mini|Frontispiz der Ausgabe von 1754 Persische Briefe (französischer Originaltitel: Lettres persanes) ist ein berühmter und viel gelesener Briefroman von Charles de Secondat, Baron de Montesquieu. Er erschien 1721 anonym in Amsterdam. In den 161 Briefen, die der Roman umfasst, spricht Montesquieu schon viele der geschichts- und staatsphilosophischen Themen an, die er später weiter ausarbeiten wird. Heute gilt das Werk als ein Schlüsseltext der Aufklärung. Daneben finden sich eingebettet Erzählungen wie die Parabel von den Troglodyten, die Geschichte des Apheridon und der Astarte oder das Fragment eines alten Mythologen.

Inhalt mini|Titelvignette zur deutschen Erstausgabe, 1759 Den Inhalt des Romans bildet die fiktive Korrespondenz zweier fiktiver Perser, Usbek und Rica, die im April 1711 ihre Heimatstadt Isfahan in Persien verlassen, über Ghom und das ostanatolische Erzurum nach Smyrna gelangen und sich von dort nach Livorno einschiffen. Die Reise geht weiter nach Frankreich, sie landen in Marseille, sie kommen im Juni 1712 in Paris, dem Ziel ihrer Reise, an. Ihr Aufenthalt in Frankreich beginnt in den letzten Regierungsjahren Ludwigs XIV. und endet zu Beginn der Regentschaft von Philipp von Orléans.

Hierbei schildern sie – dies ist der aufklärerische Kern des Werkes – ihren Korrespondenzpartnern (z. B. Rustan in Isfahan, Mirza in Isfahan, Nessir in Isfahan, der Grabwächter von Ghom (Mullah Mehmet Ali), Ibben in Smyrna oder Rhedi in Venedig) die kulturellen, religiösen und politischen Verhältnisse vor allem in Frankreich und besonders in Paris mit einer Mischung aus Staunen, Kopfschütteln, Spott und Missbilligung. Daneben findet Montesquieu Gelegenheit, aus den unterschiedlichen Perspektiven seiner Briefschreiber und auch der Antwortenden weitere der Aufklärung wichtige Themen zu behandeln, wie Religion und Priestertum, Sklaverei, Polygamie u. a. Darüber hinaus flicht er um die zu Hause gebliebenen Haremsdamen Usbeks einen romanesken Handlungsstrang ein, der durchaus zum Erfolg des Buches beitrug.

Form Der Roman besteht aus einer lockeren Folge von 161 Briefen, die ohne Zwischentexte oder Erläuterungen aneinandergereiht sind. Korrespondenten, Adressaten und Themen wechseln sprunghaft, ohne dass zunächst eine schlüssige Struktur zu erkennen wäre. Als eine Art Rahmen, bzw. als ein verbindendes Element, dienen die Ereignisse im Serail Usbeks. Zu Beginn des Romans hat er dort von seinen Frauen Abschied genommen, sie sind immer in seinen Gedanken gegenwärtig, er schreibt ihnen viele Briefe, empfängt auch einige wenige und eine ganze Menge von dem für den Harem verantwortlichen Obereunuchen. Der Roman endet mit dem Abschiedsbrief, den seine Lieblingsfrau Roxane, bevor sie durch Gift sterben wird, an Usbek geschrieben hat. Eingestreut in die Briefe sind abgeschlossene Erzählungen wie die über die Troglodyten (Brief 11–14), das Märchen von Apheridon und Astarte (Brief 67) als eine Art Allegorie über das Weltbürgertum oder ein kurzer Essay über das Völkerrecht (Brief 94) und Überlegungen zur Finanzpolitik von John Law (Brief 132).

Historischer Hintergrund Ab 1714 war Montesquieu als Conseiller am Parlamentsgerichtshof in Bordeaux angestellt, 1716 wurde er Senatspräsident. Während dieser Zeit entstand der Roman, sein erstes literarisches Werk nach einer Reihe von juristischen Abhandlungen. Eine anonyme Veröffentlichung im protestantischen Ausland diente dazu, Eingriffe der Zensur oder ein Verbot zu vermeiden. Zu seinen Lebzeiten gab es keine Publikation seines Romans unter seinem Namen.

