mini|Ferhadija-Moschee (1579): Eine der ältesten Moscheen Bosniens und Europas mini|Johann Lingelbach, Mediterrane Hafenszene (Detail), 1669, Städelsches Kunstinstitut
Dieser Artikel behandelt die Geschichte und heutige Lage des Islams in Europa. Viele christlich geprägte europäische Länder und die Islamische Welt teilen eine über dreizehnhundertjährige gemeinsame Geschichte. Über viele Jahrhunderte standen Regionen unter muslimischer Herrschaft, die geografisch zum europäischen Kontinent gehören. Hierzu zählen beispielsweise Sizilien oder große Teile des heutigen Portugal und Spaniens, das arabische al-Andalus. Istanbul, die Hauptstadt des Osmanischen Reichs, liegt auf zwei Kontinenten, Europa und Asien. Rumelien, der europäische Teil des Osmanischen Reichs, stand bis zum Ende des 19. Jahrhunderts unter osmanischer Herrschaft. Bosnien-Herzegowina, der Kosovo und Albanien sind seit Jahrhunderten muslimisch geprägt.
Die gemeinsame Geschichte ist von kriegerischen Auseinandersetzungen, aber auch von intensivem Handel, diplomatischem und kulturellem Austausch geprägt. In ihrem Verlauf wuchs das beiderseitige Wissen über die jeweils „andere“ Kultur. Verbindungen zur eigenen Identität und Erfahrungswelt wurden hergestellt und fanden in erinnerungsstiftenden Ritualen Ausdruck, wobei im Blick der heutigen Forschung das hieraus entstandene „Bild des Anderen“ sich oftmals als Stereotyp erweist und im Hinblick auf die eigene kulturelle Identität konstruiert erscheint.
Mit der Zuwanderung von Muslimen aus Vorderasien und Nordafrika nach Europa seit den 1950er Jahren sind in vielen westeuropäischen Ländern zahlenstarke muslimische Minderheiten entstanden. Die nationalen Integrationsdebatten unterliegen seit den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts einer starken Fokussierung auf Muslime.
Geschichte Im Verlauf der Geschichte Europas und der islamischen Welt kam es zu verschiedenartigen, bald gewaltsamen, bald auch friedlichen Kontakten, die die Vorstellungen in beiden Regionen voneinander in unterschiedlicher Weise prägten. Zeiten relativ friedlichen Zusammenlebens, für die symbolisch der Hof des Stauferkaisers Friedrich II.Gundula Grebner: Der ‚Liber Introductorius‘ des Michael Scotus und die Aristotelesrezeption: der Hof Friedrichs II. als Drehscheibe des Kulturtransfers. In: Mamoun Fansa, Karen Ermete (Hrsg.): Kaiser Friedrich II. (1194–1250). Welt und Kultur des Mittelmeerraums. Oldenburg 2008, S. 250–257. oder das jahrhundertelange Zusammenleben von Christen, Juden und Muslimen im muslimisch beherrschten al-AndalusAndré Clot: Das maurische Spanien: 800 Jahre islamische Hochkultur in Al Andalus. Albatros, Düsseldorf 2004, ISBN 3-491-96116-5. stehen, wechselten sich mit Epochen kriegerischer Auseinandersetzung ab. Diese Konflikte scheinen sich dem „kollektiven Gedächtnis“ Westeuropas eingeprägt und damit Symbolcharakter angenommen zu haben, darunter die Eroberung von Konstantinopel (1453) und die darauf folgende Umwidmung der Hagia Sophia – der Krönungskirche der byzantinischen Kaiser – in eine Moschee oder die Siege in der Seeschlacht von Lepanto und der Schlacht am Kahlenberg.
Frühes Mittelalter Die Hedschra im September 622 markiert den Beginn der islamischen Zeitrechnung. Schon wenige Jahrzehnte später errangen islamisch-arabische Heere entscheidende Siege über das Byzantinische Reich und die persischen Sassaniden. Die Aneignung und Umformung der Kulturen der eroberten Gebiete, auch der zu dieser Zeit schon christlich geprägten Kultur der Antike, führte zu einer frühen Blütezeit der Islamischen Kultur, die in der Folgezeit wiederum ins christliche Europa ausstrahlte. Die Werke islamischer Wissenschaftler – deren Namen man sich in Europa häufig in latinisierter Form aneignete – blieben bis ins 16. Jahrhundert hinein Standardwerke der europäischen Wissenschaft.
