Glikl bas Judah Leib ( (= Glikl, Tochter des Judah Leib), geboren vermutlich 1647Dieses Geburtsjahr gibt Glikl in ihrer Autobiographie an. Mehrere Altersangaben in ihrer Autobiographie lassen annehmen, dass sie ein oder zwei Jahre früher geboren wurde. in Hamburg; gestorben am 19. September 1724Chava Turniansky, Gliḳl : zikhronot, 1691-1719, Hebräische Universität, 2006. S. 31. in Metz), (fälschlich) auch als Glückel von Hameln bekannt,Den Namen Glückel von Hameln prägte David Kaufmann. Er folgte damit den Namenskonventionen seiner Zeit, nach denen Frauen den Nachnamen ihrer Ehemänner annahmen. Zu Glikls Lebenszeiten war es aber für jüdische Frauen üblich, auch nach der Hochzeit den Vatersnamen zu tragen (Monika Richarz: Einleitung. In: Dies.: Die Hamburger Kauffrau Glikl. Jüdische Existenz in der Frühen Neuzeit. Hamburg 2001, S. 9). war eine deutsche Kauffrau, die als erste Frau Deutschlands eine erhalten gebliebene, bedeutende Autobiografie schrieb.

Leben und Wirken Herkunftsfamilie und Kindheit Glikl stammte aus einer aschkenasischen Familie, die in Hamburg in wohlhabenden Verhältnissen lebte. Ihr Großvater Nathan hatte sich nach der Vertreibung aus Detmold in Altona niedergelassen, wo Graf Ernst von Holstein-Pinneberg Anfang des 17. Jahrhunderts Religionsfreiheit erlassen hatte, um Kaufleute in den aufstrebenden Handelsort zu locken, eine Politik, die nach dem Aussterben der Grafen von Schauenburg und Holstein 1640 von dem dänischen König Christian IV. und seinen Nachfolgern fortgesetzt wurde.

Glikls Vater war Juda Joseph ben Nathan (~1595 – 6. Januar 1670),Grabstein von Josef Jehuda ben Natan. auch genannt Leib oder Löb Pinkerle oder Staden.So beispielsweise auf den Grabsteinen seiner Frau und seiner Tochter Riwka. Die Namensform „Leib“ (jiddisch für „Löwe“) ist gemäß der Beiname des Stammvaters Juda; „Staden“ bezeichnet möglicherweise Stade als Geburtsort. Er war ein erfolgreicher, wohlangesehener Diamantenhändler und Vorsteher der jüdischen Gemeinde in Altona. Aus seiner ersten Ehe hatte er keine Kinder. Ihre Mutter, die Geschäftsfrau Beila bas Nathan aus Ellrich,Die manchmal zu lesenden Namensform Melrich (מעלריך) bedeutet wörtlich "aus Ellrich", da die Vorsilbe -מ im Hebräischen für "von / aus" steht. Siehe: David Jacob Simonsen: Eine Confrontation zwischen Glückel Hameln’s Memoiren und den alten Hamburger Grabbüchern. In: Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums, Jg. 49 (1905), Nr. 1, S. 96–106; S. 100. war seine zweite Frau und sehr viel jünger als er.Natalie Zemon Davis: Glikl bas Juda Leib – ein jüdisches, ein europäisches Leben. In: Monika Richarz (Hrsg.): Die Hamburger Kauffrau Glikl. Jüdische Existenz in der Frühen Neuzeit. Hamburg 2001, S. 27–48; S. 29. Als Witwe verheiratete sie sich nicht wieder und starb 1704, mehr als 30 Jahre nach ihrem Mann.Grabstein von Bella bat Natan. steinheim-institut.de Beide sind auf dem Jüdischen Friedhof in Altona beigesetzt wie auch etliche Familienmitglieder. In der Ehe wurden mindestens ein Sohn, der Toragelehrte Awraham Binjamin Wolf,Grabstein von Awraham Binjamin Wolf ben Josef Jehuda. steinheim-institut.de und vier Töchter geboren, von denen Glikl vermutlich die älteste war.

