Nofretete (Aussprache: []; in anderen Sprachen meist „Nefertiti“, ägyptisch Nfr.t-jy.tj, ursprüngliche Aussprache etwa NaftetaGerhard Fecht: Amarna Probleme. In: Zeitschrift für ägyptische Sprache und Altertumskunde. Band 85, 1960, S. 89.) war die Hauptgemahlin (Große königliche Gemahlin) des Königs (Pharaos) Echnaton (Amenophis IV.) und lebte im 14. Jahrhundert v. Chr. Weltberühmtheit erlangte die Königin durch die Büste der Nofretete aus Kalkstein und Gips. Sie wurde 1912 entdeckt und 1924 erstmals im Ägyptischen Museum auf der Museumsinsel in Berlin ausgestellt. Dorthin ist sie im Jahr 2009 nach kriegs- und teilungsbedingten Ortswechseln zurückgekehrt.
Name und Titel Ihr Name Neferet-iti bedeutet „Die Schöne ist gekommen“ und wird ab dem Echnatons mit dem Beinamen Nefer-neferu-Aton („Schön sind die Schönheiten des Aton“) in einer Kartusche geschrieben. Nofretete trägt die Titel „Große königliche Gemahlin“ und „Herrin der Beiden Länder“, der auf einigen Talatat-Blöcken aus Karnak bezeugt ist. Im Grab des Echnaton erscheint sie als „Gebieterin von Ober- und Unterägypten“. In einigen Texten wird sie zudem als „Groß an Gunst“ und auf einem Uschebti als „Fürstin und Große im Palast“ betitelt.Isa Böhme: Nofretete – Versuch einer Biographie. In: Kemet. Heft 3/2010, S. 11.
Herkunft Über die Kindheit Nofretetes und über ihre Abstammung können keine sicheren Aussagen getroffen werden. Frühere Deutungen schlossen aus ihrem Namen „Die Schöne ist gekommen“, sie müsse ausländischer Herkunft sein. Archäologisch ist das bisher nicht belegt. Die Versuche, sie mit der hurritischen Taduhepa, der Tochter des Königs Tušratta, gleichzusetzen, konnten nicht überzeugen. Inzwischen sind Fachleute der Ansicht, dass Nofretete der ägyptischen Oberschicht angehörte und nicht erst im heiratsfähigen Alter nach Ägypten kam. Hinweise darauf gibt das Königsgrab ihres Ehemannes Echnaton in Achet-Aton, in dem Tij, die Gemahlin des späteren Königs Eje, als „große Amme“ Nofretetes bezeichnet wird. Demnach wäre es möglich, dass Nofretete eine Tochter Ejes aus früherer Ehe und Tij ihre Stiefmutter war, die sie als Halbwaise aufzog. Nach einer weniger verbreiteten Theorie könnte sie auch eine Tochter von Amenophis III. aus einer Nebenlinie sein. Umstritten ist außerdem, ob Nofretete die Schwester von Mutnedjmet, der zweiten Gemahlin von Haremhab, war. In den Aufzeichnungen tritt diese als „Schwester der Königin“ auf, jedoch könnte ihr Name auch als Mutbeneret gelesen werden.Höber-Kamel: Die göttliche Königin – Nofretete, herrlich an Liebreiz. In: Kemet. Heft 1/2002, S. 19–20.
Leben Heirat mit Amenophis IV. mini|Familienszene im Grab des Huja mit den vier ältesten Töchtern.
Ob die Heirat mit vor oder nach der Thronbesteigung stattfand, ist nicht eindeutig feststellbar. Nofretete hatte insgesamt sechs Töchter. In den ersten Regierungsjahren wurden die beiden ältesten Töchter Meritaton und Maketaton geboren. Die dritte Tochter Anchesenpaaton, die spätere Gemahlin von Tutanchamun, folgte um das Jahr 7 herum und war die letzte Prinzessin, die noch in Theben dargestellt wurde.Marc Gabolde: Das Ende der Amarnazeit. In: Alfred Grimm, Silvia Schoske: Das Geheimnis des goldenen Sarges. Echnaton und das Ende der Amarnazeit. München 2001, S. 12. Bis zum zwölften Regierungsjahr brachte Nofretete mit Neferneferuaton, Neferneferure und Setepenre drei weitere Töchter zur Welt, von denen vermutlich nur Neferneferuaton ihre Eltern überlebte. Über gemeinsame Söhne der beiden ist nichts bekannt.Isa Böhme: Nofretete – Versuch einer Biographie. In: Kemet. Heft 3/2010, S. 12. Nofretete und Echnaton waren das erste Königspaar, das sein Privatleben in der Öffentlichkeit abbilden ließ, wovon zahlreiche intime Familienszenen mit den Töchtern zeugen. Die gesamte Königsfamilie wird auf diesen Darstellungen stets durch die Strahlen der Sonnenscheibe des Aton beschützt.
mini|Nofretete vor Strahlenaton auf einem Talatat-Block aus Karnak , Ägyptisches Museum Berlin
In dem umfassenden Bauprogramm, das in Karnak startete, wird Nofretete bereits in fast allen Reliefs zusammen mit dem König dargestellt. In einem der vier neuen Aton-Heiligtümer, dem „Haus des Benben“, tritt sie ganz ohne Gemahl auf und vollzieht dort allein oder mit ihren Töchtern die gleichen Kulthandlungen wie der König, die vom Darbringen der Maat bis zum Niederschlagen der Feinde reichen.Erik Hornung: Echnaton. Die Religion des Lichtes. Artemis, Zürich 1995, ISBN 978-3-7608-1111-6, S. 46.
