Orsoy [], von circa 1273 bis 1974 eine eigenständige Stadt zuletzt innerhalb des Kreises Moers, ist heute ein Stadtteil (amtlich Wohnplatz) und einer von vier Stadtbezirken der nordrhein-westfälischen Stadt Rheinberg am linken Niederrhein im Kreis Wesel.

Übersetzt bedeutet das Wort Orsoy (gesprochen: im Standarddeutschen: Orsau, im Niederrheinischen bzw. präziser im Orsoyer Platt kurz und hart: O(r)schau, früher auch Ö(r)schau) in etwa „Pferdewiese“ (Rossaue). Orsoy ist wegen der Rheinpromenade, seiner Festungsmauern und seiner historischen Innenstadt ein beliebter Ausflugsort, von dem mit der Rheinfähre Orsoy–Walsum zum rechtsrheinisch gelegenen Duisburger Stadtteil Walsum übergesetzt werden kann. Zum Stadtbezirk Orsoy gehören der Ortsteil Orsoyerberg, sowie die Weiler Drießen, Plank, Hasenfeld und Milchplatz. Die ehemalige Gemeinde Orsoy-Land wurde bis 1971 durch die Stadt Orsoy in Personalunion verwaltet.

Geografie Geografische Lage Orsoy liegt linksrheinisch am Niederrhein. Aufgrund starker Bergsenken liegen einige Teile des Orts unter oder knapp über dem Wasserspiegel des Rheins.

Klima Orsoy weist ein ganzjährig gemäßigtes Klima auf. Die jährliche Durchschnittstemperatur beträgt etwa 11 °C und schwankt dabei zwischen 3 °C im Monat Februar sowie 20,1 °C im Monat Juli. Die mittlere Tiefsttemperatur liegt knapp oberhalb der Frostgrenze. Frostgefahr besteht zwischen September und April.

Gleichzeitig liegen die monatlichen Maximal- und Minimalwerte weit auseinander. Neben milden Wintern mit Tageshöchstwerten um 14 °C treten kalte Winter mit Tiefstwerten von bis zu −17 °C auf. Es treten ebenso heiße, trockene wie kühle, feuchte Sommer auf.

Die jährliche Niederschlagssumme liegt bei etwa 640 mm. Die niederschlagreichsten Monate sind Juli und August. Monatlich fällt an 9 bis 14 Tagen Niederschlag. Bedingt durch das insgesamt eher milde Klima ist Schneefall eher selten.

Festung Orsoy mini|Das als Schutz vor Hochwasser 1937 vom Architekten Helmut Hentrich entworfene Rheintormini|Blick auf Graben mit Glacis vor Bastion

+ Befestigungszeiten Zeitraum Beschreibung 1139–1273 Befestigte Stadt (Ort mit bäuerlichen Anwesen) 1273–1438 Feste Stadt (Eine Stadt wird nach der Errichtung der Mauer und der Stadttore so genannt) 1565–1581 Festung (neuitalienisch) 1632–1640 Festung (altniederländisch)

Der Ort wird in großen Teilbereichen von einer mittelalterlichen Stadtmauer mit 4 Stadttoren umgeben (1. Befestigungsring). Das letzte der noch vorhandenen historischen Stadttore, das Kuhtor, wurde im Rahmen der Kriegshandlungen 1945 zerstört. Die Tore selbst waren Doppeltoranlagen mit Vortor, Zwinger und dem Haupttor. Am Kuhtor wurde schon früh eine vorgelagerte Barbakane (vgl. Abbildung: Festung Orsoy um 1650) errichtet. Das heute noch genutzte Hochwasserschutztor (Wassertor oder Rheintor) wurde erst 1937 errichtet. Außerdem gab es diverse Mauertürme sowie vier Ecktürme. Der heute noch vorhandene 18 Meter hohe Pulverturm (ehem. Mühlenturm – urspr. der Einzige in die Mauer integrierte Eckturm der Stadtmauer) veranschaulicht die Ausmaße der Stadtbefestigung. Vom blauen Turm sind nur noch das Fundament und Reste der Grundmauern erhalten geblieben.

Der 2. Befestigungsring – 5 Bollwerke (Bastionen), Hauptwall, Hauptgraben – ist komplett erhalten. Die fünf Bollwerke bestehen aus Erde mit einem gemauerten Fundament auf Grabenhöhe. Dieser gemauerte Sockel der Bollwerke ist von Erde und Bewuchs bedeckt, an zwei Stellen in Orsoy ist dieser Sockel jedoch freigelegt. Die fünf Bastionen und die begehbaren Kurtinen zwischen ihnen sind (im Rahmen des Wallpromenadenrings) durch Wege erschlossen. Sie heben sich immer noch deutlich von der Landschaft ab und stehen unter Denkmalschutz.

Die Festung Orsoy ist nach zwei unterschiedlichen Festungsbaumanieren errichtet worden: neuitalienisch (2. Ring) und altniederländisch (3. Ring).

