Mary Poppins ist ein US-amerikanischer Musical-Fantasyfilm aus dem Jahr 1964 unter Regie von Robert Stevenson. Die Walt-Disney-Produktion basiert auf P. L. Travers’ ersten beiden Mary-Poppins-Romanen, ergänzt um Lieder und Musik von Richard M. und Robert B. Sherman. Die Komponisten-Brüder wurden ebenso mit einem Oscar ausgezeichnet wie Julie Andrews, für die in der Titelrolle die Weltkarriere begann. Insgesamt wurde der Film 1965 mit fünf Oscars prämiert.
Handlung Zu Beginn geleitet der Londoner Straßenkünstler Bert den Zuseher zur Adresse Kirschbaumweg Nummer 17. Dort wohnt Familie Banks, die das typische Leben der oberen Mittelschicht in England kurz vor dem Ersten Weltkrieg führt. George Banks ist Bankangestellter, Winifred Banks ist mit der Führung des Haushalts nicht ausgelastet und engagiert sich anderweitig. Anders als die meisten Frauen in dieser Lage verlegt sie sich aber nicht auf Wohltätigkeit, sondern kämpft als Suffragette. Um den Haushalt kümmern sich Dienstboten und um die Kinder Jane und Michael Kindermädchen – allerdings hat die letzte gerade frustriert das Handtuch geworfen, da die Kinder ihr im Park wieder einmal einfach davongelaufen sind.
Ein neues Kindermädchen muss also her. Die Kinder formulieren eine Stellenanzeige, die von Mr. Banks zerrissen und in den Kamin geworfen wird. Von dort findet der Zettel auf wundersame Weise den Weg zu Mary Poppins. Auf die Anzeige von Mr. Banks erscheinen zahlreiche Interessentinnen, als aber das Dienstmädchen diese hereinbitten soll, sind sie alle buchstäblich vom Winde verweht – bis auf Mary Poppins, die mit aufgespanntem Regenschirm vom Himmel geschwebt kommt. Sie hat zum großen Erstaunen von Mr. Banks den Zettel der Kinder in der Hand. Im nun folgenden Vorstellungsgespräch dominiert nicht der potenzielle Arbeitgeber, sondern Mary Poppins. Sie tritt die Stelle an und übernimmt sofort das Kommando über die Kinder.
Schnell wird klar, dass Mary Poppins ganz eigene Erziehungsziele verfolgt. Sie zeigt den Kindern, dass Arbeit Spaß macht, der Kontakt mit Leuten aus der Unterschicht vergnüglich und die Unterstützung Bedürftiger befriedigend sein kann. Es gelingt ihr auch, Mr. Banks zu einem Ausflug zu überreden, durch den die Kinder das Arbeitsleben des Vaters kennenlernen sollen. Dabei will Mr. Dawes Sr., der Seniorchef der Bank, Michael dazu überreden, mit seinem gesparten Taschengeld ein Konto zu eröffnen. Dass Michael, auf Anregung von Mary Poppins, einer armen Frau auf den Stufen der St.-Pauls-Kathedrale Vogelfutter abkaufen will, stößt bei den Bankiers auf völliges Unverständnis. Als Michael schreiend die Herausgabe seines ihm zuvor abgenommenen Geldes verlangt, kommt es zu einer Panik in den Kassenräumen und auf der Straße, die in einem Bankansturm endet – alle anwesenden Kunden verlangen die Auszahlung ihrer Konten. Am späten Abend wird Mr. Banks deshalb telefonisch erneut in die Bank zitiert. Ein Gespräch mit Bert lässt ihn jedoch erkennen, dass das Wichtigste in seinem Leben seine Familie ist, sodass er seinen Chefs selbstbewusst und gelassen gegenübertreten kann. Er wird zwar wegen des Verhaltens seines Sohnes fristlos entlassen, bekommt aber schon tags darauf seine Stelle zurück und wird sogar zum Teilhaber befördert.
Am nächsten Morgen packt Mary Poppins ihre Sachen. Ihre Aufgabe ist erledigt, sie hat die Familie zu einem harmonischen Zusammenleben gebracht.
Unterschiede zur Romanvorlage Das Buch von Travers erschien 1934 und spielt auch in dieser Zeit. Die Handlung wurde für den Film ins Jahr 1910 verlegt. Im Roman ist Mary Poppins eine eitle und schnippische Frau, die keine andere Meinung als ihre eigene zulässt; im Film tritt sie deutlich freundlicher auf. Vor allem aber hat sie im Roman keine Mission zur Familienzusammenführung zu vollbringen; sie kommt und geht, wann es ihr gefällt. Die Charaktere von Jane und Michael blieben im Wesentlichen erhalten; ihre kleinen Geschwister, die erst wenige Monate alten Zwillinge Barbara und John, kommen im Film gar nicht vor.
