mini|Eingang zu einer Intensivstation
Intensivmedizin ist ein medizinisches Fachgebiet mit stets interdisziplinärem Charakter, das sich mit Monitoring, Diagnostik und Therapie akut lebensbedrohlicher Zustände und Krankheiten befasst.Elmar Berendes, Hugo Van Aken: Intensivmedizin – die kontinuierliche Herausforderung. In: ainS – Anästhesiologie, Intensivmedizin, Notfallmedizin, Schmerztherapie. Band 38, Nr. 11, November 2003, S. 679 f. Das geschieht meist in besonders ausgerüsteten Stationen eines Krankenhauses, den sogenannten Intensivstationen (auch Intensivtherapie-Station (ITS), Intensivpflege-Station (IPS) oder Intensive Care Unit (ICU) genannt). Diese werden durch speziell weitergebildete Fachärzte wie Anästhesisten, Internisten, Chirurgen, Pädiater oder Neurologen und speziell weitergebildete Pflegekräfte (Gesundheits- und Fachkrankenpfleger für Anästhesie und Intensivpflege) geführt. Aufgrund des hohen Betreuungsaufwands ist hier eine Pflegekraft nur für wenige Patienten zuständig.
Unter Intensivtherapie versteht man jede Behandlung, die der Unterstützung oder dem temporären Ersatz versagender oder ausgefallener Körperfunktionen dient.Otto Mayrhofer: Gedanken zum 150. Geburtstag der Anästhesie. In: Der Anaesthesist. Band 45, 1996, S. 881–883, hier: S. 883 f.
Geschichte Die Intensivmedizin hat ihre historischen Wurzeln in der Anästhesiologie, als Gründungsvater der ersten Intensivstation gilt gemeinhin der dänische Anästhesist Björn Ibsen.Louise Reisner-Sénélar: . 2011. 1954 gründete Ibsen die erste Intensivstation in Kopenhagen, als direkte Folge der großen Polio-Epidemie von 1952.S. Pincock Bjørn Ibsen The Lancet 2007.L. Reisner-Sénélar: Der dänische Anästhesist Bjørn Ibsen – ein Pionier der Langzeitbeatmung über die oberen Luftwege. Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main 2009. Die Langzeitbeatmung der Patienten war der Grund dafür, dass derartig aufwendige Methoden und Einrichtungen geschaffen wurden. Eine andere Vorstufe der heutigen Intensivstationen waren die coronary care units (CCU). Dies waren Stationen zur EKG-Überwachung von Herzinfarktpatienten mit der Möglichkeit der Defibrillation bei Kammerflimmern oder Kammertachykardie. Sie wurden von einem der Erfinder der Defibrillation, dem US-Amerikaner Bernard Lown, propagiert. Die erste deutsche Monographie zum Thema Intensivtherapie stellt das 1956 von dem Chirurgen Ernst Kern und dem Anästhesisten Kurt Wiemers im Thieme-Verlag herausgegebene Werk über Postoperative Frühkomplikationen dar.Ernst Kern: Sehen – Denken – Handeln eines Chirurgen im 20. Jahrhundert. ecomed, Landsberg am Lech 2000, ISBN 3-609-20149-5, S. 143.
Ausbildung
Ärzte In Deutschland ist die Intensivmedizin kein eigenständiges Fachgebiet. Nach einer Weiterbildung von 24 Monaten können Fachärzte für Anästhesiologie, Neurochirurgie, Neurologie, Chirurgie, Innere Medizin oder Kinder- und Jugendmedizin die Zusatzbezeichnung Intensivmedizin erhalten.
In Österreich gibt es den Facharzt für Anästhesie und Intensivmedizin. Als Internist erwirbt man das Additivfach Intensivmedizin mit einer dreijährigen Zusatzausbildung im Anschluss an die Facharztausbildung in der Inneren Medizin.
In der Schweiz erwirbt man den Facharzt für Intensivmedizin im Rahmen einer eigenen Facharztausbildung.
