Raum (von ahd. und mhd. rûm, ursprünglich „das nicht Angefüllte“) wird in der Philosophie vor allem als leerer Raum und damit als Bedingung des Auseinander- und Nebeneinander-Seins verschiedener ausgedehnter Dinge zur selben Zeit behandelt. Dieser Begriff ist in der Diskussion unmittelbar mit dem der Materie als substanzerfülltem Raum und der Ausdehnung verknüpft. Im Alltagsverständnis oder in naiver Theorie wird der Raum daher nach dem Vorbild eines allgemeinsten Behälters vorgestellt.Arnim Regenbogen, Uwe Meyer, Eintrag Raum in: Wörterbuch der philosophischen Begriffe, Meiner Hamburg 1998.

Zugleich hat „Raum“ schon im Alltagsgebrauch eine Bedeutungsvielfalt, die sich ebenfalls in der Philosophie widerspiegelt. So ist das persönliche Raumerleben für Lebensphilosophie und Anthropologie wichtig, während in der Mathematik abstrakte und konkrete Strukturen ebenfalls als Raum bezeichnet werden. In jüngerer Zeit ist unter dem Begriff „Raumtheorie“ ein verstärktes geistes- und gesellschaftswissenschaftliches Interesse am Raum festzustellen; siehe dazu auch Raumsoziologie.Jörg Dünne, Vorwort des Sammelbandes Von Pilgerwegen, Schriftspuren und Blickpunkten. Raumpraktiken in medienhistorischer Perspektive, hrsg. v. Jörg Dünne, Hermann Doetsch und Roger Lüdeke, Würzburg 2004 – www.raumtheorie.lmu.de/Forschungsbericht4.pdfStephan Günzel, Vorwort, in: Jörg Dünne, Stephan Günzel (Hrsg.): Raumtheorie. Grundlagentexte aus Philosophie und Kulturwissenschaften, Frankfurt a. M. 2006, S. 3

Themen der Philosophie des Raumes Die Philosophie des Raumes beschäftigt sich mit den Fragen, ob es so etwas wie „Raum“ wirklich gibt oder ob er nur eine Anschauungsform ist, ob der Raum endlich oder unendlich zu denken ist, ob leerer Raum existiert, ob es den Raum gleichberechtigt neben der Materie gibt, ob ein absoluter Raum existiert oder der Raum nur die Lagebeziehungen der Objekte definiert und welche Bedeutung der Raum für den Menschen hat.

Antike Noch bevor die frühen griechischen Naturphilosophen Antworten auf die Frage nach einem Grundprinzip, einer einheitlichen Ursache von allem stellen, befasst sich Hesiod im 7. Jahrhundert vor Christus mit dem Anfang von allem. Seinen Begriff von Raum entfaltet er gleich zu Beginn seiner „Theogonie“, eines Mythos von der Entstehung der Götter, der auch (als Kosmogonie) die Entstehung der Erde und des Kosmos beschreibt, indem er darlegt, dass noch vor den Göttern das Chaos entstanden sei. Das Wort „Chaos“ bedeutet im Griechischen aber nicht wie in unserem heutigen Sprachverständnis „Unordnung“, sondern vielmehr „Höhlung“ oder „Spalt“. Erst danach werden die ältesten Götter erschaffen – Gaia, die Erde, und – von Gaia selbst erzeugt – Uranos, der Himmel.Hesiod, Theogonie, 116 ff. Das Chaos bildet so quasi die Horizontlinie zwischen Erdboden und Himmel. Damit ist der (leere) Raum erstmals begrifflich bestimmt – zum einen als Unterschied zwischen zwei Zuständen, und zum anderen definiert er überhaupt den Unterschied zwischen Himmel und Erde. „Er ist ein Ganzes und der Unterschied, ein Behältnis und Trennung, Container und Grenzverlauf zugleich.“Stefan Günzel, Philosophie. In: Fabian Kessl, Christian Reutlinger (Hrsg.), Handbuch Sozialraum. Sozialraumforschung und Sozialraumarbeit, Wiesbaden 2019, S. 87–108, hier: 90 So nimmt bereits der früheste Raumbegriff all die Fragen vorweg, die in etwa zweieinhalbtausend Jahren westlicher Philosophiegeschichte folgen werden.

Vorsokratiker Als erster Philosoph wird allgemein Thales von Milet im sechsten Jahrhundert vor Christus genannt, der die Epoche der Vorsokratiker einleitet. Das revolutionär Neue an ihrem Ansatz ist, dass sie den Versuch unternehmen, natürliche Phänomene zu erklären, ohne dazu das Handeln von Göttern vorauszusetzen. Die Überlegungen von Thales und den Vorsokratikern kreisen um die Frage nach dem Grund oder dem Anfang der Dinge – griechisch ‚arche‘.