Der neuitalienische Teil geht auf Johann d. Ä. Pasqualini (Sohn von Alessandro Pasqualini) zurück. Zu diesem Teil gehören auch die fünf Bollwerke. Die Verbindungen der einzelnen Bollwerke (Bastionen) untereinander nennt man Kurtine oder deutsch: den Hauptwall (z. B. Südwall). Davor liegt die Wasserfläche des ehem. Hauptgrabens. Der Hauptgraben ist heute bis auf den Bereich vor der Bastion Kuhpforte (Kuhteich – vgl. Abbildung: Historische Festungsanlagen: Befestigungsring 1 + 2) komplett trocken.

Der altniederländische Teil stellt den 3. Befestigungsring dar. Zu diesem altniederländischen Teil gehören die vier Ravelins zwischen den Bollwerken. Zur Errichtung der Ravelins wurde der Hauptgraben ausgebaut und verbreitert. Auch die „Zollinsel“ (im Rhein) vor dem Rheintor war Ravelin „ähnlich“ ausgebaut, gilt aber nicht als 5. Ravelin. Das 1. Ravelin zwischen Kastells- und Henkesbollwerk ist kaum noch im Gelände erkennbar. Das 2. Ravelin befindet sich auf der Fläche des Krankenhauses, das 3. im Nahbereich des Kuhteiches. Das 4. Ravelin (Süd-Ravelin) vor dem ehemaligen Binsheimer Tor ist genau nach Süden ausgerichtet und lässt sich im offenen Gelände noch sehr gut erkennen. Letztes Verteidigungselement des 3. Ringes war der Niederwall (vor dem Hauptgraben) mit dem gedeckten Weg und dem davor liegenden Glacis.

Die Festung Orsoy selbst wird gemäß der gültigen Festungsterminologie als „Irreguläre Pentagonale Bastionärsfestung“ bezeichnet. Der Begriff „irregulär“ bezieht sich auf die Anpassung der Festung an die örtliche Topographie, insbesondere an den Rhein als irregulären Teil der Festungsanlage statt des regulären künstlichen Festungsgrabens.

Geschichte Urgeschichte und frühes Mittelalter Erste Siedlungsspuren weisen, wie für den gesamten Niederrhein, auf ab 750 v. Chr. vordringende Germanen hin, die zunehmend die ansässigen Kelten verdrängt oder assimiliert haben dürften.

Zur Zeit der caesarischen Gallieneroberung dürften Menapier in der Gegend des heutigen Orsoy gesiedelt haben. Später wurden dann von Tiberius Cugerner, die zuvor als Sugambrer gegenüber Köln zu finden waren, zwischen Krefeld und Kleve zwangsangesiedelt. Mit dem 4. Jahrhundert dürfte sich an der Stelle des späteren Orsoy dann (neben der vorbeiführenden Römerstraße) noch zumindest eine Fährstelle und wahrscheinlich eine villa rustica gefunden haben. Dieses Gehöft könnte auch die Keimzelle einer dann schon begonnenen Besiedelung gewesen sein.

Mit den 401/402 abrückenden Römern, die nun Italien gegen die Westgoten verteidigten, gelangten zunehmend die salischen Franken zu Macht (Köln wurde 454 erobert). Zu den Cugernern, die nun zu den Franken zählten, kamen die aus dem Ruhr-Lippe-Gebiet rheinabwärts ziehenden Hattuarier, die sich zunehmend mit jenen vermischt haben dürften.

Etwas außerhalb von Orsoy beim Orsoyer Weiler Hasenfeld wurden 1938 nahe am Rhein neun Gräber aus dem frühen Mittelalter ergraben (ca. 500–630 n. Chr.). Darunter einige außerordentlich reiche Bestattungen („Fürstengräber“) aus der zweiten Hälfte des 6. Jahrhunderts, mit Beziehungen nach Skandinavien im Fundgut.Kurt Böhner: Die fränkischen Gräber von Orsoy, Kreis Mörs. Bonner Jahrbücher 149, 1949, S. 146–196; Jochen Giesler: Frühmittelalterliche Funde aus Niederkassel, Rhein-Sieg-Kreis. Bonner Jahrbücher 183, 1983, S. 475–590, hier: S. 513 ff. mit Abb. 20; Frank Siegmund: Merowingerzeit am Niederrhein. Rheinische Ausgrabungen 34. Rheinland-Verlag 34, Köln 1998, ISBN 3-7927-1247-4, S. 85 und 348–355, Taf. 128–137.

Der Hof Ruberg, auf den der Ruberger Weg bis heute hinweist, ist als erste mögliche fränkische Siedlung jedoch weiterhin streitig.Vgl. Kastner, 28f. Um 700 dürfte der Niederrhein dann christianisiert worden sein.