Briefromane haben in Frankreich eine lange Tradition. Sie beziehen sich in der Regel auf Emotionen, Stimmungen, Persönliches, bzw. sind als Reiseberichte konzipiert. Es gibt sowohl Beispiele für Satiren, wie Pascals Lettres provinciales (1656/57), Romane, wie die Lettres portugais von Gabriel de Guilleragues, der erste Briefroman in Frankreich überhaupt, der lange für einen authentischen Briefwechsel gehalten wurde, oder der 1684 in Frankreich erschienene Roman des Genuesen Giovanni Paolo Marana (1641–1693) L'Espion du Grand seigneur (1684), in dem ein Türke in Briefen nach Konstantinopel aus Europa, insbesondere aus Frankreich berichtet.Béatrice Guion: L’Espion du Grand Seigneur, ou l’invention du roman épistolaire oriental abgerufen am 23. Oktober 2017 Das Neue an Montesquieus Persischen Briefen ist die polyphone Vielfalt der Stimmen und die Vielzahl von philosophischen, politischen und religions- und kulturkritischen Themen, die angerissen werden.

Intention des Autors war es, seine Leserschaft die Sitten und Gebräuche sowie die religiösen und politischen Institutionen seines Heimatlandes Frankreich aus einer distanzierten und kritischen Außensicht betrachten zu lassen und „fremde“ Verhältnisse mit den eigenen zu vergleichen. Die Sicht Montesquieus, gleichsam die „Hülle“ des Ganzen, entspricht den Vorstellungen der ersten Generation der Philosophen der Aufklärung.

Dass er seine Reisenden aus Persien kommen und auch Haremsdamen auftreten lässt, erklärt sich unter anderem daraus, dass der Orient nach dem Erscheinen der Reiseberichte von Jean Chardin (1643–1713), Jean de Thévenot (1633–1667) oder Jean-Baptiste Tavernier (1605–1689) nicht nur in Frankreich zum Tagesgespräch geworden war, wie auch die 1704-1708 erschienenen Geschichten aus Tausend und einer Nacht (1704–1708) und ein Blick auf Montesquieus reichhaltige Bibliothek belegen.https://montesquieu.huma-num.fr/bibliotheque/introduction

Quellen Montesquieu, dem eine umfangreiche Arbeitsbibliothek zur Verfügung standL. Desgraves, C. Volpilhac-Auger: Catalogue de la bibliothèque de Montesquieu à La Brède, abgerufen am 18. Oktober 2017, nutzte für die Persischen Briefe eine Unzahl von Quellen. Sie reichen von der Bibel, den antiken Klassikern, wie Ciceros De officiis, bis zu der in reicher Fülle vorliegenden französischen Memoirenliteratur und Werken zeitgenössischer Juristen, Historiker und Philosophen, hier in erster Linie Schriften des französischen Aufklärers Pierre Bayle.Peter Schunk: Nachwort, in: Montesquieu: Persische Briefe. Stuttgart: Reclam 2004. S. 362–363. 1674 war eine französische Übersetzung des Koran erschienen, und Montesquieu besaß ein Exemplar und wird ihn auch in seinem späteren Hauptwerk Vom Geist der Gesetze zitieren.

Was die persische Landeskunde betrifft, so waren die Voyages en Perse des französischen Forschungsreisenden Jean Chardin eine seiner Hauptquellen. Montesquieu besaß zunächst eine zweibändige Ausgabe, 1720 erwarb er die zehnbändige Gesamtausgabe des Werks. Eine weitere Quelle waren die Berichte des französischen Reisenden und Diamantenhändlers Jean-Baptiste Tavernier. Tavernier unternahm zwischen 1628 und 1668 ausgedehnte Reisen in den vorderen Orient, die Türkei und nach Persien, wo er in Isfahan Schah Abbas II. kennenlernte, und er kam bis in das Mogulreich nach Indien. Seine Reisebücher waren in Frankreich sehr erfolgreich. Das Buch Relation du Grand Serrail du Grand Signier wurde 1667 in Paris veröffentlicht, und Montesquieu nutzte es wie auch andere Werke Taverniers für seine Persischen Briefe.Geoffrey C. Gunn: First Globalization. The Eurasian Exchange, 1500 to 1800. Lanham, Maryland: Rowman & Littlefield 2003. S. 154–155.

Rezeption Das Buch war von Anfang an ein großer Publikumserfolg. Es wurde im Erscheinungsjahr mehrmals nachgedruckt, und zu Lebzeiten des Autors stieg die Zahl der französischen Ausgaben auf über dreißig an. Frühe Übersetzungen ins Englische und danach ins Deutsche und Russische trugen zu dem europaweiten Erfolg des Buches bei.Peter Schunk: Nachwort. In: Montesquieu: Persische Briefe. Stuttgart: Reclam 2012. S. 355. Andrew Kahn nennt sie in seiner Einleitung zu Margaret Mauldons Neuübertragung der Lettres Persanes ins Englische „perhaps the first great popular work of the European Enlightenment“.Montesquieu: Persian Letters. Oxfords World's Classics. Oxford Univ. Press 2008.

