mini|Vor dem Sturm, Titelseite der 15. und 16. Auflage, 1913
Vor dem Sturm. Roman aus dem Winter 1812 auf 13 ist der Titel eines historischen Romans von Theodor Fontane über den Beginn der preußischen Befreiungskriege gegen die französische Besatzung. Der Roman erschien zuerst 1878 als Vorabdruck in der Leipziger Wochenzeitschrift Daheim. Ein deutsches Familienblatt mit Illustrationen und dann als vierbändige Buchausgabe.
Überblick Fontanes erster Roman mit vielen Einzelhandlungen ist ein breites Porträt der preußischen Gesellschaft in der Zeit der Napoleonischen Kriege: vom Adel über Amtsträger, Pastoren, Justizbeamte, Offiziere, Bauern, Berliner Handwerker, Dienstpersonal bis zu den Armen im Hohen-Vitzer „Forstacker“. Im Mittelpunkt stehen die Adelsfamilie Vitzewitz-Pudagla sowie Geheimrat von Ladalinski und seine Kinder. Vom zentralen Handlungsort, dem fiktiven Hohen-Vietz, aus breitet sich die Handlung auf die Dörfer und Gutshöfe im Oderbruch sowie auf Berlin aus.
Handlung
Hohen-Vietz (Band I, Kapitel 1–17, II, 9–17) Zu Beginn des Romans fährt der 22-jährige Jura-Student Lewin von Vitzewitz am Weihnachtsabend 1812 mit dem Schlitten von Berlin durch die Oderbruch-Dörfer zu seinem Vater Berndt und seiner fünf Jahre jüngeren Schwester Renate (I, 1), um mit ihnen auf Schloss Hohen-Vietz das Fest zu feiern. Bei der Begrüßung des Vaters wird sogleich das politische Hauptthema des Romans angesprochen: der Rückzug der Truppen Napoleons aus Russland und der bevorstehende Befreiungskampf (I, 4). Im Verlauf der Weihnachtstage stellt der Erzähler die verschiedenen Bevölkerungsgruppen und weitere Protagonisten vor. Am ersten Feiertag beschenkt der Schlossherr die armen Dorfbewohner, seine Familie und die Bediensteten: u. a. Diener Jeetze, Kammerjungfer Maline Kubalke, Kutscher Krist und Nachtwächter Pachaly (I, 3). Mittags geht man in die Kirche und hört die preußisch-nationale Predigt des Pfarrers Seidentopf mit dem Vergleich der Niederlage Napoleons in Russland mit dem Untergang des ägyptischen Heeres im Roten Meer (I, 5). Abends unterhält sich die Vitzewitz-Familie am Kamin. Mit dabei sind die Haushälterin „Tante“ Brigitte Schorlemmer, eine Herrnhuterin, die nach dem Tod der Mutter Madeleine 1806 die Erziehung der Kinder übernahm, und Renates Freundin Marie (I, 6). Sie kam 1804 als herumziehendes zehnjähriges Zirkuskind ins Dorf. Ihr Vater jonglierte und führte Zaubertricks vor, sie tanzte und sang im mit Goldpapier-Sternchen besetzten Kleid. Nach dem Tod des Vaters wurde sie vom Dorfschulzen Kniehase und seiner Frau adoptiert (I, 9) und zusammen mit Renate von Tante Schorlemmer unterrichtet.
Am zweiten Feiertag trifft man sich bei Pfarrer Seidentopf. Ein brisantes, am Romanende wieder aufgegriffenes Thema wird auf der Heimfahrt von seinen Frankfurter Gästen Justizrat Turgany und Konrektor Othegraven (I, 16) und am nächsten Tag von den Geschwistern Vitzewitz (I, 17) erörtert: die Gleichheit der Menschen. In beiden Fällen geht es um Marie. Renate kritisiert ihre Tante Amelie, die Gräfin Pudagla. In der Theorie sei die Tante ein aufgeklärter Mensch und von der Gleichheit der Menschen überzeugt. Sie zitiere gerne Montesquieu und Rousseau, aber in der Praxis achte sie auf Standesunterschiede. So sei sie von Marie als Mensch angetan, aber sie könne sie nicht in ihrem Schloss als Begleiterin Renates empfangen. Othegraven hat dieselbe Einstellung wie die Geschwister. Der Mensch ist ihm wichtiger als eine standesgemäße Herkunft. Außerdem liebt er das phantasievolle Mädchen und sieht Marie als Ergänzung seiner ernsten Persönlichkeit. Als er seinen Heiratsplan Seidentopf enthüllt, warnt ihn dieser, das Glück der Ehe beruhe nicht auf Ergänzung, sondern auf gegenseitigem Verständnis. Die Temperamente von Mann und Frau müssten in Abstufungen miteinander verwandt, ihre Ideale dieselben sein. Den „Charakter“ ziehe es zur „Phantasie“, aber nicht umgekehrt. Trotzdem macht Othegraven Marie einen Antrag. Ihr Vater ist einverstanden, doch Marie, die insgeheim Lewin liebt, antwortet ihm, wenn sie vielleicht auch undankbar ihrem Geschick und ihren Eltern gegenüber erscheinen möge, so müsse sie doch ehrlich bekennen, dass ihr Herz ihm gegenüber schweige. Sie empfinde den Unterschied ihrer beider Naturen (II, 18).
