mini|Şehzade Abdülhamid, 1867 Abdülhamid II. (auch Abdulhamid und Abdul Hamid []; * 21. September 1842 in İstanbul; † 10. Februar 1918 ebenda) war vom 31. August 1876 bis zum 27. April 1909 Sultan des Osmanischen Reiches. Er war der zweite Sohn des Sultans Abdülmecid I. und folgte seinem Bruder Murad V. nach dessen Absetzung auf den Thron.
Leben Herkunft und Werdegang Abdülhamid II. war der Sohn von Tîr-î-Müjgan Kadınefendi (türkisch Tirimüjgan Kadınefendi), einer Tscherkessin des Schapsugen-Stammes und des Sultans Abdülmecid I.
Seine Mutter starb, als er elf Jahre alt war. Er wurde dann von einer kinderlosen Frau des Sultans, der Tscherkessin Perestû, aufgezogen. Seine Ausbildung übernahmen Privatlehrer. Er wurde in Arabisch, Persisch, den Islamwissenschaften und osmanischer Geschichte unterrichtet. Als europäische Fremdsprache lernte er Französisch. Nach osmanischer Tradition lernte er auch ein Handwerk, die Tischlerei, die er als erholsame Freizeitbeschäftigung betrieb.Benjamin C. Fortna: The reign of Abdülhamid II. in Resat Kasaba: The Cambridge History of Turkey - Volume 4 - Turkey in the Modern World. Cambridge, 2008, S. 40–42
Er schuf sich neben dem Hofstaat ein Netz eigener Sozialkontakte, darunter auch griechische oder jüdische Bürger des osmanischen Reiches. Er zeigte sich modernen Ideen gegenüber aufgeschlossen. Er schätzte lebenslang klassische europäische Musik und die Oper, traditionelle türkische Kunstmusik (alaturka) hingegen langweilte ihn und wurde zu seiner Herrschaft besonders verunglimpft. Privat interessierte er sich für Detektivgeschichten aus Europa.
Abdülhamid begleitete 1867 seinen Onkel, den Sultan Abdülaziz auf eine Europareise. Die Reise hinterließ bei ihm einen positiven Eindruck.
Frühe Regierungsjahre mini|Tughra von Abdülhamid II. 1876 kam es zu einem Staatsstreich gegen Sultan Abdülaziz. Ein Bündnis aus hohen Beamten, Offizieren und Schülern religiöser Schulen unter Führung von Midhat Pascha setzte die Absetzung des Sultans durch. Ihr Ziel war die engere Kontrolle des Sultans durch Parlamentarismus und Verfassung. Zunächst wurde Abdülhamids Bruder Murad V. auf den Thron gesetzt. Dieser wurde nach drei Monaten wegen Regierungsunfähigkeit abgesetzt. Abdülhamid missbilligte den Staatsstreich gegen seinen Onkel, stimmte aber einer Verfassung nominell zu und trat 1876 die Thronfolge an.Benjamin C. Fortna: The reign of Abdülhamid II. in Resat Kasaba: The Cambridge History of Turkey - Volume 4 - Turkey in the Modern World. Cambridge 2008, S. 42 f.
Zahlungsverzug bei den öffentlichen Ausgaben und eine leere Schatzkammer, die Aufstände in Bosnien und Herzegowina, der Krieg mit Serbien und Montenegro und die bulgarischen Aufstände im April 1876, die blutig unterdrückt wurden, belasteten das Osmanische Reich.
1876 wurde in Istanbul eine internationale Konferenz einberufen, die unter anderem die Zukunft des Balkan diskutierte. Um seine Reformbereitschaft zu demonstrieren, unterstützte Abdülhamid II. die liberale Reformbewegung und verkündete am 23. Dezember 1876 eine vor allem von Midhat Pascha ausgearbeitete Verfassung, die ein parlamentarisches System eingeführt hätte. Von diesem innenpolitischen Kurs wandte sich der neue Herrscher jedoch schnell wieder ab und setzte die Verfassung außer Kraft. Ähnlich wie seine Vorgänger herrschte er zunehmend autoritär an seinen Ministern vorbei, unterdrückte die jungtürkische Bewegung und baute zudem ein effektives Zensur- und Spionagesystem auf.