Die Eltern sind im Buch nur Nebenfiguren und nicht näher charakterisiert. Der Charakter von Mr. Banks wurde den Vorstellungen des edwardianischen Zeitalters über die Rolle des „Herrn des Hauses“ angepasst. Das Engagement seiner Frau als Suffragette kommt im Buch nicht vor und wäre 1934 auch nicht zeitgerecht. Auch Mary Poppins’ Freund Bert spielt im Buch keine zentrale Rolle und trifft dort nur selten mit den Kindern zusammen. Bert ist generell mehr eine Figur aus dem Film, dabei wurden mehrere Personen aus den Büchern zu einer kombiniert.
Das Buch hat keine durchgehende Handlung; vielmehr ist es eine Sammlung von Kurzgeschichten, von denen nur wenige verwendet wurden (Ankunft, Marys Ausflug mit Bert in das Straßengemälde – im Buch ohne die Kinder –, Onkel Alberts Teeparty, die Szenen mit der Vogelfrau und die Abreise). Travers war mit dieser Verfilmung nicht zufrieden. Ihr missfiel die Umsetzung als Musikfilm, die eingefügten Trickfilmfigurensequenzen und auch Darsteller Dick Van Dyke; insgesamt fand sie die Handlung zu süßlich. Doch der Vertrag mit Disney gab ihr keine Möglichkeit, am fertigen Film noch Änderungen durchzusetzen. Die Besetzung von Julie Andrews aber wurde von Travers nach einem persönlichen Telefongespräch mit Andrews akzeptiert.
Lieder im Film deutsche Liedtitel gem. Soundtrack-LP Electrola Disneyland-Serie SME 83 928 (1964) „Ouvertüre“ (Vorspannmusik, in der die Themen von „Feed the Birds“, „A Spoonful of Sugar“, „Chim Chim Cher-ee“ und „Supercalifragilisticexpialidocious“ anklingen) „Sister Suffragette“ (Wir sind die Kämpfer fürs Frauenrecht) – Glynis Johns, Hermione Baddeley und Reta Shaw, mit gesprochenen Unterbrechungen von Elsa Lanchester. „The Life I Lead“ (Ich bin voll Stolz – und bin zutiefst zufrieden) – David Tomlinson (später wiederholt von Julie Andrews) „The Perfect Nanny“ (Willst Du diese Stellung haben) – Karen Dotrice und Matthew Garber „A Spoonful of Sugar“ (Wenn ein Löffelchen voll Zucker) – Julie Andrews „Pavement Artist“ (Chim, Chiminey, ich tu was mich freut und mich freut, was ich tu) – Dick Van Dyke (Variation des „Chim-Chim-Cheree“-Themas) „Jolly Holiday“ (Ist das ein herrlicher Tag) – Dick Van Dyke und Julie Andrews, mit Thurl Ravenscroft, Marni Nixon, Paul Frees und anderen „Supercalifragilisticexpialidocious“ (Supercalifragilisticexpialigetisch) – Julie Andrews und Dick Van Dyke mit J. Pat O’Malley und anderen „Stay Awake“ (Bleibt schön wach und schlaft nicht ein) – Julie Andrews „I Love to Laugh“ (Ich lach so gern) – Dick Van Dyke, Julie Andrews und Ed Wynn „A British Bank“ (Es muss ’ne Bank geordnet und präzis’ sein) – David Tomlinson, Julie Andrews (Reprise von „The Life I Lead“) „Feed the Birds (Tuppence a Bag)“ (Täglich schon früh (Füttert die Vögelchen)) – Julie Andrews (Walt Disneys Lieblingslied im Film) „Fidelity Fiduciary Bank“ (Willst Du zwei Pennies sparen) – Dick Van Dyke, David Tomlinson und anderen „Chim-Chim-Cheree“ (Chim Chim Cheree) – Dick Van Dyke und Julie Andrews (gewann den Oscar in der Kategorie „Best Original Song“; „chimney sweep“ = Schornsteinfeger) „Step in Time“ (Schritt und Tritt) – Dick Van Dyke „A Man Has Dreams“ (Es träumt ein Mann, er wäre sehr erfolgreich) – David Tomlinson und Dick Van Dyke; dies ist eine langsamere Fassung von „The Life I Lead“, die auch eine Variation von „A Spoonful of Sugar“ enthält „Let’s Go Fly a Kite“ (Für zwei Pennies Papier schon genügt) – Glynis Johns, David Tomlinson, Dick Van Dyke und anderen (auf dem engl. Soundtrack heißt es „and Londoners“)
Besetzung und Synchronisation mini|hochkant|Hauptdarstellerin Julie Andrews mini|hochkant|Dick Van Dyke spielte Mary Poppins Freund Bert und Mr. Dawes Sr. Unter Leitung von Eberhard Cronshagen entstand 1964 die deutsche Synchronfassung bei Simoton Film, Berlin. Als Chöre in der deutschen Synchronfassung wurden eingesetzt: Die Floridas, Die Moonlights, Die Monacos.
