Fiktion ( „Gestaltung“, „Personifikation“, „Erdichtung“ von fingere „gestalten“, „formen“, „sich ausdenken“) bezeichnet die Schaffung einer eigenen Welt durch Literatur, Film, Malerei oder andere Formen der Darstellung sowie den Umgang mit einer solchen Welt. Bei der Fiktion handelt es sich um eine bedeutende Kulturtechnik, die in weiten Teilen der Kunst zum Einsatz kommt. Ansätze und Beschreibungen Zur Erklärung von Fiktion werden in der Literatur- und Kunsttheorie unter anderem fehlender Wahrheitsanspruch und mangelnde Übereinstimmung mit der Realität herangezogen. Es gibt viele unterschiedliche Ansätze, Fiktion zu erklären. Eine allgemein akzeptierte Theorie der Fiktion gibt es bis heute nicht.
Martínez und Scheffel (2019)Matías Martínez, Michael Scheffel: Einführung in die Erzähltheorie. 11, überarbeitete Auflage, C.H.Beck, München 2019, ISBN 978-3-406-74283-5, S. 16 unterscheiden und definieren „fingieren“, „fiktional“ und „fiktiv“, wie folgt: „fingieren“ steht für im Sinne von (vor-)täuschen; „fiktional“ steht im Gegensatz zu „faktual“ bzw. „authentisch“ und bezeichnet z. B. den pragmatischen Status einer Rede; „fiktiv“ steht im Gegensatz zu „real“ und bezeichnet den ontologischen Status des in der Rede Ausgesagten.
Wolf Schmid sieht in einem fiktionalen Werk alle thematischen Elemente der erzählten Welt als fiktiv an. So sind Personen, Räume, Zeiten, Handlungen, Reden, Gedanken, Konflikte, Motive etc. Bestandteile einer homogenen Ontologie in der fiktiven Welt des Erzählwerks. Gleichgültig wie eng sie mit real existierenden Personen oder Objekten assoziiert wurden, sie bleiben grundsätzlich fiktiv. Damit bleibt die erzählte Welt, jene Welt, die der Erzähler entwirft. Aber die vom Autor dargestellte Welt hat einen höheren Ordnungsgrad, in sie gehen der Erzähler, sein Adressat ebenso ein, wie das Erzählen selbst. Der Adressat ist der vom Autor intendierte Empfänger.Wolf Schmid: Elemente der Narratologie. Walter de Gruyter, Berlin 2005, ISBN 3-11-018593-8, S. 44–45
Grundzüge der fiktionalen Darstellung Obwohl es keine unumstrittene Theorie der Fiktion gibt, lassen sich die grundlegenden, charakteristischen Eigenschaften der Phänomene beschreiben, die als Fiktion bezeichnet werden.Katha Joos alias Feael Silmarien: Was ist Fiktion? (Fiktivität und Fiktionalität vs. Faktualität) 23. Februar 2018
Darstellung und Welt Fiktive Welten Fiktion erzeugt eine eigene Welt, die sogenannte „fiktive Welt“. Mit „Welt“ wird die Annahme bezeichnet, dass man sich über Handlungen, Ereignisse, Personen, Orte etc. so unterhalten kann, als wären sie denjenigen Regeln der Kontinuität unterworfen, von denen angenommen wird, dass sie für die reale Welt gelten.
Dass die Fiktion eine Welt erzeugt, ermöglicht das Reden über die fiktiven Ereignisse und Gestalten, die in der fiktionalen Darstellung nicht genannt werden. So kann man sich fragen, ob ein fiktives Paar auch „nach dem Ende der Geschichte“ glücklich zusammen bleibt. So kann man etwa davon ausgehen, dass eine fiktive Figur, die sich erst an einem Ort und dann an einem anderen Ort befindet, zwischen beiden Orten gereist ist. Die Kontinuitätserwartung kann auch als gezieltes Gestaltungsmittel eingesetzt werden. Ein sehr radikales Beispiel liefert Die Marquise von O... von Heinrich von Kleist: In dieser Novelle wird eine Vergewaltigung nicht erzählt; dass sie vorgefallen ist, lassen aber die übrigen Ereignisse vermuten.
Für den Fiktionalitätsstatus der Darstellung ist es unerheblich, wie ähnlich eine fiktive Welt der realen ist. In phantastischen Darstellungen können völlig andere physikalische Gesetze herrschen als in der realen Welt. Im Gegensatz zur realen Welt existiert jedoch ein Außerhalb der fiktiven Welt, in dem die fiktive Welt (durch die Darstellung) erzeugt wird, nämlich die reale Welt selbst. Dies ermöglicht Metalepsen, bei denen die Fiktivität der Ereignisse in der fiktiven Welt bekannt und für die Darstellung wichtig ist. Beispielsweise erfährt die Heldin in Sofies Welt von Jostein Gaarder nach einiger Zeit, dass sie eine Romanfigur ist.