In anderen Kapiteln wird die Dorfbevölkerung von Hohen-Vietz vorgestellt: Schulze Kniehase (I, 9) und die Bauern. Im „Krug“ erzählen sie sich neben den Neuigkeiten über die Nachbarn und den Kriegsverlauf in Russland auch unheimliche Geschichten von Matthias’ Geist im Schloss oder vom Mähen eines Getreidefeldes, worauf rote Stoppeln sichtbar wurden, was ein Zeichen für einen bevorstehenden Krieg sei (I, 7). Die zwergwüchsige Dorfbotin und Hökerin Hoppenmarieken (I, 8) liest den abergläubischen Dörflern aus den Karten die Zukunft und nutzt ihre Neigung aus, an surreale Dinge zu glauben. Aber nicht nur die einfachen Leute im Dorfkrug und in den Spinnstuben haben ein „Spuk- und Gespensterbedürfnis“, sondern auch die Vitzewitzer und Marie sind empfänglich für übersinnliche Erscheinungen, achten auf den zeichenhaften Charakter der Naturerscheinungen und haben Ahnungen von zukünftigen Entwicklungen. Lewin interessiert sich für die Literatur der Romantik, schreibt Gedichte und glaubt an symbolische Vorausdeutungen. Deshalb ist er von der Grabsteinaufschrift „Und kann auf Sternen gehen“ tief berührt, deutet sie aber, wie er später erkennt, falsch (I, 1). Seine Tante Amelie von Pudagla ängstigt sich vor dem nächtlichen Auftritt ihres Schlossgespensts, der „schwarzen Frau“, als Vorzeichen für Tod oder Unglück. Sie lässt abends ihren großen Stehspiegel im Schlafzimmer mit einem Tuch zuhängen, damit sie in ihrer schwarzen Witwenkleidung nicht einem Irrtum zum Opfer fällt und ihr eigenes Spiegelbild für die Erscheinung hält (II, 8). Marie stieg einmal als Kind bei Schneefall auf den First des Scheunendachs und Kniehase erzählte im Krug, „sie sei ein Feenkind“. Renate lässt sich von der Herrnhuterin Tante Schorlemmer versichern, dass es keine Geister in dieser Welt gebe, nachdem ihre Dienstmagd Maline ihr erzählt hat, der Nachtwächter Pachaly habe den Geist ihres unseligen Vorfahren Matthias in der alten Kapelle im Saalbau gesehen (II, 16). Die Angst vor diesem Spuk verschwindet, nachdem dieses alte Gebäude in Brand gerät und Hoppemarieken das Feuer bespricht (III, 9). Eine alte Prophezeiung hat sich damit zur Hälfte erfüllt: „Und eine Prinzessin kommt ins Haus, da löscht ein Feuer den Blutfleck aus“ (I, 2).
