mini|Das ostfälische Sprachgebiet in Norddeutschland. Hier an der Verteilung des Personalpronomens mik im Dativ und Akkusativ nach Daten des deutschen Sprachatlas aus dem 19. Jahrhundert. mini|hochkant=1.5|Das Ostfälische (13) innerhalb des niederdeutschen und des niederländischen Sprachraumes nach 1945 mini|hochkant=1.5|Das Verbreitungsgebiet der ostfälischen Mundart nach Brockhaus, 1894
Ostfälisch ist ein Dialektverband des Niederdeutschen, der in Niedersachsen ungefähr südöstlich einer Linie Uelzen – Celle – Hannover – Stadthagen – Bückeburg (einschließlich dieser Städte), also in der südlichen Lüneburger Heide und im Raum Hannover, Hildesheim, Braunschweig und Göttingen sowie in Sachsen-Anhalt in der Magdeburger Börde und im nordöstlichen bzw. nördlichen Harz und Harzvorland gesprochen wird (bzw. wurde). Auch kleine Gebiete nördlich von Kassel in Hessen und im thüringischen Teil des Eichsfeldes gehören zum ostfälischen Sprachgebiet, das einen Großteil des historischen Ostfalens ausmacht.
Begriffserklärung Der Begriff ostfälisch für den niederdeutschen Dialekt zwischen Weser und Elbe entstammt der Sprachwissenschaft des späten 19. Jahrhunderts, die sich erstmals nahezu flächendeckend mit den Dialekten in diesem Raum befasste und dabei die hier (ansatzweise) zu beschreibenden Gemeinsamkeiten und Eigenheiten feststellte. Da diese sich zum Teil bis zu den (spärlichen) Schriftzeugnissen der altniederdeutschen Zeit zurückverfolgen lassen, wurde der seitdem untergegangene Name des östlichen Teils des ehemaligen altsächsischen Stammesherzogtums für diesen Zweck reaktiviert. — Auch wenn der Name Ostfalen seit dem Ende des 20. Jahrhunderts auch in anderen Zusammenhängen Verwendung findet (z. B. Deuregio Ostfalenhttps://www.ostfalen.de/ ostfalen.de), hat er im täglichen Leben der Region höchstens marginale Bedeutung. Sprecher des Ostfälischen sprechen in Zusammenhang mit ihrem Dialekt oft nur von Plattdüütsch/Plattduitsch.
Sprachliche Beschreibung Ein Hauptmerkmal des Ostfälischen sind die charakteristischen aus dem Akkusativ entstandenen Objektpronomen. Dazu zählen mek/mik und dek/dik im Gegensatz zu mi und di im Nordniedersächsischen, jeweils für hochdeutsch mir und mich bzw. dir und dich, sowie auch öne (ihn/ihm), ösch/össek (uns) und jöck/jich (euch) (nordniederdeutsch em, us, jo). Das Ostfälische stimmt somit mit vielen niederdeutschen Dialekten (mit Ausnahmen z. B. im südlichen Westfälisch) darin überein, dass bei den Personalpronomen der Dativ mit dem Akkusativ zusammengefallen ist. Seine Besonderheit zeigt sich aber darin, dass sich bei allen diesen Formen der Akkusativ gegenüber dem Dativ durchgesetzt hat (zu weiteren Einzelheiten vgl. den Artikel zu den Personalpronomina der germanischen Sprachen). Im Ostfälischen hat sich damit auch in der Form üsch/össek ein Akkusativ der ersten Person Plural erhalten, welche in den anderen westgermanischen Sprachen verloren gegangen ist (vgl. althochdeutsch unsih, altenglisch ūsic [neben ūs]). Weitere besondere Merkmale des Ostfälischen sind unter anderem: Weitestgehender Erhalt von Reduktionsvokalen in Nebensilben und dadurch oft auch Erhalt einer trochäischen Satzmelodie im Gegensatz zum Nordniedersächsischen. Bei Substantiven im Nominativ und auch teilweise dort, wo auch das Hochdeutsche diese nicht mehr besitzt. Im Auslaut wie in Harte (Herz), Frue (Frau), Bäre (Bär) oder im Inlaut wie in Angest (Angst). Bei Adjektiven wie dicke (dick) und