Rolle Darsteller Deutscher Sprecher Mary Poppins Julie Andrews Uta HallantGesang: Monika Dahlberg Bert Dick Van Dyke Harry Wüstenhagen Mr. Dawes Sr. Robert Klupp Mr. George W. Banks David Tomlinson Friedrich Schoenfelder Mrs. Winifred Banks Glynis Johns Käthe Jaenicke Jane Banks Karen Dotrice Karin Rother Michael Banks Matthew Garber Frank Turba Katie Nanna Elsa Lanchester Elfe Schneider Onkel Albert Ed Wynn Klaus W. Krause Ellen (Dienstmädchen) Hermione Baddeley Inge Landgut Admiral Boom Reginald Owen Paul Wagner Constable Jones Arthur Treacher Eduard Wandrey Mrs. Brill (Köchin) Reta Shaw Erna Haffner Mr. Dawes Jr. Arthur Malet Herbert Weißbach Mr. Binnacle Don Barclay Richard Handwerk
Julie Andrews – Mary Poppins Mary Poppins war der erste Kinofilm mit Julie Andrews. Disney engagierte sie, nachdem er sie bei einer Aufführung des Musicals Camelot gesehen hatte. Andrews nahm die Rolle aber erst an, nachdem sie zu ihrer Enttäuschung erfahren hatte, dass Studioboss Jack L. Warner sie bei der Vergabe der Rolle der Eliza Doolittle im gleichzeitig gedrehten Musical My Fair Lady wegen ihres damals noch weitgehend unbekannten Namens übergangen und stattdessen Audrey Hepburn engagiert hatte. Andrews hatte die Eliza vorher sehr erfolgreich sechseinhalb Jahre am Broadway gespielt (an der Seite von Rex Harrison als Professor Henry Higgins, den er auch im Film mimte). Genugtuung erntete sie schließlich, als sie bei der Oscarverleihung 1965, für die Hepburn nicht einmal eine Nominierung erhalten hatte, sogar die Auszeichnung für die beste weibliche Hauptrolle bekam.
Dick van Dyke – Bert und Mr. Dawes Sr. Dick Van Dyke spielte im Film eine gut versteckte Doppelrolle, einmal als Multitalent Bert und einmal, durch seine Maske kaum zu erkennen, als seniler Bankchef Mr. Dawes Sr. Im Original spricht er auch beide Rollen, in der deutschen Fassung wurde Mr. Dawes Sr. von Robert Klupp gesprochen. Im Abspann wird der Name bei der zweiten Rolle als Navckid Keyd angezeigt und durch Animation zum richtigen Namen Dick Van Dyke gewirbelt.
Sonstiges
Der Film kam zwei Tage nach seiner Premiere in Los Angeles am 29. August 1964 in die Kinos der Vereinigten Staaten. Etwa ein Jahr später folgten die Kinostarts in Deutschland (22. Oktober 1965) und Österreich (10. Dezember 1965). Die Episode mit dem Sprung in das Gemälde ist eine Mischung aus Real- und Trickfilm. Nachdem die Szenen mit den Schauspielern gedreht waren, fügten Disneys Trickfilmzeichner ihre Figuren ein. Bei der Herstellung wurde mit dem Sodium Vapor Process als Trickmontagetechnik gearbeitet. Eine von Hans Bradtke ins Deutsche übersetzte Coverversion von „Supercalifragilisticexpialidocious“, gesungen von Chris Howland, wurde 1966 unter dem Titel Superkalifragilistisch Expiallegorisch (Ariola 18692AT) veröffentlicht. P. L. Travers, die Autorin der Mary-Poppins-Reihe, lebte im Modeviertel von Bloomsbury, als sie in ihren Zwanzigern zum ersten Mal nach London zog. Sie ließ sich später in Chelsea nieder, einem anderen wohlhabenden Teil der Stadt. Ihr erstes Buch der Reihe, Mary Poppins, wurde 1934 veröffentlicht, und Travers schrieb dann in einem Zeitraum von fünfzig Jahren sieben weitere Bücher. Die prächtigen Gebäude, großen Häuser, grünen Parks und historischen Wahrzeichen der Londoner Gebiete, in denen die Autorin lebte und arbeitete, bilden den Hintergrund für die Filme, die auf ihren Büchern basieren.
Auszeichnungen Der Film war bei der Verleihung im Frühjahr 1965 in dreizehn Kategorien für einen Oscar nominiert und in fünf davon erfolgreich: Julie Andrews erhielt den Preis als beste Schauspielerin in einer Hauptrolle, Peter Ellenshaw, Hamilton Luske und Eustace Lycett für die Spezialeffekte, Cotton Warburton für den Filmschnitt und Richard M. Sherman und Robert B. Sherman für den besten Filmsong und die beste Filmmusik. Der Film wurde 1965 u. a. mit dem British Film Academy Award, dem Golden Globe sowie dem Grammy für die Filmmusik ausgezeichnet. 2013 wurde der Film in das National Film Registry aufgenommen.
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