Die Bengalkatze (Prionailurus bengalensis) oder Leopardkatze, im englischen Sprachraum als Asian Leopard Cat (ALC) bezeichnet, ist eine wilde Katze Süd- und Ostasiens. Seit 2002 wird die Bengalkatze in der Roten Liste gefährdeter Arten der Weltnaturschutzunion IUCN als nicht gefährdet (least concern) geführt, da sie weit verbreitet ist. In einem Teil ihres Verbreitungsgebietes ist sie jedoch durch Habitatverlust und Jagd bedroht.J. Sanderson, S. Sunarto, A. Wilting, C. Driscoll, R. Lorica, J. Ross, A. Hearn, S. Mujkherjee, J. A. Khan, B. Habib, L. Grassman: [ Prionailurus bengalensis]. 2008. In: IUCN 2010. IUCN Red List of Threatened Species. Version 2010.4.
Merkmale Die Bengalkatze ist etwa so groß wie eine Hauskatze, aber schlanker und hat längere Beine. Ihr Kopf ist mit zwei markanten dunklen Längsstreifen gezeichnet, relativ klein, mit einer hellen, kurzen und schmalen Schnauze und runden Ohren, die rückseitig schwarz sind mit einem kleinen hellen Fleck in der Mitte. Auf Körper und Gliedmaßen hat sie schwarze Flecken unterschiedlicher Größe und Form und zwei bis vier Reihen länglicher Flecken über den Rücken. Der Schwanz ist gefleckt, mit ein paar Ringen am Ende. Der Hintergrund ihres gefleckten Fells ist gelbbraun bis silbergrau gefärbt mit weißem Bauch. Die Färbung und Größe der Flecken als auch Körpergröße und Gewicht variieren in ihrem weiten Verbreitungsgebiet jedoch so stark, dass die Tiere für unterschiedliche Arten gehalten wurden. In den Tropen lebende Bengalkatzen wiegen zwischen 550 g und 3,8 kg bei einer Kopf-Rumpf-Länge von 38,8–66 cm und einer Schwanzlänge von 17,2–31 cm. Die im Norden Chinas und in Sibirien lebenden Bengalkatzen wiegen bis zu 7,1 kg bei einer Kopf-Rumpf-Länge bis 75 cm; vor dem Winter nehmen sie in der Regel an Gewicht zu, das sie bis zum Frühjahr wieder verlieren.M. E. Sunquist, F. Sunquist: Leopard Cat Prionailurus bengalensis (Kerr, 1792). In: Wild cats of the world. University of Chicago Press, 2002.
Die Bengalkatze zeichnet sich durch eine große innerartliche Variabilität aus. Dabei unterscheiden sich vor allem Bengalkatzen aus den nördlichen Teilen des Verbreitungsgebietes, etwa aus Ostsibirien, erheblich von den Formen aus Gebieten in Äquatornähe. Im Süden ist die Grundfarbe gelblich-braun, ähnlich einem Leoparden, im Norden dagegen blass silbergrau.Don E. Wilson, Russell A. Mittermeier (Hrsg.): Handbook of the Mammals of the World. Volume 1: Carnivores. Lynx Edicions, 2009, ISBN 978-84-96553-49-1, S. 162 f. Die Flecken bilden bei nördlichen Populationen große Rosetten, bei südlichen Bengalkatzen kleine Tupfen.
