mini|Dreadnought, 1906 Der englische Ausdruck Dreadnought (gebildet aus , wörtlich „Fürchtenichts“Dreadnought – Duden, 2018; u. a. mit „Fürchtenichts“) bezeichnete in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts einen neuen Typ von Kriegsschiff, der ab 1906 die bis dahin vorherrschenden Linienschiffe in jeder Hinsicht übertraf. Die Bezeichnung geht auf das erste Schiff dieser Art zurück, die in jenem Jahr fertiggestellte Dreadnought. Die Vorgängerbauten, die noch nicht über eine Bewaffnung mit einem Einheitskaliber verfügten, wurden fortan als „Pre-Dreadnoughts“ oder Einheitslinienschiffe bezeichnet.

Alle diese Bezeichnungen waren aber nur von umgangssprachlicher Bedeutung, während amtliche Stellen diese Typen weiter als „Linienschiffe“ bzw. „Großlinienschiffe“ oder „Schlachtschiffe“ einstuften. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde die Bezeichnung allmählich durch „Großkampfschiff“ oder „Schlachtschiff“ verdrängt.

Vorgeschichte Im 19. Jahrhundert wurden technische Fortschritte erzielt, die den Kriegsschiffbau gleich mehrfach revolutionierten. Die Erfindung und stetige Weiterentwicklung von Dampfantrieben, Sprenggranaten, Schnellfeuerkanonen und Panzerungen ließen eine Vielfalt von neuen Schiffstypen entstehen, die oftmals bei ihrer Fertigstellung schon veraltet waren. Zum Ende des Jahrhunderts kristallisierte sich der Typ des „Einheitslinienschiffs“ heraus, der nach und nach das Rückgrat der meisten größeren Kriegsflotten stellen sollte und diese Bezeichnung trug, weil er in allen Ländern nahezu identische Merkmale aufwies:

mini|Einheits-Linienschiff Louisiana der US Navy, 1906

Schwere Bewaffnung von vier Geschützen in jeweils einem Doppelturm vorne und achtern. Das Kaliber dieser Haupt-Artillerie lag zwischen 28 cm und 33 cm. Mittelartillerie von 12 bis 16 Geschützen in Einzelaufstellung oder Doppeltürmen an den Schiffsseiten mit einem Kaliber zwischen 12,7 cm und 17 cm; dazu eine Anzahl kleinerer Geschütze zur Abwehr von Torpedobooten. Antrieb durch Mehrfachexpansionskolbendampfmaschinen und Geschwindigkeit von zumeist 18 kn (33 km/h). Verdrängung zwischen 12.000 t und 16.000 t.

Es gab zu Beginn des 20. Jahrhunderts deutlich erkennbare Tendenzen zur Steigerung dieser Werte: Der Bau US-amerikanischer Linienschiffe von 18.000 t wurde begonnen, während die britische Marine ein „halbschweres“ Kaliber von zuletzt 23,4 cm anstelle der Mittelartillerie einführte. Diese Zwischenlösung erwies sich im Hinblick auf eine einheitliche Feuerleitung und -beobachtung als unbefriedigend und ließ ein einheitliches Kaliber aller Hauptgeschütze wünschenswert erscheinen.

Das all big gun one caliber battleship In diesen letzten Linienschiffsentwürfen ist bereits die Tendenz zu einer Vereinheitlichung der Hauptgeschütze unter Aufgabe der Mittel- oder halbschweren Artillerie zu erkennen. Ein solcher Schiffstyp wurde als all big gun one caliber battleship in verschiedenen Marinen durchdacht. Der Chefkonstrukteur der italienischen Marine, Vittorio Cuniberti, veröffentlichte bereits 1903 einen Entwurf für ein neuartiges Schlachtschiff mit zwölf Hauptgeschützen des Kalibers 30,5 cm, einer Verdrängung von 17.000 t und einer Höchstgeschwindigkeit von 24 kn (44 km/h) durch Turbinenantrieb.Cuniberti, Vittorio, „An Ideal Battleship for the British Fleet“, All The World’s Fighting Ships, 1903, S. 407–409.battleship In: I. C. B. Dear, Peter Kemp (Hrsg.): The Oxford Companion to Ships and the Sea 2005.

Skeptiker wandten ein, dass die großen Geschütze mit ihrer geringeren Feuerrate auf kurze Entfernungen einer größeren Anzahl von schneller schießenden kleinen Geschützen unterlegen wären. Nachts oder bei schlechter Sicht durch Nebel oder Pulverqualm würde der Reichweitenvorteil wenig nützen.

