mini|Friedrich Wilhelm Graf (2018) Friedrich Wilhelm Graf (* 19. Dezember 1948 in Wuppertal) ist ein evangelischer Theologe, Ideenhistoriker und emeritierter Professor für Systematische Theologie und Ethik an der Ludwig-Maximilians-Universität München.
Werdegang Nach seinem Abitur am mathematisch-naturwissenschaftlichen Zweig des Evangelisch Stiftischen Gymnasiums Gütersloh 1968 und einem längeren Aufenthalt in Japan studierte Graf Evangelische Theologie, Philosophie und Geschichte in Wuppertal, Tübingen und München. Obwohl der Sohn eines selbständigen Großhandelskaufmanns und einer Prokuristin zu Beginn des Studiums zunächst Sprachkurse zum Erwerb des Graecums und des Hebraicums absolvieren musste, legte er schon im Februar 1973, also nach nur neun Semestern, „sehr gut“ sein Erstes Theologisches Examen ab. Nun intensivierte er das Studium der Philosophie und Neueren Geschichte. 1978 wurde er mit einer von Falk Wagner angeregten Arbeit über David Friedrich Strauß als Dogmatiker und Christentumskritiker in München zum Dr. theol. promoviert. Noch im selben Jahr veröffentlichte er ein viel beachtetes Buch über „liberalreligiöse“ katholische Reformbewegungen im deutschen Vormärz. Die Habilitation folgte 1986 mit einer theologiehistorischen Studie Theonomie. Fallstudien zum Integrationsanspruch neuzeitlicher Theologie. Von 1986 bis 1988 war Graf Heisenberg-Stipendiat der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Im Dezember 1987 wurde er auf eine sogenannte „Fiebiger-Professur“ (Sonderkontingent für spitzenqualifizierte Nachwuchswissenschaftler) an der Universität Augsburg berufen.Augsburger Allgemeine Zeitung, Hochschulnachrichten, Nr. 284, Donnerstag, 10. Dezember 1987, S. 19. Er hielt dort ab dem Sommersemester 1988 Vorlesungen und Seminare zur Systematischen Theologie und Neueren Theologiegeschichte. In den Jahren 1992 bis 1996 lehrte er als Ordinarius für Evangelische Theologie und Sozialethik an der Universität der Bundeswehr in Hamburg. Nach Ablehnung eines Rufes an die Universität Würzburg kehrte er 1996 als Ordinarius für Systematische Theologie und theologische Gegenwartsfragen an die Universität Augsburg zurück. Ein Angebot, in die Forschungsabteilung des Lutherischen Weltbunds in Genf einzutreten, lehnte er ab. Von 1997 bis 1999 baute er gemeinsam mit dem Soziologen Wolfgang Schluchter, dem Historiker Dieter Langewiesche und dem Religionswissenschaftler Hans Kippenberg als ein Gründungsfellow zugleich das Max-Weber-Kolleg an der neu gegründeten Universität Erfurt mit auf.Webseite des Max-Weber-Kollegs. Von 1999 bis zum Wintersemester 2013/14 war er in Nachfolge seines akademischen Lehrers Trutz Rendtorff Ordinarius für Systematische Theologie und Ethik an der Ludwig-Maximilians-Universität München. An seinem Münchner Lehrstuhl und in den von ihm geleiteten Forschergruppen förderte er bewusst queere Menschen und Transpersonen.
Als erster Theologe überhaupt wurde Graf 1999 mit dem Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft ausgezeichnet. Außerdem ist er seit 2001 ordentliches Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Hier ist der auch zur allgemeinen Ideen- und Geistesgeschichte der Moderne publizierende Theologe Vorsitzender der auf seine Initiative hin gegründeten Kommission für Theologiegeschichtsforschung. Von 2011 bis 2020 war er als Nachfolger des Wirtschaftshistorikers Knut Borchardt zudem Vorsitzender der Kommission für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, in deren Auftrag die 2020 abgeschlossene Max-Weber-Gesamtausgabe ediert wurde. 1983 wurde Graf Mitglied des Vorstands der Ernst-Troeltsch-Gesellschaft und war von 1994 bis 2015 deren Präsident. 2015 wurde er zum „Ehrenpräsidenten“ der Gesellschaft ernannt.
