mini|hochkant|Lou Andreas-Salomé (1897) rahmenlos|zentriert|150px Lou Andreas-Salomé, geborene Louise von Salomé, gelegentliches Pseudonym Henri Lou, in jungen Jahren auch Lolja von Salomé genannt (* 12. Februar 1861 in St. Petersburg; † 5. Februar 1937 in Göttingen), war eine weitgereiste Schriftstellerin, Erzählerin, Essayistin und Psychoanalytikerin aus russisch-deutscher Familie. Bekanntheit erlangte sie durch ihr literarisches Schaffen im Bereich der Religion, Philosophie und Kulturwissenschaft.

Leben Louise von Salomés Vater Gustav Ludwig von Salomé (1807–1878) stammte von südfranzösischen Hugenotten ab und kam 1810 als Kind mit seiner Familie nach St. Petersburg. Eine militärische Karriere führte ihn bis in den Generalstab der russischen Armee. 1831 wurde er von Zar Nikolaus I. in den Adelsstand erhoben. Die Mutter Louise, geb. Wilm (1823–1913) war norddeutsch-dänischer Herkunft. Die beiden heirateten 1844, ihre Tochter Louise von Salomé kam als jüngstes von sechs Kindern und einziges Mädchen am 12. Februar 1861 in St. Petersburg zur Welt.Eugène von Salomé (* 1858), Alexander von Salomé (* 1849), Robert von Salomé (* 1851). Sie wuchs als Liebling des Vaters in einer wohlhabenden, kulturell vielseitig interessierten Familie auf, in der drei Sprachen gesprochen wurden: Deutsch, Französisch und Russisch. In der glücklichen und anregenden Kindheit sehen Biographen die Grundlage für ihre gleichbleibend starke intellektuelle Neugier, für ihre innere Sicherheit und Unabhängigkeit, auch für ihre Souveränität im Umgang mit mehr oder weniger bedeutenden Männern. Kurz vor ihrem Tod beschrieb sie ihr Lebensgefühl: „Es mag mir geschehen, was will – ich verliere nie die Gewissheit, dass hinter mir Arme geöffnet sind, um mich aufzunehmen.“

mini|hochkant|Lou von Salomé im Alter von 16 Jahren

Einige Aufregung und Spannungen innerhalb ihrer streng protestantischen Familie verursachte Louise von Salomé, als sie die Konfirmation durch Hermann Dalton, den orthodox protestantischen Pastor der zuständigen reformierten Gemeinde, verweigerte und im Jahr 1877 aus der Kirche austrat. Ein Jahr später starb ihr Vater, den sie als Kind sehr verehrt hatte. Als Achtzehnjährige lernte sie über eine Cousine den niederländischen Pastor Hendrik Gillot kennen, bei dem sie – zunächst ohne Erlaubnis der Mutter – Unterricht in Philosophie, Literatur und Religion nahm. Gillot, der als „brillante[r] und kultivierte[r] Dandy“ galt, gab seiner Schülerin den Namen „Lou“, den sie zeitlebens behielt. In den Lektionen, deren Inhalt Salomé in ihren Notizbüchern festhielt, wurden neben Religionsgeschichte und Religionsphänomenologie auch Dogmatismus, messianische Vorstellungen im Alten Testament und der Glaubenssatz von der Dreifaltigkeit behandelt. Auch Logik, Metaphysik und Erkenntnistheorie sowie die Grundsätze bekannter Philosophen zählten zu Salomés Stundenplan. Außerdem sind Gespräche über das französische Theater vor Corneille und die klassische französische Literatur überliefert.

Im Jahr 1879 reiste Lou von Salomé mit ihrem Lehrer in die Niederlande, um sich dort von ihm konfirmieren zu lassen. Auf die Reise folgte ein Heiratsantrag von Gillot, der seine damalige Ehefrau verlassen wollte, mit der er bereits zwei Kinder in Louises Alter hatte. Lou lehnte ab und verzichtete ab diesem Zeitpunkt auf direkten Kontakt zu Gillot.

Im Herbst 1880 zog Lou von Salomé zusammen mit ihrer Mutter nach Zürich. Dort besuchte sie bis 1881 als (nicht offiziell eingeschriebene) Gasthörerin Vorlesungen an der Universität Zürich, die als eine von wenigen Hochschulen jener Zeit auch Frauen zum Studium zuließ. Sie belegte Vorlesungen in Philosophie (Logik, Geschichte der Philosophie, Antiker Philosophie und Psychologie) und Theologie (Dogmatik). Ein Lungenleiden zwang sie zur Unterbrechung des Studiums. Man empfahl ihr zur Heilung ein wärmeres Klima. Im Februar 1882 trafen Mutter und Tochter in Rom ein.

