mini|hochkant=1.2|Strategische Lage der Wetterau-Main-Tauber- und der Neckar-Enz-Stellung Die Wetterau-Main-Tauber-Stellung (WMTS), später von den Westalliierten auch Kleine Siegfried-Linie (Matthias Schneider: Little Siegfried-line. Die Geschichte der Wetterau-Main-Tauber-Stellung. S. Roderer Verlag, Regensburg 1997, ISBN 3-89073-169-4 (Theorie und Forschung, Geschichte 7).) genannt, war ein zwischen 1936 und 1937 erbauter militärischer Bunkergürtel zwischen Büdingen und Klingenberg in den heutigen Bundesländern Hessen und Bayern.Till Kiener: Die Neckar-Enz-Stellung. Einführung in die Geschichte und Technik. Eigenverlag, Nürtingen 2000 (Begleitheft für den Besuch des Museumsbunkers Ro 1 Bissingen). Die Verteidigungslinie sollte ursprünglich von Laubach in der Wetterau über die Mainlinie bis Röttingen an der Tauber führen.

mini|Bunker 224 in Aschaffenburg-Nilkheim Zusammen mit der Neckar-Enz-Stellung und der Bayerisch-Tschechischen Grenzstellung sollte sie das Deutsche Reich vor einem schnellen Angriff von Ost und West schützen, der zur Abspaltung der südlichen Hälfte Deutschlands hätte führen können. Unter Einhaltung der Regelungen des Versailler Vertrages bot ihre letztlich gewählte Lage die am weitesten westlich gelegene taktisch-technisch sinnvolle Möglichkeit, den Vormarsch eines Angreifers zu verzögern. In ihrer Entwicklungsphase kam erstmals eine Standardisierung der Baupläne zum Einsatz, die später beim Westwall und Atlantikwall konsequent umgesetzt wurden.Beton im Fokus: Bunkerforschung in Hessen

Geschichte Vorgeschichte mini|hochkant|Alliierte Rheinlandbesetzung Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs war Deutschland militärisch stark eingeschränkt. Viele Landesteile und alle Kolonien gingen verloren. Mit Abschluss und Anerkennung des Versailler Vertrages 1919 war es dem Deutschen Reich laut Artikel 42 untersagt, Befestigungen, sowohl auf dem linken Ufer des Rheins, wie auch auf dem rechten Ufer, bis zu einer 50 km östlich und parallel des Flusses gezogenen Linie zu errichten. Außerdem durften in dieser angegebenen Zone keine Truppenbewegungen stattfinden. Neben der erzwungenen Abrüstung des Heeres waren schwere Waffen wie großkalibrige Artillerie und Panzer untersagt. Die Missachtung dieser Regelungen hätten Frankreich sofortiges Einmarschrecht erteilt, mit dem Ziel Truppen entlang des Mains nach Osten vorrücken zu lassen, um Deutschland an seiner „Wespentaille“ zu teilen.Bauten der Wetterau-Main-Tauber-Stellung in Hessen: Einblicke in eine Verteidigungslinie aus der Zeit des Nationalsozialismus (PDF; 1,9 MB)

Durch diese Einschränkungen war Deutschland praktisch verteidigungsunfähig. Nachdem sich alle deutschen Truppen von der Westfront hinter den Rhein zurückzuziehen mussten und das Rheinland französisch besetzt wurde, war der gesamten Bevölkerung diese Wehrlosigkeit vor Augen geführt. Ab 1925 kam deshalb der Gedanke, im Westen Verteidigungsanlagen gegen einen übermächtigen Angreifer zu errichten. Das deutsche Militär stellte erste Überlegungen für eine Strategie zum Schutz des Deutschen Reichs an. Die Heeresabteilung plante Widerstandszonen entlang der 50-km-Linie.

Das Pariser Abkommen vom 31. Januar 1927 als Zusatzvereinbarung zum Versailler Vertrag, gestattete Deutschland erstmals den Bau leichter Grenzbefestigungen. Mit dem Austritt des Deutschen Reiches aus dem Völkerbund im Jahr 1933 wollte Adolf Hitler die militärische Gleichstellung im Alleingang erreichen. Das Zweite Rüstungsprogramm wurde beschlossen und Reichswehrminister Werner von Blomberg genehmigte ein Planungskonzept zur Vorbereitung von Sperrmaßnahmen in der entmilitarisierten Zone. Um den Feind nicht zu provozieren, blieb es vorerst nur bei Planungen. Hitler wollte keinen Konflikt mit den Westmächten durch einen Bruch des Versailler Vertrages. Er respektierte nach wie vor die 50-km-Linie. Man ging davon aus, dass Frankreich versuchen würde, Brückenköpfe am rechten Rheinufer zu gewinnen. Für diesen Vorstoß kamen nur das Rhein-Main-Becken und das Gebiet zwischen Odenwald und Hohenloher Ebene infrage. Die Verteidigungsplanungen sollten darauf abzielen, einen feindlichen Vormarsch weitestgehend abzubremsen. Die Errichtung der Wetterau-Main-Tauber-Stellung wie auch der Neckar-Enz-Stellung war beschlossen.