wisse (sicher, fest). Bei schwachen Verben im Wortinneren flektierter Wortformen, z. B. ek make, du makest, wi/ji/sei maket. Bei Präpositionen wie umme (um), midde/mee (mit). Auch zusammen mit der einsilben Form zur Unterscheidung in der Verwendung als Präposition und Partikel, wie z. B. in "Kumm mit mek mee". Bei Pronomen wie ek, mek und dek als ekke, mekke und dekke als fakultative zweisilbige Form zur Verstärkung der Aussage. Bei Derivationsendungen im Nominativ wie -unge, -ige (< mnd. -inge), -lse und -nisse. Beim Partizip II (Partizip Perfekt). So heißt es z. B. elopen (gelaufen), ewest (gewesen) und egahn (gegangen). Dies gilt jedoch nicht am Anfang eines Satzes oder wenn das vorhergegangene Wort bereits auf einem -e endet. Als Kasusmarkierung des Dativ, so heißt es z. B. up'n Felle (auf dem Feld). In Infinitivsätzen mit tau, vor allem einsilbigen Infinitivformen wie daun (tun) und seihn (sehen), wie in „mit enen wat te daune hebben“ (mit jemandem etwas zu tun haben). In Einbeck und südwestliche davon auch bei zweisilbigen Verben, wie in tau blivene (zu bleiben). Im Infinitiv nach Modalverben als fakultative Alternativform zum präfixlosen Infinitiv wie in "ek kann dek nech (e)helpen". Tritt vornehmlich mit können auf. Ausbleiben oder Rückgängigmachung der Tondehnung in offener Silbe vor -el, -en, -er in der Folgesilbe, z. B. ostfälisch Löppel (Löffel), betten (bisschen), Pepper (Pfeffer) gegenüber nordniedersächsisch Lepel/Löpel, beten, Peper. Auch das Lexikon des ostfälischen Sprachraumes weist einige Eigenheiten auf, welche als Kennzeichen zu erwähnen sind. Diese sind z. B. Beddespunnig(e) (Bettgestell), Brieten (Küchendunst), Dünnige (Schläfe), Ütsche (Frosch/Kröte), Mäken (Mädchen), Wische(n) (Wiese) und die Präposition hinner (hinter). Dazu zu erwähnen sei auch der weitgehend fehlende Umlaut in Präpositionen wie in for (für/vor), unner (unter) und over (über), statt den vor allem im Nordniedersächsischen bekannten Formen för, ünner und över.
Dem Ostfälischen fehlt ein einheitlicher Schriftstandard, sodass die Schreibung der Wörter von Region zu Region und selbst von Autor zu Autor stark variiert. Dabei orientieren sich die Autoren jeweils meist an einer lautlichen Umschreibung ihrer eigenen Aussprache auf Grundlage der deutschen Standardorthografie. Die Orthografie nach Johannes Sass, wie sie in großen Teilen Norddeutschlands Verwendung findet, wird aufgrund der hohen sprachlichen Unterschiede für das Ostfälische nicht verwendet, da sie sich von der tatsächlichen Aussprache des Autors stark unterscheiden würde.
Gegenwärtiger Stand Im Gegensatz zum Nordniedersächsischen, das im Radio und Fernsehen noch häufiger vorkommt und das noch ein größeres zusammenhängendes Sprachgebiet besitzt, wird Ostfälisch nur noch von einigen wenigen, fast ausschließlich älteren Menschen gesprochen. Im Gegensatz zu anderen niederdeutschen Dialekten ist aber vor allem im Kerngebiet um Hannover, Braunschweig und Hildesheim, der Dialekt auch im ländlichen Bereich vielerorts gänzlich verschwunden. Vereinzelt finden sich noch Leute in Mundartgruppen zusammen, um plattdeutsche Geschichte zu lesen und das sprachliche Kulturgut zu pflegen. In den äußersten südlichen und nördlichen Randgebieten des Ostfälischen im Harz oder in der Heide werden moderne Formen des Dialekts in einigen Ausnahmefällen von der älteren Landbevölkerung aber auch ähnlich zum Nordniedersächsischen im Alltag noch verwendet.