Paul Rée und Friedrich Nietzsche mini|hochkant|Friedrich Nietzsche 1882, Fotografie von Gustav Adolf Schultze

Ein Empfehlungsschreiben verschaffte Lou von Salomé Zugang zum Bekanntenkreis der Schriftstellerin, Pazifistin und Frauenrechtlerin Malwida von Meysenbug, die einst wegen ihrer offenen Sympathien für die Revolutionäre von 1848 aus Berlin ausgewiesen worden war und inzwischen in Rom einen Zirkel von Künstlern und Intellektuellen in der Tradition der Berliner Salons etabliert hatte. In diesem Kreis verkehrten der Philosoph Paul Rée, ein Freund Friedrich Nietzsches, und auch Nietzsche selbst. Rée verliebte sich umgehend in Lou von Salomé, hielt um ihre Hand an und wurde abgewiesen; zwischen beiden entwickelte sich aber eine enge Freundschaft. Als Nietzsche im April 1882 Rom erreichte, war er durch enthusiastische Briefe von Rée auf die Begegnung mit von Salomé vorbereitet. Auch er war von der „jungen Russin“ entzückt und machte ihr einen Heiratsantrag, ausgerechnet durch Rée als Vermittler. Auch er wurde zurückgewiesen, war aber als Freund, Lehrer und Gesprächspartner hochwillkommen.

Sie hatte das Wunschbild einer intensiven Arbeitsgemeinschaft (der von ihr so genannten „Dreieinigkeit“) mit Nietzsche, Rée und sich selbst entworfen. In ihrer Vorstellung würden alle drei in Wien oder Paris freundschaftlich zusammenleben, studieren, schreiben und diskutieren. Diese Idealvorstellung, die sie zu dritt eifrig besprachen, ließ sich nicht verwirklichen. Sie scheiterte letztlich an der Eifersucht der beiden Männer, denn diese wollten sich nicht auf die ihnen zugedachten Rollen festlegen lassen. Andererseits hatte Nietzsche selbst mehrfach die Befürchtung geäußert, dass jede wirklich enge, dauerhafte Bindung ihn an der Vollendung seines Lebenswerkes hindern könnte. Die Freundschaft zwischen von Salomé und Paul Rée war relativ unkompliziert, dabei enger und vertrauter als die zu Nietzsche. Beide duzten sich, schickten sich Tagebuchblätter zu und berieten sich über den jeweiligen Stand der Dinge im Verhältnis zu Nietzsche, worüber dieser nicht im Bilde war.

mini|hochkant|Lou Salomé mit Paul Rée und Friedrich Nietzsche 1882, Fotografie von Jules Bonnet

Nietzsches Situation wurde zunehmend unbefriedigender. Anfang Mai 1882 hatte er allein mit von Salomé einen langen Ausflug am Sacro Monte di Orta in Oberitalien gemacht – seither Anlass für Mutmaßungen darüber, wie nahe sich die beiden dabei gekommen waren. Mitte Mai folgte dann in Luzern ein neuer Heiratsantrag, der wieder abgewiesen wurde. Hier entstand das bekannte Foto, von Nietzsche selbst in allen Einzelheiten arrangiert, auf dem von Salomé ihn und Rée vor ihren Karren spannt.

Wenig später begann Nietzsches Schwester Elisabeth, sich in die Angelegenheiten ihres Bruders einzumischen. Sie berichtete ihm von dem angeblich „leichtfertigen“ und „skandalösen“ Verhalten seiner Freundin während der Festspiele in Bayreuth und unterrichtete auch ihre Mutter über die aus ihrer Sicht moralisch bedenkliche Affäre. Nietzsche war empört über die Einmischung seiner Familie, litt aber auch unter den Details, die ihm zugetragen worden waren. Den Sommer 1882 verbrachten Nietzsche und von Salomé philosophierend in Tautenburg. Die Beziehung der beiden wurde von manchen Zeitgenossen kritisch gesehen, so etwa von dem in Tautenburg ansässigen Pfarrer Hermann Otto Stölten.

Nietzsches Beziehung zu Lou von Salomé endete nach einer letzten Begegnung mit ihr und Rée im Herbst 1882 in Leipzig, von wo von Salomé abreiste, ohne sich von ihm zu verabschieden. Danach änderten sich Nietzsches Einstellung und Verhalten beiden gegenüber. In einem Briefentwurf vom Dezember 1882 äußerte er Verzweiflung und Selbstmitleid: „An jedem Morgen verzweifle ich, wie ich den Tag überdaure … Heute Abend werde ich so viel Opium nehmen, dass ich die Vernunft verliere: Wo ist noch ein M(ensch) den man verehren könnte! Aber ich kenne Euch alle durch und durch.“ In unbeherrschter Eifersucht machte er Rée und von Salomé schwere Vorwürfe und verstieg sich zu wilden Beschimpfungen und Beleidigungen auch gegenüber Dritten. Danach sah man sich nie wieder.

