Barry Lyndon ist ein britisch-US-amerikanischer Historienfilm des Regisseurs Stanley Kubrick aus dem Jahr 1975. Der US-amerikanische Filmemacher schrieb zudem das Drehbuch und produzierte den in England, Irland, der Bundesrepublik Deutschland und der DDR gedrehten Kinofilm. Kubricks Werk basiert auf dem 1844 veröffentlichten Roman Die Memoiren des Junkers Barry Lyndon des britischen Schriftstellers William Makepeace Thackeray.

Im Zentrum der Handlung stehen Aufstieg und Fall eines irischen Emporkömmlings im 18. Jahrhundert in der Zeit vom Siebenjährigen Krieg bis zum Beginn der Französischen Revolution. Der zunächst als Redmond Barry eingeführte Protagonist muss aufgrund eines fingierten Duells seine Heimat verlassen. Nach einigen unfreiwilligen Kriegsabenteuern kann er durch die Heirat mit der verwitweten Lady Lyndon einen Platz im englischen Adel einnehmen und sich fortan Barry Lyndon nennen. Durch persönliches Fehlverhalten verliert er jedoch wieder seine gesellschaftliche Stellung und muss ein von Schicksalsschlägen und Erfolglosigkeit geprägtes Leben weiterführen. Die Titelfigur wird von Ryan O’Neal verkörpert, Marisa Berenson spielt Lady Lyndon.

Bei Herstellungskosten in Höhe von 11 Millionen US-Dollar (inflationsbereinigt : ca. Millionen US-Dollar) spielte der zwischen Frühling 1973 und Herbst 1974 produzierte Film an den weltweiten Kinokassen rund 31,5 Millionen US-Dollar (inflationsbereinigt : ca. Millionen US-Dollar) ein. Filmkritiker ordneten Barry Lyndon als Meisterwerk und Kunstwerk ein und lobten insbesondere die historisch authentisch wirkende visuelle Darstellung der aristokratischen Lebensverhältnisse des 18. Jahrhunderts. Kubricks für sieben Oscars nominierter Spielfilm gewann den weltweit wichtigsten Filmpreis in den Kategorien Beste Kamera, Bestes Szenenbild, Bestes Kostümdesign und Beste Filmmusik (Adaption).

Handlung Die Handlung wird von einem allwissenden Erzähler aus dem Off kommentiert und vorausgedeutet. Der Film besteht aus zwei Teilen, die in Form von Zwischentiteln eingeleitet und von einer Intermission unterbrochen wurden. Am Ende steht ein kurzer Epilog, ebenfalls in Form eines Zwischentitels.

1. Teil Text des Zwischentitels: Teil I – Mit welchen Mitteln Redmond Barry zum Namen und Titel des Barry Lyndon kam

Der junge irische Landadelige Redmond Barry verliebt sich in seine Cousine Nora. Weil sich der britische Offizier John Quin ebenfalls um deren Gunst bemüht, fordert er diesen zum Duell. Die Familie seiner Cousine, die in dem Offizier die bessere Partie sieht, manipuliert den Verlauf des Duells und lässt Redmond glauben, er habe seinen Gegner erschossen. Ausgestattet mit den Ersparnissen seiner Mutter muss Redmond in Richtung Dublin fliehen, wird aber auf dem Weg überfallen und ausgeraubt. Nun mittellos meldet er sich als Freiwilliger zur britischen Armee, die an der Seite Preußens im Siebenjährigen Krieg kämpft. Dort begegnet er seinem väterlichen Freund Captain Jack Grogan wieder. Bei einem Scharmützel in Deutschland wird dieser, unmittelbar neben Redmond marschierend, tödlich verwundet. Redmond hat nun genug vom Krieg; ein Ausweg bietet sich ihm, als er zwei badende Offiziere belauscht. Er erfährt, dass einer von ihnen eine Depesche für Bremen mit sich führt. Redmond nutzt die Gelegenheit, stiehlt die Uniform mit dem Dokument und versucht, ins neutrale Holland zu desertieren. Aber die Flucht misslingt: Er wird von dem preußischen Offizier von Potzdorf entlarvt und zum Dienst in der preußischen Armee gezwungen.

Redmond gelingt es, von Potzdorfs Gunst zu gewinnen, indem er ihm im Gefecht das Leben rettet. Er wird schließlich von dessen Onkel, einem Minister in Berlin, beauftragt, den irischstämmigen Chevalier de Balibari zu beobachten, der verdächtigt wird, ein Spion zu sein. Als Redmond sich dem Chevalier vorstellt, fühlt er plötzlich eine starke landsmännische Verbundenheit zu dem ebenfalls in der Fremde lebenden Iren. Redmond offenbart sich dem Chevalier und arbeitet von nun an als Doppelagent für den Chevalier und die Preußen. Als der Chevalier als Falschspieler in politische Verwicklungen gerät und des Landes verwiesen wird, setzt er sich mit Redmond aus Preußen ab. Die beiden ziehen als Falschspieler von einem europäischen Hof zum nächsten, Redmond kommt dabei die Aufgabe zu, die Gewinne einzutreiben.

