Plesiorycteropus ist eine ausgestorbene Säugetiergattung, die auf Madagaskar lebte und erst im späten Holozän ausgestorben ist. Fossile Reste der Tiere sind an rund einem Dutzend Fundstellen im zentralen und westlichen Teil der Insel entdeckt worden. Es handelt sich um kleinere Tiere, die ihrem Skelettbau zufolge eine grabende, möglicherweise auch eine baumkletternde Lebensweise verfolgten und sich wahrscheinlich von Wirbellosen ernährten. Ursprünglich wurde eine nähere Beziehung von Plesiorycteropus zum Erdferkel angenommen, worauf sich auch der teilweise verwendete deutsche Trivialname Madagassische Erdferkel bezieht. Spätere Untersuchungen ließen eine Stellung in einer eigenen Familie, Plesiorycteropodidae, und einer eigenen Ordnung, Bibymalagasia, mit eher unklaren Verwandtschaftsverhältnissen vermuten. Neuere genetische Untersuchungen dagegen ergaben eine nähere Beziehung zu den Tenrekartigen. Die Gattung wurde im Jahr 1895 wissenschaftlich eingeführt. Sie umfasst zwei bekannte Arten, P. madagascariensis und P. germainepetterae.

Merkmale Schädelmerkmale Plesiorycteropus war deutlich kleiner als ein Erdferkel und deutlich größer als die Tenreks, es erreichte ein Gewicht von 6 bis 18 kg. Das vollständige Skelett ist nicht überliefert, ebenso fehlt vom Schädel die vordere Schnauzenpartie sowie das Gebiss. Erhaltene Schädel wiesen Längen von 6,6 bis 7,7 cm zwischen dem Stirnbein und dem Hinterhauptsbein auf, die mögliche Gesamtlänge dürfte bei rund 10 cm gelegen haben. Die Breite des Hirnschädels variierte von 3,6 bis 3,8 cm. In der Aufsicht engte er sich im Bereich der Augen auf 2,5 bis 2,8 cm ein, erweiterte sich dann wieder in der Nasenregion. Aufgrund des vorhandenen rostralen Schädelbereiches kann von einer konischen, strumpf endenden Schnauze ausgegangen werden. Anzeichen für die stumpfe Schnauze finden sich in den Nasenbeinen, die sich untypisch für Höhere Säugetiere nach vorn erweiterten. Auffallend ist auch die verknöcherte Nasenscheidewand. Der Jochbogen bildete keinen geschlossenen Bogen, er bestand aus einem robusten vorderen Bogenansatz und einem grazileren hinteren. Der hintere Schädelteil zeigte deutliche Rundungen und wies keine besonderen Knochenmarken auf, Temporallinien waren schwach ausgebildet und lagen relativ niedrig ohne sich in der Mitte zu treffen. Hervorzuheben ist außerdem, dass das Scheitelbein länger als das Stirnbein war. Das Hinterhauptsbein zeigte sich stark gewinkelt und bildete einen flachen, nahezu senkrechten Schädelabschluss, die Gelenkansätze für die Halswirbelsäule verfügte über zwei deutlich getrennte Gelenkflächen. An der Schädelbasis bestand die Verbindung zum Unterkiefer aus einer nur flachen Gelenkgrube, die sich nahe dem hinteren Jochbogenansatz etwa auf Höhe des Gaumenbeins befand. Da sowohl der Unter- als auch der Oberkiefer nicht überliefert sind, ist unklar, ob die Tiere über Zähne verfügten.

