mini|Heutiger Plan von St. Leonhard mini|St. Leonhard um 1830, Kartenausschnitt von Johann Karl Mare St. Leonhard bezeichnet einen Ort in Braunschweig, dessen Mittelpunkt die Leonhardkapelle ist. Es war einst ein Flecken oder Bleek, der etwa ab dem 12. Jahrhundert südöstlich von Braunschweig entstand. Die Siedlung befand sich am Rande eines Waldes (später Siechenholz genannt), der sich vom Streitberg bis nach Rautheim unter Einbezug des Mastbruchs erstreckte.
Der heutige Gebäudekomplex von St. Leonhard, bei dem die meisten Gebäude aus dem 19. Jahrhundert stammen, steht unter Denkmalschutz.
Lage Der Flecken befand sich wahrscheinlich auf den Flächen, die heute vom Braunschweiger Hauptfriedhof, dem Braunschweiger Hauptgüterbahnhof, der Siedlung Mastbruch-Elmaussicht, dem ehemaligen Kasernengelände an der Rautheimer Straße sowie zumindest Teilen der Siedlungen Lindenberg und Südstadt bedeckt sind. Zwischen dem Flecken und der Stadt Braunschweig waren vor allem Gärten und Mühlen, die der Versorgung der Stadt dienten. Anlass für die Entstehung des Fleckens war die Ausbreitung der Lepra.
Im 17. Jahrhundert wurde der Flecken während kriegerischer Auseinandersetzungen zwischen der Stadt und ihren Herzögen mehrfach zerstört und wieder aufgebaut.
Ab 1860 wuchs der Flecken mit der Stadt Braunschweig zusammen. Der Name St. Leonhard hielt sich als Straßenname bis 1890 und wurde dann durch die Bezeichnung Leonhardplatz abgelöst. Im September 2020 beschloss der Stadtbezirksrat, dass der Leonhardplatz (wieder) in St. Leonhard umbenannt wird. (PDF) Heute gehört das Gebiet des Fleckens St. Leonhard zumindest zum überwiegenden Teil zum Stadtbezirk Viewegsgarten-Bebelhof.
Geschichte mini|Ansicht der Kapelle St. Leonhard von Norden Zerstörung und Wiederaufbau mini|Inschrift über dem Kircheneingang:16 RENOVATUM ANNO 79
Im 16. und 17. Jahrhundert geriet St. Leonhard in die kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen der Stadt Braunschweig und den Herzögen, die die Stadt in Besitz nehmen wollten. Heinrich der Jüngere zerstörte die Windmühle und die zum Bleek gehörende Klus, die Beginen flüchteten zum Kloster St. Aegidien. 1559 wurde die Windmühle, 1567 das Siechenhaus neu gebaut und die Klus ausgebessert. 1605/1606 griff Herzog Heinrich Julius an, seine Reiter plünderten die Kirche, zerstörten die Inneneinrichtung und spielten den Bewohnern des Siechenhauses übel mit. Außerdem zerstörten sie das Getriebe der Mühle. 1615 fiel sein Sohn, Herzog Friedrich Ulrich ein. Bis 1621 konnte die Kirche nicht benutzt werden, die Klus wurde nicht wieder aufgebaut. Auch die Verteidiger der Stadt nahmen an der Zerstörung teil. Die Häuser am Markt wurden angezündet. Erst nachdem die Herzöge Braunschweig eingenommen hatten, wurde das Bleek wieder aufgebaut, als erstes das Wirtshaus 1675. Das Armenwesen wurde neu geordnet, St. Leonhard kam zum Marienhospital.
Die Kirche wurde in ihrer Geschichte mehrfach zerstört und wieder aufgebaut. Der Aufbau nach den kriegerischen Auseinandersetzungen dauerte von 1672 bis 1679. Über dem (ehemaligen?) Eingang befindet sich die Inschrift „16 RENOVATUM ANNO 79“.
Im Oktober 1856 wurde der Abriss der Kirche durch Stadtbaumeister Tappe verhindert. Am 2. Advent 1947 erfolgte die Einweihung der Leonhardskapelle als Kirche für die Christengemeinschaft, einer an der Anthroposophie orientierten Religionsgemeinschaft. Die Eröffnungsfeier fand am 5. Dezember statt.Die Christengemeinschaft 20. Jahrgang, 1948, H. 1 u. 2, S. 43 Im Juni 1949 erfolgte die Wiederherstellung der Leonhardskapelle als Kirche der Christengemeinschaft durch den Architekten Daniel Thulesius. Vom 3. Dezember bis 5. Dezember 1954 fand eine Feier der Gemeinde nach erfolgter Restaurierung der Deckenmalereien aus dem 12. bis 17. Jahrhundert im Chor und im Schiff der Leonhardkapelle statt.