Die Familie war vor Glikls Geburt wegen der besseren Geschäftsmöglichkeiten nach Hamburg gezogen. Hamburg hatte den Dreißigjährigen Krieg fast unbeschadet überstanden und war eine aufblühende Handelsstadt, in der seit dem 16. Jahrhundert sephardische oder portugiesische Juden mit Unterstützung des Senats ansässig waren. Glikls Familie gehörte zu den aschkenasischen oder deutschen Juden, die bis 1712 rechtlich schlechter gestellt waren als die Sepharden und auch keine eigene Synagoge in der Stadt hatten. Glikls Jugend wurde von dem damals stets vorhandenen latenten Hass auf die jüdische Gemeinde überschattet. Als Kleinkind erlebte sie 1649 die Vertreibung derjenigen deutschen Juden aus Hamburg, die sich – wie offensichtlich auch ihre Eltern – ohne besondere Erlaubnis des Hamburger Rats in der Stadt niedergelassen hatten.Monika Richarz: Einleitung. In: Dies.: Die Hamburger Kauffrau Glikl. Jüdische Existenz in der Frühen Neuzeit. Hamburg 2001, S. 17. Daraufhin lebte ihre Familie eine Zeitlang wieder im benachbarten Altona. 1657/58 flohen die Altonaer Juden vor dem schwedischen Angriff auf Altona nach Hamburg. Glikls Vater war der erste, dem es nach der Rückkehr in die Stadt gelang, eine offizielle Erlaubnis zur Ansiedlung in Hamburg zu erhalten.Die Memoiren der Glückel von Hameln. Übersetzt von Bertha Pappenheim, S. 24.

Erste Ehe Wie es in jüdischen Familien üblich war, heiratete sie sehr jung: Als Zwölfjährige wurde Glikl in Hameln mit Chaijm von Hameln oder Goldschmidt, einem Verwandten des reichen Hamburger Kaufmanns Chajim Fürst, verlobt und zwei Jahre später noch vor ihrem 14. Geburtstag verheiratet. Ihr Mann, der nur wenige Jahre älter war, stammte aus „einer der ältesten und bedeutendsten jüdischen Familien in Norddeutschland“.Rotraud Ries: Status und Lebensstil — Jüdische Familien der sozialen Oberschicht zur Zeit Glikls. In: Monika Richarz (Hrsg.): Die Hamburger Kauffrau Glikl. Jüdische Existenz in der Frühen Neuzeit. Hamburg 2001, S. 280–306; S. 284.

Nach einem Jahr im Haus der Schwiegereltern zog das junge Paar nach Hamburg, „denn Hameln war kein Ort der Handelschaft“.Die Memoiren der Glückel von Hameln. Übersetzt von Bertha Pappenheim, S. 60. Zunächst lebten sie bei ihren Eltern, während Chaijm erste Erfahrung als Kaufmann sammelte. Die beiden führten eine glückliche, partnerschaftliche Ehe. Glikl bekam vierzehn Kinder, von denen zwölf das Erwachsenenalter erreichten und selbst heirateten. Ihr erstes Kind wurde wenige Tage, bevor ihre Mutter ihre kleine Schwester Riwka zur Welt brachte, geboren. Chaijm nahm einen Perlen- und Juwelenhandel auf, der viele Reisen von ihm erforderte. Glikl, die auch sonst für die Einlösung der Pfänder von Kaufleuten zuständig war, musste in der Zwischenzeit das Geschäft in Hamburg alleine führen.

Während der Pest, die Hamburg 1664 heimsuchte, zog sie vorübergehend zu ihren Schwiegereltern nach Hameln. 1666 erlebte sie die allgemeine Euphorie um den angeblichen Messias Schabbtai Zvi. Es ist das einzige Mal, dass sie von Kontakten zu den Sepharden berichtet, über deren Netzwerk sich die Nachricht von dem Messias verbreitete und deren Begeisterung auch die Aschkenasen ansteckte. Nicht Wenige verkauften Hab und Gut, um von Hamburg aus die Schiffsreise in das Heilige Land anzutreten. Auch Glikls Schwiegervater veräußerte sein Haus in Hameln, schickte einige Reisekisten zum Sohn nach Hamburg und zog nach Hildesheim, um dort auf den richtigen Zeitpunkt für die Übersiedlung zu warten. Doch noch im selben Jahr konvertierte Schabbtai Zvi zum Islam und beendete somit die Hoffnung auf die Erlösung Israels und den Neubau des Jerusalemer Tempels. Für Glikl fiel diese Enttäuschung mit dem Tod ihrer dreijährigen Tochter Mate zusammen.Joshua Teplitsky, Messianische Hoffnung in Hamburg, 1666, in: Hamburger Schlüsseldokumente zur deutsch-jüdischen Geschichte, 13. Februar 2018. . Die Schwiegereltern blieben in Hildesheim, wo Glikl und ihr Mann sie einige Jahre später zusammen mit ihrem damals jüngsten Sohn, den sie noch stillte, besuchten.

