mini|hochkant=1.6|Die Piazza d’Italia in New Orleans von Charles Willard Moore (1978) mini|hochkant=1.6|Die Einbauten der zum Musée d’Orsay ausgebauten ehemaligen Bahnhofshalle in Paris wurden von Gae Aulenti in postmodernem Stil entworfen. Die Architektur tritt in starke Konkurrenz zu den Exponaten. mini|hochkant=1.6|Place de l’Europe, Albertville, Frankreich von Jean-Jacques Moisseau – ein Ensemble im Stil des Neoklassizismus mini|hochkant=1|Das Portland Building von Michael Graves (1982)
Als postmoderne Architektur wird heute in der Regel eine Tendenz in der Architektur bezeichnet, die ausgehend von den Ideen der Postmoderne in den 1960er-Jahren in den USA entstand und in den 1980er-Jahren vornehmlich in westlichen Ländern große Bedeutung erlangte.
Der Begriff Postmoderne Der Begriff der Postmoderne selbst geht zurück auf einen Diskurs, der unter Philosophen in Frankreich geführt wurde. Geprägt hat ihn dort Jean-François Lyotard („Das postmoderne Wissen“, „Postmoderne für Kinder“; Passagen, Wien). Charles Jencks nahm den in den Geisteswissenschaften und der Literaturwissenschaft kursierenden Begriff in seine Architekturtheorie auf und übertrug ihn Mitte der 1970er Jahre auf Architektur und Urbanistik. Unter dem Einfluss des Strukturalismus und unter Nutzung von Schlüsselbegriffen der Semiotik entwickelte er einen theoretischen Rahmen für die Beurteilungen von Gebautem im Hinblick auf das Wirkungsgefüge kultureller Symbole. Den gestalterischen Ergebnissen des Funktionalismus der Moderne bescheinigte er dabei, durch Verzicht auf kulturelle Symbolik eine kommunikative Verbindung zu den Menschen verloren zu haben. Eine Reihe von Strömungen, die diese Verbindung nach seiner Theorie wieder entwickelten, bezeichnete er als postmoderne Architektur.Elie Haddad: Charles Jencks and the historiography of Post-Modernism. In: The Journal of Architecture. Band 14 (2009), Heft 4, S. 493–510 (online)
Die Verwendung des Begriffs Postmoderne in der Architekturdiskussion weicht allerdings häufig von geistes- und gesellschaftswissenschaftlichen Definitionen des Begriffs ab. Dort wird die Postmoderne in Verbindung gebracht mit dem Entstehen einer postindustriellen Gesellschaft, mit dem Unglaubwürdig-Werden der großen Utopien der Moderne (z. B. des Sozialismus oder der Rationalität) oder anderen Phänomenen des grundlegenden gesellschaftlichen Wandels.
Im Bereich der Architektur und des Städtebaus ist die Postmoderne tendenziell als die Ablehnung eines doktrinären Verbindlichkeitsanspruches und als eine pluralistische Grundhaltung in Bezug auf Methoden und Konzepte im Sinne eines „anything goes“ zu verstehen.
In diesem Sinne wurde der Begriff auch von vielen Vertretern der architektonischen Postmoderne während der 1980er Jahre verstanden, teils auch noch heute. Die Architektur der Postmoderne wurde als Teil des großen Projekts der Postmoderne begriffen und somit als völlig neues Phänomen im Vergleich zu den Strömungen der architektonischen Moderne. Da es in der zugrundeliegenden geistes- und gesellschaftswissenschaftlichen Postmoderne-Diskussion bereits sehr unterschiedliche Auffassungen darüber gibt, wie der Begriff Moderne zu definieren sei, ist eine klare Unterscheidung aber nicht ganz einfach. Als zeitgenössische Bewegung zur Postmoderne kann der kritische Regionalismus angesehen werden.
Heute gilt die architektonische Postmoderne nach weitverbreiteter Interpretation bereits als Teil der Architekturgeschichte und wird somit als eine Art Architekturstil begriffen, als eine von vielen Strömungen der Kunst und Architektur des 20. Jahrhunderts.
Grundsätze und Merkmale Die Postmoderne sieht Tradition nicht als etwas, das überwunden werden muss (so wie es in der Moderne geschah), sondern betrachtet sie als Sammlung von Möglichkeiten, deren sie sich bedient. Es werden Gestalt- und Stilelemente der Vergangenheit zitiert, ohne dass diese einen funktionellen Zweck erfüllen müssen. Sie verwendet oft Architekturzitate, ist also eklektizistisch.