Nach dem vierten Regierungsjahr kam es zum Bruch mit der alten Amun-Religion. nahm seinen neuen Eigennamen Echnaton an. Nofretete erhielt ihren Namenszusatz „Der Vollkommenste ist Aton“ und stellte ihre Persönlichkeit damit hinter den neuen Aton-Kult. Zeitgleich wurde der Umzug in die neue Regierungsstadt Achet-Aton vollzogen.
Nofretete als Mitregentin In der nun beginnenden Amarna-Epoche spielte sie sowohl im religiösen als auch politischen Leben eine bedeutende Rolle. Die generell starke Position der Frau im Alten Ägypten wurde unter Echnaton für Nofretete besonders gesteigert. Sie wurde zu einer Mitregentin gemacht und, zumindest symbolisch, mit der pharaonischen Macht ausgestattet. Die berühmte blaue Krone auf der Büste ist die eigens für Nofretete entwickelte Hohe Krone und bildet ein Gegenstück zum Chepresch, einem Kriegshelm, ab. Normalerweise vom König allein ausgeführte symbolische oder rituelle Handlungen wurden nun auch von der Königin vollzogen. So wurde sie mehrfach in pharaotypischen Szenen, wie Kriegsführung oder dem Niederschlagen der Feinde, dargestellt. Auch wird sie auf dem Streitwagen gezeigt oder bei der Verleihung des Ehrengoldes mit einbezogen, die sonst nur vom König allein durchgeführt wird.Höber-Kamel: Die göttliche Königin – Nofretete, herrlich an Liebreiz. In: Kemet. Heft 1/2002, S. 20.
mini|Familienszene (Berlin 14145). Der Thron von Nofretete trägt das Symbol der „Vereinigung der Beiden Länder“. Die Familienszene, eine Art Altarbild der königlichen Familie, die sich im Ägyptischen Museum Berlin befindet, deutet vielleicht sogar darauf hin, dass die Regierungsgeschäfte in der Hand von Nofretete lagen, während Echnaton sich dagegen verstärkt um die religiösen und kultischen Belange kümmerte. Auf der Darstellung sitzt die Königin auf einem Stuhl mit dem Symbol der Vereinigung der Beiden Länder (sema-taui). Normalerweise war dieser Platz dem König vorbehalten, der die Rolle des „Königs der Beiden Länder“ verkörperte und damit in der Nachfolge des ersten Reichseinigers Menes stand. Ein weiteres Indiz für ihre besondere politische Stellung findet sich im Grab des Panehsi in Amarna. Hier ist sie mit der königlichen Atef-Krone zu sehen, die bis dahin nur – als einziger Frau – von Hatschepsut getragen wurde.Joyce Tyldesley: Die Königinnen des Alten Ägypten. Von den frühen Dynastien bis zum Tod Kleopatras. Koehler & Amelang, Leipzig 2008, ISBN 978-3-7338-0358-2, S. 133.
Ihre gleichwertige Position zum König wird noch durch viele weitere Darstellungen gestützt. So wird ihr Name in Doppelkartuschen eingesetzt, wie es sonst nur bei Königen der Fall ist. Wie Echnaton und Aton trägt sie den Uräus, der als Herrschaftssymbol gilt, und es gibt Statuengruppen, die sie – wie sonst nur männliche Könige – in Schrittstellung zeigt. In der von Echnaton in Karnak errichteten Sphingenallee entsprechen die Gesichtszüge der Sphingen zudem einmal zur Hälfte denen des Königs und zur anderen Hälfte denen der Königin.Sabine Neureiter: In: Kemet. Heft 3/2010, S. 23–24.