Auf diesen Reisen lernt Redmond die reiche Gräfin Lyndon kennen und beginnt ein Verhältnis mit ihr. Der erste Teil endet mit dem Tod ihres kranken und betagten Gatten.

2. Teil Text des Zwischentitels: Teil II – Enthält einen Bericht über das Unglück und die Katastrophen, welche Barry Lyndon widerfuhren

Der zweite Teil beginnt im Jahr 1773 mit der Heirat von Redmond und Gräfin Lyndon in England. Redmond nimmt den Namen Barry Lyndon an und zeugt mit der Gräfin einen Sohn, Bryan. Er gehört nun zur oberen Gesellschaftsschicht und verfügt über das beträchtliche Vermögen seiner Frau. Noch fehlt Barry allerdings ein eigener Adelstitel. Beim Tod seiner Ehefrau würde deren Sohn aus der ersten Ehe, Lord Bullingdon, Erbe des Vermögens.

Um vom König einen Adelstitel zu erhalten, setzt er große Geldbeträge ein, um sich bei Hofe bekannt und beliebt zu machen. Die Beziehung zu Lord Bullingdon ist aber immer stärker von Gewalt geprägt. Während eines Konzerts provoziert Bullingdon einen Eklat: Er betritt den Saal nur mit weißen Strümpfen an den Füßen, an der Hand führt er seinen kleinen Halbbruder, der Bullingdons viel zu große Schuhe trägt. Er stellt vor allen Gästen die Liebe seiner Mutter in Frage und verkündet, dass er sein Elternhaus verlassen werde. Außerdem provoziert und beleidigt er seinen Stiefvater. Daraufhin verprügelt dieser Bullingdon vor den Augen der zahlreichen Gäste.

Aufgrund dieser Entgleisung wird Barry Lyndon beim englischen Adel zur Persona non grata und zerstört seine Chancen auf den angestrebten Adelstitel. Verschuldet und verlassen muss Redmond überdies den Tod seines einzigen leiblichen Sohnes erleben, der vom Pferd gestürzt ist. Vom erwachsen gewordenen Stiefsohn wird er schließlich zu einem Duell gefordert; infolge einer dabei erlittenen Schussverletzung verliert er einen Unterschenkel. Letztlich wird er von Lord Bullingdon faktisch gezwungen, gegen den Erhalt einer auskömmlichen Jahresrente England für immer zu verlassen. Seine Frau folgt ihm nicht, er wird sie nie mehr wiedersehen. Er versucht nun erfolglos, seinen früheren Beruf als Falschspieler wiederaufzunehmen. Die Schlussszene zeigt, wie Lady Lyndon einen Scheck über die Jahresrente Redmonds ausstellt. Der Scheck ist auf das Jahr 1789 datiert, in dem sich durch die Französische Revolution gesellschaftlich und machtpolitisch das neue Zeitalter der Aufklärung endgültig seinen Weg bahnen wird.

Epilog Der Text des Zwischentitels lautet: Nachwort – Es war während der Regentschaft Georgs III., dass die vorerwähnten Personen lebten und stritten; gut oder böse, schön oder hässlich, arm oder reich, sie alle sind nun gleich.

Sprache der Bilder mini|Zwei der Original-Kostüme in einer Vitrine mini|Einer der Drehorte: Castle Howard, England Schon in der ersten Minute des Films weist Kubrick auf eines seiner wiederkehrenden Themen hin: Die Machtlosigkeit des Menschen gegenüber einem großen Plan der Dinge. Ohne jegliche Dramatik berichten der Voice-over und die Bilder vom Tod des Vaters bei einem Duell. Distanziert aus weiter Ferne aufgenommen, vermittelt die erste Einstellung bereits einen Vorgeschmack auf die filmische Darstellung der Geschehnisse. Die Figuren wirken klein, fast unbedeutend inmitten der dargestellten Natur. Was geschieht, scheint nur insofern wichtig zu sein, als dass es ausschlaggebend für den weiteren Verlauf der Geschichte und für die Filmfiguren ist. Viele Einstellungen beginnen mit einer Detailaufnahme. Dann zoomt die Kamera allmählich in die Totale und gibt den Blick auf die gesamte, kunstvoll aufgebaute Szenerie frei, die häufig wie ein Tableau vivant oder ein Gemälde wirkt.Stanley Kubrick: Barry Lyndon. Warner Brothers, 1975. Diese Technik verstärkt bewusst den Stillleben-Charakter des erzählerischen Panoramas, von kleinen Menschen auf einer von Kubrick dargestellten großen Bühne des Schicksals, auch ästhetisch. Die von Kubrick verwendete Rückwärtsbewegung der Kameraeinstellung wird in diesem Film von ihm auf die Spitze getrieben, nahezu jede Szene wird mit einem Zoom rückwärts eingeleitet. Und er benutzt absichtlich einen Zoom und keine Rückwärtsfahrt der Kamera, was eine völlig andere Perspektive und auch Wirkung erzeugt hätte. Gleichzeitig wirkt der Film oft ganz absichtlich wie ein fotografiertes Gemälde: flach und ohne Tiefe. Oftmals bleibt der Film völlig wortlos, und die Bilder sprechen dann durchaus für sich.Fernand Jung, Georg Seeßlen: Stanley Kubrick und seine Filme. Schüren Verlag, Marburg 1999, ISBN 3-89472-312-2.