Zusammenwachsen mit der Stadt Braunschweig
mini|Die zum Abriss vorgesehene ehemalige Reithalle Ab 1860 wuchs der Flecken St. Leonhard allmählich mit der Stadt Braunschweig zusammen. Die Leonhardstraße, Körnerstraße und die Gerstäcker Straße waren einige der ersten Straßen, die die Verbindung zur Stadt und zum westlich von Viewegs Garten entstehenden Wohngebiet auf dem Krähenfeld bildeten. Die Helmstedter Straße hat gemäß Adressbuch ab 1860 35, ab 1874 51 Nummern.
Laut Pingel (s. Literatur) wurde die zuvor im Adressbuch der Stadt als St. Leonhard bezeichnete Straße oder (nach Knopp) Platz 1890 zum Leonhardsplatz, der Weg nach St. Leonhard (ab 1860 im Adressbuch der Stadt Braunschweig) ab 1875 zur Leonhardstraße und der schon auf Plänen ab 1671 als Weg zwischen Gärten erkennbare Weg 1890 zur Gerstäckerstraße. Der Leonhardplatz grenzte an die Campestraße (heute Ottmerstraße). 1915 gab es auf dem Leonhardsplatz noch einen Viehmarkt.
Ab 1879 wird zum ersten Mal der Name Marthastraße erwähnt, an deren Finanzierung unter anderem der Fabrikant Voigtländer beteiligt war. Die heutige Körnerstraße wurde ab 1878 als Keine Campestraße gebaut. Im Gebiet von St. Leonhard entstanden 1874 die Wörthstraße (heute Schillstraße) und 1892 die Kapellenstraße.
Auch das Siechenholz im Südosten des Stadtbezirks entwickelte sich. Am 1. Oktober 1887 wurde der Zentralfriedhof, der spätere Hauptfriedhof Braunschweig, eingeweiht. Südlich der Bahnlinie nach Helmstedt und des Ostbahnhofs entstanden ein Industriegebiet und die Ackerstraße (1869). Das Wohngebiet konnte sich zwischen Industriebetrieben, Bahnhöfen und Hauptfriedhof nicht richtig ausdehnen. Auf dem Streitberg entstand 1873 die Aktienbierbrauerei gleichen Namens. Gegenüber dem Braunschweiger Hauptfriedhof entstand 1908 die Reuterstraße.
In Richtung Innenstadt entstanden auch Betriebe, so an der Ecke Helmstedter Ecke die Zigarrenfabrik Frey und Schurig (1869–1885).
1888 wurde die Klosterdomäne aufgelöst, 1890 teilweise abgebrochen. 1889 wurde der ehemalige Schafstall, nun Wirtschaftshof des Klosterguts, zum Landgestüt Braunschweig und verblieb hier bis 1934. Von 1912 an hatte die Reiterstaffel Braunschweig ihren Sitz in St. Leonhard. Nach 1935 zogen weitere Organisationseinheiten der Polizeidirektion Braunschweig hier ein, wie das 4. Polizeirevier. Diese nutzten die Räumlichkeiten und eine eigene Tankanlage für Dienstfahrzeuge bis in das Jahr 1978.
Neue Nutzung mini|Bauarbeiten auf dem Gelände, 2018 Nachdem das ehemalige Landgestüt jahrzehntelang ungenutzt geblieben war, wurde ab 2015 ein integratives soziales Zentrum unter dem Namen St. Leonhard geplant. Da die nur in den Umfassungswänden erhaltene alte Reithalle und der Marstall nicht in das Konzept eingefügt werden konnten, wurden die beiden Bauteile im Einvernehmen mit den Denkmalschutzbehörden auch aufgrund ihres Bauzustands abgebrochen. Es erfolgte ein Neubau von fünf Gebäuden. Die beiden straßenseitigen Stallbauten wurden erhalten, restauriert und für eine neue Nutzung umgebaut. 2023 wurde das Quartier fertiggestellt.Wohnen und leben für alle - mitten in Braunschweig bei ndr.de vom 2. Mai 2023 In ihm wohnen und arbeiten Menschen verschiedener Generationen sowie Menschen mit Einschränkungen. Beteiligt an dem Projekt der Firma Borek-Immobilien und der Richard Borek Stiftung waren die Evangelische Stiftung Neuerkerode und das Christliche Jugenddorfwerk Deutschlands. An der Ecke St. Leonard/Leonhardstraße entstand mit Fertigstellung 2020 ein sechsstöckiges Wohngebäude.Der Löwe: Braunschweigs neues LeuchtturmprojektRegional Braunschweig: St. Leonhard: Neues Stadtviertel geplant
Aufgaben Leprakranke Die an Lepra Erkrankten, auch Sieche genannt, wurden in Deutschland außerhalb der Städte angesiedelt. In Braunschweig geschah dies am oben erwähnten Waldstück, das dadurch den Namen Siechenholz erhielt. Das Holz wurde entweder von den Siechen oder der Stadt erworben.