Verbreitung und Lebensraum mini|Das Verbreitungsgebiet der Bengalkatze,
rot und grün - das Verbreitungsgebiet der Sundakatze (Iriomote als Heimat der nunmehr zu P. b. euptilura gezählten Iriomote-Katze noch nicht gelb eingefärbt)
Bengalkatzen sind die am weitesten verbreitete Kleinkatzenart Asiens. Ihre Verbreitung reicht vom Amur-Gebiet im Fernen Osten Russlands über Korea, China, Indochina, nach Westen bis zum Norden Pakistans und nach Süden bis auf die Malaiische Halbinsel. Bengalkatzen sind in landwirtschaftlich genutzten Regionen anzutreffen, bevorzugen aber bewaldete Gebiete. Sie leben in immergrünen tropischen Regenwäldern und Plantagen auf Meereshöhe sowie in subtropischen feuchten Mischwäldern und Nadelwäldern der Vorberge des Himalaya in Höhen über 1000 m. Im Jahr 2009 wurde eine Bengalkatze in Nepals Makalu-Barun-Nationalpark auf einer Höhe von 3254 m mithilfe einer Kamerafalle fotografiert. In dem von Rhododendron, Eichen und Ahorn dominierten Gebiet der Untersuchung leben mindestens sechs Individuen.Y. Ghimirey, B. Ghimire: Leopard Cat at high altitude in Makalu-Barun National Park, Nepal. In: Catnews. 52, 2010, S. 16–17. Im Nordosten ihres Verbreitungsgebiets leben die Tiere in der Nähe von Flussläufen, in Tälern und Schluchtwäldern, meiden aber Gegenden, in denen mehr als 10 cm Schnee liegt.V. G. Geptner, A. A. Sludskii: Mlekopitaiuščie Sovetskogo Soiuza. Vysšaia Škola, Moskva 1972. (Original in Russisch; Englische Übersetzung: V. G. Heptner, A. A. Nasimovich, A. G. Bannikov, A. A. Sludskii, R. S. Hoffmann: Mammals of the Soviet Union. Vol III: Carnivores (Feloidea). Smithsonian Institute and the National Science Foundation, Washington DC 1992.) In trockenen baumlosen Gegenden Pakistans sind Bengalkatzen selten.T. J. Roberts: The mammals of Pakistan. Ernest Benn, London 1977.
In Thailands Phu Khieu Wildreservat wurden zwischen 1999 und 2003 20 Bengalkatzen mit Funkhalsbändern versehen. Kater hatten 2 km2 bis 29 km2 große Streifgebiete, die der 6 Katzen waren zwischen 4 km2 bis 37 km2 groß.L. I. Grassman Jr, M. E. Tewes, N. J. Silvy, K. Kreetiyutanont: Spatial organization and diet of the leopard cat (Prionailurus bengalensis) in north-central Thailand. In: Journal of Zoology. (London) 266, 2005, S. 45–54.
Unterarten und ihre Verbreitung mini|Amurkatze mini|Tsushima-Leopardkatze
Von den zahlreichen, in der Vergangenheit beschriebenen Unterarten der Bengalkatze erkennt die Cat Specialist Group der IUCN heute nur noch zwei an:
P. b. bengalensis (Kerr, 1792) — kommt in Indien, Myanmar, Thailand, Malaiische Halbinsel, Indochina sowie in Süd- und Mittelchina vor. P. b. euptilurus (Elliott 1871) — die Amurkatze lebt in der Mandschurei, in Korea, auf Taiwan, auf der Insel Tsushima und in der russischen Amurregion bei Wladiwostok.
Die auf der japanischen Insel Iriomote vorkommende Iriomote-Katze, die zeitweise den Status einer eigenständigen Art hatte,Y. Imaizumi: A new genus and species of cat from Iriomote, Ryukyu Islands. In: Journal of Mammalian Society Japan. 3(4), 1967, S. 74. gilt heute nur noch als Population von P. b. euptilurus und hat auch nicht mehr den Status einer Unterart der Bengalkatze.R. Masuda, M. C. Yoshida: Two Japanese wildcats, the Tsushima cat and the Iriomote cat, show the same mitochondrial DNA lineage as the leopard cat Felis bengalensis. In: Zoological Science. 12, 1995, S. 655–659.
Die Amurkatze (Prionailurus bengalensis euptilurus) aus Nordostasien könnte eine eigene Art darstellen, genetische Untersuchungen lieferten bisher jedoch keine eindeutigen Ergebnisse. Die genetischen Unterschiede zwischen Amurkatzen und Bengalkatzen aus Südostasien sind so groß, dass eine Klassifizierung als eigene Art gerechtfertigt erscheint; die Unterschiede zu chinesischen Bengalkatzen sind jedoch so gering, dass eine taxonomische Einordnung als Unterart angebracht ist.
Die ursprünglich der Bengalkatze zugerechneten Kleinkatzen des malaiischen Archipels bilden heute eine eigenständige Art, die Sundakatze (Prionailurus javanensis). Sie unterscheidet sich genetisch deutlich von der Bengalkatze und ist auch deutlich kleiner. Die Trennung beider Arten soll vor etwa 2 Millionen Jahren erfolgt sein.