Skelettmerkmale Die Anzahl der Wirbel vor allem im Bereich des Rumpfes ist unbekannt, sicheren Annahmen zufolge bestand die Wirbelsäule aus sieben Hals-, fünf oder sechs Lenden- und sieben Kreuzbeinwirbeln. Außerdem liegen fünf artikulierte Wirbel der vorderen Schwanzwirbelsäule vor. Ihre nur geringe Größenabnahme gibt an, dass der Schwanz relativ lang gewesen sein muss. Die Schwanzwirbel hatten massive Querfortsätze, die einem sehr kräftigen Schwanz annehmen lassen. Die Gliedmaßen waren allgemein kräftig und zeichneten sich durch zahlreiche Muskelmarken aus. Der Oberarmknochen wurde 7,1 bis 7,6 cm lang und verfügte über eine etwas gestreckten Gelenkkopf. An der Schaftseite bestand eine massive deltopectorale Leiste, die etwa in der Schaftmitte noch einmal deutlich seitlich hervortrat. Das untere Gelenkende (Ellenbogengelenk) weitete sich auffallend, wobei ein größerer Anteil auf die beiden Epicondylen fiel. Die Elle zeigte einen stark verlängerten und kräftigen oberen Gelenkfortsatz (Olecranon), der bezogen auf die Gesamtlänge des Knochens von 8,2 cm rund 3 cm einnahm. Dagegen verdünnte sich die Elle nach unten merklich. Die Speiche war mit 5,4 bis 5,7 cm relativ kurz, aber robust gebaut mit einem einfachen, radialen Kopf und einem seitlich gepressten Schaft. Der Oberschenkelknochen ist von allen Langknochen am besten überliefert. Er weist eine Länge von 11 bis 12,4 cm auf. Der nahezu halbkugelige Gelenkkopf saß auf einem langen Hals, was einen deutlichen Unterschied zum Erdferkel und zu einigen Tenreks darstellt. Gleiches gilt für die starke Abwinklung des Halses von der Längsachse des Femurs, ebenso wie die hohe Lage des Großen Rollhügels, der den Gelenkkopf deutlich überragte. Vom Großen Rollhügel verlief eine Knochenrippe abwärts, sie mündete etwa auf der Hälfte des Schaftes in den Dritten Rollhügel. Das untere Gelenkende besaß einen asymmetrischen Bau mit einer größeren inneren und einer kleineren äußeren Gelenkrolle. Schien- und Wadenbein waren an beiden Enden miteinander verwachsen, sie erreichten eine Länge von 9,1 bis 9,5 cm. In Seitenansicht besaßen beide einen relativ geraden Verlauf, beim Erdferkel und den Tenreks ist das Wadenbein stärker gedreht. Hervorzuheben ist das Fehlen eines zusätzlichen Knochenfortsatzes an der äußeren Gelenkpfanne des oberen Gelenkendes (Processus falciformis), der beim Erdferkel ausgebildet ist. Das Obere Sprunggelenk wird wie bei zahlreichen, aber nicht allen Afrotherien lediglich durch das Schien- und das Sprungbein gebildet. Das Hand- und Fußskelett ist bis auf das Sprungbein, und einzelne Metapodien und Phalangen kaum bekannt. Die Metapodien waren kurz und breit mit breiten vorderen und schmalen hinteren Gelenkenden und leicht gebogenem Schaft. Bei den Finger- und Zehengliedern waren möglicherweise die ersten kürzer als die mittleren, was beim Erdferkel nicht der Fall ist. Die kurzen Endphalangen besaßen markante seitliche Verschmälerungen, es ist aber unklar, von welchen Strahl sie abstammen.

Subfossile Funde und Aussterben mini|hochkant|Fundstellen mit Plesiorycteropus; rot: P. sp.; grün: P. madagascariensis; blau = P. madagascariensis und P. germainepetterae Es sind bisher rund ein Dutzend Fundstellen mit Resten von Plesiorycteropus bekannt. Diese konzentrieren sich auf das zentrale, westliche und südliche Madagaskar. Der weitaus überwiegende Teil der Funde stammt dabei aus Sirave und Ampoza im Südwesten und aus Ampasambazimba im mittleren Bereich der Insel. Letztere Fundstelle wurde bereits 1902 entdeckt. Sie ist sehr fossilreich und geht auf einen ehemaligen See zurück. Radiocarbondaten an einem ausgestorbenen Lemuren ergaben ein Alter von rund 1035 Jahren BP. Mit rund 2154 BP deutlich älter ist ein gemessener Wert von Masinandraina bei Antsirabe im zentral-östlichen Madagaskar. Deutlich jüngere Daten lieferten Untersuchungen an der Bat site der Anjohikely-Höhle bei Anjohibe im Nordwesten von Madagaskar. Hier wurde an einem Knochen eines Fledertieres ein Alter von 510 Jahre BP ermittelt. Plesiorycteropus trat hier zusätzlich mit Lemuren und Flusspferden auf. Es könnte allerdings sein, dass einzelne Funde stärker umgelagert wurden. Alle bekannten Fundstellen befinden sich in heute eher trockeneren Gebieten der Insel. Möglicherweise war Plesiorycteropus an schmale Waldgebiete im Umkreis von Feuchtlandschaften wie Sümpfen und Flüssen angepasst.

