mini|Günter Grass (2006) rahmenlos|hochkant=0.6|klasse=skin-invert-image notpageimage
Günter Wilhelm Grass (* 16. Oktober 1927 in Danzig-Langfuhr, Freie Stadt Danzig, als Günter Wilhelm Graß;Handschriftlich verwandte er immer die Form Graß, während alle seine Veröffentlichungen (schon vor der Rechtschreibreform) unter der Namensform Grass erfolgten. † 13. April 2015 in Lübeck) war ein deutscher Schriftsteller, Bildhauer, Zeichner und Grafiker sowie streitbarer Intellektueller in der Auseinandersetzung um die demokratische Entwicklung Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg. 1999 wurde Grass der Nobelpreis für Literatur verliehen mit der Begründung, er habe der deutschen Literatur nach Jahrzehnten moralischer und sprachlicher Zerstörung einen Neuanfang ermöglicht.
Als kaum 17-Jähriger war Grass im Herbst 1944, wie er erst spät in Beim Häuten der Zwiebel (2006) öffentlich bekannte, zur Waffen-SS eingezogen worden. Nach der Entlassung aus westalliierter Kriegsgefangenschaft 1946 und mehreren Gelegenheitsbeschäftigungen bereitete sich Grass mit einer Steinmetz-Lehre auf ein Studium in den Kunstakademien Düsseldorf und Berlin vor, das er 1956 als Meisterschüler Karl Hartungs abschloss. Bereits seit 1955 trug Grass Proben seines schriftstellerischen Schaffens in der Gruppe 47 vor. Mit der während seiner Jahre in Paris verfassten und 1959 erschienenen Blechtrommel erzielte er einen phänomenalen, auch international gefeierten Durchbruch als Schriftsteller. Zugleich begründete er damit seine Rolle als unablässig für die Vergegenwärtigung deutscher Schuld und Scham angesichts der NS-Verbrechen öffentlich Eintretender, was ihm auch teils heftigste Ablehnung eintrug.
Unterschiedliche Reaktionen löste zudem sein häufiges Engagement für die SPD in Wahlkämpfen aus. Zu Zeiten der deutschen Teilung trat Grass für fortgesetzten kulturellen Austausch zwischen Bundesrepublik und DDR ein und im Zuge der Wiedervereinigung für den Erhalt der DDR im Rahmen einer Konföderation der beiden deutschen Staaten. Von seinem politischen Wirken beeinflusst waren häufig auch die Einschätzungen der zahlreichen bis in sein letztes Lebensjahrzehnt erbrachten Leistungen als Schriftsteller und Künstler. Mit weiteren Romanwerken wie Der Butt, Die Rättin oder Ein weites Feld erreichte Grass ein breites Publikum, ebenso wie mit mehr oder minder fiktionalen Erinnerungswerken wie Mein Jahrhundert oder mit der Novelle Im Krebsgang. Seine Bücher wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und teilweise verfilmt. Eine Vielzahl bedeutender Auszeichnungen begleitete sein Schaffen. Grass’ Werk und Rolle als Autor und politischer Intellektueller war und ist Gegenstand umfangreicher Forschung im In- und Ausland.
Leben und Wirken
mini|Günter-Grass-Haus (gelb) in Lübeck (2008) In seinen 87 Lebensjahren war Grass als Künstler und Schriftsteller nicht nur vielseitig, sondern auch vielerorts tätig und wirksam. Längere und teils wiederholte Aufenthaltsorte waren nach dem Verlust seiner Danziger Heimat als Studienorte für Bildhauerei Düsseldorf und Berlin, als Entstehungsort der Blechtrommel Paris, nach dem Ende seiner Berliner Jahre Wewelsfleth in Schleswig-Holstein, schließlich Feriendomizile auf Møn und an der portugiesischen Algarve sowie als Wohnort und Schaffensmittelpunkt für seine drei letzten Lebensjahrzehnte Behlendorf, unweit Lübeck mit dem Günter-Grass-Haus. Die ausgedehnteste seiner zahlreichen Reisen (u. a. zu Lesungen, Vorträgen, Wahlkampfveranstaltungen, Ehrungen, Recherchen und Erkundungen) führte ihn für etwa ein halbes Jahr nach Kalkutta, worüber das mit Zeichnungen und Gedichten verbundene Erinnerungsbuch Zunge zeigen Aufschluss gibt.„Über 40 Länder hat der Weltreisende im Lauf seines Lebens besucht, an literarischen Spiegelungen dieser großen Touren sollte es später nicht fehlen“, heißt es bei Harro Zimmermann. (Zimmermann 2023, S. 654)