Für Thales ist die Ursubstanz das Wasser. Durch Verdichtung, Verdünnung oder Umwandlung soll alles aus dem Wasser hervorgegangen sein. In dieser Formulierung einer Hypothese über die Herkunft der Dinge erkennen wir heute den Übergang vom mythischen zum wissenschaftlichen Denken. Der Widerspruch zwischen der Vielfalt der Erscheinungen und einem einheitlichen Prinzip dahinter wird auch die Philosophen nach Thales lange beschäftigen, genauso die Gegensatzpaare von Sein und Werden, dem Unveränderlichen und dem Wechselhaften sowie Wesen und Erscheinung.

Anaximander findet die „arche“ im Unermesslichen und Unvergänglichen – dem „apeiron“, wörtlich übersetzt: das, was nicht von einem Ende zum anderen überfahren oder überquert werden kannMichaela Masek, Geschichte der antiken Philosophie, Wien 2012, S. 32 – der erste abstrakte Begriff der Philosophiegeschichte. Anaximander formuliert: „Anfang und Ende der seienden Dinge ist das Apeiron.“

Die atomistische Raumlehre von Leukipp und Demokrit fordert – im Unterschied zu Parmenides – die Anerkennung der Existenz des Nicht-Seienden. „In Wahrheit gibt es nur Atome und Leere.“ (VS 68, B 125) Das hat weitreichende Konsequenzen: leerer Raum kann keine Grenze haben; es gibt ihn also nicht nur in diesem Kosmos, sondern auch außerhalb. Es können sich in dieser grenzenlosen leeren Ausdehnung in einer unendlich langen Zeit neben unendlich vielen Atomen auch unendlich viele kosmische Systeme bilden – und wieder untergehen. (VS 68, A 39 f., 81 f.) Leerer Raum ermöglicht nicht nur das Nebeneinander von Körpern, sondern auch deren Bewegung.

Platon Die frühen Raumtheorien bilden den Hintergrund für die weiter ausgearbeitete Antwort Platons auf die Frage, was Raum ist.Kyung Jik Lee, Der Begriff des Raumes im ‚Timaios‘ im Zusammenhang mit der Naturphilosophie und der Metaphysik Platons. 1999. – https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bsz:352-opus-3595 Im Rahmen seiner Ideenlehre stellt er die Frage, wie das Verhältnis der Welt der Ideen (des unveränderlichen Seins) und der veränderlichen Welt der sinnlich wahrnehmbaren Dinge (der Phänomene) zu verstehen sei. Wie er im Dialog TimaiosPlaton, Timaios, 48 e schreibt, ist der Raum als „chora“ (das „Ausweichend-Platzmachende“)Platon, Timaios, 52 a eine „dritte Gattung“, bildhaft die „Amme des Werdens“, die zwischen Ideen- und Sinnenwelt vermittelt und Raum gibt für das Werdende und Vergehende. In der Elementenlehre Platons ist der Raumbegriff mathematisch ausgearbeitet: die vier Elemente des Empedokles (Erde, Wasser, Feuer, Luft) werden abstrahiert und auf regelmäßige geometrische („platonische“) Körper übertragen.

Aristoteles mini|95px

Aristoteles setzt in seiner Raumtheorie (im vierten Buch seiner Physik) einen anderen Schwerpunkt als sein Lehrer Platon.Michaela Masek, Geschichte der antiken Philosophie, Wien 2012, S. 178 ff. Er versteht die Frage nach dem Raum als eine Frage nach dem Wo, also dem konkreten Platz oder Ort („topos“),Aristoteles, Phys. 208b27 eines Körpers. Er definiert den Ort als das, was den materiellen Körper begrenztAristoteles, Phys. 212a2 und ist der Ansicht, dass es „weder ein für sich abgesondertes Leeres gibt […] noch (ein) der Möglichkeit (vorhandenes)“;Aristoteles, Phys. 217b20 leerer Raum existiert also nicht. Über der Welt des Wechselnden und Vergänglichen beginnt die Welt des Unvergänglichen, die Sphäre der Himmelskörper. Alle Materie endet nach Aristoteles‘ Ansicht an der äußersten Himmelssphäre, und folglich endet dort auch der Raum. Außerhalb der äußersten Himmelssphäre ist nichts mehr vorstellbar, keine Materie, folglich auch kein Raum, nicht einmal Leere. Der aristotelische Kosmos ist also endlich. Die aristotelische Raumkonzeption steht wie bei Platon im Zusammenhang mit der Elementenlehre; bei Aristoteles schichten sich die vier Elemente in vollkommener Ordnung um das Weltzentrum herum. Allerdings nimmt Aristoteles ein fünftes Element an, das später „quinta essentia“ und „Äther“ genannt wird. Wichtig sind auch Aristoteles‘ Überlegungen zum Kontinuum geworden. In Auseinandersetzung mit Zenon von Elea und dessen Paradoxien (zum Beispiel Achills Wettrennen mit der Schildkröte, das Pfeil-Paradoxon) betont er die beliebige Teilbarkeit zum Beispiel einer Linie und kommt so zu einer räumlichen Kontinuumstheorie.