Später bedauerte Nietzsche in einem Brief an seine Schwester sein Verhalten – und zwar sowohl in Hinblick auf die verlorene Freundschaft als auch aus grundsätzlichen Erwägungen: „Nein, ich bin nicht gemacht zu Feindschaft und Hass: und seit diese Sache so weit fortgeschritten ist, dass eine Versöhnung mit jenen beiden nicht mehr möglich ist, weiß ich nicht mehr, wie leben; ich denke fortwährend dran. Es ist unverträglich mit meiner ganzen Philosophie und Denkweise …“ Im Januar 1883 schrieb er in Rapallo den ersten Teil des Zarathustra, überwand so seine akute Krise und hatte sich, wie er anmerkte, „einen schweren Stein von der Seele gewälzt“. Aus den Kapiteln, die sich auf das Wesen der Frauen beziehen, kann man Spuren seiner Erfahrungen mit von Salomé herauslesen, zugleich aber auch Abschluss und Bewältigung dieser Episode seines Lebens. Er blieb bis zu seinem Lebensende allein; nach seinem völligen geistigen Zusammenbruch im Januar 1889 wurde er von Mutter und Schwester gepflegt, bis er am 25. August 1900 starb. In ihrem Buch Nietzsche in seinen Werken von 1894 versuchte von Salomé, auf der Grundlage ihrer genauen Textkenntnis und ihrer persönlichen Erfahrungen mit dem schwierigen Freund, den „Denker durch den Menschen zu erläutern“. Anna Freud sprach später davon, Lou Andreas-Salomé habe mit diesem Buch über Nietzsche die Psychoanalyse vorweggenommen.

Lou von Salomé und Paul Rée lebten drei Jahre lang freundschaftlich zusammen in Berlin und trennten sich 1885. Rée kam 1901 bei einer Bergwanderung ums Leben; ungeklärt blieb, ob durch einen Unfall oder durch Suizid.

Die Ehe Im August 1886 lernte Lou von Salomé in Berlin den Orientalisten Friedrich Carl Andreas kennen. Er war fünfzehn Jahre älter als sie und bald fest entschlossen, sie zu heiraten. Seine entschiedene Absicht unterstrich er durch einen Suizidversuch vor ihren Augen. Nach längeren inneren Kämpfen willigte sie 1887 in die Eheschließung ein, stellte aber Bedingungen. Die Hauptsache: Sie werde sich niemals bereitfinden, die Ehe sexuell zu vollziehen. Aus welchen Gründen Andreas dies akzeptierte, ist nicht bekannt. Falls er hoffte – wie meist vermutet wird – dass sie es damit nicht dauerhaft ernst meinen werde, sah er sich enttäuscht. In den ersten Ehejahren gab es immer wieder Eifersuchtsszenen wegen ihrer Beziehungen zu anderen Männern. Dennoch lehnte Andreas es mehrmals ab, sich scheiden zu lassen. In Berlin bewohnte das Paar nacheinander verschiedene Wohnungen. Zeitweilig hatte Andreas berufliche Schwierigkeiten und nur sehr geringe Einnahmen, so dass die ebenfalls recht begrenzten Einkünfte, die seine Frau als Schriftstellerin erzielte, dringend gebraucht wurden.

Lou Andreas-Salomés Leben bestand aus einer konventionellen, bürgerlichen Hälfte mit Ehemann, hausfraulicher Pflichterfüllung und geistiger Arbeit – und einem anderen Bereich, in dem sie weder Pflichten noch engere Bindungen akzeptierte und mit gelegentlichen, inoffiziellen Liebhabern unterwegs war. Gleichzeitig warf sie ihrem Mann anfangs dessen Beziehung zu ihrer Haushälterin Marie vor. Doch kümmerte sie sich auch um das Kind aus dieser Verbindung, nachdem die Mutter früh gestorben war, und setzte es später als Haupterbin ein. Auf lange Sicht erwies sich die schwierige, widersprüchliche Ehe als unerwartet haltbar. Seit Friedrich Carl Andreas im Frühjahr 1903 auf den Lehrstuhl für Westasiatische Sprachen an der Universität Göttingen berufen worden war, lebte das Paar dort im eigenen Haus (von ihr „Loufried“ genannt, wie schon ein früherer Aufenthaltsort) – er mit der Haushälterin im Erdgeschoss, sie im Stockwerk darüber. Sie betreute, wenn sie in Göttingen war, den Garten am Haus, sie baute Gemüse an und hielt Hühner, führte aber im Wesentlichen weiterhin ein unabhängiges, reisefreudiges Leben. In ihren Tagebuchnotizen erscheint dieser Lebensabschnitt, insbesondere das Verhältnis zu ihrem Mann, wesentlich entspannter als in der Zeit zuvor.