Die S-300W Antei-300 () ist ein in der Sowjetunion entwickeltes mobiles Langstrecken-Boden-Luft-Lenkwaffensystem zur Bekämpfung von Kampfflugzeugen, Marschflugkörpern sowie ballistischen Kurz- und Mittelstreckenraketen. Im GRAU-Index wird es 9K81 genannt. Die NATO-Codenamen lauten SA-12A Gladiator, SA-12B Giant sowie SA-23A Gladiator und SA-23B Giant. Es handelt sich um eine Variante des S-300-Flugabwehrraketensystems.
Entwicklung Der Ursprung der Entwicklung der S-300W basiert auf einer Studie vom MKB Strela (später Almas) aus dem Jahr 1966. Ziel dieser Studie war die Entwicklung eines gemeinsamen Boden-Luft-Lenkwaffensystems für die verschiedenen Teilstreitkräfte der Sowjetunion. Das projektierte System S-500U sollte sowohl bei den Luftverteidigungsstreitkräften als auch den Luftverteidigungstruppen der Landstreitkräfte der UdSSR und der Marine zum Einsatz kommen.Michal Fiszer: Name of the Roses: Russia’s “joint” S-300 air defense system turned out to be nothing of the sort. In: Military Microwaves. 2016, S. 30–35. Während der Entwicklung der S-500U sahen sich die Entwickler mit weit auseinanderklaffenden Bedürfnissen konfrontiert und die im Pflichtenheft aufgeführten Anforderungen konnten nur schwer in einem einheitlichen Flugabwehrsystem realisiert werden.S. M. Ganin, A. W. Karpenko: зенитная ракетная система С-300В. 2001. S. 8–13. Schließlich wurde das Projekt S-500U im Jahr 1967 von Dmitri Ustinow gestoppt und für beendet erklärt. Daraufhin ließen die verschiedenen Teilstreitkräfte je ein auf ihre Bedürfnisse zugeschnittenes Flugabwehrsystem entwickeln. Das für die Luftverteidigungsstreitkräfte bestimmte System bekam die Bezeichnung S-300P, das für die Luftverteidigungstruppen der Bodenstreitkräfte S-300W und das für die Marine S-300F. Das System S-300W wurde zum Schutz von Standorten der Landstreitkräfte der UdSSR sowie zum Schutz von mechanisierten Formationen auf dem Gefechtsfeld konzipiert. Weiter sollte das neue System das Flugabwehrsystem 2K11 Krug (NATO: SA-4 Ganef) ersetzen.Steven J. Zaloga: Tactical Ballistic Missile Defence: The Antey S-300V. 1993, S. 52–58 Das neue System sollte niedrigfliegende und massiert eingesetzte luft- und seegestützte Marschflugkörper (darunter der Typ AGM-69 SRAM) und überschallschnelle, tief fliegende Bomber und Kampfflugzeuge abwehren können. Weiter wurde gefordert, dass ballistischen Kurz- und Mittelstreckenraketen, wie die MGM-52 Lance sowie die MGM-31 Pershing bekämpft werden können. Dazu wurde ein System mit einem hohen Automatisierungsgrad gefordert, das gleichzeitig sechs Ziele auf eine Distanz von 100 km bekämpfen können sollte. Um diese Anforderungen zu erfüllen, wurden zwei verschiedene Raketentypen entwickelt. Die kleineren 9M83-Lenkwaffen wurden für die Bekämpfung von Flugzeugen und Marschflugkörpern entwickelt, während die größeren 9M82-Lenkwaffen für den Einsatz gegen ballistische Raketen konzipiert wurden. Die beiden unterschiedlich aussehenden Startfahrzeuge des S-300W-Systems veranlassten die NATO, dem 9A83-Startfahrzeug die Bezeichnung SA-12A Gladiator zu geben; das größere 9A82-Startfahrzeug erhielt die Bezeichnung SA-12B Giant.Duncan Lenox: Jane’s Strategic Weapon Systems, Edition 2001. 2001, S. 309–312. Nach einer ungewöhnlich langen Entwicklungszeit wurde die Vorserienversion S-300W-1 ab 1983 für Truppenversuche an die Landstreitkräfte der UdSSR ausgeliefert. Das Seriensystem S-300W mit der vollen Kapazität wurde 1988 eingeführt. Das S-300W-System war bei der Indienststellung das weltweit erste einsatzfähige mobile Raketenabwehrsystem.