Regionale Varianten Innerhalb des Ostfälischen bildet sich trotz genannter Gemeinsamkeiten kein homogenes Bild ab und es werden häufig Unterteilungen zu Untermundarten des Ostfälischen unternommen. Niebaum teilt das Ostfälische in vier Bereiche ein: Kernostfälisch (Hannover, Hildesheim und Braunschweig) als Kerngebiet des Ostfälischen. Hier treten im Gegensatz zu den drei weiteren Übergangsgebieten alle oben genannten Charakteristika des Ostfälischen auf. Außerdem bewahrt sich hier z. B. der Unterschied von Dativ und Akkusativ im Sg. fem. (der Frue gegen de Frue). Das Kernostfälische weist darüber hinaus eine starke Diphthongierung auf, welche sich ähnlich zum Ostwestfälisches verhält. Heideostfälisch (Uelzen bis Celle) als Übergang zum Nordniedersächsischen. Hier überwiegen apokopierte Formen und ein präfixloses Partizip II. Außerdem heißt die Kopula hier wesen statt sien im restlichen Sprachgebiet. Elbostfälisch (Zwischen Harz, Elbe und Ohre) als Übergang zum Mitteldeutschen. So endet u. a der Einheitsplural auf -en, statt -et und es herrscht Präteritalausgleich nach mitteldeutscher Art (kam und kamen gegenüber nördlicheren Formen kamm und keimen). Göttingisch-Grubenhagensch (Im Südwesten auf dem Gebiet der alten Fürstentümer Göttingen und Grubenhagen) als Ausläufer einiger ostwestfälischer Erscheinungen. So etwa die Monophthongierung des aus altem ô2 entstandenen Diphthongs zu aa im Süden und der Beibehaltung des Zwielauts au im Norden (Baam, bzw. Baum statt kernostfälischem Boom/Beom), sowie die Aussprache von spirantisierten /g/ als ch und stimmlosen /s/ (gegen stimmhaften /z/ im restlichen Sprachgebiet) im Anlaut. Im Kerngebiet des Ostfälischen bildet sich bezüglich des Lautinventars eine Grenze deutlich heraus. So lässt dieses zwischen Hildesheim und Braunschweig in ein östliches und ein westliches Kernostfälisch unterteilen. Während im westlichen Ostfalen, ursprünglich lange i, u und ü diphthongiert werden, treten diese im Osten nur als Monophthong auf. So ist es bspw. Hildesheimisch „möine briunen Huiser“ und in Helmstedt „miene brunen Hüser“. Das westliche Gebiet, welches sich durch ein nahezu Monophthong freies Lautinventar charakterisieren lässt, beginnt bei Sarstedt und Peine im Norden, bis es nach und nach bei Einbeck im Süden vielerorts von Monophthongen wieder abgelöst wird. In einer größeren Sprachinsel im Kern dieses Gebietes um Hildesheim herum ist langes i als gerundetes /öi/ und außerhalb dieses als ungerundetes /äi/ diphthongiert. Das westliche Kerngebiet wird durch die zentrale Lage der Stadt Hildesheim auch als Hildesheimisch bezeichnet. Außerdem werden die Personalpronomen im Westen als ek, mek, dek und im Osten als ik, mik, dik ausgesprochen, wodurch auch die Bezeichnungen mek-Gebiet für das westliche und mik-Gebiet östliche Gebiet verwendet werden. Weitere Unterscheidungsmerkmale sind u. a. die 1. Person Singular der Kopula als sin im Westen und bin im Osten oder die Wörter nichts und soll, welches im Westen als nix und schall und im Osten als nist und sall auftritt. Im Westen von Hannover wird die Mundart im Bereich des Calenberger Landes bis nach Hameln im Westen der Calenberger Dialekt bezeichnet. Dieser weist bis zum Steinhuder Meer noch alle typisch ostfälischen Eigenschaften auf und kann im Norden, Westen und Osten durch eine mek-mik Grenze von Nachbardialekten getrennt werden. Im Süden geht dieser Dialekt fließend in Hildesheimer Platt über, da sich dieser sprachlich kaum vom westlichen Kerngebiet unterscheidet. Beschrieben wurde das Calenberger Platt u. a. durch Christian Flemes und Richard Mehlem. Zu Teilen sprachwissenschaftlich beschrieben wurde das westliche Gebiet u. a. durch Ernst Löfstedt, Hermann Heibey und Dr. Emil Mackel und das östliche von Hoffmann von Fallersleben, Albert Hansen und Edvin Brügge.
Eine Besonderheit im Heideostfälischen stellen einige Orte bei Gifhorn da, da mnd. langes u in diesem Gebiet an einigen Orten bei Gifhorn als langes ü realisiert wird, wie bspw. im Papenteicher Platt. Weitere spezifische Übergangsmundarten bilden die Münnisch-Mundart (in Hann. Münden) im Süden, Holzland-Ostfälisch (in Teilen des Landkreises Börde) und die Huy-Mundart (in Teilen des Landkreises Harz).
Bis kurz vor Lüneburg wird zum Teil auch noch vom Ostfälischen gesprochen, da dort traditionell auch noch mik und nicht mi gesprochen wird. Die meisten anderen typischen ostfälischen Eigenschaften weist diese nördliche Grenzregion jedoch nicht mehr auf.
Die Mundarten der städtischen Regionen näherten sich bereits früh dem Hochdeutschen an und es bildeten sich dort ab dem 18. Jhd. zunehmend Mischdialekte, sog. Missingsch. Dadurch unterschied man bald diese Stadtmundarten von den umliegenden „reineren“ ländlichen Mundarten. Beispielsweise unterscheidet Coërs in seiner Beschreibung des Hildesheimischen die ländliche Aussprache als „Friu“ von der städtischen Aussprache als „Frö“.