Die Seeschlacht bei Tsushima 1905 zeigte, dass die schweren Kaliber auf relativ große Entfernungen tatsächlich eine Seeschlacht entscheiden konnten. Wenn nun aber der Schwerpunkt auf die großen Kaliber gelegt werden sollte, wäre es aus vielerlei Gründen (darunter die bessere Beobachtung und Zuordnung der Einschlagssäulen) konsequent, auf eine mittlere Artillerie vollständig zu verzichten.

In der britischen Marine trieb Admiral Sir John Fisher, als Erster Seelord schließlich die Realisierung eines all big gun one caliber battleship voran, der HMS Dreadnought:

mini|Turmanordnung der Dreadnought

Zehn 30,5-cm-Geschütze in Doppeltürmen, davon drei mittschiffs und jeweils einer seitlich der Aufbauten, so dass vier der fünf Türme in der Breitseite auf dasselbe Ziel feuern konnten Verzicht auf Mittelartillerie, dafür 22 Geschütze mit 7,6 cm zur Torpedobootsabwehr Turbinenantrieb mit einer Höchstgeschwindigkeit von 21 kn (39 km/h) Verdrängung: rund 18.000 t

Mit dem Stapellauf dieses Schiffs Anfang 1906 trat das maritime Wettrüsten in eine neue Phase ein, da es stärker und schneller als alle seine Vorgänger war und diese dadurch obsolet machte. Der Name dieses ersten Einheitskaliber-Schlachtschiffes HMS Dreadnought wurde zum Synonym für alle neu gebauten Schlachtschiffe dieser Art. Linienschiffe herkömmlicher Bauweise verschwanden sehr bald aus den Bauprogrammen der Seemächte bzw. wurden durch Dreadnought-Typen ersetzt, blieben aber teilweise bis weit nach dem Ersten Weltkrieg im Bestand diverser Marinen. Von nun an unterschied man die Hauptkampfschiffe der Schlachtflotten in „Dreadnoughts“ und „Pre-Dreadnoughts“. Die damaligen modernsten deutschen Linienschiffe dieser Zeit verfügten demgegenüber nur über eine schwere Artillerie von vier 28-cm-Geschützen.Jann M. Witt, Robin McDermott: Remember Scarborough! Wider das Vergessen. 24. November 2016.

Die mit 14 Monaten ungewöhnlich kurze Bauzeit des schließlich im Dezember 1906 in Dienst gestellten Schiffes konnte durch umfangreiche Vorbereitungsarbeiten sowie Prioritätsverschiebungen erreicht werden. Der Grund hierfür lag darin, dass die Marine der Vereinigten Staaten ebenfalls 1905 den Bau zweier eigener all big gun one caliber battleships in Angriff genommen hatten. Aufgrund von Verzögerungen in der Genehmigung des Budgets durch den US-Kongress wurden die Schiffe der South-Carolina-Klasse allerdings erst 1910 fertiggestellt.Schlachtschiff USS Michigan. Internationales Maritimes Museum Hamburg. Im Gegensatz zur Dreadnought verwendeten diese Schiffe aber anstatt Turbinen noch die bewährten Dreifach-Expansionsdampfmaschinen als Antrieb. Erst später folgte die Delaware-Klasse mit der North Dakota (BB-29) erstmals mit Turbinenantrieb. Ein ähnliches Projekt in Japan, die bereits 1903 auf Kiel gelegte Satsuma-Klasse, scheiterte, weil die schweren Geschütze, die zu dieser Zeit in Großbritannien gekauft wurden, aus finanziellen Gründen nicht in ausreichender Zahl verfügbar waren.