Die Postmoderne lehnt bloßen Funktionalismus ab. Die Fassade wird zum Bedeutungsträger des Gebäudes und bewirkt, dass postmoderne Bauwerke Geschichten erzählen. Das wird durch die Verwendung von Schmuck, Ornamenten, Symbolen oder Zeichen erreicht. Beton ist kaum sichtbar (damit auch eine Abgrenzung zum Brutalismus), da er mit verschiedensten Materialien oft bunt verziert wird.
Weiterhin soll sich die Architektur in Vorhandenes einordnen und dieses ergänzen. Damit setzt sich die Postmoderne vom Skulptur-Gedanken des Expressionismus ab, der ein Bauwerk als völlig eigenständiges bildhauerisches Werk sieht, und nimmt schon die Richtung des Ensemble-Gedankens vorweg. So soll postmoderne Architektur keinem Einheitsstil folgen, sondern eine Architektur für den spezifischen Ort darstellen. Durch die Anwendung dieser Grundsätze entsteht eine unverwechselbare, überraschende und zugleich phantasievolle Architektur, die in keine Schublade passt. Grundsätzlich gilt nicht form follows function (der Leitsatz des modernistischen Designs), sondern form follows fiction.
Dass die postmoderne Architektur sich in ihr Umfeld einfügt, wird allerdings von Fredric Jameson bestritten, der darauf hinweist, dass die postmodernen Gebäudeskulpturen aus ihrem urbanen Umfeld herausfallen.Fredric Jameson: Postmoderne und Konsumgesellschaft. In: Dorothee Kimmich, Rolf G. Renner, Bernd Stiegler (Hrsg.): Texte zur Literaturtheorie der Gegenwart. Neuausgabe Stuttgart 2008, S. 128–145, hier: S. 128 f.
Der spätere Postmodernismus gewinnt noch eine weitere Komponente, nämlich Internationalismus. Genauso zwanglos, wie man sich in der eigenen Geschichte bedienen kann, kann man sich auch weltweit bedienen. Damit ist die Postmoderne der stilistische Ausdruck der beginnenden Globalisierung (wo er Parallelen zur Weltmusik aufweist und etwa dem Jugendstil verwandt ist). Gleichzeitig demontiert die reifere Postmoderne zunehmend den Regionalismus, indem dem ortsüblichen gewachsenen Gemenge der Formensprachen – weiter dem Ironisierenden verpflichtet – das „Fremde“ bei- (und auch entgegen-) -gestellt wird. Die postmoderne Architektur erklärte den „dekorierten Schuppen“ zum Ziel. Eine wichtige Rolle bei der „Wiederentdeckung der Stile“ spielte allerdings die Säule. Die Postmoderne setzte dabei hauptsächlich auf die Anwendung antiker, klassizistischer Architektursprache. Regionale Stilvariationen haben dabei weniger eine Rolle gespielt. Daher ist es nicht ohne Grund zum Vorwurf dürftiger geistiger Untermauerung der Postmoderne gekommen. Die Beliebigkeit und die zunehmende Verspieltheit haben den sachlich richtigen Anspruch einer Reform der Moderne konterkariert. Nach der durch die Postmoderne ausgelösten Wiederentdeckung der Stile ist eine überzeugende Anwendung jedoch meist ausgeblieben. Je nach urban-monumentaler Prägung des Gebäudes hätten die verwendeten Stilmerkmale der traditionellen regionalen und der monumentalen Bauweise abgestimmt werden müssen. Eine Renaissance der Postmoderne ist demnach wohl nur denkbar in der Form eines kritischen Regionalismus, der sich selbst nicht durch szeniastische Spielereien in Frage stellt.
miniatur|Das Sony Building, ehemals AT&T Building von Philip Johnson (1978–1984) miniatur|Neue Staatsgalerie Stuttgart von James Stirling (1984) miniatur|Germanisches Nationalmuseum und Straße der Menschenrechte in Nürnberg miniatur|Museum für Moderne Kunst, Frankfurt
Herausragende Architekten und Gebäude Paolo Portoghesis und Vittorio Gigliottis Casa Baldi in Rom aus dem Jahr 1959 gilt als ein frühes Beispiel einer postmodernen Architektur.Zum emblematischen Sinnbild postmoderner Architektur wurde das AT&T Building in New York City (1978–1984), ein Wolkenkratzer, den Philip Johnson und sein Partner John Burgee mit einem gesprengten Giebel nach Art einer Chippendale-Standuhr abschlossen.