In den darauffolgenden Jahren wurde das S-300W-System in verschiedenen Ausbaustufen an die aktuelle Bedrohungslage angepasst und modernisiert. Eine erste modernisierte Ausführung wurde 1997 unter der Bezeichnung S-300WM präsentiert. Im Jahr 2003 folgte die Version S-300WMD und die aktuelle Version S-300W4 wurde 2012 vorgestellt.
Technik S-300W dient zur Bekämpfung von Kampfflugzeugen, Marschflugkörpern sowie ballistischen Mittelstreckenraketen. Es kann mobil im Gelände eingesetzt werden und ist allwetterfähig. Sämtliche S-300W-Komponenten sind auf MT-TM-Kettenfahrzeugen installiert. Dieses Fahrgestell stammt vom T-80-Kampfpanzer. Somit kann sich S-300W auf der Straße und auch im Gelände bewegen. S-300W benötigt keine vorbereiteten Stellungen und die Stellung kann sich irgendwo im Gelände befinden. Das Herstellen der Einsatzbereitschaft dauert fünf bis sieben Minuten. Die Fahrzeuge benutzen zur Datenübertragung untereinander ausfahrbare Antennen.
Feuerleitradar mini|Feuerleitradar 9S32 Das Feuerleitradar der Ausführung S-300W trägt die Bezeichnung 9S32 und hat den NATO-Codenamen Grill Pan. Ab der Ausführung S-300WM wird das verbesserte 9S32M-Feuerleitradar verwendet. Dieses hat den NATO-Codenamen Grill Screen. Beide Feuerleitradar-Typen verwenden Phased-Array-Antennen mit rund 10.000 Phasenschiebern. Die Antennen funktionieren nach dem Prinzip der passiven, frequenzgesteuerten Phased-Array-Antennen (PESA) und arbeiten mit einer Frequenz von 8 bis 10 GHz. Die Installierte Radarreichweite beträgt über 250 km und die maximale Sendeleistung liegt bei rund 150 kW. Die Radarantenne auf dem Fahrzeugdach lässt sich im Azimut um 340° drehen. Als Dauerstrichradar sorgt es für die Zielerfassung, Zielverfolgung und die Ermittlung der Zieldaten. Weiter stellt es zusammen mit den Radars der Startfahrzeuge die Halbaktive Zielsuchlenkung für die Flugabwehrlenkwaffen sicher. Es kann zeitgleich 12 Lenkwaffen gegen sechs Flugziele steuern.
Überwachungsradar Das Überwachungsradar der Ausführung S-300W trägt die Bezeichnung 9S15 Osbor-3 und hat den NATO-Codenamen Bill Board-A. Ab der Ausführung S-300WM wird das 9S15M-Überwachungsradar verwendet. Dieses hat den NATO-Codenamen: Bill Board-B. 9S15 ist ein Allwetter-3D-Überwachungs- und Zielverfolgungsradar. Die Antennen funktionieren nach dem Prinzip der passiven, frequenzgesteuerten Phased-Array-Antennen und arbeiten mit einer Frequenz von 3 bis 4 GHz bei einer Wellenlänge von ca. 10 cm. Zeitgleich kann es 200 Ziele begleiten und die Radarreichweite beträgt über 330 km. Eine kleine Ballistische Rakete vom Typ MGM-52 Lance kann auf eine Distanz von 90 bis 110 km erfasst werden. Die Radarantenne rotiert wahlweise mit einer Umdrehung alle sechs oder zwölf Sekunden.
Sektorenüberwachungsradar Für die Ortung von ballistischen Mittelstreckenraketen kommt bei der Ausführung S-300W das 9S19-Imbir-Sektorüberwachungsradar zum Einsatz. Dieses hat den NATO-Codenamen High Screen-A. Ab der Ausführung S-300WM wird die verbesserte Ausführung 9S19M2 eingesetzt, welches von der NATO High Screen-B bezeichnet wird. 9S19 wird mit einem statischen Suchsektor von 90° im Azimut eingesetzt und ist auf das Erfassen von kleinen Zielen mit Hyperschallgeschwindigkeit ausgelegt. Zeitgleich kann es die Flugbahnen und Zieldaten von 16 ballistischen Zielen ermitteln. Auch diese Antennen funktionieren nach dem Prinzip der passiven, frequenzgesteuerten Phased-Array-Antennen und verwenden Wanderfeldröhren mit 16 kW Leistung. Das Radar arbeitet mit einer Frequenz von 10 GHz (S/X-Band) bei einer Wellenlänge von ca. 3 cm. Die Radarreichweite liegt bei über 250 km.
