mini|Marthe Richard (1915) mini|Marthe Richard (1937) Marthe Richard, eigentlich Marthe Crompton, geb. Betenfeld, verw. Richer (* 15. April 1889 in Blâmont im Département Meurthe-et-Moselle; † 9. Februar 1982 in Paris), war eine französische Prostituierte, Pilotin, Spionin und kurzzeitige Stadtverordnete von Paris. Bekannt wurde sie als Initiatorin des nach ihr benannten Gesetzes „Loi Marthe Richard“ vom 13. April 1946, durch das noch im selben Jahr sämtliche Bordelle in Frankreich geschlossen wurden.
Vor dem Ersten Weltkrieg Marthe Betenfeld wuchs in einfachen Verhältnissen in Blâmont in Lothringen auf, nur wenige Kilometer vom damals zum Deutschen Reich zählenden Reichsland Elsaß-Lothringen entfernt. Ihre Eltern waren Louis und Marie-Elisabeth Betenfeld. Der Vater arbeitete in einer Brauerei. 1903 begann sie in Nancy eine Lehre als Hosenschneiderin. Über die dort stationierte Garnison und die zugehörigen Bordelle begann sie mit der Prostitution. Nachdem ein Soldat sie unter dem Vorwurf, sie habe ihn mit Syphilis infiziert, angezeigt hatte, wurde sie am 21. August 1905 in das nationale Prostituiertenregister eingetragen.
Anfang 1907 siedelte sie nach Paris um und ging dort weiter ihrer bisherigen Tätigkeit nach. Noch im selben Jahr lernte sie den wohlhabenden, deutlich älteren Fischhändler Henri Richer kennen. Richer bemühte sich um ihre Ausbildung und führte sie in die gehobene Gesellschaft von Paris ein. Er ermöglichte es ihr auch, einen Pilotenschein zu erwerben – den sie als eine der ersten Französinnen am 23. Juni 1913 erhielt –, und finanzierte ihr ein Flugzeug. In der nächsten Zeit sollte die Fliegerei ihre Leidenschaft werden. Sie trat dem Fliegerinnenverein Stella bei und nahm an Flugvorführungen teil. Von der Presse erhielt sie den Spitznamen „l’Alouette“ (die Lerche). Bei einer Bruchlandung bei La Roche-Bernard im August 1913 wurde sie schwer verletzt. Sie lag drei Wochen im Koma, durch den Unfall verlor sie auch die Fähigkeit, Nachwuchs zu bekommen. Trotzdem nahm sie die Fliegerei wieder auf. Im Februar 1914 wurde ihr ein Langstreckenrekord für einen Flug mit einer Caudron G-III von Le Crotoy nach Zürich zuerkannt, obwohl sie in Wirklichkeit heimlich einen Teil der Strecke mit dem Zug zurückgelegt hatte.
Nach Beginn des Ersten Weltkrieges bemühte sie sich darum, aktiv daran teilnehmen zu können. Gemeinsam mit anderen Fliegerinnen der Stella gründete sie 1914 die L’Union patriotique des aviatrices françaises. Trotzdem wurde sie vom seinerzeit zuständigen General Hirschauer nicht zum Kriegsdienst zugelassen mit der Begründung, man sei nicht sicher, ob im Falle einer Gefangennahme die einschlägigen Schutzbestimmungen der Haager Landkriegsordnung auch für Frauen gelten würden.
Richer erwarb für sich und seine Gefährtin ein Landhaus, das „Manoir de Beaumont“ in der Gemeinde Joué-en-Charnie westlich von Le Mans. Dort verbrachten beide in den Jahren 1910 bis 1914 die Sommermonate.Le Manoir de Beaumont auf der Website der Gemeinde Joué-en-Charnie. Abgerufen am 14. Mai 2012 (französisch). Obwohl sie mittlerweile anerkanntes Mitglied der Pariser Gesellschaft war, wurde ihr die beantragte Löschung aus dem nationalen Prostituiertenregister verwehrt mit der Begründung, sie habe bei ihrer Übersiedlung nach Paris im Jahre 1907 falsche Angaben zur Person gemacht. Henri Richer und Marthe Betenfeld heirateten am 13. April 1915. Henri Richer zog kurz danach in den Krieg, wo er am 25. Mai 1916 in Massiges westlich von Verdun seinen Kriegsverletzungen erlag.