Neuzeit Renaissance Das Mittelalter war durch räumliche Enge gekennzeichnet, erst im Spätmittelalter und der Renaissance öffnet sich der Raum, und die Diskussion um den Raumbegriff macht wieder Fortschritte. Der Gedanke an die Unendlichkeit des Alls rückt ins Bewusstsein. Ein unendlicher Raum hat aber keinen Platz mehr für den Schöpfergott des Alls, wie Giordano Bruno zeigen will; er wird für seine Lehre von der Inquisition verbrannt. Galilei und Kepler beweisen jedoch durch Beobachtungen, was Kopernikus behauptet hatte, und das neue, heliozentrische Weltbild setzt sich allmählich durch.

Eine Vorbedingung hierfür ist allerdings der Bruch mit dem im Mittelalter dominierenden Weltbild und Denken des Aristoteles, den namentlich der deutsche Naturphilosoph und Theologe Nicolaus von Kues (Cusanus, 1401–1464) vollzieht. Er bringt die Unendlichkeit der Welt wieder in die Diskussion. Da für ihn die Natur nach der göttlichen Vorstellung geformt wurde, hat Gott auch seine eigene Unendlichkeit auf diese übertragen. Im Unendlichen sind alle Gegensätze vereint, da dort Maximum und Minimum zusammenfallen und ein Kreis von einer Geraden nicht mehr unterscheidbar ist.

In der Folge wird Raum vor allem als Raum der Physik aufgefasst, deren Gesetze auf der Erde und für die Himmelsobjekte gelten.Petra Kolmer/Armin G. Wildfeuer (Hrsg.), Neues Handbuch philosophischer Grundbegriffe. Freiburg i. Br. 2011, S. 1820 Bei Descartes wird die Ausdehnung (extensio) zum zentralen Begriff, um Raum und Materie zu beschreiben. Raum als „ausgedehnte Sache“ (res extensa) ist von der „denkenden“ (und nicht ausgedehnten) Sache (res cogitans) zu unterscheiden. Das erlaubt die Anwendung geometrischer Begriffe auf den Raum und die Materie; beide Begriffe werden beinahe gleichgesetzt. In der Bewegung können Körper ihren Raum wechseln, aber es gibt kein Vakuum, keinen Raum, der nicht durch Materie gefüllt ist. mini|Kartesisches Koordinatensystem Descartes entwickelt zudem die Grundlagen für den Begriff des Koordinatensystems: Indem man für die Festlegung eines Punktes im Raum exakt drei Werte (Koordinaten) benötigt, ist der Raum unserer Anschauung als dreidimensional bestimmt.

Die Kontroverse zwischen Newton und Leibniz Eine klassische Kontroverse um den Raum wird dann zwischen Newton und Leibniz ausgetragen. Als Antwort auf Descartes löst Newton den Raum aus seiner engen Verknüpfung mit der Materie. Der Raum ist nun ontologisch selbstständig, er würde auch ohne Materie existieren. Newton unterscheidet einen absoluten Raum, der der Beobachtung nicht direkt zugänglich ist, von relationalen Räumen, also Bezugssystemen, in denen Abstände und Bewegungen in Bezug auf bestimmte Objekte gemessen werden können. „Der absolute Raum bleibt vermöge seiner Natur auch ohne Beziehung auf einen äußeren Gegenstand stets gleich und unbeweglich.“Newton, 19 Scholium Der Raum ist ein immaterieller „Behälter“ der Materie und wird von ihr nicht beeinflusst – ist in diesem Sinne absolut. Für Newton ist auch wichtig, dass die Vorstellung eines absoluten Raums Trägheitswirkungen erklären kann, insbesondere die dynamischen Wirkungen bei der Rotationsbewegung (zum Beispiel die Krümmung der Wasseroberfläche in seinen berühmten Eimerexperimenten).