Planung und Bau Am 1. Oktober 1934 wurde die Baugruppe Gießen gegründet, die vom 2.–4. November die geplante Wetterau-Main-Tauber-Linie am Rande der entmilitarisierten Zone von Laubach bis Miltenberg erkundete. Die Aufgabe der zukünftigen Verteidigungslinie sollte es sein, einen französischen Durchbruch von der Mainlinie nach Thüringen und in das Zentrum des Deutschen Reiches zu verhindern.Main-Echo vom 21. August 2014: Im Bunker hausen jetzt die Fledermäuse (kostenpflichtig) Der Angreifer sollte sich an dieser Verteidigungslinie festlaufen. Man ging davon aus, dass die bewaldeten Mittelgebirge von Hahnenkamm und Spessart von Natur aus dem Feind den Vormarsch erschwere und sich ein Panzerangriff in dem Gelände kaum entwickeln könne. Deshalb war geplant, vor allem die Bereiche südlich von Gelnhausen und um Aschaffenburg stark zu befestigen. Zum 1. Juli 1935 ist die Festungsbaugruppe Aschaffenburg aktiv geworden. Es wurde eine Detailerkundung sowie die Planung für den Bereich Stadtprozelten bis Röttingen an der Tauber angeordnet.

Am 7. März 1936 missachtete Hitler mit der Invasion durch die deutsche Wehrmacht in die entmilitarisierten Zone die Regelungen des Versailler Vertrages. Es war vollkommen unklar, wie Frankreich auf diesen Vertragsbruch reagieren würde. Das Oberkommando des Heeres (OKH) bereitete unter diesen neuen Voraussetzungen die Errichtung einer Westbefestigung jenseits des Rheins, dem späteren Westwall, als Gegenstück zur französischen Maginot-Linie vor. Viele Festungsbauer der Wetterau-Main-Tauber-Stellung bekamen am 12. März des Jahres Marschbefehle zur Westgrenze. Das OKH ordnete an, dass sich die deutschen Truppen erst, wenn die Widerstandslinie westlich des Rheins nicht mehr zu halten wäre, hinter den Fluss zurückziehen. Obwohl sich das neue Verteidigungskonzept nun mehr über die Rheinlinie konzentrierte, wurde vom OKH am 18. April 1936 der endgültige Baubefehl mit höchster Dringlichkeit für die Wetterau-Main-Tauber-Stellung erteilt. mini|Bau der Anlage 224 in Aschaffenburg Am 3. Juni 1936 begannen die Bauarbeiten der ersten Bunker. Sie wurden teils von ortsansässigen Bauunternehmen ausgeführt. Allerdings waren die Wandstärken der Bunker schwächer als die, welche an der westlichen Reichsgrenze am Westwall zur Ausführung kamen. Die Planungen der Wetterau-Main-Tauber-Stellung waren ursprünglich viel umfangreicher: Neben Stellungen für Geschützbatterien bis zum Kaliber 28 cm waren am Schülerberg bei Ranstadt und am Bischberg bei Aschaffenburg auch Minenwerfer-Kasematten vorgesehen. Auf dem Kapellenberg bei Mainaschaff war ein Hohlgangsystem geplant. Besonders tief gestaffelt sollten die Stellungen im Pfaffenwald und auf dem Dohlberg um Büdingen sowie um Kleinwallstadt ausgebaut werden. Geplant waren um die 1000 Anlagen.

Da Rohstoffe und Fachpersonal vorwiegend für den Bau des Westwalls benötigt wurden, hat man viele Anlagen der Wetterau-Main-Tauber-Stellung nie verwirklicht. Der Bunkerbau von Laubach bis Büdingen sowie von Klingenberg bis Röttingen gingen nie bis über die Planungsphase hinaus. Diese Abschnitte galten als Mobilmachungsstellungen innerhalb der Wetterau-Main-Tauber-Stellung. Man baute schließlich nur insgesamt 329 Bunker und es wurden noch keine Panzersperren aus Beton errichtet. Stattdessen wurden etwa an der Kinzigmühle bei Lieblos oder an der Herrnmühle bei Michelbach Holzpfähle in den Boden gerammt und Panzergräben ausgehoben.

