Die Kinderbuchreihe Nesthäkchen von Else Ury zählt zu den sogenannten Backfischromanen und vermittelt ein überwiegend traditionelles, an bürgerlichen Werten der wilhelminischen Zeit und der Weimarer Republik ausgerichtetes Frauen- und Familienbild.
Zusammenfassung und Bearbeitungsgeschichte Das Nesthäkchen Annemarie Braun ist ein lebhaftes Kind, unordentlich, schlecht in Handarbeiten und später durchaus keine perfekte Hausfrau. Sie macht Abitur und studiert Medizin, wenn sie auch ihr Studium für die Familie an den Nagel hängt. Ihr lebhaftes Temperament bleibt ihr bis ins Alter.
Neun Bände wurden nach dem Zweiten Weltkrieg überarbeitet, modernisiert und vor allem gekürzt. Der vierte Band, der den Ersten Weltkrieg aus deutscher Sicht schildert, ist seit 2006 für englischsprachige Leser in Steven Lehrers Übersetzung Nesthäkchen and the World War im Buchhandel erhältlich. In Deutschland wurde der Band erst im Jahre 2014 vom Geest-Verlag (Vechta) neu verlegt, und zwar in der Fraktur-Schrift des Originals und mit den Originalgrafiken, und versehen mit einem Vorwort der Ury-Biografin Marianne Brentzel.
Im Januar 2014, nach Ablauf der gesetzlichen Urheberrechtsfrist, erschienen die Nesthäkchenbände (auch der vierte Band) im Originaltext beim Projekt Gutenberg.
Nesthäkchen-Reihe Band 1: Nesthäkchen und ihre Puppen (1913/1918) Die Hauptfigur der Nesthäkchenreihe ist die zu Beginn der Handlung sechsjährige Annemarie Braun. Da sie bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges elf Jahre alt ist, muss sie 1903 geboren sein; Band 1 spielt also zur Deutschen Kaiserzeit.
Die Familie lebt in der später nach Berlin eingemeindeten Stadt Charlottenburg, Knesebeckstraße, der Vater ist der Arzt Dr. Edmund Braun (der Vorname wurde nach 1945 in „Ernst“ geändert), Mutter Elsbeth ist Hausfrau. Annemaries ältere Brüder sind der brave Hans (der älteste) und der freche Klaus, beide die personifizierten äußeren Gegenpole zu den zwei Seiten von Annemaries Charakter, einerseits der wilden, neugierigen und risikofreudigen, andererseits der braven, fleißigen und strebsamen. Als jüngstes Kind der Familie wird Annemarie als das „Nesthäkchen“ bezeichnet, doch hat sie auch den Spitznamen „Lotte“. Eine Erklärung für diesen Kosenamen (zweiter Vorname o. Ä.) wird nicht gegeben. Weitere Hausbewohner sind die Köchin Hanne, die Annemarie als „ihr“ Kind bezeichnet, das Stubenmädchen Frieda, das Kindermädchen, nur Fräulein genannt, der Hund Puck und Annemaries Kanarienvogel Mätzchen. Zur Familie gehören auch Annemaries Großmutter mütterlicherseits, deren Schwester Albertinchen und Tante Kätchen, die Schwester der Mutter, die mit Onkel Heinrich und ihren Kindern Ellie, Herbert und Peter in Schlesien auf dem Gut Arnsdorf lebt. (Arnsdorf wurde nach 1945 aus Schlesien nach Niederbayern verlegt.)
Annemarie ist ein temperamentvolles und lebhaftes Kind. Ähnlich wie Der Trotzkopf von Emmy von Rhoden – Trotzkopf Ilse Macket ist eine Vorgängerin von Else Urys Nesthäkchen Annemarie Braun – eckt auch Annemarie mit ihrer Lebhaftigkeit und ihrem häufigen Ungehorsam an, ist aber dennoch überall beliebt, und zwar nicht wegen mühsam erlernter Tugenden, sondern wegen ihrer Herzensgüte, ihrer Ehrlichkeit und Natürlichkeit. Wie Ilse ist Annemarie der Liebling ihres Vaters.
Der erste Band schildert die Alltagsabenteuer des kleinen Mädchens in den Jahren 1909–1910. Das Buch nimmt erst in der zweiten Hälfte eine fortlaufende Handlung an, zunächst werden einzelne Episoden geschildert: Da Annemarie als „höhere Tochter“ nicht mit den anderen (gesellschaftlich untergeordneten) Kindern im Innenhof spielen darf, verbringt sie die meiste Zeit mit ihren Puppen; ihr Liebling ist die Puppe Gerda. Oft werden die „Gedanken“ der Puppen geschildert – sie sind hier eine moralische Instanz und das Sprachrohr Else Urys (Bsp.: „Annemarie wußte genau, daß Puppe Gerda damit nicht einverstanden war“ u. Ä.). Als Puppe Gerdas Perücke sich ablöst, schneidet Annemarie sich einen ihrer Zöpfe ab, der ihrer kahlköpfigen Puppe anwachsen soll.