al-Andalus
Am 30. April 711 landete ein Heer aus Arabern und Berbern unter dem Feldherrn des Umayyaden-Kalifen Al-Walid I., Tariq ibn Ziyad, in Gibraltar. In der Schlacht am Río Guadalete besiegte Ibn Ziyad ein westgotisches Heer unter König Roderich. In einem siebenjährigen Feldzug wurde der größte Teil der Iberischen Halbinsel erobert. Aber schon 718 erlangte der Westgote Pelayo in Nordspanien die Unabhängigkeit und errichtete das christliche Königreich Asturien. In den folgenden Jahren überquerten muslimische Truppen die Pyrenäen, besetzten Teile von Südfrankreich und führten dort Raubzüge () aus. 732 wurden sie von den Franken unter Karl Martell in der Schlacht von Tours besiegt, konnten aber ihre Herrschaft auf dem größten Teil der iberischen Halbinsel dauerhaft etablieren.
755 landete der umayyadische Prinz Abd ar-Rahman ibn Mu'awiya mit Berbertruppen in Almuñécar in Andalusien. Er war auf der Flucht vor den Abbasiden, die 750 ihre umayyadische Vorgängerdynastie gestürzt hatten. Im Mai 756 stürzte er den abbasidischen Statthalter von Al-Andalus Yusuf al-Fihri in Córdoba. Mit seiner Erhebung zum Emir (756–788) begann die politische Organisation des westumayyadischen Reichs in Spanien. Abd ar-Rahman gründete die Markgrafschaften Saragossa, Toledo und Mérida, um die Grenze gegen die christlichen Reiche in Nordspanien zu sichern. Die Iberische Halbinsel wurde unter dem Namen al-Andalus Teil des Westumayyadenreichs. Von Nordspanien aus weitete sich bereits im Frühmittelalter das Herrschaftsgebiet der christlichen Königreiche im Zuge der Reconquista während der folgenden Jahrhunderte wieder aus.
mini|links|Jude und Muslim beim Schachspiel, aus dem Libro de los Juegos Alfons X. von Kastilien, 13. Jahrhundert (Madrid, Bibliothek des Escorial) mini|Planisphärisches „Astrolabium des al-Sahlî“, datiert 1067 (Museo Arqueológico Nacional de España)
Al-Andalus blieb bis 1492 unter muslimischer Herrschaft, zunächst als Provinz des Umayyaden-Kalifats (711–750), von 756 bis 929 als Emirat von Córdoba, 929 bis 1031 als Kalifat von Córdoba. Nach 1031 wurde das Gebiet von einer Gruppe von Taifa- oder „Nachfolger“-Königreichen beherrscht, danach von den maghrebinischen Dynastien der Almoraviden und Almohaden; schließlich zerfiel es wiederum in Taifa-Königreiche. Während langer Perioden, vor allem zur Zeit des Kalifats von Córdoba, war al-Andalus ein Zentrum der Gelehrsamkeit. Córdoba wurde ein führendes kulturelles und wirtschaftliches Zentrum sowohl des Mittelmeerraums als auch der islamischen Welt. Nichtmuslime, die einer der Schriftreligionen angehörten, zählten nach islamischem Recht zu den „Schutzbefohlenen“ (Dhimma). Die Regierungszeit Abd ar-Rahmans III. und seines Sohnes al-Hakam II. zeichnet sich durch eine, für damalige Zeit, besonders ausgeprägte religiöse Toleranz aus. Vor allem die jüdische Bevölkerung gelangte durch Wissenschaft, Handel und Gewerbe zu Wohlstand. Jüdische Kaufleute (Radhaniten) vermittelten den Handel zwischen dem christlichen Europa und der islamischen Welt. Das südliche Iberien war in dieser Zeit Asyl für die unterdrückten Juden anderer Länder. Einer der bedeutendsten jüdischen Gelehrten dieses „Goldenen Zeitalters der jüdischen Kultur in al-Andalus“ war der 1135 oder 1138 in Córdoba geborene Moses Maimonides. Andererseits wurden im 9. Jahrhundert in Córdoba 48 Christen wegen religiöser Vergehen gegen den Islam hingerichtet. Als „Märtyrer von Córdoba“ fanden sie gelegentlich Nachahmer. In jüngerer Zeit richtet sich das Interesse der Forschung zunehmend auf das multikulturelle Zusammenleben in al-Andalus.