Spionin während des Ersten Weltkrieges Durch die Fliegerei lernte Marthe Richer Jean Violan, Spitzname „Zozo“, kennen. Violan, mit richtigem Namen Joseph Davrichewy oder auch Davrischischwili, war ein russischer Emigrant georgischer Abstammung. Er stand in jungen Jahren in einer direkten Beziehung zu Josef Stalin und war möglicherweise sogar dessen Halbbruder. Violan flog für die französische Luftwaffe und war auch für den französischen Geheimdienst aktiv.Simon Sebag Montefiore: Der junge Stalin. S. Fischer, Frankfurt, 2007, S. ISBN 3-10-050608-1. Über Violan bekam Marthe Richer wiederum Kontakt zu Georges Ladoux.
Ladoux war als Nachrichtenoffizier seit August 1914 Leiter der Presse- und Telegrammzensur des Kriegsministeriums gewesen. Im Mai 1915 übernahm er die Leitung der neu gegründeten und von ihm auch aufgebauten Section de Centralisation du Renseignement. Diese war dem 1907 wieder errichteten Deuxième Bureau angeschlossen.Bref historique des services français, depuis 1871 auf einer Website zur Geschichte der französischen Geheimdienste. Abgerufen am 8. Mai 2012 (französisch) Ladoux setzte dabei stark auf die Informationsgewinnung durch weibliche Spione, die sich privat an Geheimnisträger der Gegenseite heranarbeiten sollten. Die für diesen benötigten Damen rekrutierte Ladoux gerne aus dem Halbweltmilieu.
Ladoux hatte Marthe Richer zunächst im Verdacht, für Deutschland zu spionieren. Er beauftragte Violan, sie zu überwachen. Beide verliebten sich ineinander und begannen ein Verhältnis. Violan gelang es, Ladoux von Richers Unschuld zu überzeugen. Ladoux bot Marthe Richer daraufhin an, in seinem Sinne für Frankreich tätig zu werden. Zunächst lehnte sie dies angewidert ab, sagte aber nach dem Tode ihres Mannes dann doch zu, möglicherweise aus Rachegefühlen gegenüber Deutschland. Nachdem er ihr Grundkenntnisse der Spionagetätigkeit vermittelt hatte, setzte Ladoux sie auf den deutschen Offizier Hans von Krohn, damaliger Marineattaché in Spanien, an.
Über die tatsächlichen Ereignisse in der Folgezeit existieren unterschiedliche Versionen. Eine populäre, auf den Mitte der 1930er Jahre veröffentlichten Erinnerungen Richards und Ladoux’ basierende Lesart besagt, sie habe eine Liebesbeziehung zu von Krohn begonnen, möglicherweise auch wiederaufgenommen. Hierdurch sei sie an Informationen gelangt, die sie mittels unsichtbarer Tinte an Ladoux übermittelt habe: über einen Ring deutscher Agenten in Frankreich, Waffenlieferungen an Aufständische in Französisch-Marokko oder U-Boot-Bewegungen. Darüber hinaus habe sie sich der deutschen Seite pro forma ebenfalls als Agentin angeboten, nur um erteilte Aufträge zu sabotieren.Unkritische Darstellung des Lebens von Marthe Richard auf einer Website über Spione. Abgerufen am 14. Mai 2012
Eine andere Variante besagt, dass die Aktion ganz anders abgelaufen und ein völliger Fehlschlag gewesen sei. Richer und Violan/Davrichewy sollten sich gemeinsam nach Madrid begeben. In der dortigen Deutschen Botschaft sollten sie für die Verbreitung pazifistischen Gedankengutes werben, gleichzeitig aber auch versuchen, den Safe in der Botschaft zu knacken. Der Kontakt mit von Krohn sei wohl auch zustande gekommen. Kurz darauf wurden die beiden aber in einen Autounfall verwickelt. Ein russischer Pilot und eine Französin in einem Auto des deutschen Marineattachés zogen zunächst die Aufmerksamkeit der spanischen und dann auch der französischen Presse auf sich. So ihrer Tarnung beraubt, habe das Paar unverrichteter Dinge nach Paris zurückkehren müssen.Douglas Porch: The French Secret Services. Frarrar, Straus and Giroux, New York 1995, ISBN 0-374-15853-3, S. 129 ff.
