. 600. Einige Gruppen des heutigen Neonazismus verwenden den Ausdruck weiterhin, um im Rahmen einer Querfront-Strategie auch bei Sozialisten Zustimmung und Anhänger zu finden.

Entwürfe der Kaiserzeit Gegen Ende des 19. Jahrhunderts entstanden in manchen europäischen Staaten Strömungen, die einen „Dritten Weg“ zwischen den sich gegeneinander definierenden und bekämpfenden Richtungen des Nationalismus und des Sozialismus suchten. Als vage Vordenker und Wegbereiter national-sozialistischer Ideen im deutschen Sprachraum gelten Autoren des Kaiserreichs, die eine Gemeinwirtschaft im Rahmen der Nation anstrebten und sich vom Internationalismus des Marxismus wie der Sozialdemokratie abgrenzten. Solche Entwürfe entstanden ungefähr seit der politischen Wende von 1890, die durch die Entlassung Otto von Bismarcks als Reichskanzler und die Legalisierung der SPD markiert war.

Friedrich Naumann Der evangelische Pfarrer und Publizist Friedrich Naumann gründete 1896 den Nationalsozialen Verein als politische Partei. Beeinflusst von Max Weber, für den der Machtstaat nach außen die Bedingung für Sozialreformen nach innen war,Max Weber: Der Nationalstaat und die Volkswirtschaftspolitik. Mohr Siebeck, Freiburg/Leipzig 1895. unterstützte der Verein die imperialistische Kolonial- und Marinepolitik der Reichsregierung. Die Eroberung von Kolonien sollte den Wohlstand mehren, dadurch die Nation einen und Kaiser Wilhelm II. eine „gemäßigte Demokratisierung“ ermöglichen.

Der von Naumann auf der Gründungstagung im November 1896 vorgelegte Programmentwurf wurde mit wenigen Änderungen angenommen und 1897 – zusammen mit einigen inhaltlichen Präzisierungen – als Nationalsozialer KatechismusFriedrich Naumann: Nationalsozialer Katechismus. Erklärung der Grundlinien des Nationalsozialen Vereins. Bousset & Kundt, Berlin 1897. veröffentlicht. Naumanns Anhänger waren überzeugt, „daß das Nationale und das Soziale zusammengehören“. Das Nationale wurde charakterisiert als „Trieb des deutschen Volkes, seinen Einfluss auf der Erdkugel auszudehnen“, während das Soziale als „Trieb der arbeitenden Menge, ihren Einfluss innerhalb des Volkes auszudehnen“ verstanden wurde. Die Ausdehnung des Einflusses dieser Masse im Volke sei unmöglich ohne weitere Entwicklung der deutschen Macht auf dem Weltmarkt. Das Grundbekenntnis des Kreises um Naumann war ein „nationaler Sozialismus auf christlicher Grundlage“.

Naumann schlug 1900 in seinem Buch Demokratie und KaisertumFriedrich Naumann: Demokratie und Kaisertum. Ein Handbuch für innere Politik. Hilfe, Berlin-Schöneberg 1900. dem Kaiser die Aufhebung des preußischen Dreiklassenwahlrechts vor, um so die Arbeiter mit dem Kaisertum zu versöhnen. In seiner Studie Neudeutsche WirtschaftspolitikFriedrich Naumann: Neudeutsche Wirtschaftspolitik. Hilfe, Berlin-Schöneberg 1902. von 1902 forderte er eine freie, entideologisierte und entpolitisierte Gewerkschaftsbewegung, eine gleichberechtigte Partnerschaft von Arbeitern und Bürgern, betriebliche Mitbestimmungsrechte und einen „Industrieparlamentarismus“.

Der Nationalsoziale Verein fand insgesamt wenig Zuspruch in der Bevölkerung und löste sich schließlich infolge der Niederlage bei der Reichstagswahl 1903 auf. Daraufhin schloss sich die Mehrheit seiner Mitglieder der linksliberalen Freisinnigen Vereinigung an, welche 1910 in der Fortschrittlichen Volkspartei aufging.