Die Gründe für das Aussterben sind nicht restlos geklärt. Die Insel Madagaskar wurde erst vor rund 2300 Jahren von Menschen besiedelt. Im Anschluss daran kam es zu einem Massenaussterben von größeren Tieren, von dem unter anderem die madagassischen Flusspferde, mehrere Primatengruppen (wie die Megaladapidae und die Palaeopropithecinae) und die riesigen Elefantenvögel betroffen waren. Meist werden Bejagung, Brandrodungen oder die Einführung von Neozoen als Hauptursache für das Aussterben dieser Tiere angeführt. Möglicherweise haben auch klimatische Veränderungen wie das allmähliche Austrocknen des westlichen Inselteils und dem damit verbundenen Rückgang der Wälder dort den Niedergang der großen Tiere beschleunigt. Die genauen Ursachen bleiben spekulativ. Durch die Entdeckung weiterer, kleinerer Säugetiere wie Microgale macpheei konnte aber aufgezeigt werden, dass nicht nur die Großtierfauna verschwand, sondern auch die Linien kleinerer Wirbeltiere vom Aussterben betroffen waren.

Lebensweise Fortbewegung Plesiorycteropus zeigt eine vielfältige Merkmalskombination. Deutliche Anzeichen an eine grabende Lebensweise heben sich vor allem durch Modifikationen der Vorderbeine hervor. Am Oberarmknochen besteht eine deutliche deltopectorale Leiste als Muskelansatzstelle, ihre Ausprägung am seitlichen Humerusschaft verstärkt durch den hier ansetzenden Deltamuskel die Vorwärtsbewegung des Armes. Des Weiteren ist das untere Gelenk (Ellenbogengelenk) verbreitert, ebenso wie das Olecranon der Elle eine starke Streckung aufweist. Beides spricht für eine ausgesprochen kräftige Unterarm- und Fingermuskulatur. Die eher kleine Gelenkfazette am Kopf der Speiche, die den Knochen mit der Elle verbindet, lässt nur einen geringen Spielraum in der Drehbewegung des Unterarms zu, der etwa bei 20° gelegen haben dürfte. Die Handknochen sind insgesamt kurz und breit gebaut. An den körperfernen Enden der Mittelhandknochen bestehen tiefe Gelenkspalten. Diese verhinderten, dass die dort ansetzenden Fingerglieder bei starker Beanspruchung seitlich ausscherten. Ergänzend dazu sind die Hinterbeine länger als die Vorderbeine. Sie könnten ebenfalls beim Graben eingesetzt worden sein, etwa zum Abstützen oder zum Wegschaufeln des Auswurfs. Markant sind auch die breiten Querfortsätze der ersten Schwanzwirbel, die einen breiten, muskulösen Schwanz rekonstruieren lassen. Einige Skelettmerkmale sprechen dagegen auch für eine kletternde Lebensweise, wobei eingeschränkt gesagt werden muss, dass sowohl die fossoriale als auch die arboreale Fortbewegungsweise ähnlicher körperlicher Voraussetzungen bedarf. Die hohe Lage des Humeruskopfes ermöglichte es Plesiorycteropus die Arme auf Schulterhöhe oder darüber hinaus zu heben, was typisch für kletternde Tiere ist. Ebenso könnte das dünn nach unten auslaufende Ende der Elle für eine derartige Befähigung sprechen. Dagegen scheint aber eine springende Fortbewegung, wie sie teilweise aufgrund des hohen Großen Rollhügels am Oberschenkelknochen postuliert wurde, eher unwahrscheinlich, da die allgemeinen Proportionen der Hintergliedmaßen dies nicht unterstützen. Ungewöhnlich ist auch der sehr lange Femurhals, der so bei anderen grabenden Tieren einschließlich dem Erdferkel nicht vorkommt. Eine weitere Besonderheit findet sich am Sitzbein, speziell an der Ausprägung des Sitzbeinhöckers als dreieckige Plattform ähnlich wie bei einigen Menschenaffen und bei den Gürteltieren, bei letzteren dienten sie zur Aufhängung des knöchernen Panzers. Bei Plesiorycteropus bestanden hier wohl ausgeprägte Hautpolster, die es den Tieren ermöglichten, trotz des dicken Schwanzansatzes eine sitzende Position einzunehmen.

Ernährungsweise