Pflege Um eine gute Intensivpflege zu gewährleisten, gibt es in Deutschland, nach der dreijährigen Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegekraft, die Weiterbildung zur Fachkrankenpflegekraft für Intensivpflege. Diese dauert berufsbegleitend zwei Jahre. Meistens wird eine Berufserfahrung von zwei Jahren, davon mindestens sechs Monate im Bereich Intensivstation oder Anästhesie,Vgl. auch Reinhard Larsen, H. Sonntag, D. Kettler: Anästhesie und Intensivmedizin für Schwestern und Pfleger. Springer-Verlag, Berlin / Berlin / Heidelberg / New York / Tokyo 1983, ISBN 3-540-12810-7. vorausgesetzt.
Erkrankungsspektrum Auf Intensivstationen werden Patienten aufgenommen, deren Zustand bedrohlich ist oder deren Zustand bedrohlich werden könnte. So führen nicht nur schwere Krankheiten, sondern auch Zustände nach umfangreichen, langdauernden und stark eingreifenden Operationen zur intensivmedizinischen Überwachung und gegebenenfalls Behandlung. Prinzipiell muss eine gewisse günstige Prognose des krankhaften Zustandes gegeben sein.
Die Ergebnisse intensivmedizinischer Behandlung von Intensivpatienten umfassen entsprechend der grundlegenden Erkrankung eine große Spannweite. Ziel ist die Wiederherstellung der völligen Gesundheit oder wenigstens das Erreichen eines weitgehend autonomen Zustandes des Patienten.
Die Zunahme von Prozess-, Struktur- und Ergebnisqualität in der Intensivmedizin ist mit einem umfassenderen Einsatz der Methoden verbunden.
Terminale Erkrankungen, wie zum Beispiel Krebs im Endstadium, führen an sich nicht zur Aufnahme auf die Intensivstation, es sei denn, der Patientenzustand verschlechtert sich akut drastisch und es wird eine Aufnahme gewünscht. Generell ist auf diesem Gebiet die Palliativmedizin etabliert, wobei insbesondere ethische Überlegungen eine Begrenzung therapeutischer MaßnahmenVgl. etwa Th. Prien, Peter Lawin: Therapiereduktion in der Intensivmedizin. „Sterben zulassen“ durch bewußte Begrenzung medizinischer Möglichkeiten. In: Der Anaesthesist. Band 45, 1996, Nr. 2, S. 176–182. auch bei Intensivpatienten erforderlich machen können.
Elementarstörungen und komplexe Krankheitsbilder Störungen der Atmung, z. B.: Respiratorische Insuffizienz Akutes Lungenversagen (ARDS) Lungenödem Lungenembolie schwere Elektrolytstörungen Störungen der Hämostase (Blutgerinnung) Sepsis, SIRS Multiorganversagen, MOF, MODS akutes Nierenversagen (bis zu 30 % der Intensivpatienten sind primär oder sekundär betroffen) Schock in den verschiedenen Formen: hämorrhagischer Schock, septischer Schock, hypovolämischer Schock, neurogener Schock, Kreislaufschock (kardiogener Schock), anaphylaktischer Schock überwachungspflichtige postoperative Zustände (z. B. nach Herzoperationen) schwere Herzerkrankungen (Myokardinfarkt, dekompensierte Herzinsuffizienz) gefährliche Herzrhythmusstörungen (Arrhythmien) schwere neurologische Erkrankungen und Bewusstseinsstörungen: Schlaganfall (Behandlung auf speziellen Stroke Units), cerebrale Blutungen, Subarachnoidalblutung, Guillain-Barré-Syndrom, schwere Meningitis, myastenische Krisen, Delir, Delirium tremens schweres Schädel-Hirn-Trauma Polytrauma und andere lebensbedrohliche Verletzungen schwere Bauchfellentzündung akute Bauchspeicheldrüsenentzündung schwere Vergiftungen schwere Allgemeininfektionen
Überwachungsmethoden Der Zustand schwer Erkrankter kann sich rasant ändern. Dieser Tatsache tragen standardisierte Überwachungsmaßnahmen Rechnung. Die Überwachung lässt sich in Methoden ohne und mit technischen Hilfsmitteln einteilen:
Klinische Überwachung Voraussetzung einer ausreichenden Überwachung ist in jedem Fall die persönliche Beobachtung durch das pflegende oder ärztliche Personal, wozu auch eine bettseitige Dokumentationspflicht beiträgt.
