mini|Zitadelle Jülich im Luftbild

Die Zitadelle Jülich war einst Bestandteil der Festung Jülich und ist das wichtigste erhaltene Baudenkmal der Stadt und eine der am besten erhaltenen Festungen im Bastionärsystem in Deutschland. Sie wurde in den Jahren nach 1545 als Bestandteil einer Idealstadt der Renaissance erbaut und ist die älteste Zitadelle nördlich der Alpen. Ihr Baumeister war Alessandro Pasqualini. Sie stellt sich heute als eine vierzackige bastionierte Festung mit einem Umfang von etwa 1200 Metern dar. Umgeben ist die Zitadelle von einem zehn Meter tiefen und 20 bis 30 Meter breiten, teilweise Wasser führenden Graben, aus dessen Grund sie emporwächst. Die Anlage überragt ihre Umgebung (Höhe der Straße) im Ganzen noch um etwa fünf bis zehn Meter. Der Zugang von der Stadtseite aus erfolgt seit einigen Jahren über die Pasqualini-Brücke, über den Graben hinweg, durch eine Poterne. Auch von Norden erreicht man den Innenhof durch einen solchen Tunnel; nur wird der Graben hier nicht durch eine Brücke, sondern durch einen Damm überspannt.

Die Zitadelle ist Sitz des Gymnasiums Zitadelle Jülich und ein geschütztes Kulturgut nach der Haager Konvention.

In vielerlei Hinsicht ähnliche Festungsanlagen aus gleicher Epoche sind die Zitadelle Spandau in Berlin-Spandau und die bayerische Wülzburg.

mini|450px|Zitadelle Jülich, Ansicht 1589 Daniel Specklin Architectura Von Vestungen, Straßburg 1589

Baubeschreibung mini|Urentwurfsmodell der Zitadelle

Mit der Jülicher Zitadelle wurde die in der Renaissance viel diskutierte, aber nur selten verwirklichte Bauidee des Palazzo in fortezza, des Fürstensitzes in einer uneinnehmbaren Festung, realisiert: Innerhalb der Zitadelle wurde das herzogliche Residenzschloss errichtet, in dem ebenfalls die Handschrift Alessandro Pasqualinis zu erkennen ist. Dieser palazzo in fortezza ist der älteste im deutschsprachigen Raum und gilt als bedeutendstes Beispiel der Hochrenaissance.

Die Zitadelle sowie die nicht mehr erhaltene Stadtbefestigung wurden von dem italienischen Architekten Alessandro Pasqualini entworfen und zwischen 1543 und 1580 ausgeführt; sie sind in neuitalienischer Manier konstruiert. Die Wallanlagen und auch die Wirtschafts-, Kasernen und Schlossbauten im Innern der Festung sind zum ganz überwiegenden Teil aus Feldbrandziegeln aufgemauert und mit Verzierungen und Verstärkungen aus weißem Blaustein versehen; lediglich die hofseitigen Bögen des Nord- und Südtores sind aus Sandstein gefertigt. Die Wälle bestehen wie bei den meisten derartigen Festungen größtenteils aus Erde, die von Blendmauern eingefasst wird, welche an der Feldseite bis zu fünf Meter stark sein können. Das Wallinnere ist durch ein System von Tonnengewölben unterteilt, um ein Auslaufen der enthaltenen Erdmassen aus einer etwa geschossenen Bresche zu erschweren, damit das Entstehen einer gangbaren Bresche, durch die ein Gegner in die Festung eindringen könnte, verzögert wird. Vom Innenhof führen bombensichere Kasematten hinunter zu den Kanonenhöfen, welche in den zurückgezogenen Flankenstellungen der vier Bastionen eingebaut sind, und hinter fast der gesamten Außenmauer verlaufen unterirdische Galerien. Die Wallstärke ist an der am meisten bedrohten Nordfront mit 42 Metern am höchsten, die Wälle sind vom Grabenboden aus etwa 12–15 Meter hoch. Sie sind zudem abgeböscht, um ihre Stärke zu erhöhen und von oben fallengelassene Wurfgeschosse in Richtung des Gegners abprallen zu lassen.

mini|links|Südtor mit Geschützscharte links von der Toröffnung

Die beiden Poternen, die den Nord- und Südwall durchstoßen, sind am ältesten und stammen aus der Entstehungszeit. Sie sind in geschwungener Form angelegt, um ein Durchschießen zu erschweren. Daneben existieren noch zwei gerade, nicht öffentlich zugängliche Poternen in der West- und der Ostkurtine. Die Pasqualini-Brücke vor der Südpoterne folgt in ihrem Verlauf der alten Grabenbrücke, im Norden findet sich nach wie vor ein nach der Entfestigung von 1860 aufgeschütteter Damm. Nord- und Südtor werden durch flankierende Geschützscharten links neben der Toröffnung gedeckt.