Politische Herausforderungen Anfang 1877 folgte der verheerende Krieg mit Russland. Die harten Bedingungen, die Abdülhamid zunächst durch den Frieden von San Stefano aufgezwungen worden waren, wurden 1878 in gewissem Umfang im Berliner Kongress abgemildert, hauptsächlich auf Initiative der britischen Diplomatie. Ab dem Kongress lehnte sich Abdülhamid II. eng an das Deutsche Reich an. Deutsche Fachleute sollten die Staatsfinanzen und die Osmanische Armee neu organisieren. Ein erneuter Staatsbankrott zwang ihn, einer fremden Kontrolle über die Staatsschulden zuzustimmen, und im Dezember 1881 per Erlass viele der Staatseinnahmen zugunsten der Gläubiger an die Dette Publique weiterzuleiten.
1882 wurde das vormals osmanische Ägypten von Großbritannien besetzt (siehe Britische Herrschaft in Ägypten). Die Vereinigung von Bulgarien mit Ostrumelien 1885 – entgegen den Bestimmungen des Berliner Kongresses – war ein weiterer Tiefschlag, ebenso wie 1888 die Besetzung Tunesiens durch Frankreich. Ab diesem Zeitpunkt allerdings konnte Abdülhamid vorerst weitere Gebietsverluste vermeiden, so dass er sich in den Folgejahren auf die Stabilisierung seiner autoritären Herrschaft im Inneren konzentrierte.
So gelang es Abdülhamid, seine Minister auf den Rang von Sekretären herabzusetzen und die ganze Landesverwaltung in seinen Händen im Yıldız-Palast zu konzentrieren. Aber dadurch nahm die innere Uneinigkeit nicht ab: Kreta war ständig in Aufruhr, die Griechen waren unzufrieden, und seit ungefähr 1890 begannen die Armenier verstärkt, die ihnen in Berlin zugestandenen Reformen einzufordern.
Der Sultan versuchte, den Zugriff der Staatsgewalt in den östlichen Provinzen zu stärken. Zu diesem Zweck richtete er die Hamidiye-Regimenter ein, deren Angehörige sich aus kurdischen Reitern einzelner Stämme rekrutierten.
Angesichts der Cholera-Epidemie im Jahr 1893 in Istanbul suchte der Sultan Rat bei Louis Pasteur, der jedoch seinen Kollegen André Chantemesse schickte. Aufgrund dessen Vorschlags zur Errichtung einer neuen medizinischen Ausbildungsstätte entstand die Idee zur Gründung der Haydarpaşa Medizin-Fakultät.Mustafa Engin Çoruh, Mukadder Gün: Die Reformen von Professor Dr. Robert Rieder Pascha (1861–1913) in der theoretischen und praktischen Ausbildung von Medizinern im Osmanischen Reich des frühen 20. Jahrhunderts. In: Medizinhistorische Mitteilungen. Zeitschrift für Wissenschaftsgeschichte und Fachprosaforschung. Band 36/37, 2017/2018 (2021), S. 111–121, hier: S. 113.
Die Massaker 1894–1896 mini|hochkant|Zeitgenössische satirische Darstellung des Sultans mit dem Text: „Abdul-Hamid Metzgerei 1er Klasse: Glück gehabt! Während sie anderswo beschäftigt sind, werde ich noch einigen Armeniern die Gurgel durchschneiden können!“
Kleinere Zwischenfälle gab es 1892/93 in Merzifon und Tokat. 1894 wurde eine durch hohe Steuerforderungen ausgelöste schwerwiegende Revolte in der Bergregion von Sasun (im Vilâyet Bitlis) unbarmherzig niedergeschlagen. Die europäischen Staaten verlangten erneut Reformen. Dabei wollten Großbritannien und die Armenier ursprünglich noch weiterführende Reformen verlangen, was aber an Russlands Widerspruch scheiterte. Russland lehnte jedes Schema ab, das zur vollen armenischen Unabhängigkeit hätte führen können oder einen Krieg mit dem Osmanischen Reich zur Akzeptanz des Planes notwendig gemacht hätte. Der Sultan hatte die Uneinigkeit zwischen den Mächten bemerkt und lehnte viele der Reformklauseln ab. Anstelle einer Umsetzung der nach außen hin zugesagten Reformen begann im Herbst 1895 schließlich eine Reihe von Massakern vor allem an den Armeniern, die sich in ganz Kleinasien und in der Hauptstadt über viele Monate hinzogen. Teilweise lieferten armenische Aktivisten den Vorwand; der Hintergrund war jedoch, die „Armenische Frage“ durch die Dezimierung und Einschüchterung der Betroffenen zu lösen. Spätestens diese Massaker, die Teile der Öffentlichkeit dem Sultan zuschrieben, brachten ihm in der europäischen Öffentlichkeit die denkbar schlechteste Reputation ein: Er wurde zum „roten (blutigen) Sultan“, zur Symbolfigur von Hinterhältigkeit und Grausamkeit. Der britische Premier Gladstone nannte ihn den „Großen Mörder“ (Grand Assassin) und den „scheußlichen Türken“ (the unspeakable Turk). Die Pogrome 1894–1896, denen bis zu 300.000Die im Nachhinein angegebenen Todeszahlen variieren stark voneinander:
Der türkische Diplomat Kâmuran Gürün gab 1983 die Zahl 20.000 an; Zwei Mitglieder der Armenischen Akademie der Wissenschaften in Jerewan nannten im Jahr 1965 eine Zahl von 300.000 Opfern; Die Angaben in Zeitzeugenquellen variieren dagegen weniger voneinander: Die offiziellen osmanischen Angaben waren bei 13.432 Toten; Der sich vor Ort befindende Autor Hepworth bezifferte die Anzahl der Toten auf 50.000; Der deutsche Botschafter gab 60.000 bis 80.000 Opfer an; Wolfgang Gust spricht von mehreren Hunderttausend Opfern: Irrweg Lepsiushaus. Abgerufen am 2. März 2012. Der Historiker Taner Akçam spricht von bis zu 300.000 Opfern; Der Theologe Martin Rade gab ebenfalls eine Zahl von etwa 300.000 Opfern an; Der Vatikan spricht von über 300.000 armenischen Opfern; 23. August 2011. Abgerufen am 2. März 2012. Armenier zum Opfer fielen, wurden auch unter dem Namen Hamidische Massaker bekannt. Bei den Massakern spielten Hamidiye-Regimenter eine wichtige Rolle.
Trotz aller Diskreditierung des Sultans in der europäischen Öffentlichkeit konnte der Nachweis, der Sultan habe die Anordnungen zu Massakern an der Zivilbevölkerung gegeben, nicht geliefert werden. Dass die Massaker auf irgendeine Weise organisiert waren, ist daran erkennbar, dass es an den Orten, an denen es zu Massakern kam, ähnliche Verfahrensmuster gab. So wurden nahezu durchgehend männliche gregorianische Armenier getötet, Frauen und Kinder sowie andere Christen und auch katholische Armenier wurden dagegen nicht angerührt, wie aus den Berichten des britischen Diplomaten Charles Eliot und des amerikanischen Missionars Edwin Munsell Bliss hervorgeht.Charles Eliot: Turkey in Europe. New York 1965 (=19072), S. 408.Edwin Munsell Bliss: Turkish Cruelties upon the Armenian Christians. Philadelphia 1896, S. 477. Gegen eine Anordnung des Sultans sprechen dagegen andere Angaben der Zeit- und Augenzeugen. So gaben Charles Eliot, Hepworth und der deutsche Botschafter an, dass der Sultan die Massaker nicht organisiert habe. Er habe lediglich die Anordnung gegeben, Aufstände armenischer Rebellen mit aller Härte zu unterdrücken oder in Vorbereitung befindliche zu verhindern. Die lokalen Behörden hätten den Sultan irritiert, in manchen Fällen geplante Anschläge sogar erfunden, um ihre Medaillen zu kassieren.Charles Eliot: Turkey in Europe. New York 1965 (=19072), S. 407. Gegen eine zentrale Anordnung spricht auch, dass es an anderen Orten lokale Verantwortliche gab, die drohende Massaker an Armeniern durch Interventionen verhinderten, unter anderen der Gouverneur von Ankara, der Kommandant in Aleppo Generalleutnant Edhem Pascha.Bericht des britischen Konsuls Raphael A. Fontana in Ankara und Bericht des britischen Konsuls Henry D. Barnham in Aleppo. In:
Türkisch-Griechischer Krieg Die versprochenen Reformen für die nicht-türkischen Minderheiten standen nach wie vor nur auf dem Papier. Allein Kreta profitierte von erweiterten Privilegien. Dennoch brach dort ein Aufstand aus. Anfang 1897 schickte Griechenland ein Expeditionsheer, um die Aufständischen zu unterstützen. In dem folgenden Türkisch-Griechischen Krieg errang das Osmanische Reich zwar einen leichten Sieg, doch die Großmächte schützten Griechenland und gestanden Istanbul nur eine kleine Grenzkorrektur zu. Einige Monate später wurde Kreta sogar von vier Großmächten übernommen und damit faktisch der Herrschaft des Sultans entzogen; stattdessen herrschte dort bis 1909 eine autonome Regierung unter einem Prinzen von Griechenland.
Bagdadbahn mini|Empfang des deutschen Botschafters in Konya anlässlich der Fertigstellung des ersten Teilabschnitts der Bagdadbahn am 21. Juni 1904