Im Herbst 1988 kooptierte ihn der Arbeitskreis für moderne Sozialgeschichte als ein ordentliches Mitglied. In Nachfolge von M. Rainer Lepsius übernahm Graf hier im Oktober 1998 das Amt des 2. Vorsitzenden, das er bis 2007 innehatte. Mit dem Berliner Sozialhistoriker Jürgen Kocka stritt er 1990 über die Frage, „ob der Modernisierungsbegriff überhaupt eine hinreichende Präzision“ aufweise, um als „brauchbares Analyseinstrument“Ulrich Engelhardt: Ein Labor der Sozialgeschichte, S. 210. für die höchst vielfältigen und heterogenen europäischen Religionsgeschichten seit der Sattelzeit um 1800 dienen zu können. Im Rekurs auf religionssoziologische Klassiker wie Georg Simmel, Ernst Troeltsch und Max Weber betonte er die kulturelle Prägekraft der „Verhaltenssteuerung durch Religion“Ulrich Engelhardt: Ein Labor der Sozialgeschichte, S. 230. und wies auch bei vermeintlich ganz religionsfernen ökonomischen wie politischen Themen, unterstützt von Thomas Nipperdey, auf die bleibende Relevanz des sogenannten „Konfessionsfaktors“ hin: Protestanten und Katholiken dächten in vielen politisch relevanten Fragen, etwa mit Blick auf die Aufgabe des Staates oder der Bestimmung des Verhältnisses von Staat und Kirche, höchst unterschiedlich. Als das Land Baden-Württemberg die finanzielle Förderung des Arbeitskreises aufgrund eines kritischen Prüfungsberichts des Landesrechnungshofs 2001 einzustellen ankündigte und der Kreis auch durch mangelndes Engagement der Mitglieder und demotivierende Abwesenheit einst thematisch prägender, die diskursive Agenda bestimmender Mitglieder in eine tiefe Krise geriet, plädierte Graf „in fast brutaler Folgerichtigkeit“ für dessen Selbstauflösung – „wohl mit Bedacht drastisch überzogen“, aber auch „inspiriert von der ‚unterschwelligen Hoffnung‘ auf möglichst gegenläufige Reaktionen von Seiten der jüngeren Mitglieder“.Ulrich Engelhardt, Ein Labor der Sozialgeschichte, S. 284. Sein Freund Lutz Raphael konnte mit einem Konzept zu einem neuen Themenschwerpunkt „Sozialstaatlichkeit“ die Mehrheit der Jüngeren aber für sich gewinnen. Graf nahm daraufhin seinen Vorschlag der Auflösung zurück. Er beteiligte sich weiter engagiert an den Debatten. Bei einer Tagung des „Arbeitskreises“ hielt er am 6. April 2017 im Hamburger Institut für Sozialforschung einen Vortrag über „Ursprüngliche Akkumulation ganz anders: der sehr deutsche Diskurs über die Genese des Kapitalismus um 1900“..
Auf Bitten des Althistorikers Christian Meier, des damaligen Präsidenten der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, hielt er 1999 in Darmstadt bei der Verleihung des Sigmund-Freud-Preises für wissenschaftliche Prosa an den Bielefelder Historiker und Vorsitzenden des Arbeitskreises Reinhart Koselleck die Laudatio.Siehe: Friedrich Wilhelm Graf: Ein Theoretiker unaufhebbarer Differenzerfahrungen. Laudatio auf Reinhart Koselleck, in: Das Jahrbuch der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, Darmstadt, Jg. 1999, Göttingen 2000, S. 139–145. Bei der 20-Jahr-Feier der "Zeitschrift für Ideengeschichte" (ZIG) trug er am 20. Mai 2026 im Berliner "Wissenschaftskolleg" den "Festvortrag" über "Wie Ideen (sich) bewegen" vor.
Von 2003 bis 2007 war Graf Erster Vorsitzender des Trägervereins des Instituts TTN (Technik-Theologie-Naturwissenschaften) an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Im Kollegjahr 2003/2004 war er Forschungsstipendiat am Historischen Kolleg München. Nachdem er einen Ruf als Permanent Fellow abgelehnt hatte, verbrachte er das akademische Jahr 2006/07 als Fellow am Wissenschaftskolleg zu Berlin.