Um einmal das Chaos beim Hausputz miterleben zu dürfen, bei dem sie normalerweise mit ihrem Kindermädchen spazieren gehen muss, hofft Annemarie auf Regen. Sie hat gehört, dass bei Regen „das Barometer fällt“, und beschließt nachzuhelfen, indem sie das Barometer des Vaters von der Wand nimmt und es zu Boden fallen lässt. Ein Leierkastenmann lässt Annemarie das Verbot vergessen: Sie tanzt mit den anderen Kindern im Innenhof und läuft schließlich mit ihnen dem Leierkastenmann durch die Straßen Charlottenburgs hinterher. Mit dem Schiffermädchen Lenchen tauscht Annemarie ihre feinen Schuhe gegen Holzpantinen.
Ein Umbruch in der Erzählung kommt durch Annemaries Besuch bei den Verwandten auf Gut Arnsdorf. Hier erlebt das überbehütete Stadtkind erstmals die Freiheit des unbeaufsichtigten Spielens im Freien. Ab hier nimmt Ury auch eine klar chronologische Erzählweise auf, die Ereignisse stehen nun in schlüssiger Folge.
Da Annemarie sich in der Folge zu Hause langweilt, schickt ihre Mutter sie in einen Kindergarten – ein für das frühe 20. Jahrhundert überraschend moderner Entschluss. Das Buch endet mit dem Weihnachtsfest und einem Ausblick auf Annemaries kommende Schulzeit. Annemarie nimmt mit einer Puppenhochzeit Abschied von ihrem Spielzeug.
Band 2: Nesthäkchens erstes Schuljahr (1915/1918) Band 2 schildert Annemaries erstes Schuljahr. In der ersten Klasse, die nach alter Zählung die zehnte ist, sind fünfzig Schülerinnen. Klassenlehrerin ist das nette Fräulein Hering. Annemarie schließt Freundschaft mit der Nachbarstochter Margot Thielen und den beiden Cousinen Marlene Ulrich und Ilse Hermann. Auch zu der ungezogenen Hilde Rabe fühlt sich Annemarie hingezogen.
Das Buch schildert den Schulalltag in der Deutschen Kaiserzeit. So wird in der Klasse eine Rangordnung eingeführt, bei der die besten Schülerinnen vorn, die schlechten hinten sitzen.
Annemarie wird eine sehr gute Schülerin, dennoch bleibt sie nicht lange auf dem ersten Platz, da nicht nur die Leistung, sondern auch Betragen und Ordnung benotet werden. So wird Annemarie bald von ihrer Freundin Margot Thielen überflügelt, die weniger begabt, jedoch ein ausgesprochen braves Kind ist. In den Ausgaben bis in die 1980er erklärt Annemaries Mutter ihrer Tochter, Ordnung und Betragen seien bei einem Mädchen wichtiger als gute Noten. Annemarie bleibt jedoch bei ihrer Unordentlichkeit, bis sie eines Tages vergisst, ihrem Kanarienvogel Mätzchen frisches Wasser zu geben. Das Vögelchen stirbt, und Annemarie spürt zum ersten Mal, welche schlimmen Folgen Schlampigkeit haben kann. Doch sie bekommt zu Weihnachten einen neuen Vogel, von dem sie glaubt, dass ihr alter Vogel auferstanden sei. Sie wird – zumindest bis zum Ende des Buches – ein ordentliches Kind und darf schließlich zur Belohnung eine Kindergesellschaft geben.
Das Stricken, das Annemarie schwerfällt, lernt sie von ihrer Großmutter. In den Sommerferien fährt sie mit den Eltern ins schlesische Riesengebirge.