Hoch-/Spätmittelalter (1139–1579) mini|Stadtansicht Orsoys, Kupferstich von Le Clerc, über die Einnahme Orsoys durch den französischen König Ludwig XIV. am 3. Juni 1672

Erst ab dem 12. Jahrhundert lässt sich Orsoy dann als Gemeinde oder Stadt ausmachen und belegen. Die früheste Erwähnung findet sich in einer Urkunde der Abtei Hamborn, die 1139 ihren Besitz in „Hersougen“ benannte.Theodor Joseph Lacomblet: Urkundenbuch für die Geschichte des Niederrheins, 1. Band, Schönian’sche Buchhandlung, Düsseldorf 1840, Urkunde 333, S. 222ff. (Digitalisat Universitäts- und Landesbibliothek Bonn). Schon hier scheint jedoch von einer entwickelten Gemeinde ausgegangen zu werden.

1225 beurkundete auch das 1123 gegründete Kloster Kamp seine Besitztümer in „Orsoie“. Daneben hielten im Laufe der Zeit auch das Kloster Werden und das Kloster Siegburg (Benediktiner), dann das Kloster Bedburg bei Kleve und das Kloster Fürstenberg bei Xanten (Nonnen) sowie die Damenstifte Sankt Maria im Kapitol bei Köln und Gerresheim bei Düsseldorf und das Ordenshaus der Johanniter in Duisburg und deren Kommende in Walsum Besitztümer in und um Orsoy.

1233 erwähnte dann eine Urkunde des Grafen Dietrich IV. von Kleve vom 19. Mai Orsoy als gräflichen Fronhof (curtis Orsoie), dessen Einkünfte dieser seiner Schwiegertochter Elisabeth, der Tochter des Herzogs von Brabant, in der für diese Zeit üblichen Weise zur freien Verwendung überschrieb. Von 1238 bis 1240 ist Orsoy dann als (Rhein)Zoll-Station für Kleve belegt. Über den Beginn dieser Privilegierung fehlt jedoch jede Nachricht. Von Dietrich V. von Kleve, der 1260 bis 1275 herrschte, dürfte Orsoy dann zur Stadt erhoben worden sein (vgl. Kastner, 42, der 1263 für möglich, aber frühestens 1270 für wahrscheinlich hält), um eine südliche Befestigung gegen den Kölner Erzbischof, der in Rheinberg präsent war, aufzubauen. Dietrich VII. begründete auch die Städte Dinslaken, Büderich und Huissen bei Arnheim.

Die Stadt Orsoy dürfte jedoch im 14. Jahrhundert kaum hinreichend von den Zollrechten (sofern es sie noch innehatte) profitiert haben, da sich die Stadt in zunehmender, von einem Brand 1347 und/oder 1351 beschleunigter Verarmung befand. Dennoch bestätigte am 1. September 1347 Kaiser Ludwig IV., genannt „der Bayer“, noch einmal die Stadternennung mit den zugehörenden „Freiheiten“ und die Zollstätte für den Rheinzoll.Theodor Joseph Lacomblet: Urkundenbuch für die Geschichte des Niederrheins, 3. Band. Schaub’sche Buchhandlung, Düsseldorf 1853, Urkunde 447, S. 360 (Digitalisat Universitäts- und Landesbibliothek Bonn).

Dass diese zweite Stadtwerdung nötig war, mag die rechtliche Unsicherheit erklären, in der die durchaus nicht zur Blüte gereifte Stadt sich fand. Auch nach dem Brand 1351 privilegierte Graf Johann von Kleve die Stadt erneut.

Dass Orsoy jedoch nie das Marktprivileg verliehen worden zu sein scheint, mag diese zurückhaltende Entwicklung der Stadt erklären, wenngleich dieser Mangel unter der ansonsten reichlichen Privilegierung ein Kuriosum bleibt, für das eine schlüssige Erklärung bis heute fehlt.

Die Verwaltung der Gemeinde (universitas) erfolgte anfänglich noch durch sieben Schöffen (scepen, scabini), die aus den Vornehmen heraus sich selbst kooptativ ergänzten, und einem Richter (judex), den der Klever Graf ernannte. Der Übergang zur Ratsverwaltung dürfte Ende des 13. Jahrhunderts vollzogen worden sein (Wesel 1271, Duisburg 1274), ist aber erst für 1351 bezeugt. Für 1364 findet sich dann erstmals ein Amtmann belegt. Nachdem der judex zunehmend auf die Rechtsprechung beschränkt worden war, trat dann Ende des 14. Jahrhunderts ein Bürgermeister an die Spitze der Stadt. Ende des 15. Jahrhunderts ist dann der Übergang von der Oligarchie zu einer Honoratioren-Demokratie vollzogen:

Zu den sieben Schöffen und dem Bürgermeister traten die Geschworenen (Gemeinleute, Ratsfreunde), die aus vier Vierteln, in die die Stadt hierzu unterteilt worden war, gewählt wurden. Im Gegensatz zu dem üblichen Verfahren in größeren Städten, das auf ein Viertel drei oder vier Geschworene kommen ließ und zu deren Wahl wiederum zehn Wahlmänner pro Viertel aus dem Volk wählen ließ, sind für Orsoy jedoch nur vier „Ratsfreunde“ gewählt worden.