Trotz einiger inhaltlicher Parallelen distanzierte sich der spätere Nationalsozialismus ausdrücklich von Naumann.Jürgen Christ: Staat und Staatsraison bei Friedrich Naumann. Winter, Heidelberg 1969, S. 9. Als entschiedener Gegner des Antisemitismus und liberaler Demokrat wird Naumann heute nicht zu den direkten Vorläufern des Nationalsozialismus gezählt.Joachim Petzold: Wegbereiter des deutschen Faschismus. Die Jungkonservativen in der Weimarer Republik. Pahl-Rugenstein, Köln 1983, ISBN 3-7609-0781-4, S. 64, 128; Klaus von Beyme: Politische Theorien im Zeitalter der Ideologien 1789–1945. Westdeutscher Verlag, Wiesbaden 2002, ISBN 3-531-13875-8, S. 204.

Walther Rathenau Der Großindustrielle und Schriftsteller Walther Rathenau veröffentlichte ab 1912 verschiedene Schriften, die nationale und sozialistische Ansätze enthielten. Als Initiator und Leiter der Kriegsrohstoffabteilung entwarf er während des Ersten Weltkriegs einen vom bestehenden Beamtenapparat zentral geplanten „Staatssozialismus“. Er hoffte, mit dieser Planwirtschaft die privatkapitalistischen Einzelinteressen zu zähmen und für das Allgemeinwohl einzusetzen.

1916 entfaltete sein Buch Von kommenden Dingen die Idee einer künftigen, vom Volk getragenen Gemeinwirtschaft. Rathenau wollte diese durch einen überall eingreifenden „Volksstaat“ durchsetzen, der das private Profitstreben in die Schranken weisen und für den Ausgleich zwischen den Klassen sorgen sollte. Er sollte das Erbrecht beschränken, Luxus radikal besteuern, Besitz und Einkommen gerecht verteilen, die Volksbildung anheben, Arbeitermitbestimmung ermöglichen, Monopole beseitigen und Spekulationen und Müßiggang verbieten: Im Staat darf und soll nur einer unangemessen reich sein: der Staat. Rathenaus Schrift fand große Zustimmung in der Jugendbewegung und zum Teil auch in der Völkischen Bewegung. Sie beeinflusste u. a. Otto Strasser, dessen „Strasserismus“ später im Nationalsozialismus aufging.

1919 erschien das Buch Der neue Staat, in welchem Rathenau in Wir-Form die Gefühle der Arbeitermassen artikulierte, die nach der Novemberrevolution um den Sozialismus betrogen worden seien:

Der „Verrat“ am Sozialismus war eine damals verbreitete Parole bei Kommunisten wie Nationalsozialisten. Rathenau saß zu dieser Zeit selbst in einer Sozialisierungskommission des Weimarer Reichstags, wo er sich sowohl mit Unternehmervertretern wie Hugo Stinnes als auch mit Sozialdemokraten und Gewerkschaftern auseinandersetzte.alle Angaben dieses Abschnitts nach Udo Leuschner: Walther Rathenau – Ein Dissident seiner Klasse, seiner Rasse und seines Geschlechts.

„Kriegssozialismus“ in der SPD

Seit etwa 1890 war in der SPD die Vorstellung gewachsen, Sozialismus sei nicht durch Entmachtung der nationalen Eliten, sondern Zusammenarbeit mit ihnen und partielle Unterstützung ihrer Politik zu erreichen. Dies war eine Reaktion auf Angriffe wie beispielsweise von Gustav Tuch, der 1887 erklärte, der preußische Militarismus sei „der einzig wahre nationale und zivilisierte Sozialismus […] gegenüber dem vaterlandslosen und barbarischen Sozialismus der Sozialdemokratie“.Zitiert nach Willy Huhn: Die Ideen von 1914 und die Folgen. Zwar wies Karl Kautsky dies damals zurück; aber Vertreter des Revisionismus fanden in der SPD wachsendes Gehör. So erklärte Eduard Bernstein 1899 in seinem Buch Die Voraussetzungen des Sozialismus:

Mit der Zustimmung zum Burgfrieden und zu den Kriegskrediten am 4. August 1914 erhoffte sich die SPD Akzeptanz bei den Eliten und mehr demokratische Partizipation als Gegenleistung. Konservative Gewerkschafter und Vertreter des rechten Parteiflügels wie Anton Fendrich, Johann Plenge, August Winnig und ehemalige Marxisten wie die der Lensch-Cunow-Haenisch-Gruppe sahen nun im preußischen Militarismus mit seiner Disziplin und Organisation ein Vorbild für den künftigen Sozialismus, ja ein Mittel, um diesen nach dem Krieg durchzusetzen. So schrieb Fendrich 1914:

Winnig setzte im Frühjahr 1915 Proletariat, Volksgemeinschaft und Staat gleich:

Er glaubte, die Verstaatlichung großer Produktionszweige durch die Kriegswirtschaft habe die Sozialisierung des Wirtschaftslebens in greifbare Nähe gerückt. Der Krieg könne nur mit den Arbeitern organisiert werden; die Teilnahme ihrer Organisationen an der Staatsverwaltung habe „jene Elemente eines neuen Deutschtums“ geschaffen, „in denen die Masse heute das Stück deutscher Zukunft sieht, das ihr den Geist und die Kraft zum Durchhalten verleiht.“ Der Krieg habe bewiesen, dass dort, „wo die nationale Selbständigkeit und die ökonomischen Lebensinteressen der Nation auf dem Spiele stehen, die nationale Solidarität der internationalen vorausgeht.“ Weil der Imperialismus von „zwingenden volkswirtschaftlichen Bedürfnissen getragen“ werde, dürfe die SPD auch Eroberungsziele nicht ablehnen, sondern müsse sie als notwendige Voraussetzung des Sozialismus anerkennen.

Paul Lensch, auf den Winnig und später Oswald Spengler sich beriefen, hatte 1914 die Kriegskredite abgelehnt, wurde aber 1915 Hauptvertreter des Kriegssozialismus in der SPD. Für ihn war mit den staatlichen Kriegsgesellschaften der deutsche Kapitalismus sozialistisch geworden. Die Bewilligung der Kriegskredite habe der SPD-Politik nicht widersprochen, sondern der modernen Wirtschaftsentwicklung hin zu marktbeherrschenden Syndikaten und Kartellen entsprochen. Deren Organisation habe Strukturen des preußischen Militärstaates auf das gesamte deutsche Wirtschaftsleben ausgedehnt. Da die SPD sich in seinem Rahmen ohne Bürgerkrieg organisieren konnte, sei das Zusammenfinden von Staat und Arbeiterorganisation im Krieg vorgezeichnet gewesen. In diesem Prozess sei das Ideal der sozialisierten Gesellschaft entstanden: Ihr Degen aber ist Deutschland. Er hielt den Weltkrieg also für die Ausbreitung dieses Ideals und damit für die eigentliche Weltrevolution:

Auch er bejahte demgemäß die Eroberungen und hielt Verständigungs- und Abrüstungsforderungen für Illusionen.

Diese Aussagen wurden am 15. April 1915 in der einzigen Ausgabe der von der Spartakusgruppe herausgegebenen Zeitschrift „Die Internationale“ scharf kritisiert. Dort schrieb u. a. der preußische SPD-Landtagsabgeordnete Heinrich Ströbel:Zitat aus: Willy Huhn: Der Etatismus der Sozialdemokratie. Zur Vorgeschichte des Nazifaschismus. Ca Ira, 2003, ISBN 3-924627-05-3.

Willy Huhn, der 1952 ein Buch zu nationalistischen und militaristischen Traditionen innerhalb der Sozialdemokratie veröffentlichte, beschrieb die SPD, die sich nach der Gründung der USPD 1917 Mehrheitssozialdemokratische Partei Deutschlands (MSPD) nannte, aufgrund solcher Belege als „die erste nationalsozialistische Partei“ der Weltgeschichte. Huhn fand in den Ideen der Kriegssozialisten die „Deutsche Arbeitsfront“ des „Dritten Reiches“ vorgezeichnet.

Entwürfe in den tschechischen Ländern bzw. der Tschechoslowakei