Einem Ruf als Gründungsdirektor des Max-Planck-Instituts zur Erforschung multireligiöser und polyethnischer Gesellschaften in Göttingen leistete er 2006 keine Folge. Von 2009 bis 2012 hatte Graf im Rahmen des Eliteprogramms der LMU eine durch die Exzellenzinitiative finanzierte Forschungsprofessur inne. Seine Abschiedsvorlesung hielt er am 28. Januar 2014 „in der bis auf den letzten ihrer achthundert Plätze besetzten Großen Aula“Jürgen Kaube: Von der vernünftigen Entzauberung der Welt. München wackelt: Der Theologe Friedrich Wilhelm Graf widmet seine Abschiedsvorlesung der Aufklärung, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30. Januar 2014, Nr. 25, S. 27. der LMU zum Thema „Theologische Aufklärung“.Siehe: Friedrich Wilhelm Graf: Theologische Aufklärung, in: Zeitschrift für Ideengeschichte IX/2 (2015), S. 53–72. Jürgen Kaube kritisierte, dass der Redner „die radikalsten Folgerungen, die von Franz Overbeck bis Karl Barth aus dem Aufklärungsgeschehen gezogen worden waren, Unglaube und Negative Theologie [...] mit vernehmbarem Schweigen beiseite“ geschoben habe. „Für die theologischen Extreme hat der aus Wuppertal stammende Freund des Sowohl- (Glaube, Frömmigkeit, Tradition) als-auch (Bildung, Weltzuwendung, Wissenschaft) wenig übrig.“ Graf habe „den Orthodoxien und Extremismen ein Lob der ‚Ambiguitätstoleranz‘“ entgegengestellt, „das schon fast wie eine evangelische Variante von Odo Marquards ‚Lob des Polytheismus‘ wirkte. Nur dass der Religionshistoriker eben weiß, wie wenig tolerant der nicht bloß vorgestellte, sondern der tatsächliche -Graf wies auf buddhistische Fanatiker hin, die in Myanmar Muslime unterdrücken- sein kann.“ Auch fragte er: „Bedarf solche Kritik der Dogmatismen eines Gottesglaubens? Nun, Graf hielt eine Vorlesung, und zwar eine brillante, keine Predigt. Aber christliche Theologie seiner Denkart, so viel kann man sagen, ist die Lehre davon, dass man sich die Durchsetzung von blinder Gefolgschaft schlecht als Zweck des Universums vorstellen kann. Es hat, so gesehen, einen guten Sinn, dass die Theologie nach wie vor an Universitäten gelehrt wird. Und einen noch besseren, wenn das durch Leute wie Friedrich Wilhelm Graf geschieht.“Jürgen Kaube: Von der vernünftigen Entzauberung der Welt, S. 27.
Graf hielt Gastvorlesungen und Vorträge an Universitäten in Israel, den USA, Argentinien, Kanada, Dänemark, Norwegen, Portugal, Großbritannien, Indien, Südkorea, Japan, Ägypten und Südafrika. Auch trat er bei Konferenzen zur Bioethik auf, die Gerhold K. Becker am „Center for Applied Ethics“ der Hong Kong Baptist University veranstaltete.Siehe etwa: Friedrich Wilhelm Graf, "The Worth of a Person" - A Speciesist Prejudice. Theological Comments on the Current Controversy over Bioethical Concepts, in: Gerhold K. Becker (Ed.), The Moral Status of Persons. Perspectives on Bioethics, Amsterdam/Atlanta, GA 2000, p 169-179. Er gilt als international hervorragend vernetzt und ist Research Fellow der Universität Pretoria und seit 2001 auch Gastprofessor der Seigakuin University in Tokio. Seine in Tokio, Kyōto, Sendai und Sapporo gehaltenen Vorlesungen sowie Übersetzungen seiner Werke fanden auf dem japanischen Markt große Anerkennung.
Graf übernahm einige Aufgaben im deutschen Wissenschaftssystem. Zehn Jahre lang gehörte er dem Auswahlausschuss der Alexander-von-Humboldt-Stiftung an. Das Präsidium der Deutschen Forschungsgemeinschaft bat ihn 2000, den Vorsitz des Wissenschaftlichen Beirats zum Projekt „Die Geschichte der Deutschen Forschungsgemeinschaft von den 1920er bis in die 1970er Jahre“ zu übernehmen. Mehrfach evaluierte er im Auftrag der German-Israeli Foundation von dieser unterstützte Minerva-Zentren an israelischen Universitäten. Von 2000 bis 2004 gehörte er dem Universitätsrat der Universität der Bundeswehr München an. Eine Berufung in den Hochschulrat der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster lehnte er wegen Arbeitsüberlastung ab. Graf war Mitglied der Kommission des Wissenschaftsrates, die die 2010 publizierten „Empfehlungen zur Weiterentwicklung von Theologien und religionsbezogenen Wissenschaften an deutschen Hochschulen“ erarbeitete.