Kurz nach der Fertigstellung waren die Wallkronen noch glatt, im 17. Jahrhundert wurde dann ein Oberwallsystem (Kavalier) installiert, um eine höhere Ausguck- und Schussposition und mehr Raum für Geschützstellungen zu gewinnen. An der südlichen und östlichen Grabenseite hat sich die Kontereskarpe aus dem 16. Jahrhundert erhalten, welche die jenseitige Grabenwand stabilisierte.

In früheren Zeiten war der Wallgraben, wie er von der örtlichen Bevölkerung genannt wird, oftmals geflutet und dann etwa zwei bis drei Meter tief unter Wasser gesetzt, heute ist er fast völlig trocken. Wie die Zitadelle Spandau ist auch die Zitadelle in Jülich auf Pfählen gegründet, was durch den früher sehr feuchten Untergrund bedingt war.

Die vier Zitadellenbastionen 400px|mini|Lageplan anhand eines Planes aus der Zeit nach 1860: 1. Bastion Wilhelmus, 2. Bastion Marianne, 3. Bastion St. Salvator, 4. Bastion St. Johannes mit Pulvermagazin (Museum), 5. Herzogliches Schloss mit Schlosskapelle und Garten, 6. Südtor mit Pasqualini-Brücke, 7. Nordtor mit Damm

Die vier Bastionen sind im Einzelnen:

Wilhelmus oder nach preußischer Zählung Bastion No. I Die Bastion Wilhelmus bildet die südöstliche Ecke der Zitadelle, benannt wurde sie nach dem Bauherrn Herzog Wilhelm V. von Jülich-Kleve-Berg. Heute ist auf ihrer Plattform der Schulsportplatz des städtischen Gymnasiums untergebracht.

Maria Anna oder Marianne, auch Bastion No. II Die Bastion Maria Anna bildet die nordöstliche Ecke der Zitadelle, benannt wurde sie nach der Gattin des Bauherrn. Sie ist die am stärksten befestigte Bastion, da sie der Merscher Höhe gegenüberliegt – von dort wurden bei Belagerungen wegen der überhöhten Lage bevorzugt die Angriffe geführt. Auf ihr wurde eine ausgeklügelte zweite Verteidigungslinie an der Bastionsbasis auf der Wallkrone installiert. Sie besteht aus einem halbkreisförmigen gedeckten Gang mit zahlreichen Scharten für Handwaffen und leichte Geschütze, welche auf die Bastionsplattform stürmende Angreifer in Schach halten sollte; sie wurde in den 1980er Jahren rekonstruiert. An der Nordface der Bastion befand sich seit der Belagerungsübung 1860 die Große Bresche, sie wurde in den 1980er Jahren vermauert, ist aber nach wie vor klar ablesbar.

St. Salvator, auch Bastion No. III Die Bastion St. Salvator bildet die nordwestliche Ecke der Zitadelle. Zusammen mit der Bastion Maria Anna war sie bei den Belagerungen im 17. Jahrhundert heftigem Beschuss ausgesetzt. Auch sie war Ziel der Beschießungen von 1860, am nördlichen Bastionsohr lässt sich eine der gelegten Breschen noch klar ablesen.

St. Johannes, auch Bastion No. IV Die Bastion St. Johannes bildet die südwestliche Ecke der Zitadelle. Auf ihr befindet sich ein Kriegspulvermagazin aus der Zeit von Napoleon ähnlich wie am Brückenkopf Jülich.

Bemerkenswert ist die verschiedenartige Ausstattung der vier Bastionen nach dem Grad ihrer Bedrohung im Falle einer Belagerung. Maria Anna und Salvator lagen der Merscher Höhe, der natürlichen Angriffsrichtung, am nächsten und waren damit am meisten bedroht, entsprechend sind sie am stärksten und am modernsten ausgebaut. Salvator und Wilhelmus hingegen lagen nahe der Stadtbefestigung, weit weg vom Feind und hinter zahlreichen schützenden Vorwerken, logischerweise sind sie daher eher schwach ausgebaut. An der Südkurtine hat sich die ursprüngliche Form der Kanonenhöfe, von denen aus man das angrenzende Wallstück und die gegenüberliegende Bastionsface unter Feuer nehmen konnte, erhalten – riesige Tonnengewölbe, die nach vorn offen sind und nur Schutz nach oben hin bieten. Alle anderen Kanonenhöfe sind modernisiert worden und weisen eine Maskenmauer auf, welche sie auch nach vorne hin vor Beschuss schützt.