Im Verlaufe des Kontaktes zu von Krohn konnte sie diesem zwar einige geheime Informationen zu deutschen U-Booten entlocken, nicht aber die erhoffte Karte deutscher U-Boot-Stützpunkte in Spanien.Ruf der Geschlechter. In: Der Spiegel, Heft 4/1952, 23. Januar 1952. Abgerufen am 1. Mai 2012. In Madrid hatte sie auch Kontakt zu Margaretha Geertruida Zelle, genannt Mata Hari. Beide wohnten im Laufe des Jahres 1916 zeitweise im Palace-Hotel in Madrid. Dem Deuxieme Bureau war Mata Hari bereits Mitte 1915 als potenzielle Spionin der Gegenseite aufgefallen. Einen Auftrag, sie zu überwachen, hatte Richer aber wohl nicht.Sam Waagenaar: Mata Hari. Der erste wahre Bericht über die legendäre Spionin, S. 307 ff. Bastei-Lübbe, Bergisch Gladbach 1985, ISBN 3-404-61071-7 (früherer Titel: Sie nannte sich Mata Hari. Bild eines Lebens, Dokument einer Zeit).
Über ihre weitere Tätigkeit im nachrichtendienstlichen Bereich gibt es wenige gesicherte Informationen. Eine kriegsbeeinflussende Rolle hatte Richer nicht. Insgesamt war sie wohl von Juni 1916 bis September 1917 mit verschiedenen Aufträgen betraut.
Verehrung als Kriegsheldin Nach Ende des Krieges hielt sich Richer in Paris auf. Sie begann wieder zu fliegen und kam so in Kontakt zu Kreisen britischer Staatsbürger. Hierdurch lernte sie Thomas Crompton, den damaligen Finanzdirektor der Rockefeller-Stiftung in Frankreich, kennen. Beide heirateten 1926. Durch diese Hochzeit wurde sie britische Staatsbürgerin und verlor, da die doppelte Staatsbürgerschaft nach französischem Recht unzulässig war, ihren französischen Pass. Nach Cromptons überraschendem Tod 1928 zog sie nach Bougival, westlich von Paris. Eine Rente der Rockefeller-Stiftung von monatlich 2000 FF ermöglichte ihr ein wohlhabendes Leben.
1932 setzte eine neue Entwicklung ein. Georges Ladoux, ihr ehemaliger Führungsoffizier, begann einige Jahre nach seiner Pensionierung, seine Erfahrungen und Erlebnisse aus seiner nachrichtendienstlichen Tätigkeit während des Ersten Weltkrieges in mehreren Büchern zu veröffentlichen. Diese teilweise autobiografischen, aber auch stark mit fiktionalen Elementen durchsetzten Werke sollten in der Folgezeit dazu führen, dass die Geheimdienste und ihre Akteure verklärend, geradezu heroisierend dargestellt wurden. Die Öffentlichkeit nahm diese Darstellungen dankbar an, obwohl sie bei weitem nicht der Realität entsprachen.Gundula Bavendamm: Spione und Geheimdienste. Vortrag anlässlich eines Symposiums zum Ersten Weltkrieg im Deutschen Historischen Museum im Mai 2004. Digitalisat des Abstracts bei Clio-online, PDF, 9 kB, sowie kurze Zusammenfassung im Newsletter des AK Militärgeschichte, Jahrgang 23, Nr. 2 von 2004, S. 45. Digitalisat, 2,3 MB, beide abgerufen am 4. Mai 2012. Ladoux firmierte als Autor unter „Commandant Ladoux“, auf dem Titelblatt wurde seine Rolle als ehemaliger Chef des Geheimdienstes explizit angeführt, die Bücher waren als Reihe unter dem Titel Memoires de Guerre Secrete angelegt., jpg-Datei. 528 kb. Abgerufen am 16. Mai 2012.