Die Wetterau-Main-Tauber-Stellung hatte nur in den bedrohtesten Teilen einen einfachen Ausbau erhalten. 1937 waren die Bauarbeiten bereits zum Ende gelangt und sollte nur auf besonderen Befehl des OKH wieder aufgenommen werden. Außer kleinerer Ergänzungen wurden die früheren Planungen nicht mehr durchgeführt. Die Gesamtkosten betrugen 8.834.055 Reichsmark (nach heutiger Kaufkraft etwa 100 Mio. Euro). 1939 wurden erste Ausrüstungsgegenstände der Verteidigungslinie an den Westwall abgegeben. Die Wetterau-Main-Tauber-Stellung blieb ein unvollständiges Gerippe.

Letztendlich kam die Wetterau-Main-Tauber-Stellung bis dato nie zum Einsatz. Mit der erfolgreichen Beendigung des Westfeldzuges wurde sie endgültig bedeutungslos, sodass am 1. November 1940 mit der Desarmierung zugunsten des Westwalls und des geplanten Atlantikwalls verfügt wurde. Während des Zweiten Weltkrieges wurden Überwachungseinheiten zur täglichen Kontrolle der Anlagen an der Wetterau-Main-Tauber-Stellung abgestellt.

Wiederarmierung und Zerstörung Nach dem Rückzug aus Frankreich und dem Durchbruch amerikanischer Truppen auf deutsches Gebiet 1944, plante man eine Wiederarmierung mehrerer Stellungen im Westen des Reiches, die daraufhin auf ihren Ausbauzustand geprüft wurden. An der Sieg-Stellung sowie der Vogelsberg-Sinn-Main-Stellung hatte vor dem Krieg kein Ausbau stattgefunden. Nach einer Besichtigung der Wetterau-Main-Tauber-Stellung stellte man fest, dass die Verteidigungslinie durch die Art ihres Ausbaus nur beschränkten Kampfwert besitzt und wesentlich verstärkt werden müsste. Aufgrund dessen, dass der Westwall durchbrochen wurde und der Feind immer weiter vorrückte, wurde am 23. Oktober 1944 die sofortige Rearmierung der Wetterau-Main-Tauber-Stellung und der Neckar-Enz-Stellung beschlossen.

Bis Januar 1945 sollte die Stellung in einen bedingten Verteidigungszustand versetzt werden. Den Armierungsarbeiten gingen Inventarisierungen voraus. Dabei zeigte sich, dass die Bunker kaum verteidigungsfähig waren und für den Einsatz der weiterentwickelten Waffentechnik faktisch wirkungslos wurden. Da die Anlagen vor dem Krieg nicht geprüft und gewartet wurden, standen viele Bunker unter Wasser. Bei den Stellungen von Bernbach bis Kleinostheim ging der Oberstleutnant vor Ort davon aus, dass sie keinen taktischen Nutzen mehr hatten. Außerdem wurden alle Anlagen vor dem Krieg ihrer gesamten Inneneinrichtung beraubt. Dennoch hielt man am Versuch der Wiederarmierung fest. Die Beschaffung vor Ersatzteilen erwies sich als katastrophal, die meisten Bunker wurden nicht bezogen. mini|hochkant|links|Das Grab von Erich Dorusch. Der Obergefreite fiel bei Rückzugsgefechten an der Wetterau-Main-Tauber-Stellung in unmittelbarer Nähe des Bunkers 292 Da Aschaffenburg zur Festung erklärt wurde, sollten in und um die Stadt 106 Bunker der Wetterau-Main-Tauber-Stellung reaktiviert werden. Allerdings konnten nur wenige Stellungen mit Maschinengewehren bestückt werden, da das dafür vorgesehene Material nicht eintraf. Währenddessen wurden von den Deutschen fast alle Rheinbrücken gesprengt. Die US-Armee fand am 22. März 1945 dennoch bei Oppenheim einen Übergang. In der am 25. März folgenden Schlacht um Aschaffenburg dürfte die Wetterau-Main-Tauber-Stellung keine große Rolle gespielt haben. Die Bunker wurden teils zweckentfremdet und aufgrund zunehmender Bombenangriffe als Lager für Archivgüter genutzt. Die Anlagen hatten kaum Nutzen für die Verteidigung von Aschaffenburg. Ein amerikanischer Kriegsberichtschreiber nannte die Stellung Little Siegfried Line. Auch außerhalb der Stadt hatten die Bunker beim Einmarsch der Amerikaner nur eine geringe militärische Bedeutung.Informationstafel am Bunker 281 in Kleinwallstadt mini|Gesprengter Bunker Nr. 113 der Wetterau-Main-Tauber-Stellung bei Bernbach