Danziger Wurzeln
Aufgewachsen ist Grass im Danziger Vorort Langfuhr. Sein Elternhaus im Labesweg 13Ulica Lelewela 13, Dom Rodzinny Güntera Grassa. war ein vierstöckiges Mietshaus, in dem seinerzeit 19 Familien lebten. Im Erdgeschoss rechts befand sich der von Grass‘ Mutter betriebene Kolonialwarenladen sowie Wohnzimmer, Küche und das zum Hinterhof gelegene Schlafzimmer der Familie, zu der auch Günters drei Jahre jüngere Schwester Waltraud gehörte. Die da schon verstorbenen Großeltern mütterlicherseits stammten aus der Kaschubei; deren drei Söhne waren im Ersten Weltkrieg gefallen. Ihre jeweiligen Neigungen, von denen der junge Grass durch seine Mutter hörte, machte er zu den seinen: die Schriftstellerei, das Schauspiel und das Kochen. Die Mutter selbst regte ihn durch ihr Klavierspiel und mit kleinen Gedichten für die örtliche Sonntagszeitung zu schöngeistiger Betätigung an. Auch den Sinn für Geschäftliches förderte die Mutter bei Günter, indem sie ihn als Eintreiber für ausstehende Zahlungen von Kunden herumschickte – womit der minderjährige Günter als mit kleinem Prozentanteil Beteiligter nicht nur sein Taschengeld aufbessern konnte, sondern auch Eindrücke von verarmten Mietern, zerstrittenen Nachbarn, prügelnden Alkoholabhängigen und herablassenden Beamten für sein späteres Werk sammeln konnte.Zimmermann 2023, S. 37–41.
Der Vater Willy entstammte einer in Danzig eingesessenen protestantischen Handwerkerfamilie mit einem Tischlereibetrieb, hatte eine Bürolehre absolviert und war als Vertreter für Papierwaren beschäftigt, bis die Familie vom Laden seiner Frau leben konnte, für den er die Großmarkteinkäufe und die Fensterdekoration übernahm. Den Ausschlag für die Religionszugehörigkeit der Kinder gab die katholische Mutter, sodass Günter von frühauf in der örtlichen Herz-Jesu-Kirche mit der entsprechenden Liturgie vertraut gemacht wurde und dann auch als Messdiener fungierte.Neuhaus 2012, S. 30 f. und 51 f. Sein Onkel Walther väterlicherseits verhalf dem erst zehnjährigen Neffen zu ganz anderen, noch unstatthaften Erlebnissen, als er 1937 Filmvorführer im örtlichen Tobis-Kino wurde und Günter durch ihn regelmäßig zum kostenlosen Betrachtungsgenuss von Filmproduktionen weit jenseits der für ihn geltenden Altersempfehlung kam.Jürgs 2015, S. 40. Im Gesamtbild erscheint dem Grass-Biographen Harro Zimmermann diese Familie als ein „vielfarbenes Volks-, Sprachen- und Religionsgemenge, ein spannungsvolles Charakter- und Temperamentsgemisch.“Zimmermann 2023, S. 41.
Eigenwilliges Temperament ließ Grass bereits in seiner Schulzeit erkennen, in der er als frech, aufsässig und unverschämt geführt wurde und deshalb wiederholt die weiterführende Schule wechseln musste. Ausgeprägtes Interesse zeigte er nur für bestimmte Fächer, die seinen Anlagen entgegenkamen, hauptsächlich Deutsch und Kunst. Schon der Bücherschrank seiner Mutter, später die Stadtbibliothek boten ihm viel anregenden Lesestoff, mit dem er sich in die Abgeschiedenheit des Dachbodens zurückzog. Seiner Zeichenlehrerin Lilly Kröhnert fielen sein Zeichentalent und sein kunsthistorisches Interesse auf. Sie lud ihn außerhalb der Schulzeit in ihr Gartenatelier ein und machte ihn da auch mit Werken bekannt, die die NS-Propaganda als „entartete Kunst“ ausgesondert und untersagt hatte.Rüther 2022, S. 41. Den zweiten unfreiwilligen Schulwechsel provozierte Grass, als er nicht wie beim ersten Mal den Turnlehrer, sondern den Musiklehrer anging. Dessen „Heideröschen“-Gesangsvortrag begleiteten die Schüler mit jazzartigen Geräuschen und Zuckbewegungen. Der aufgebrachte Pädagoge griff sich Grass heraus und schüttelte ihn, worauf der ebenfalls handgreiflich wurde und am Schlips des Gegenübers zog, bis dem die Luft wegblieb.Grass Beim Häuten der Zwiebel 2006, S. 49 f.; Jürgs 2015, S. 46.