Die Bengalkatze wurde vor mehr als 5000 Jahren in China domestiziert. Untersuchungen von fossilen Unterkiefern von chinesischen Hauskatzen aus der Zeit vor 4900 bis 5500 Jahren ergaben, dass es sich damals um Bengalkatzen handelte. Die domestizierten Bengalkatzen wurden später durch eingeführte Hauskatzen verdrängt. Alle heutigen Hauskatzen in China gehören zur Art Felis catus.Jean-Denis Vigne, Allowen Evin, Thomas Cucchi, Lingling Dai, Chong Yu, Songmei Hu, Nicolas Soulages, Weilin Wang, Zhouyong Sun, Jiangtao Gao, Keith Dobney, Jing Yuan: Earliest “Domestic” Cats in China Identified as Leopard Cat (Prionailurus bengalensis). In: PLOS ONE. Januar 2016. doi:10.1371/journal.pone.0147295
Lebensweise Bengalkatzen sind Einzelgänger. Sie können gut klettern, ruhen in Bäumen, verstecken sich aber auch in Dickicht am Boden. Manche sind tagsüber aktiv; sie jagen aber meist in der Dämmerung und nachts vorwiegend Langschwanzmäuse, Spitzhörnchen und Hasen.
Sie können gut schwimmen und haben kleine Inseln in einiger Entfernung zur Küste besiedelt. Zu ihren Beutetieren gehören Vögel, Reptilien, Fische und Krebstiere.
Taxonomiegeschichte Im Jahr 1792 beschrieb Robert Kerr in seiner Übersetzung von Carl von Linnés Systema Naturæ erstmals die Bengalkatze als im Süden Bengalens beheimatete Felis bengalensis.R. Kerr, S. G. Gmelin: The animal kingdom or zoological system of the celebrated Sir Charles Linnaeus : class I. Mammalia : containing a complete systematic description ... being a translation of that part of the Systema Naturae. Murray, London 1792. Zwischen 1829 und 1922 sind 20 Beschreibungen publiziert worden, deren Verfasser Bengalkatzen unter die Gattung Felis und Leopardus einordneten. Wegen der individuellen farblichen Variationen wurden Bengalkatzen aus dem Einflussbereich Britisch-Indiens als Felis nipalensis und Felis pardochrous aus Nepal, Leopardus ellioti aus der Gegend um Mumbai, als Felis wagati und Felis tenasserimensis aus der Tanintharyi-Region und Leopardus horsfieldi aus Bhutan beschrieben. Erst Reginald Innes Pocock ordnete sie 1939 der Gattung Prionailurus zu. Ihm standen einige Schädel und mehrere Dutzend Felle zur Verfügung, die aus vielen Regionen stammten. Anhand dieses breiten Spektrums an Fellen schlug er vor, zwischen einer südlichen Unterart Prionailurus bengalensis bengalensis aus wärmeren Breitengraden und einer nördlichen aus dem Himalaya Prionailurus bengalensis horsfieldi zu unterscheiden, da letzteren im Winter ein dichteres Fell wächst als den südlichen. Anhand von sieben Fellen aus der Gegend um Gilgit und Karatschi beschrieb er Bengalkatzen unter dem Namen Treveleyans Bengalkatze Prionailurus bengalensis trevelyani, weil diese Felle langhaariger, blasser und grauer waren als die aus dem Himalaya. Er spekulierte, dass trevelyani in felsigeren, weniger bewaldeten Habitaten lebt als bengalensis und horsfieldi.R. I. Pocock: The Fauna of British India, including Ceylon and Burma. Mammalia. – Volume 1. Taylor and Francis, London 1939, S. 266–276.
Aus China stammende Felle und Schädel wurden zwischen 1837 und 1930 als Felis chinensis, Leopardus reevesii, Felis scripta, Felis microtis, decolorata, ricketti, ingrami, anastasiae und sinensis beschrieben, die später unter Felis bengalensis chinensis zusammengefasst wurden. Nachdem zu Beginn des 20. Jahrhunderts britische Naturforscher während einer Erkundungsreise in Ostasien Wildkatzen auf der Insel Tsushima in der Koreastraße sichteten und Felle nach London schickten, ordnete Oldfield Thomas die Population unter Felis microtis ein, die Henri Milne Edwards 1872 beschrieb.O. Thomas: The Duke of Bedford's zoological exploration in Eastern Asia. – VII List of mammals from the Tsu-shima Islands. In: Proceedings of the Zoological Society of London. Januar-April 1908, S. 47–54.