mini|Die Stinkefinger-Geste mini|hochkant|Frank Zappa „giving the finger“ während eines Konzerts in Hamburg 1974
Als Stinkefinger bezeichnet man umgangssprachlich eine häufig als obszön aufgefasste Geste, bei der eine mehr oder weniger geschlossene Hand mit ausgestrecktem Mittelfinger einer Person oder einer Gruppe entgegengestreckt wird. Sie kann als Beleidigung strafrechtlich geahndet werden. Im Deutschen wird die Geste, die im Englischen zumeist schlicht „the finger“ heißt, als „Stinkefinger“ bezeichnet. Der Duden nahm den Begriff erstmals 1996 auf und definiert ihn als „hochgestreckter Mittelfinger, der einer Person – mit dem Handrücken auf sie zu – gezeigt wird, um auszudrücken, dass man sie verachtet, von ihr in Ruhe gelassen werden will“.Stinkefinger, der in duden.de, abgerufen am 17. März 2015.
Lexem und Bedeutungen Bei dem Begriff Stinkefinger handelt es sich im Deutschen um ein Neulexem, das seit Mitte der 1990er Jahre in dieser Bedeutung „mit beleidigender Absicht aufgrund einer momentanen Verärgerung“ in Gebrauch ist.Dieter Herberg, Michael Kinne: Neuer Wortschatz. Neologismen der 90er Jahre im Deutschen. (= Schriften des Instituts für Deutsche Sprache. Band 11). de Gruyter, 2004, ISBN 3-11-017751-X, S. 324. (online in Google Bücher) In englischsprachigen Ländern bedeutet die Geste „Fuck you!“ oder „Fuck off!“ (siehe Fuck).Mark Morton: The Lover’s Tongue: A Merry Romp Through the Language of Love and Sex. Insomniac Press, Toronto 2003, S. 176.
Vorher wurde der Begriff anders konnotiert. So definierte der Sexualwissenschaftler Friedrich Salomon Krauss 1905 Stinkefinger machen in einer Auflistung von erotischen Wörtern und Kraftausdrücken der Berliner Mundart als „an der weiblichen Scham mit dem Finger spielen“.Friedrich Salomon Krauss: Anthropophyteia. Band 2, Deutsche Verlagaktiengesellschaft, 1905, S. 25. (vgl. Google Bücher) In dieser Bedeutung wurde er zum Beispiel auch 1973 von Lothar-Günther Buchheim im Roman Das Boot verwendet.Lothar-Günther Buchheim: Das Boot. Koch, 1973, S. 104, 153. (vgl. Google Bücher) Laut dem Sprachwissenschaftler Hans-Martin Gauger bezieht sich die jetzige Bezeichnung Stinkefinger weniger auf den Bereich des Sexuellen als auf den der Exkremente und Analität, aus dem die deutsche Sprache die meisten ihrer Schimpfwörter nimmt.Hans-Martin Gauger: Das Feuchte und das Schmutzige. Kleine Linguistik der vulgären Sprache. C. H. Beck, München 2012, S. 71. Im romanischen Ursprung würde die Geste dagegen „rein sexuell“ mit einer fiktiven Androhung einer Penetration gezeigt und, da sie besonders unter Männern gebraucht wird, mit dem Homosexualitätstabu spielen.Die Deutschen schimpfen anders. In: Der Spiegel, 44/1999.
Geschichte und wissenschaftliche Einordnungen mini|Baseball-Werfer Charles Radbourn zeigt 1886 den Stinkefinger in die Kamera, die erste fotografische Dokumentation dieser Geste.
Die Schmähgeste war schon im antiken Griechenland und Rom bekannt. Dort symbolisierte sie als Phallussymbol einen erigierten Penis im Sinne einer sexuell konnotierten Drohung. Der kynische Philosoph Diogenes von Sinope soll sie Besuchern der Stadt Athen gezeigt haben, die den berühmten Rhetor Demosthenes sehen wollten; dazu habe er gerufen: „Da habt ihr euren athenischen Demagogen!“„Οὗτος ὑμῖν […] ἐστὶν ὁ Ἀθηναίων δημαγωγός“, Diogenes Laertios: Βίοι φιλοσόφων VI, 34 (online auf Wikisource, abgerufen am 29. Dezember 2013).