Band 3: Nesthäkchen im Kinderheim (1915/1921) Zu Beginn von Band 3 wird Annemarie zehn Jahre alt. Sie ist nach wie vor ein lebhaftes Kind und eine gute Schülerin. Kurz vor ihrem Geburtstag bricht sie in der Schule mit hohem Fieber zusammen: Annemarie hat sich über ihren Vater, der Charlottenburger Scharlachkinder betreut, mit Scharlach infiziert. Nach langer Genesungszeit in der Privatklinik ihres Vaters ist sie immer noch sehr geschwächt. Deshalb wird sie von den Eltern zur Erholung für ein Jahr in das Kinderheim „Villa Daheim“ in Wittdün auf der Nordseeinsel Amrum geschickt, das von der Kapitänswitwe Frau Clarsen und deren Schwester Lenchen geleitet wird. (Das Schiff legt in Norddorf an, was damals tatsächlich der Fall war, es gab in Norddorf einen Hafen auf der Kniepsandseite; auch eine Inselbahn existierte zu jener Zeit auf Amrum.) Das Leben auf der Insel, Landschaft und Sitten, Kleidung und Sprache, werden detailliert, wenn auch oft klischeehaft, beschrieben. Die Norddeutschen sprechen Plattdeutsch (die hochdeutsche Übersetzung steht in Klammern dahinter). Gelegentlich ist von „friesischem Platt“ die Rede, Worte in authentischem Amrumer Friesisch sind jedoch nicht zu finden. Annemarie schließt Freundschaft mit dem ungezogenen Jungen Peter, der sie immer wieder zu Streichen anstiftet. Die beiden reißen bei einem Spaziergang gemeinsam aus, um Reichtum und Schwerter im Watt zu suchen. Sie gehen bei Niedrigwasser weit hinaus und werden dann von der auflaufenden Flut überrascht. Doch sie finden (wenn auch unter Mühen) wieder aus der gefährlichen Situation heraus. Annemarie freundet sich auch mit dem braven Mädchen Gerda an. Gerda hat infolge der Kinderlähmung ein krankes Bein. Ein weiterer Gegenpol zu Peter (der in dieser Romanfolge den wilden Bruder Klaus als ihren Gegenpart ersetzt) ist Kurt, den sie bereits in Berlin im Krankenhaus kennenlernte. Kurt sitzt im Rollstuhl, schafft es aber mit viel Geduld und Annemaries Hilfe, wieder laufen zu lernen.
Am Ende der Geschichte bricht der Erste Weltkrieg aus. Annemarie ist mittlerweile elf Jahre alt. Hals über Kopf verlassen die Kurgäste die Insel. Auf der Flucht fällt Annemaries Puppe Gerda von der Landungsbrücke ins Wasser. Die Szene hat eine symbolische Bedeutung: Annemaries Kindheit ist damit zu Ende.
Dieser Band ist der am stärksten überarbeitete der Nesthäkchenbücher. Annemarie geht nach alter Zählung in die achte Klasse und steigt auf in die siebte. In den späteren Ausgaben ist sie Drittklässlerin und kommt ins vierte Schuljahr. In der 1920er Ausgabe stammt Annemaries Freundin Gerda aus Breslau, der Hauptstadt von Niederschlesien. Nach 1945 wurde daraus München, die Hauptstadt von Bayern. Im Original besucht „Prinzessin Heinrich“ (d. i. Irene von Hessen-Darmstadt, 1866–1953, Ehefrau von Prinz Heinrich, Bruder von Kaiser Wilhelm II.) die Insel und das Kinderheim, später wurde es die „junge Königin von Dänemark“.
In einem zusätzlichen Schlusskapitel Kriegszeit wird der nach 1945 in der Urfassung indizierte Band 4 Nesthäkchen und der Weltkrieg zusammenfassend angefügt. Der weitere Verlauf des Ersten Weltkrieges wird mit den Worten „Jedoch war der entsetzliche Krieg kurze Zeit später beendet.“ zusammengefasst. Annemaries neue Freundin Vera, die eigentlich erst in Band 4 auftaucht, wird mit wenigen Worten eingeführt.
Band 4: Nesthäkchen und der Weltkrieg (1917/1921) Band 4 schildert Annemaries Erlebnisse im Ersten Weltkrieg von 1914 bis 1916.
Annemaries Vater, Dr. Braun, ist als Soldat und Stabsarzt in Frankreich. Auch die Mutter ist abwesend: Sie weilte bei Kriegsausbruch bei ihrer Cousine Annchen, die mit dem Engländer John verheiratet ist, und kann nicht nach Deutschland zurück, da sie aufgrund einer Nervenkrise die letzte Abreisemöglichkeit für Deutsche verpasste. Von ihren Briefen treffen nur einige wenige bei ihrer Familie ein. Während der Abwesenheit der Eltern kümmern sich die Großmutter, das Kindermädchen und die Köchin Hanne um Annemarie und ihre Brüder.
Schließlich wird die Mutter, nachdem sie sich unvorsichtigerweise begeistert über den Erfolg der deutschen U-Boote geäußert hat, als angebliche Spionin verhaftet, jedoch bald darauf wieder freigelassen.
Annemaries Bruder Hans bringt eines Tages ein Findelkind mit nach Hause, das Baby ostpreußischer Flüchtlinge, die wahrscheinlich umgekommen sind. Annemarie nimmt das Kind ins Haus und gibt ihm aus Begeisterung für Paul von Hindenburg den Namen „Hindenburg“. Zuletzt kommt das Kind zum Hausmeisterehepaar und erhält den Namen Max. Annemaries Patriotismus geht so weit, dass sie daheim eine „Fremdwortkasse“ einrichtet – wer ein Fremdwort benutzt („Pompadour“ statt „Handtasche“, „Portier“ statt „Hausmeister“ usw.), muss fünf Pfennig zahlen.