Fiktiv, fiktional versus faktual Im Deutschen lassen sich die Ausdrücke fiktiv und fiktional unterscheiden. Das, was fiktional ist, bringt die fiktive Welt hervor, während alles, was sich in der fiktiven Welt befindet, als fiktiv bezeichnet wird. Fiktionalität liegt also im Außerhalb der fiktiven Welt, während mit Fiktivität das Innerhalb bezeichnet wird.
Faktual ist dagegen eine nicht-fiktionale Darstellung, die der Beschreibung der realen Welt dient. Fiktionale Rede redet also von fiktiven Dingen, faktuale Rede von realen Dingen. Ein einfaches Beispiel: Während die Romanfigur Bilbo Beutlin fiktiv ist, ist Tolkiens Werk Der Herr der Ringe fiktional. Denn Beutlin ist nicht real, der Roman dagegen existiert in unserer Realität sehr wohl. Er erzählt jedoch von einer fiktiven Welt, die Beutlin enthält.
Komplizierter liegen Fälle, in denen intradiegetische Erzählungen vorliegen. Beispielsweise ist Zum wilden Mann von Wilhelm Raabe eine fiktionale Erzählung, in der ein Erzähler wiederum eine Geschichte vorträgt. Diese für die Personen in der fiktiven Welt der Novelle faktuale Binnenerzählung ist jedoch aus Sicht des Lesers von Raabes Novelle ebenso fiktional wie die ganze Novelle, und was sie erzählt, ist für ihn gleichermaßen fiktiv.
Allerdings werden selbst in der Fachliteratur die beiden Ausdrücke manchmal verwechselt. Zudem lassen sie sich nicht exakt ins Englische und Französische übersetzen. Das englische fictional bezeichnet sowohl Fiktives als auch Fiktionales; man spricht ferner von fictional worlds; die Ausdrücke fictive und fictitious bedeuten in etwa „fiktiv“, sind aber vergleichsweise ungebräuchlich. Ähnlich ist es im Französischen: Der Ausdruck fictif ist gebräuchlich und bezeichnet Fiktives und Fiktionales; das Wort fictionnel ist seltener als fictif und wird meist im Sinne von „fiktional“ gebraucht. Der Vergleich zum Englischen wird dadurch erschwert, dass fiction eher mit „Dichtung“ als mit „Fiktion“ zu übersetzen ist.
Erfundenheit Die wichtigste Eigenart fiktionaler Darstellungen ist, dass in ihnen in der Regel erfundene Geschehnisse stattfinden und erfundene Gestalten handeln können. Mit Erfundenheit ist gemeint, dass bestimmte Begebenheiten, Gestalten, Orte etc. in der realen Welt nach allgemeiner Überzeugung nicht nachweisbar oder auffindbar sind und daher angenommen werden muss, dass es sie nicht gibt.
Keine der gängigen Fiktionstheorien sieht Erfundenheit als notwendigen Bestandteil fiktionaler Darstellungen an. Es wird sogar die Auffassung vertreten, dass es fiktionale Darstellungen geben kann oder gibt, die völlig ohne Erfundenheit auskommen.Andreas Kablitz: Kunst des Möglichen: Prolegomena zu einer Theorie der Fiktion. In: Poetica. Band 35, 2003, S. 251–273. Als Beispiel kann Abfall für alle von Rainald Goetz gelten, da alle Ereignisse in diesem Roman offenbar tatsächlich stattgefunden haben. Umgekehrt gibt es Erfundenheit auch in faktualen Texten (zum Beispiel bei Lügen). Erfundenheit steht damit in keinem notwendigen Zusammenhang zu Fiktion. Dennoch ist Erfundenheit mit Blick auf Fiktion nennenswert, da sich eine große Zahl fiktionaler Darstellungen durch ein recht hohes Maß an Erfundenheit auszeichnet und Erfundenheit gerade in Fiktion sinnvoll und produktiv eingesetzt werden kann.
Ältere Positionen unterscheiden zwischen Fiktivität und Erfundenheit nicht.