Neben der Geschichte über den Auf- und Abstieg eines Mannes ist das Werk kein Film über das 18. Jahrhundert, sondern vielmehr über die Kunst in diesem. Viele von Kubricks großformatigen Aufnahmen sind Gemälden der damaligen Zeit nachempfunden, insbesondere von John Constable und Thomas Gainsborough. Gainsborough, sofern dem Filmzuschauer durch Porträt- und Landschaftsmalerei bekannt, wird erlebbar beim Betrachten von einigen von Kubricks Tableaux vivants im Film. So wie es Kubrick darstellt, werden lediglich auch weiterhin Gemälde und Kunst von einer Zeit berichten können, die es in dieser Form nicht mehr gibt, deren Gehalt jedoch bis heute spürbar ist und sich grundsätzlich in keiner Weise geändert hat. Was bleibt, ist Kunst, die eine längst vergangene Welt immer wieder neu erfahren lässt. Somit scheint die Kunst die einzige Möglichkeit zu sein, dem gnadenlosen Verschwinden einer Zeit, einer Epoche, und damit auch deren Menschen zu trotzen.Kay Kirchmann: Stanley Kubrick. Das Schweigen der Bilder. Schnitt Verlag, Bochum 2001, ISBN 3-9806313-4-6.

Barry Lyndon ist ein Film mit vielen Stationen. Barry wird zunächst als heißspornig Verliebter dargestellt, später als notorischer Lügner, Faustkämpfer, Soldat, Deserteur, Spitzel, Hochstapler, Falschspieler, Geldeintreiber, Mitgiftjäger, Verschwender und Emporkömmling. Dann endet der erste Filmteil, und er situiert sich als Ehemann. So wird der zweite Teil des Films eingeläutet, in dem Barry nicht mehr länger als Suchender auftritt, sondern als Mann am Ziel eines Weges. Anstelle unterschiedlicher Stationen und des Weges dorthin treten nun im Film geschlossene Räume und ein festes Zuhause in Form eines Schlosses auf.

Wenn der Regisseur das damalige Zeitalter mit einer umfassenden Akribie rekonstruierte, die darin gipfelte, dass Innenaufnahmen ausschließlich mit Kerzenlicht beleuchtet wurden, führt er aber nicht nur zur Annäherung an eine vergangene Lebenswelt, sondern macht gleichzeitig eine Distanz sichtbar, die den heutigen Filmzuschauer vom 18. Jahrhundert trennt, und stattet sie mit einer unüberbrückbaren Fremdheit aus. Beabsichtigt oder nicht, ist das Ergebnis dieser Bemühung um Authentizität jedoch nicht Realismus, sondern unter anderem eine seltsam irreale, schwebende Lichtstimmung, die ähnlich wie Risse und Vergilbung auf einem alten Ölgemälde zu einem visuellen Bestandteil der zeitlichen Distanz wird, die uns von den gefilmten Szenen auf Abstand zu halten scheint.Thomas Allen Nelson: Kubrick Inside a Film Artist’s Maze – New and Expanded Edition. Kapitel 7: Barry Lyndon: A Time Odyssey. 2000, ISBN 0-253-21390-8. Dies geschieht auch als visueller Gegenkontrast zu der Theorie der Aufklärung von Aufklaren und Erhellen eines vorher angeblich finsteren Mittelalters. Die symbolisch aufgeladenen Innenaufnahmen im Halbdunkel des Kerzenscheins entfalten bei Kubrick zudem die Morbidität eines zerfallenden Kunstwerkes oder die einer sich bereits in Auflösung befindenden Zeit.

Filmmusik