Feuerleitstand Mit dem S-300W-System kommt ein zentraler Feuerleitstand zum Einsatz. Bei der S-300W wird dieser 9S457 bezeichnet. Ab der Ausführung S-300WM trägt er die Bezeichnung 9S457-1. In dem Feuerleitstand laufen alle Radar- und Aufklärungsdaten zusammen und werden dort mit redundanten Echtzeit-Computersystemen mit einem hohen Automatisierungsgrad verarbeitet. Aus dem Feuerleitstand führen die Bediener den Feuerkampf, wobei sie auch Anweisungen von einem übergeordneten Gefechtsstand erhalten können. Der Feuerleitstand verfügt über umfangreiche Kommunikationseinrichtungen, die es dem Kampfführungspersonal erlauben, mit verschiedenen Aufklärungs- und Führungssystemen zu kommunizieren. Der 9S457-Feuerleitstand der S-300W kann zeitgleich 200 Ziele begleiten, 12 Flugziele verfolgen und diesen 24 Lenkwaffen zur Bekämpfung zuweisen. Der verbesserte 9S457-1-Feuerleitstand kann zeitgleich 24 Flugziele verfolgen und diesen 48 Lenkwaffen zur Bekämpfung zuweisen. Der Feuerleitstand führt folgende Aktionen aus: Kontrolle und Überwachung der Radare der Batterie(n) Akquisition, Identifikation, Verfolgung der Luftziele Freund-Feind-Erkennung (IFF) Prioritätszuweisung der einzelnen Luftziele und die Weitergabe der gefährlichsten an die Feuerleitradare der Batterie Kontrolle und Koordination der Elektronischen Gegenmaßnahmen Datenaustausch mit benachbarten Einheiten sowie der übergeordneten Stufe
Lenkwaffenstarter mini|9A83-Startfahrzeug mit den vier Startbehältern in Marschposition Als Startfahrzeuge kommen bei der S-300W das 9A83–Startfahrzeug (NATO: SA-12A Gladiator) für vier 9M83-Lenkwaffen und das 9A82–Startfahrzeug (NATO: SA-12B Giant) für zwei 9M82-Lenkwaffen zum Einsatz. Ab der Ausführung S-300WM kommt das 9A83M–Startfahrzeug (NATO: SA-23A Gladiator) für vier 9M83-Lenkwaffen und das 9A82M–Startfahrzeug (NATO: SA-23B Giant) für zwei 9M82-Lenkwaffen zum Einsatz. Um die Lenkwaffenwerfer feuerbereit zu machen, werden die Lenkwaffencontainer aus der horizontalen Transportposition in die Vertikale angestellt. Ebenso wird ein Mast mit der 9P82/9P83-Parabolantenne in die Vertikale angestellt. Über diese Antenne erfolgt der Datenlink zu den Lenkwaffen. Weiter stellt diese Radarantenne zusammen mit dem 9S32-Feuerleitradar die Halbaktive Zielsuchlenkung für die Flugabwehrlenkwaffen sicher.
Lenkwaffen S-300W verwendet zwei unterschiedliche Lenkwaffentypen: Die kleine 9M83-Lenkwaffe und die große 9M82-Lenkwaffe. Die 9M83-Lenkwaffen werden primär zur Bekämpfung von beweglichen Flugzielen eingesetzt. Die 9M82-Lenkwaffen kommen primär bei der Bekämpfung von ballistischen Kurz- und Mittelstreckenraketen zum Einsatz. Beide Lenkwaffentypen werden in versiegelten, vor Witterungseinflüssen schützenden Transport- und Startbehältern aus dem Herstellungswerk geliefert. Die Lenkwaffen können ohne Kontrolle zehn Jahre in den zylinderförmigen Behältern transportiert und gelagert werden.С.Н. Ельцин "Зенитная ракетная система С-300В. Ракета 9М83, устройство и функционирование". Учебное пособие, БГТУ Военмех, 2008г. Zu Kontrollzwecken besitzen die Lenkwaffen einen eingebauten elektronischen Selbsttest, der durch das Bedienungspersonal an einem Kontrollkasten an den Startbehältern durchgeführt werden kann.