In den Felsengräbern von Amarna wurde sie zusammen mit Echnaton mehrfach in einer Art und Weise abgebildet, dass heute Forscher sogar eine dominierende Mitregentschaft von Nofretete, unter dem Namen Semenchkare in den späten Regierungsjahren von Echnaton annehmen.so durch James R. Harris: Apropos Nefertiti (1): Hvem var Nefertiti? In: Papyrus. Aegyptologisk Tijdsskrift. Band 28, Nr. 1, Kopenhagen 2008, S. 12–17 oder durch Richard H. Wilkinson, Nicholas Reeves. Nach dieser Hypothese wurde Nofretete im 14. Regierungsjahr Echnatons zur Mitregentin erhoben, bekam den Thronnamen Semenchkare und regierte nach dem Tod Echnatons einige Jahre als Pharao alleine weiter. Ihr Name wurde später aus der Königsliste entfernt, da das Königtum nur in der Manneslinie vererbt wurde und der Pharao die Rolle von Osiris auf Erden übernahm. Daher wurden weibliche Pharaonen als Sakrileg betrachtet, was eine Verdammung des Andenkens erklären würde. An den rekonstruierten Ecken des Steinsarkophages ihres Gatten wurde sie auch als dessen Schutzgöttin dargestellt.
Nofretete als Nachfolgerin von Echnaton Eine Theorie ist, dass sie Echnaton entgegen allen bisherigen Annahmen überlebte und nach ihm den Thron bestieg. Die Darstellungen von Nofretete in pharaonischen Kontexten (s. o.) sowie die Darstellung als Schutzgöttin ihres verstorbenen Gatten an den Ecken des in Fragmenten erhaltenen und rekonstruierten Steinsarkophags von Echnaton interpretieren immer mehr Forscher dahingehend, dass sie nach dem Tod Echnatons sogar eine kurze Zeit Ägypten allein regiert hat. Es gibt weitere Hinweise: Nach einer These ist sie identisch mit Semenchkare. Der Ägyptologe Cyril Aldred wies nach, dass der Amarna-Kunststil Unterscheidungen zwischen Männern und Frauen zeigt, je nachdem, ob der Nacken konkav oder konvex geformt ist. Semenchkare und Nofretete haben beide einen weiblichen Nacken und Semenchkares Name trägt die Beiworte „Geliebt von Wa-en-Re“, die auch Bestandteil von Echnatons Thronname waren. Bei der Inthronisation wurde ein neuer Name angenommen. Dies ist ein starkes Indiz dafür, dass Nofretete unter dem Namen Semenchkare den Thron bestiegen haben könnte. Unklar ist aber, ob Nofretete die Königswitwe war, die an den hethitischen Hof schrieb, um einem hethitischen Königssohn die Heirat anzubieten (die Daḫamunzu-Affäre).
Tod Sowohl der Grund für Nofretetes Tod als auch Ort und Zeit sind unbekannt.
Wissenschaftler der flämischen Katholischen Universität Löwen in Belgien gaben im Dezember 2012 zur Ausstellungseröffnung Im Licht von Amarna. 100 Jahre Fund der Nofretete bekannt, dass sie zu Jahresbeginn in einem Steinbruch nahe Achet-Aton eine Inschrift entdeckt hatten, die sowohl Nofretete als auch Echnaton in dessen 16. Regierungsjahr („Jahr 16, 3. Monat der Überschwemmungsjahreszeit (Achet), Tag 15“) nennt. Der Steinbruch Dayr Abū ḤinnisRené-Georges Coquin, Maurice Martin, Peter Grossmann: Dayr Abū Ḥinnis (Mallawī). In: Aziz Suryal Atiya (Hrsg.): The Coptic Encyclopedia. Band 3: Cros - Ethi. Macmillan, New York 1991, ISBN 0-02-897026-8, S. 701–703 (online). diente zu Echnatons Regierungszeit als Hauptlieferort von Material für seine neue Hauptstadt Achet-Aton. Die fünf Zeilen in hieratischer Schrift nennen die Namen Echnatons und bezeichnen Nofretete in der dritten Zeile: „Große königliche Gemahlin, Geliebte, Herrin der Beiden Länder, Neferneferuaton Nefertiti.“Athena Van der Perre: Nofretetes (vorerst) letzte dokumentierte Erwähnung. In: Im Licht von Amarna – 100 Jahre Fund der Nofretete. Ägyptisches Museum und Papyrussammlung Staatliche Museen zu Berlin. Imhof, Petersberg 2012. ISBN 978-3-86568-842-2, S. 195–197. Damit entzieht diese Entdeckung allen bisherigen Hypothesen und Spekulationen die Grundlage über den Verbleib der Königin nach dem 12. beziehungsweise 14. Regierungsjahr Echnatons.
Bisherige Vermutungen datierten das Todesjahr auf 1338 v. Chr., das 14. Regierungsjahr von Echnaton. Andere Quellen vermuten ihren Tod im 12. Regierungsjahr. Marc Gabolde nahm an, dass Nofretete mindestens bis kurz vor Echnatons Tod gelebt hatte. Spekuliert wurde auch, ob sie eventuell ermordet oder verstoßen worden sei. Ein Tod aufgrund einer plötzlichen Erkrankung wurde ebenfalls erwogen. Falls sie als König Semenchkare die Thronfolge angetreten hatte, verschwand sie nach wenigen Jahren, zusammen mit ihrer Tochter und Mit-Regentin Meritaton.
Mumie und Grab mini|Mitte: Uschebtifragment der Nofretete im Louvre