Zwei Jahre später, um 1674, brachten sie ihre 13-jährige älteste Tochter Zippora zu deren Hochzeit nach Kleve. Zipporas 18-jähriger Ehemann Kosmann war ein Sohn des Brandenburger Hofjuden Elias Gomperz. Er gründete 1688 eine hebräische Druckerei in Amsterdam, die 1695 eine Haggada herausbrachte, die die aschkenasischen und sephardischen Seder-Traditionen vereinte.Yosef Kaplan: The Dutch Intersection: The Jews and the Netherlands in Modern History. 2008, S. 283. Zur Familie Gomperz bestanden bereits verwandtschaftliche Beziehungen, denn Glikls Schwester Hendele war mit einem Onkel von Zipporas Bräutigam verheiratet. Eine ältere Schwester von Kosmann Gomperz wurde einige Jahre später die Schwiegermutter von Glikls jüngerer Tochter Esther. Bei Zipporas prunkvoller Hochzeit waren auch der spätere Brandenburger Kurfürst und preußische König Friedrich und der Statthalter von Kleve, Moritz von Nassau, anwesend.Die Memoiren der Glückel von Hameln. Übersetzt von Bertha Pappenheim, S. 136f. Auf derselben Reise begleitete Glikl ihren Mann zum ersten Mal nach Amsterdam, das sich zu dieser Zeit zum zentralen Umschlagplatz für Juwelen entwickelte.Jonathan Israel: Handelsmessen und Handelsrouten — die Memoiren der Glikl und das Wirtschaftsleben der deutschen Juden im späten 17. Jahrhundert. In: Monika Richarz (Hrsg.): Die Hamburger Kauffrau Glikl. Jüdische Existenz in der Frühen Neuzeit. Hamburg 2001, S. 268–279; S. 271. Glikls jüngste Schwester Riwka (~1662–1727) heiratete 1676 Samuel Löb, einen Neffen von Chaijm, und lebte mit ihm ebenfalls in Hamburg.Grabstein von Schmuel ben Jehuda Löb Bonn SeGaL

Witwe und selbständige Kauffrau Kurz nach der Geburt des jüngsten Kindes starb am 16. Januar 1689 ihr Mann Chaijm, inzwischen ein angesehener und einflussreicher Geschäftsmann, an den Folgen eines Unfalls und hinterließ ihr 20.000 Reichstaler Schulden. Er wurde auf dem Jüdischen Friedhof in Altona beigesetzt.Grabstein von Chajim ben Josef Hamel(n) SeGaL. Glikl war mit acht noch unverheirateten Kindern auf sich alleine gestellt. Wie andere Witwen, etwa ihre Mutter und Großmutter, führte sie die Geschäfte ihres verstorbenen Mannes weiter. Binnen eines Jahres konnte sie die Schulden abzahlen. In der Folge wurde sie zu einer sehr erfolgreichen Geschäftsfrau, die mit Paris, Amsterdam, Wien, Leipzig, Berlin und Metz handelte und auch sich häufig selbst auf Reisen begab. Neben dem Diamanten- und Perlenhandel ließ sie in Hamburg Strümpfe herstellen. Regelmäßig besuchte sie mit ihrem ältesten Sohn Nathan, der mit seiner Frau Mirjam Ballin in Hamburg lebte, die Messen in Braunschweig, Leipzig und Frankfurt.

Es gelang ihr, den Wohlstand der Familie zu mehren und alle ihre Kinder in wohlhabende und prominente jüdische Familien einheiraten zu lassen. Mit der Verheiratung ihrer Kinder erweiterte und festigte sie auch ihr eigenes Handelsnetzwerk. Sie unterstützte ihre Kinder und deren Ehepartner bei Geschäftsgründungen, indem sie mit ihrem guten Namen für sie bürgte. Der Sohn Sanwil (Samuel) wurde von seinem Schwager Samson Wertheimer in dessen Haus aufgenommen und zum Rabbiner ausgebildet. Er starb jedoch schon vor der Geburt seines einzigen Kindes. Auch die Tochter Hendele und der Sohn Löb verstarben jung, Hendele nur wenige Wochen nach ihrer Hochzeit. Die anderen Söhne wurden erfolgreiche Kaufleute in Hamburg, Kopenhagen und London. Der jüngste Sohn Moses wurde Hoffaktor und 1728 Landesrabbiner in Ansbach.Zu den Ehen der Kinder siehe: Rotraud Ries: Status und Lebensstil — Jüdische Familien der sozialen Oberschicht zur Zeit Glikls. In: Monika Richarz (Hrsg.): Die Hamburger Kauffrau Glikl. Jüdische Existenz in der Frühen Neuzeit. Hamburg 2001, S. 280–306; S. 285–287.