Grenzen der islamischen Expansion in Europa Ins „kollektive Gedächtnis“ Westeuropas ging die Schlacht von Tours und Poitiers im Oktober 732 als epochaler Wendepunkt und Ende der islamischen Expansion im Westen Europas ein. Diese Bedeutung wurde der Schlacht jedoch erst Ende des 18. Jahrhunderts durch Edward Gibbon in seinem Werk The History of the Decline and Fall of the Roman Empire (1788) zugeschrieben. In mittelalterlichen Chroniken des 11. Jahrhunderts, beispielsweise von Marianus Scottus und Frutolf von Michelsberg, wurde die Schlacht nicht erwähnt.Ekkehart Rotter: Mohammed in Bamberg. Die Wahrnehmung der muslimischen Welt im Deutschen Reich des 11. Jahrhunderts. In: Achim Hubel, Bernd Schneidmüller (Hrsg.): Aufbruch ins zweite Jahrtausend. Innovation und Kontinuität in der Mitte des Mittelalters. Ostfildern 2004, S. 283–344, hier: S. 306. In Wahrheit scheint die arabische Niederlage vor Konstantinopel im Jahr 718 der islamischen Expansion nach Europa weitaus nachdrücklicher Einhalt geboten zu haben. Byzanz musste sich jahrhundertelang koordinierter und organisierter Angriffe arabischer Heere und Flotten erwehren, die in kurzen Abständen aufeinander folgten. Erst die Niederlagen des byzantinischen Reiches in den Schlachten bei Manzikert (1071) und Myriokephalon (1176) ermöglichten die Besiedelung Kleinasiens durch die turkstämmigen Oghusen und die Errichtung des Sultanats der Rum-Seldschuken.
Während die Muslime schon kurz nach der islamischen Expansion begonnen hatten, griechische und lateinische Autoren der Spätantike in die arabische Sprache zu übersetzen und mit Hilfe eigener Ideen weiterzuentwickeln, standen christliche Autoren wie Hieronymus der „heidnischen“ Philosophie beispielsweise des Aristoteles ablehnend gegenüber. Nur für kurze Zeit, während der karolingischen Renaissance, wurden philosophische Werke der griechisch-römischen Antike in Europa von Gelehrten wie Alkuin diskutiert. Insgesamt machte das philosophische und wissenschaftliche Denken in Westeuropa – im Gegensatz zur islamischen Wissenschaft dieser Zeit – kaum Fortschritte.
Europäisches Hochmittelalter Der expandierende Islam wurde in Europa zunächst nur als militärische Bedrohung wahrgenommen. Im 9. Jahrhundert berichtete Erchempert von Montecassino von einem heimtückischen Angriff sarazenischer Söldner auf die Stadt Bari. Die „von Natur aus klügeren und im Üblen gewandteren“ Sarazenen nutzten ihre Kenntnis der Befestigungsanlagen zu einem nächtlichen Überfall, bei und nach dem die „schlafenden Christen ermordet oder in die Sklaverei verkauft wurden“.Erchempert von Montecassino: Historia Langabardorum Beneventanorum, Kap. 16: „[…] sunt natura callidi et prudentiores aliis in malum […] populumque insontem partim gladiis trucidarunt partim captivitati indiderunt“ online, abgerufen am 25. Mai 2017. Nach Edward Said (2003) symbolisierte der Kontakt mit dem Islam in Europa zu Beginn „Terror, Verwüstung, das Dämonische, Horden verhasster Barbaren“, dem nur mit „Angst und einer Art von Ehrfurcht“ begegnet werden konnte.
Kreuzzüge
mini|Friedrich II. (li.) schließt 1229 Frieden mit dem ägyptischen Sultan Al-Kamil, Buchillustration, um 1345 (Vatikanische Apostolische Bibliothek, Rom)
Im Jahr 1095 bat der byzantinische Kaiser Alexios I. Komnenos Papst Urban II. um Unterstützung zur Rückeroberung des kleinasiatischen Reichsgebiets. Am 27. November 1095 rief der Papst auf der Synode von Clermont zum Kreuzzug in das „Heilige Land“ auf. Das im Anschluss an den Ersten Kreuzzug gegründete Königreich Jerusalem und andere kleinere Kreuzfahrerstaaten spielten während der folgenden 90 Jahre eine Rolle in der komplizierten Politik der Levante. Nach dem Ende der Fatimidenherrschaft im Jahr 1169 sahen sich die Kreuzfahrerstaaten zunehmend dem Druck Saladins ausgesetzt, der bis 1187 einen Großteil der Region zurückerobern konnte. Bald traten wirtschaftliche Beweggründe und Motive innereuropäischer Politik hinzu: Wirtschaftliche Interessen der Republik Venedig führten dazu, dass im Vierten Kreuzzug 1204 die byzantinische Hauptstadt Konstantinopel von Kreuzfahrern erobert und geplündert wurde.