Michael Graves wurde mit seinem 1982 fertiggestellten Portland Building in Portland bekannt. Stark historisierende Ansätze findet man bei den Gebrüdern Rob und Leon Krier, die aus Luxemburg stammen. Rob Krier wurde für seine Bebauung der Ritterstraße in Berlin-Kreuzberg zur Zeit der Internationalen Bauausstellung 1987 (IBA) sehr bekannt.
Die historisierende Postmoderne hat besondere Ausprägung in Großbritannien bei dem Architekten Terry Farrell. Ein formal strengerer Ansatz findet sich bei dem deutschen Architekten Oswald Mathias Ungers sowie bei dem italienischen Architekten Aldo Rossi.
Die Architekturdiskussion lässt sich auf die Polarität zwischen einem Rückgriff auf kulturelle Identitäten der Vergangenheit (‚Giebelmoderne‘) und Vorgriffen auf Möglichkeitsformen (‚Stil-Pluralismus‘) verkürzen. Der Stil-Pluralismus setzt (Dekonstruktivismus, ‚Blobs‘ etc.) als Gegengewicht zum verbindlichen Kanon der Architekturgeschichte radikal auf das Neue und Experimentelle.
Weitere Architekten sind Alexander Freiherr von Branca und Charles Willard Moore.
Postmoderne in der Bundesrepublik Deutschland Im Raum Köln-Bonn entstand bereits 1969 in Wesseling das Haus Nagel von Heinz Bienefeld, das im Nachhinein der Postmoderne zugerechnet wird. 1976 entstand in Bonn die Metropolitankirche Agia Trias.
Die Internationale Bauausstellung 1987 in West-Berlin war postmodern geprägt und wurde als behutsame Stadterneuerung kommuniziert.
Als bedeutende postmoderne Bauten in Deutschland gelten das 1982 eröffnete Städtische Museum Abteiberg in Mönchengladbach von Hans Hollein, die 1984 eröffnete Neue Staatsgalerie in Stuttgart von James Stirling, der Messeturm in Frankfurt am Main von Helmut Jahn und die Bebauung der Saalgasse ebenfalls in Frankfurt. Weitere herausragende postmoderne Gebäude in Deutschland sind die Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland in Bonn, das Museum für Moderne Kunst in Frankfurt und der Erweiterungsbau des Germanischen Nationalmuseums mit der Straße der Menschenrechte in Nürnberg.
Entwicklung Kritik an der Moderne Jane Jacobs kritisierte in ihrer 1961 veröffentlichten Analyse The Death and Life of Great American Cities die Entwicklung der amerikanischen Großstädte hin zu seelenlosen Gebilden ohne erlebbare Dichte und menschliche Qualität. Etwa zeitgleich beschäftigte sich auch Robert Venturi mit der durch die Architektur der Moderne geprägten amerikanischen Stadt in Complexity and Contradiction in Architecture (1966). In diesem berühmt gewordenen Werk konzentriert sich seine Kritik vor allem auf die fehlende Ikonologie und die Sprachlosigkeit moderner Architektur, was von ihm als Grund für das Ausbleiben menschlicher Dimensionen in derartiger Architektur und den von ihnen geprägten amerikanischen Großstädten verstanden wurde. Ironie in der Architektur wird bei Venturi großes Gewicht beigemessen, was die von ihm geforderte erzählerische Komponente von Architektur beispielhaft deutlich macht.
miniatur|Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart von James Stirling Die Bedeutung der Theorie für die Praxis zeigt sich zeitlich recht dicht folgend in dem Abriss von einigen aus Plattenmodulen errichteten vierzehnstöckigen Apartmenthäusern in St. Louis im Jahre 1972 (Pruitt-Igoe). Sie waren gerade zwanzig Jahre zuvor durch den Architekten Minoru Yamasaki errichtet worden und hatten damals immerhin eine sehr positive Aufnahme unter den Architekten der 1950er Jahre gefunden. Ähnliche Bauprojekte wurden in den 1950er-Jahren in Westeuropa und USA an vielen Stellen begonnen, das vielleicht berühmteste dieser modernen Experimente war Le Corbusiers unité d’habitation in Marseille. Der Ostblock folgte dieser Richtung in den späten 1960er-Jahren mit der, vor allem im durch den Krieg immer noch gezeichneten Ostdeutschland, stark ausgeprägten Plattenbauweise.
Theoretische Grundlagen