Im Lateinischen bezeichnete man sie als digitus impudicus („schamloser“ oder „unzüchtiger Finger“). In einem Gedicht der Carmina Priapea klagt eine zu apotropäischen Zwecken aufgestellte Priapus-Statue, dass ein Dieb ihr nur halb spottend, halb drohend den Mittelfinger zeigt.Bernhard Kytzler (Hrsg.): Carmina Priapea. Gedichte an den Gartengott. Übersetzt von Carl Fischer. Artemis, Zürich / München 1978, S. 138 f. Ursprünglich trugen laut dem Kulturanthropologen Reinhard Krüger Ärzte Salben mit dem Mittelfinger (digitus medicinalis) auf.Geschichte der Alltagsgesten: Vom digitus medicinalis zum Stinkefinger. In: Deutsches Ärzteblatt. 95(22), 1998, S. Nachdem dies mit der ausgehenden Antike als obszön galt, wurde vermehrt der Ring- oder Zeigefinger verwendet.Was der Stinkefinger zu sagen hat. In: Berliner Morgenpost, 13. März 2009.
Laut dem US-Linguisten Jesse SheidlowerMichael Oricchio: Davis’ Infamous Finger Salute Has Had a Big Hand in History; Folklorists: Roots Go Back At Least 2,000 Years To Ancient Rome. In: San Jose Mercury News. 20. Juni 1996. – nordamerikanischer Mitarbeiter beim Oxford English DictionaryChris Smith: Search for meanings. In: The University of Chicago Magazine. Februar 2001. – wurde die Geste Ende des 19. Jahrhunderts in den Vereinigten Staaten von italienischen Immigranten eingeführt. Das erste dokumentierte Bild zeigt, wie auf einem Mannschaftsfoto vom 29. April 1886, dem Eröffnungstag der Baseball National League, Charles Radbourn, Werfer des Baseballclub Boston Beaneaters, die Geste gegenüber den New York Giants, dem Gegner an diesem Tag, macht.Daniel Nasaw: When did the middle finger become offensive? In: BBC. 6. Februar 2012.
Im deutschsprachigen Raum war die Geste lange wenig bekannt. Belegbar ist, dass sie sich ab den 1960er Jahren als Beleidigungsgeste ausbreitete. So sorgte der US-Sänger Johnny Cash bei einem Auftritt im San Quentin State Prison 1969 durch Pressefotos für eine weite Verbreitung.Die Geschichte hinter Johnny Cashs Stinkefinger, SRF vom 15. August 2015. Außerdem wurde die Geste von den 1968 in Nordkorea gefangengehaltenen Besatzungsmitgliedern der Pueblo auf Fotos benutzt, um die propagandistische Aussage, die Mannschaft sei übergelaufen, zu unterminieren.Stu Russell: USS Pueblo Veteran’s Association.
Nach Medienangaben unter Bezugnahme des Anthropologen Desmond Morris berichtete bereits der römische Geschichtsschreiber Tacitus, dass germanische Stammesangehörige den Mittelfinger gegenüber römischen Soldaten erhoben. Ebenso wurde dargestellt, dass ein pantomimischer Tänzer in der Zeit Augustus’ ausgepeitscht und verbannt wurde, nachdem er einem ihn kritisierenden Zuschauer den Mittelfinger gezeigt hatte.Heleen Groot: Zur Bedeutung der öffentlichen Spiele bei Tacitus, Sueton und Cassius Dio: Überlegungen zur Selbstbeschreibung der römischen Gesellschaft. LIT Verlag, Münster 2008, S. 144. (online in Google Bücher)
Die Psychologen Jesse Chandler und Norbert Schwarz veröffentlichten 2008 eine sozialpsychologische Studie im Journal of Experimental Social Psychology, in der sie emotionale Effekte der Körpersprache untersuchten und davon ausgingen, dass es angeborene und kulturell erworbene Gesten gibt. In einem Test wurden Studenten während des Lesens eines Textes über ein ambivalentes Vermieter-Mieter-Verhältnis aufgefordert wahlweise den mittleren oder den Zeigefinger zu strecken; anschließend wurden sie befragt.Was der Stinkefinger zu sagen hat. In: Welt Online, 13. März 2009. Diejenigen, die den Mittelfinger streckten, sollen in ihren Emotionen selbst davon beeinflusst sein und dazu neigen, ambivalent aggressives Verhalten einer anderen Person als feindlich zu interpretieren.J. Chandler, N. Schwarz: How extending your middle finger affects your perception of others: Learned movements influence concept accessibility. In: Journal of Experimental Social Psychology. Band 45, Nr. 1, 2009, S. 123–128. doi:10.1016/j.jesp.2008.06.012
Jüngere Kontroversen mini|Eine künstlerische Botschaft des tschechischen Bildhauers David Černý an Miloš Zeman vor der tschechischen Abgeordnetenwahl, 2013 mini|L.O.V.E. – Maurizio Cattelans Statement vor der Mailänder Börse: Steinskulptur, die auch ihren Betrachtern den Mittelfinger entgegenstreckt
US-Vizepräsident Nelson Rockefeller benutzte die Geste im September 1976 auf einer Wahlkampfveranstaltung.Vice President Rockefeller gives the middle finger, 1976; rarehistoricalphotos.com, englisch, zuletzt aktualisiert am 24. November 2021, abgerufen am 25. März 2022. Gegenwärtige Kontroversen gibt es vor allem in der Politik, der Popkultur oder im Sport. So nannte etwa die BBC die Geste als ein Zeichen eines überkulturell verstandenen Protests und zählte im Jahre 2012 als prominente Verwender die Künstlerin M.I.A., den kanadischen Politiker Deepak Obhrai oder den Fußballspieler Luis Suárez auf.