Vorwerke Reste der zahlreichen Vorwerke der Zitadelle sind noch vorhanden:

Kontregarde III vor Bastion St. Salvator, erhebliche Wall- und Grabenreste entlang der Nordwestseite des Grabens Kontregarde II vor der Bastion Maria Anna, ein flacher Erdwall am Grabenrand vor der Bastionsspitze Ravelin I (auch Ravelin Lyebeck) vor der Ostkurtine, bedeutende Kasemattenreste unter dem Kindergarten, teils als Luftschutzkeller ausgebaut Ravelin II vor der Nordpoterne, Wall- und Grabenreste beiderseits des Zufahrtsweges Ravelin III (auch Ravelin Judas) vor der Westkurtine, erhebliche Erdreste und Schleusenanlage im Grabenbereich. Das Ravelin war ein Erdwerk und ist nicht überbaut worden, es ließe sich mit relativ geringem Aufwand wiederherstellen Ravelin IV vor der stadtseitigen Poterne, Größe im Pflasterbelag angedeutet, Reste des Torhauses Schleusenanlage in der Kontramauer unter dem Bonhoefferhaus mit westlichem Zugang zum Stadtgraben Anschluss an den Stadtgraben südlich der Bastion Wilhelmus Lünette A am westlichen Ende der Artilleriestraße hinter dem Pennymarkt, erhebliche Erdreste

In der Zitadelle sind heute das städtische Gymnasium und ein Museum untergebracht.

Historische Gebäude in der Zitadelle Von den einstmals vielfältigen Wirtschafts-, Kasernen- und Repräsentationsbauten ist nach den zahlreichen Belagerungen, Umbauten und den umfangreichen Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges nicht mehr viel geblieben. Hier eine kurze Liste der erhaltenen Gebäude und Gebäudereste:

In der Nordostecke die Reste eines Doppeltores, das zu einem Gebäude gehörte, das im Laufe seiner Existenz offenbar verschiedene Nutzungen erfuhr; mal war es als Laboratorium bezeichnet, mal als Zeughaus. Heute sind die beiden Bögen mit repräsentativen Blausteinverzierungen der Sporthalle vorgesetzt. An der Innenseite des Nordwalles die Fundamente von Kasernen, von denen außer dem Sockel nichts geblieben ist. In der Nordwestecke ein Gebäude, dessen ursprüngliche Funktion unbekannt ist. Es scheint aber wegen der noch erkennbaren, nun zugemauerten großen Sprossenfenster repräsentativen Aufgaben gedient zu haben und wurde später anderweitig genutzt. Irgendwann wurde ein massives Tonnengewölbe eingezogen, vermutlich für eine Verwendung als bombensicheres Pulvermagazin, was eine Verstärkung der Ostmauer erforderlich machte. Früher hing hier ein preußischer Festungsadler, der einstmals über dem Tor hing und heute im Kellergeschoss des Schlosses (Museum) untergebracht ist. Ein Abguss dieses Adlers ziert das Tor der Zitadelle Spandau. Heute dient das Gebäude als Lager. Der Ostflügel des Herzoglichen Residenzschlosses wird weiter unten behandelt. Zwei Trophäensäulen südlich des Südflügels gegenüber der stadtseitigen Poterne markieren die Stelle, wo ehemals ein Durchgang durch das Schlossgebäude zum Innenhof lag. Sie bestehen aus Blaustein und weisen ein reiches Dekor im Stil der Renaissance auf, einstmals gehörten sie wohl zur Verkleidung des Südflügels. Das Kriegspulvermagazin auf der Plattform der Bastion St. Johannes wurde ab dem Jahr 1806 errichtet (1811 fertiggestellt) und ist das erste Gebäude in der Stadt, das nach dem metrischen System errichtet wurde (Wandstärke genau ein Meter). Es ist in der für solche Bauten üblichen Weise errichtet, mit einem massiven Tonnengewölbe als Dach und nur lose am Hauptbau angebrachten, dünnen Stirnwänden – bei einer Explosion im Innern wären die Wände leicht umgestürzt und der Druck entwichen, das Tonnengewölbe aber stehengeblieben. Als Standort war aus offensichtlichen Gründen die am wenigsten gefährdete Bastion gewählt worden, weit entfernt von der Merscher Höhe im Nordosten. Im Krieg erlitt das Gebäude starke Schäden und beherbergte zeitweise Flüchtlinge, bis in die 1990er Jahre verfiel es und wurde erst dann zu einem Museum umgebaut. Ein etwa halb so großes Magazin, das in seiner Bauweise fast identisch ist, findet sich am Brückenkopf, es wurde gleichzeitig mit dem in der Zitadelle errichtet.