Der älteste Nachweis des Siechenholz und eines Hospitals St. Leonhard stammt aus dem Jahr 1230. Da in anderen deutschen Städten Siechenhospitäler schon im 9. Jahrhundert nachgewiesen wurden, ist anzunehmen, dass in der Handelsstadt Braunschweig die Lepra auch schon vorher ein Problem war, die Ansiedlung also älter ist.
Am Siechenholz entstand ein von Beginen betreutes Hospital, eine heute existierende Kapelle (die laut Knopp von 1190 stammt), eine im 17. Jahrhundert endgültig zerstörte Klus, mehrere Wirtschaftsbetriebe und eine kleine Siedlung.
Veränderung der Aufgaben von St. Leonhard Charakter und Aufgaben der „Krankenhäuser“ des Flecken St. Leonhard veränderten sich im Laufe ihres Bestehens. alternativtext=Eine Fotografie, auf der das neue Gelände des Quartiers Sankt Leonhard zu sehen ist. Im Vordergrund steht eine schwarze Laterne. Eine neu angelegte Bepflanzung mit einem grünen Bodendecker und einem jungen Baum mit langsam grüner werdenden Knospen ist im Vordergrund zu sehen. Im Mittelgrund liegt ein mit hell- und dunkelgrauen Platten gepflasterter Platz. Dahinter sind die restaurierten Scheunengebäude zu sehen, die moderne, schwarze Sprossenfenster haben. Eine ebenfalls aus schwarzem Stahl und Glas bestehende Eingangstür ist dem Betrachter zugewandt. Davor stehen vier Menschen an einem Stehtisch mit Husse. Im Hintergrund links sieht man einen Teil der Sankt Leonhard-Straße durch einen steinernen Torbogen hindurch, rechts erhebt sich der moderne und neu gebaute sechsstöckige Flachbau.|mini|Blick auf das Gelände des neu errichteten Quartiers Sankt Leonhard bei der Einweihung im Jahr 2023 Nach Abflauen der Lepra im 16. Jahrhundert verlegte man sich unter anderem auf die Erziehung von Bürgertöchtern. Im Bleek befand sich ein Pockenhaus, das zum Hospital Antonii und St. Christophori im Weichbild Hagen gehörte. Wer „unrein“ oder mit „schwerer Krankheit des Spitals“ behaftet war, bekam einen kostenlosen Platz. Er musste Betten, Kleider und sonstigen Eigenbedarf mitbringen und eine „Collation“, eine Liebesmahlzeit zum Einstand ausrichten. Dafür konnte er sich das Geld auch leihen. Ab 1680 wurden Syphiliskranke behandelt. 1727 wurde ein Siechenhaus im ehemaligen Wohnhaus des Gastwirts Hans Mecke errichtet. Ab dem 18. Jahrhundert mussten Tote gemeldet auf Anforderung dem Anatomisch-Chirurgischen Institut zur Untersuchung übergeben werden. Es wurden sogenannte Salvationsstuben errichtet und Salvationskuren angeboten, welche von der 1742 gegründeten Armenkasse bezahlt wurden. 1813 wurde das Krankenhaus, 1841 oder 1842 werden die Armenhäuser bei St. Leonhard aufgelöst und das städtische Armenhaus, Goslarsche Straße 47 in Betrieb genommen. Das Gebäude in St. Leonhard wurde an der Gärtner Bäse auf dem Streitberg verkauft. Nach Aufgabe des Siechenhauses (evtl. auch früher) kamen unverheiratete Mütter zum Entbinden nach St. Leonhard, als Väter wurden meist Soldaten angegeben. Unverheiratete Mütter wurden nach einem Edikt von 1687 als „Huren“ bezeichnet, sie mussten den „Hurenbruch“ zahlen oder wurden mit dem Hurenkarren zum Werkhaus gefahren und mussten unter Polizeiaufsicht die Straßen kehren. Die Aufnahme in das 1767 gegründete Accouchierhaus an der Ecke Wendenstraße / Wilhelmstraße (heute Fachgerichtszentrum) brachte Straffreiheit, ob dies auch für St. Leonhard galt, ist nicht überliefert.
„Knabenhof bei St. Leonhard“ Am 8. Juni 1852 wurde eine Nähschule für Mädchen der „unteren Stände“ („Rettungshaus“) bei St. Leonhard vor dem Steintore eröffnet. Daraus ist wohl der „Knabenhof bei St. Leonhard“ in der Georg-Westermann-Allee 76 entstanden, der am 8. Juni 1952 sein 100-jähriges Jubiläum feierte.
Am 28. Juni 1954 wurde an der Georg-Westermann-Allee das Kinderheim des Knabenhofes St. Leonhard in Betrieb genommen, das „Michelfelder-Heim“, benannt nach dem damaligen Generalsekretär des Lutherischen Weltbundes, dem Deutsch-Amerikaner Dr. Michelfelder.