Phantastik und Realistik Im Sinne der Fiktionstheorie sind Phantastik und Realistik Bezeichnungen, die auf den Anteil an Erfundenem beziehungsweise auf die Ähnlichkeit zwischen realer und fiktiver Welt verweisen. Darstellungen werden als phantastisch bezeichnet, wenn sie einen sehr hohen Anteil an Erfundenem besitzen. Dabei ist Phantastik im Sinne der Fiktionstheorie nicht zwangsläufig mit dem Genre der Fantastik oder des Fantasy gleichzusetzen, selbst wenn es sich bei diesen in der Regel um Genres handelt, die phantastisch auch im Sinne der Fiktionstheorie sind. Darstellungen gelten als realistisch, wenn die Ähnlichkeit zwischen realer und fiktiver Welt sehr hoch ist, sie also einen geringen Anteil an Erfundenem haben. Realistik im Sinne der Fiktionstheorie ist nicht notwendig mit der Epoche des Realismus oder mit realistischem Stil (effet de réel) verknüpft. Die Verwechslung der jeweiligen Bedeutungslinien führt oft zu Verwirrung um die Bedeutung von „Realismus“ und „Phantastik“.
Erfundene und nicht erfundene Gestalten Es gibt in der fiktionalen Literatur erfundene Gestalten wie etwa Don Quijote im gleichnamigen Roman von Cervantes. Diese zeichnet aus, dass es sie gemäß verlässlichen Quellen nie gegeben hat. Anders verhält es sich etwa mit Napoleon in Die Elenden von Victor Hugo. Der Napoleon des Romans entspricht in seiner Biografie, seinem äußeren Erscheinen und seinen Taten dem realen Napoleon, dessen Geschichte durch Quellen hinreichend bezeugt ist.
Es kann sein, dass nicht erfundene Gestalten in fiktionalen Darstellungen erfundene Taten begehen. Da sich die Identität von realer und fiktiver Person erst aus dem gleichen oder ähnlichen Lebenslauf erschließen lässt, stellt diese Situation einen recht komplizierten Fall dar – der allerdings keineswegs selten ist. Hier ist auf den Einzelfall zu schauen, um zu bestimmen, welche Funktion die Erfindung hat. So sind zum Beispiel die Tischgespräche der Familie Buonaparte in Napoleon Symphony von Anthony Burgess erfunden; sie dienen aber trotzdem dazu, den historischen Napoleon und seine Taten zu veranschaulichen und zu kritisieren.
Erfundene und nicht erfundene Orte Orte können erfunden oder nicht erfunden sein. So ist etwa der Ort Middlemarch im gleichnamigen Roman von George Eliot erfunden, während das Paris in Auf der Suche nach der verlorenen Zeit von Marcel Proust dem realen Paris sehr genau entspricht. Auch hier liegen oft kompliziertere Mischungen von Erfundenheit und Tatsachenentsprechung vor: So sind erfundene Straßen in nicht erfundenen Städten möglich. In Prousts Roman ist zwar Paris nicht erfunden, aber die Stadt Balbec.
Besonders in der Malerei sind viele Orte erfunden. Schwierig und fragwürdig ist die Abgrenzung bei Gemälden, die von bestimmten Landschaften oder Personen inspiriert, aber in Teilen erfunden sind. Hier ist wie bei erfundenen Gestalten auf die komplizierteren Einzelfälle zu schauen. Vom realen Vorbild stark abweichende Porträts berühmter Personen beispielsweise sind in der Regel nicht fiktional; die Abweichungen dienen dann dazu, äußerliche Makel nicht zu zeigen oder durch bestimmte Darstellungstechniken die Macht oder den besonderen Charakter der abgebildeten Person zu zeigen.
Weitere Bereiche der Fiktion Da sich Fiktion auf alles erstreckt, was dargestellt werden kann, gibt es keine vollständige Liste aller möglichen „Arten“ von Fiktion. So spielen in den Romanen von J. R. R. Tolkien erfundene Sprachen eine wichtige Rolle.
Autofiktion In den vergangenen Jahren ist eine größere Zahl an Romanen erschienen, die praktisch erfindungsfrei sind und vom Leben des Autors handeln. Hierzu zählen etwa Pawels Briefe von Monika Maron und der schon genannte Roman Abfall für alle von Rainald Goetz. Gérard Genette schlägt für dieses Phänomen die auf Serge Doubrovsky zurückgehende Bezeichnung Autofiktion vor.Gérard Genette: Fiction et diction. Seuil, 1991. Deutsche Übersetzung: Fiktion und Diktion. Fink, 1992. Die Abgrenzung von der Autobiografie und anderer Fiktion wird gegenwärtig intensiv diskutiert. Ein verhältnismäßig neues Genre ist die fiktionale Autobiografie, wie sie zum Beispiel von Sasa Stanisic oder dem angolanischen Schriftsteller Ondjaki vorgestellt wird.
Fiktion im Verhältnis zu nicht-fiktionalen Darstellungen Fiktionalität ist eine Eigenschaft, die bestimmten Darstellungen als Merkmal zugeschrieben wird. Nicht-fiktionale Darstellungen gelten als „unmittelbar gültige“ Beschreibung der realen Welt.