In Krieg und Kriegsgefangenschaft
Nicht als Last, sondern wie eine Befreiung empfand Grass das vorzeitige Ende der Schulzeit, die ohne Abitur von der angeordneten Ausbildung zum Flakhelfer abgelöst wurde. Viel mehr als mit der Schule identifizierte der junge Grass sich mit der Ideologie und den Aktivitäten der Hitler-Jugend sowie mit dem Krieg und dem Kriegsgeschehen deutscherseits seit 1939, wozu er sich Spezialkenntnisse etwa über die diversen Kriegsschiffe aneignete. Noch während der Flakhelfer-Ausbildung machte er sich im Frühjahr 1944 auf, um sich für die Verwendung in der U-Boot-Flotte mustern zu lassen, wurde aber aus Altersgründen abgewiesen. Stattdessen kam die Einberufung zum dreimonatigen Reichsarbeitsdienst. Dort ermöglichte man ihm anstelle der sonst zu leistenden Baumfällaktionen bald die Anfertigung von Aquarellen kaschubischer Landschaften für die Kantine.Grass Beim Häuten der Zwiebel 2006, S. 76–85 und 92–95. Im September 1944 wurde der noch nicht 17-Jährige zur Waffen-SS eingezogen und in den böhmischen Wäldern mit anderen einem abstoßenden militärischen Schleifungsgeschehen unterworfen, an das sich die Ausbildung zum Panzerladeschützen anschloss. Im Februar 1945 wurde Grass der 10. SS-Panzer-Division „Frundsberg“ zugeordnet, die gerade von der West- an die Ostfront verlegt worden und nur mehr lückenhaft bestückt war, sodass Grass‘ Einheit auf Panzer zunächst warten musste und bereits beim ersten Einsatz zwischen Forst und Guben im April 1945 unter Stalinorgel-Beschuss verheerende Verluste erlitt. Ab Mitte April 1945 war Grass eigenen Angaben zufolge keinem regulären Kommando mehr untergeordnet und brachte sich schließlich, teils hinter die russischen Linien geratend, auf eigene Faust durch, zeitweise mit Hilfe eines Obergefreiten, der ihm zwecks verbesserter Überlebenschancen zum Tausch der SS-Uniform gegen eine reguläre Wehrmachtsuniform riet.Grass Beim Häuten der Zwiebel 2006, 81–95 und 126–164; Zimmermann 2023, S. 45 und 48–54. Als Begleiter eines Flüchtlingstrecks gerieten beide ins Schussfeld eines Gefechts zwischen sowjetischen Panzern und deutschen Sturmgeschützen, bei dem Grass durch einen Streifschuss am Bein und einen Granatsplitter in der Schulter verletzt wurde, vergleichsweise leicht, sodass man ihn nach der medizinischen Erstversorgung wieder fortschickte. Ein Marschbefehl beorderte ihn ins Großlazarett nach Marienbad, wo er am 8. Mai in amerikanische Kriegsgefangenschaft kam.Neuhaus 2012, S. 75–80.
Seinen Angaben entsprechend erfassten die US-Behörden Grass: seit dem 10. November 1944 der Waffen-SS zugehörig und Ladeschütze der Panzerdivision Frundsberg. Als Zivilberuf des 17-Jährigen wurde „Schüler“ eingetragen.Zimmermann 2023, S. 55 f. Von seinen Verwundungen einigermaßen genesen wurde Grass bald darauf in das größte süddeutsche Kriegsgefangenenlager nach Bad Aibling verlegt und hatte wie viele andere zunächst nur Erdlöcher als Behausung, bis schließlich Baracken und Zelte für alle vorhanden waren.Jürgs 2015, S. 56. Dauerhaft profitieren sollte Grass von dem aus Vorträgen bestehenden Kochkurs (als Bestandteil des Lager-Fortbildungsangebots), den ein darin beschlagener Mitgefangener für Interessierte anbot und der vielerlei Rezepte und Zubereitungsarten vermittelte.Neuhaus 2012, S. 82–85. Mit deutschen Kriegsverbrechen dagegen konnte man Grass vorerst nicht kommen. Die von der amerikanischen Lagerverwaltung Grass und seinen Mitinsassen vorgelegten Beweisfotos der im KZ Bergen-Belsen begangenen Verbrechen stießen bei ihm wie bei anderen auf Unglauben, der auch nach einem angeordneten Besuch des KZ Dachau aufrechterhalten wurde: lauter inszenierte Fälschungen der Sieger, das konnten Deutsche nicht getan haben, meinten sie. Grass Einschätzung und Haltung dazu sollte sich nach eigenem Bekunden erst grundlegend ändern, als er in Radioübertragungen von den Nürnberger Prozessen 1946 die Schuldbekenntnisse des vormaligen „Reichsjugendführers“ Baldur von Schirach mitanhörte.Jürgs 2015, S. 56 f.