Ende Dezember besucht Lewin mit seinem Freund Pertubal (Tubal) von Ladalinski den Literaten Dr. Faulstich in Kirch-Göritz. Auf dem Rückweg verhindern sie den Überfall zweier Räuber auf Hoppenmarieken (II, 12). Dieser dritte Vorfall nach kurzer Zeit ist für Berndt von Vitzewitz Anlass, um über die Sicherheit der Bevölkerung nachzudenken. Er vermutet marodierende Soldaten auf dem Rückzug aus Russland und führt mit dem Dorfschulzen ein Gespräch über die Aufstellung eines Landsturms (II, 13). Nach dem Einbruch im Herrenhaus am 29. Dezember, als nur die Mädchen im Haus waren und Marie die zwei Diebe vertrieb (II, 14), stellt der Gutsherr am nächsten Morgen einen zehnköpfigen Trupp aus Bauern und Bediensteten zusammen, um die Gegend abzusuchen. Auf einer Oder-Insel entdecken sie im Schilf das Räuberlager, aber nicht die von Vitzewitz vermuteten französischen Soldaten, sondern Muschwitz und Rosentreter, zwei Spitzbuben aus der Gegend (II, 15). Hoppenmarieken wird als Hehlerin der beiden verdächtigt, kann sich aber im Verhör herausreden und wird durch die Fürsprache Lewins frei gelassen: „[E]s ist der Mensch auf seiner niedrigsten Stufe. […] Ihr ganzer Rechtsbegriff ist ihre Furcht.“ (II, 17)
Schloss Guse (Band II, 1–8 und 19) Am dritten Weihnachtstag wechselt die Szenerie zum Schloss Guse am Westrand des Oderbruchs und damit auf eine andere gesellschaftliche Ebene. Hier residiert Amelie, die Schwester Berndts von Vitzewitz, die durch die Heirat mit dem Grafen Pudagla in eine höhere Schicht des Adels aufgestiegen ist. In Rheinsberg gehörte sie zum Freundeskreis des Prinzen Heinrich und demonstriert dies durch die in ihre Konversation eingeschobenen französischen Phrasen. Nach dem Tod ihres Mannes 1789 erbte sie das Schloss und sammelte, da die adligen Nachbarn nicht ihrem gewohnten Niveau entsprechen, den Guser Kreis um sich, der sich aus dem gebildeten Grafen Drosselstein, Gerichtspräsident von Krach, Generalmajor von Bamme, Baron Pehlemann, Domherr von Medewitz, dem ehemaligen Hauptmann von Rutze und Dr. Faulstich, als Freund Tiecks ein Kenner der literarischen Romantik, zusammensetzt.
Amelies frankophile Haltung unterscheidet sich von der ihres patriotischen Bruders sowie von der Einstellung der Landbevölkerung. Sie und ihr Guser Kreis unterhalten sich mit Anekdoten über die französische Besetzung Preußens und über historische und zeitgenössische Persönlichkeiten, u. a. über den guten König Henri und den von Amelie im Gegensatz zu ihrem Bruder wenig geschätzten Friedrich II. oder über die Karriere des Grafen von Narbonne unter den Bourbonen und Napoleon (II, 5). Gegen Ende der Veranstaltung trifft Berndt von Vitzewitz ein, der am ersten Weihnachtstag nach Berlin gereist ist, und berichtet vom Gespräch mit „dem Minister“, d. h. mit Staatskanzler Hardenberg. Er hat ihn vergeblich mit dem Argument, jetzt sei die Situation günstig, bevor der französische Kaiser sich von der Niederlage in Russland erhole und ein neues Heer aufstelle, zum Befreiungskrieg gegen Napoleon zu bewegen versucht. Der Minister antwortete ihm, der Hohe Rat Preußens verspreche sich mehr von einer diplomatischen Lösung, zu der ein geschwächter Kaiser seiner Einschätzung nach bereit sein müsse (II, 7).
Am Silvestertag lädt Amelie ihren erweiterten Kreis und ihre Familie zu einer Aufführung einiger Szenen aus Lemierres „Guillaume Tell“ in ihrem kleinen Schlosstheater ein. Hauptdarstellerin ist die ihr aus ihrer Rheinsberger Zeit her bekannte französische Schauspielerin Demoiselle Alceste. Diese Veranstaltung und ihre Konversation zeigen, wie sehr sie sich dem Ancien Régime und der französischen Kultur verbunden fühlt. Auch teilt sie die französischen Sympathien für den Freiheitskampf der Polen und schätzt das übermütige Auftreten der, wie sie sie nennt, „Polin“ Kathinka von Ladalinski. Lemierres Tell-Drama zieht sie dem Schillers vor und streitet sich darüber mit ihrem Bruder. Dieser wirft ihr vor, sie kenne nur Hof und Gesellschaft und wisse nichts von Volk und Vaterland und habe deshalb keinen Zugang zu Schiller, dem „Dichter seines Volkes“. Ihr Herz sei „bei dem Feinde“ (II, 19).