Die Dreadnought-Ära Internationales Wettrüsten Die HMS Dreadnought, die keine Schwesterschiffe hatte, entwertete schlagartig die bis dahin gebauten Linienschiffe. Die Royal Navy hoffte, damit die britische Überlegenheit zur See zu wahren, denn der für den Bau solcher Schiffe erforderliche finanzielle Mehraufwand war erheblich, und man glaubte nicht, dass konkurrierende Seemächte – es wurde speziell an Frankreich, Russland und Deutschland gedacht – sich ein groß angelegtes Dreadnought-Programm würden leisten können. Tatsächlich gingen aber alle bedeutenden Seemächte zum Dreadnought-Bau über. Frankreich wartete mit dem Baubeginn der ersten Einheiten bis 1910, Spanien bestellte seine ersten Einheiten 1907, Russland 1908. Cuniberti legte mit der Dante Alighieri 1909 die erste italienische Dreadnought auf Kiel, weitere Einheiten folgten dann erst ab 1910, so dass die italienische Marine in ihrem Bestand zu Beginn des Ersten Weltkriegs über drei Dreadnoughts verfügte. In der österreichisch-ungarischen Marine ging das erste Schlachtschiff mit Einheitskaliber 1910 auf Stapel, weitere drei Einheiten der Tegetthoff-Klasse wurden bis 1914 fertiggestellt. Die USA legten nach den Einheiten der South Carolina-Klasse 1906 und 1907 jeweils eine, ab 1908 kontinuierlich jedes Jahr zwei Dreadnoughts auf Kiel.

Während diese Mächte zwar aufrüsteten, aber keinen ernsthaften Versuch unternahmen, Großbritannien in einen offenen Rüstungswettlauf zu verwickeln, kam es mit Deutschland, dem ambitioniertesten Herausforderer der britischen Seemacht, zu einem Flottenwettrüsten. Dabei stieß der deutsche Flottenbau bald an die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit. Zwar wurden 1907 die ersten deutschen Dreadnoughts der Nassau-Klasse begonnen und diese Einheiten an die Stelle der nach den Flottengesetzen vorgesehenen Linienschiffe gesetzt. Jedoch konnte Staatssekretär Alfred von Tirpitz die Mehrkosten nicht mehr im bestehenden Finanzierungsrahmen bewältigen. Es entwickelte sich bei der Finanzierung (Steuererhöhungen) eine Regierungskrise, die Reichskanzler Bülow zum Rücktritt zwang und die nationale Unterstützung des Flottenbaus allmählich schwinden ließ. Wie weit die britischen Kapazitäten überlegen waren, zeigte sich im Rahmen der „Flottenpanik“ von 1909: Auf den Übergang der deutschen Marine zum „Vierertempo“ reagierte Großbritannien, indem es im selben Jahr trotz anfänglicher innenpolitischer Widerstände gleich acht Dreadnoughts in Bau gab – zusätzlich zu den weiteren Einheiten, die im Auftrag kleinerer Seemächte auf britischen Werften gebaut wurden.

Rüstungswettläufe in kleinerem Rahmen fanden auch in anderen Regionen statt: In Südamerika gab es zwischen Argentinien, Brasilien und Chile das sogenannte ABC-Wettrüsten. Brasilien gab schon 1907 zwei Schiffe bei britischen Werften in Auftrag (Minas-Geraes-Klasse), Argentinien im darauf folgenden Jahr zwei Schiffe in den USAThe South American Dreadnought Race In: Navel gazing abgerufen am 9. Dezember 2024, die Rivadavia und die Moreno. Brasilien legte daraufhin 1910 ein Schiff „nach“, woraufhin auch Chile zwei Dreadnoughts in Großbritannien bestellte (Almirante Latorre und Almirante Cochrane, die jedoch nicht ausgeliefert wurde und als britischer Flugzeugträger Eagle fertiggestellt wurde).

Ähnlich reagierte Griechenland, das die Inbaugabe zweier Dreadnoughts durch das Osmanische Reich 1910 mit einem eigenen Schiff 1912 beantwortete. Das in Deutschland in Auftrag gegebene griechische Schiff wurde nicht fertig gebaut. Von den auf britischen Werften begonnenen türkischen Schiffen wurde lediglich eines kurz vor der Fertigstellung von der britischen Regierung beschlagnahmt und als Erin in Dienst gestellt. Dies und die gleichzeitige britische Beschlagnahme der Sultan Osman I. – ursprünglich als Rio de Janeiro für Brasilien im Bau und von den Osmanen aufgekauft – trugen nicht unwesentlich zum Kriegseintritt des Osmanischen Reiches auf Seiten der Mittelmächte bei.Richard Hough: The great dreadnought. The strange story of H. M. S. Agincourt, the mightiest battleship of World War I. 1967, S. 143f.Klaus Kreiser: Der Weg in den Ersten Weltkrieg. Das Osmanische Reich: Zerreißprobe am Bosporus In: Deutschlandfunk vom 31. Dezember 2013

Verschiedene Dreadnought-Typen mini|links|Die japanische Kongō, vor 1927