Die Persischen Briefe wurden von der französischen Zensur ignoriert. Nach Edgar Mass erscheint das Buch auf keiner offiziellen Liste in Frankreich verbotener Bücher, erhielt aber auch nie ein Placet und einen offiziellen Stempel, dass das Buch von der Zensur genehmigt war.Edgar Mass: Literatur und Zensur in der frühen Aufklärung. Produktion, Distribution und Rezeption. Frankfurt a. M.: Klostermann 1981. (Analecta Romanica. 46.) Nachdem Montesquieus „Vom Geist der Gesetze“ bereits 1751 auf den Index librorum prohibitorum gesetzt worden war, folgten 1761 auch seine Persischen Briefe.Derek Jones: Censorship. A World Encyclopedia. New York: Routledge 2002. S. 1622.

Zitate

Rezeption in England Die 1722 erschienene erste englische Übersetzung durch John Ozell († 1743) wurde mehrfach nachgedruckt und erreichte 1773 eine sechste Auflage.Ross Ballaster: Fabulous Orients: Fictions of the East in England 1662–1785. Oxford Univ. Press 2005. Danach kamen in rascher Folge eine Reihe von sogenannten Fortsetzungen und Nachahmungen im Stil Montesquieus heraus. Diese Autoren bemühten sich, an den Publikumserfolg der Persischen Briefe anzuknüpfen, obwohl nur wenige – wie Montesquieus amerikanischer Übersetzer R. N. MacKenzie anmerkt – an den künstlerischen Rang und die Intelligenz Montesquieus heranreichen.Montesquieu. Persian Letters: With Related Texts. Ed. Raymond N. MacKenzie. Hackett Classics 2014.

1735 veröffentlichte George Lyttleton anonym seine „Letters From a Persian in England, to His Friend in Ispahan“.Montesquieu. Persian Letters: With Related Texts. Ed. Raymond N. MacKenzie. Appendix: The Legacy of Montesquieu's Persian Letters. Indianapolis: Hackett 2014. S. 267–277 (= Hackett Classics.) Korrespondenten sind dieselben wie bei Montesquieu, ihre Beobachtungen aber freundlicher, weniger spitz-satirisch, und die Kommentare zur englischen Verfassung sind kaum eine kritische Analyse als eine offene Panegyrik. Auch dieses Buch war in England sehr erfolgreich und verkaufte sich noch gut nach Lyttletons Tod.Montesquieu. Persian Letters: With Related Texts. Ed. Raymond N. MacKenzie. Hackett Classics. 2014.

1760 publizierte Oliver Goldsmith seine Satire „The Citizen of the World, or, Letters from a Chinese Philosopher“, in der London und die englische Gesellschaft mit den Augen eines chinesischen Besuchers gesehen werden.Imagining the Other, Oliver Goldsmith, from The Citizen of the World (1760–1761), abgerufen am 3. November 2017, und damit war der Anfang gemacht für eine Reihe von mehr oder weniger amüsanten oder skurrilen Kommentaren über Land und Leute in England, in denen Geschichten und Charakterskizzen von Personen nur lose durch einen narrativen Faden zusammengehalten werden.

Rezeption in Deutschland 1760 verfasste Friedrich II. unter Pseudonym die Relation de Phihihu Emissaire de l'Empereur de la Chine en Europe, traduit du Chinois, veröffentlicht in dem fingierten Verlag Pierre Marteau, Cologne. In dem von den Persischen Briefen inspirierten kleinen Text berichtet ein chinesischer Reisender, der in Begleitung eines Jesuiten aus China über Konstantinopel nach Rom reist, von den Sitten und Unsitten in Europa. Ausführlich erörtert werden Missstände in der katholischen Kirche mit besonderer Berücksichtigung der Situation in Rom und der Lage jüdischer Conversos. Friedrichs kurzer Briefroman steckt aber auch voller Anspielungen auf aktuelle politische Ereignisse und Reflexionen über die Unterschiede, in einer christlichen oder konfuzianisch geprägten Gesellschaft zu leben.Eun-Jeung Lee: "Anti-Europa": die Geschichte der Rezeption des Konfuzianismus und der konfuzianischen Gesellschaft seit der frühen Aufklärung. Münster: Lit Verl. 2003. S. 59. (= Politica et Ars. 6.) ISBN 3-8258-6206-2Werner Lühmann: Konfuzius. Aufgeklärter Philosoph oder Moralapostel? Wiesbaden: Harrassowitz 2003. S. 115–120. ISBN 3-8258-6206-2