In Deutschland wurde die Geste 1994 diskutiert, als der Fußballspieler Stefan Effenberg sie bei einem Spiel der Fußball-Weltmeisterschaft in Dallas gegen deutsche Zuschauer zeigte, die mit seiner spielerischen Leistung unzufrieden waren.Hans-Martin Gauger: Das Feuchte und das Schmutzige. Kleine Linguistik der vulgären Sprache. C. H. Beck, München 2012, S. 71. 2013 zeigte der SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück den Stinkefinger bei einem Interview „ohne Worte“ mit dem SZ-Magazin, was zumeist in Medien als ein taktischer Fehler Steinbrücks vor der Bundestagswahl 2013 eingeschätzt wurde.Steinbrück zeigt den Stinkefinger. In: SZ-Magazin. 12. Juli 2013.Stinkefinger-Foto – „Dieses Bild wird Steinbrück nie mehr los“. In: Die Zeit. 13. September 2013.
Im gleichen Jahr sorgte der tschechische Aktionskünstler und Bildhauer David Černý für einen Eklat, als er einen überdimensionierten Stinkefinger auf der Moldau gegenüber der Prager Burg – dem Amtssitz des tschechischen Präsidenten Miloš Zeman – positionierte. In: euronews, 21. September 2013, abgerufen am 23. März 2015.
Im März 2015 entstand eine Debatte, als der griechische Finanzminister Yanis Varoufakis in der Talkshow Günther Jauch mit einem über soziale Netzwerke verbreiteten Video konfrontiert wurde, in dem er den Stinkefinger gezeigt haben soll. Das Neo Magazin Royale behauptete anschließend, die Geste nachträglich digital eingefügt und das Video geschickt lanciert zu haben. Anschließend entwickelte sich eine medienkritische Kontroverse über journalistische Standards.Ärger um den Stinkefinger. In: Sächsische Zeitung, 17. März 2015.#Varoufake: Mittelfinger in die Wunde. auf: derStandard.at, 19. März 2015.Harald Staun: Die Lüge der echten Bilder. In: FAZ.net, 22. März 2015.Matthias Knecht: Günther Jauch sollte entlassen werden auf: nzz.de, 23. März 2015.
Weitere Verwendungen In der Gebärdensprache gehört die Geste nicht zum Repertoire der Deutschen Gebärdensprache (DGS). In der japanischen Gebärdensprache bedeutet sie aber „großer Bruder“ mit einer kurzen Bewegung nach oben.Jörg Keller, Helen Leuninger: Grammatische Strukturen. Kognitive Prozesse: Ein Arbeitsbuch. (= Narr Studienbücher). 2004, S. 269. (vgl. Google Bücher)
Das Unicode-Konsortium etablierte 2014 neben weiteren sogenannten Emojis auch einen in Medien genannten „virtuellen Stinkefinger“Jetzt kommt der virtuelle Stinkefinger. In: welt-online. 19. April 2014, abgerufen am 22. März 2017. unter dem Unicode U+1F595 (🖕) mit der offiziellen Bezeichnung „reversed hand with middle finger extended“ (siehe auch: Unicodeblock Verschiedene piktografische Symbole).
Rechtliche Beurteilung
Strafrecht In Deutschland erfüllt das Zeigen des Stinkefingers regelmäßig den Tatbestand der Beleidigung nach StGB.Schönke/Schröder – Lenckner/Eisele, § 185 StGB, Rn. 13; Jendrusch, NZV 2007, S. 559 f.
Das Bayerische Oberste Landesgericht entschied im Jahr 2000: Wer zum Beispiel den Mittelfinger in das Sichtfeld einer Videoüberwachungskamera hält (Stinkefinger), kann den Straftatbestand einer Beleidigung begehen, obwohl eine Kamera nicht in ihrem Ehrgefühl verletzt werden kann – wohl aber der dahinter sitzende Beamte, dem man also laut Gerichtsurteil auch in der technisch „verlängerten“ Form einer Kamera gebührenden Respekt erweisen soll. Dabei wird angenommen, dass die Geste dem Beamten und nicht etwa den als störend empfundenen Überwachungsmaßnahmen allgemein galt.BayOLG, Beschluss vom 23. Februar 2000, Az.: 5St RR 30/00. Website der IWW Instituts für Wirtschaftspublizistik. Abgerufen am 15. April 2014.