Zur Beurteilung der Bewusstseinslage fehlen heute noch in aller Regel technische Hilfsmittel, sodass das Neuromonitoring nach anerkannten und standardisierten verbalen Stadien- und Zustandseinteilungen erfolgt (beispielsweise Glasgow Coma Scale [GCS] bei Hirntraumatisierten, die anhand einer verbalen Zustandsbeschreibung des Patienten eine Indizierung erbringt). Zur Beurteilung von Schmerzen werden verbale rating scales (VRS) oder visuelle Analogskalen (VAS) herangezogen.
Technisches Monitoring Auf der Intensivstation werden Patienten zusätzlich durch das Personal kontinuierlich durch Vitaldatenmonitore oder Patientenmonitore überwacht. Neben der kontinuierlichen Überwachung mit Alarmweiterschaltung erlauben die technischen Methoden auch eine weitergehende Standardisierung der Messwertermittlung, da subjektive Fehler weitgehend ausgeschlossen werden. Außerdem bieten die Vitaldatenmonitore Schnittstellen, über die die Messwerte ausgelesen und automatisch in einem Patientendatenmanagementsystem dokumentiert werden können.
Bei den Messverfahren unterscheidet man zwischen nichtinvasiven und invasiven Methoden. Zur invasiven Überwachung eines Parameters muss auf irgendeinem Wege die Körperoberfläche durchdrungen werden, zum Beispiel in Form von Kathetern, die in Gefäßen des Körpers eingeführt werden. Dieses Vorgehen beinhaltet immer ein gewisses Risiko, sei es durch Infektion oder Auslösung von Blutungen. Das strategische Ziel der technischen Entwicklung wird immer die nichtinvasive Messwertermittlung sein.
Grundlegende nichtinvasive Überwachungsmethoden befassen sich mit der Überwachung des Herz-Kreislauf- und Atmungssystems. Da es sich bei der Ableitung des EKG, der Überwachung des Blutdruckes, der Körpertemperatur und der Sauerstoffsättigung des Blutes um nichtinvasive Methoden handelt, gibt es kaum Patienten auf einer Intensivstation, bei denen diese Messungen nicht vorgenommen werden.
Bei chirurgischen Eingriffen können die beim Monitoring eingesetzten elektrischen Geräte in Verbindung mit Hochfrequenz-Chirurgie beim Patienten Schäden, insbesondere Verbrennungen, mitverursachen.K. Rommelsheim, P. Westhofen, Horst Stoeckel: Gefahren bei der Anwendung von Hochfrequenz-Chirurgiegeräten in Verbindung mit anästhesiologischem Monitoring. In: Anästhesie Intensivtherapie Notfallmedizin. Band 21, Nr. 1, 1986, S. 20–26.
Zu den invasiven, meist umfassenderen, aber auch komplikationsträchtigeren Verfahren, gehören die arterielle Blutdruckmessung, die Messung des zentralen Venendruckes, die Bestimmung des PiCCO, sowie der Einsatz des Lungenarterienkatheters. Mit letzterer Methode können Parameter gemessen werden, aus denen sich zum Beispiel die Sauerstoffausschöpfung des zirkulierenden Blutes und die Pumpfunktion des Herzens mit Herzzeitvolumen ermitteln lassen. Das Verfahren ist relativ riskant, da es zu einer mechanischen Reizung des Herzens kommt, die Herzrhythmusstörungen auslösen kann. Aktuell werden risikoärmere Methoden eingeführt, die den Pulmonalkatheter bei gewissen Indikationen ersetzen können.
Dank moderner technischer Entwicklung halten zunehmend Laborautomaten Einzug auf Intensivstationen. Damit können häufig benötigte Werte, wie zum Beispiel Blutgase, Säure-Basen-Status, Elektrolyte, Hämoglobin bettseitig und somit schnell ermittelt werden (Point-of-Care-Testing).
Ergänzt werden die Methoden durch bildgebende Verfahren, wie Röntgendiagnostik (beispielsweise zur Beurteilung der Lunge) und Ultraschall, die in der Regel im Bereich der Intensivstation durchgeführt werden. Untersuchungen, wie CT oder Kernspin werden in den Spezialabteilungen (Röntgenabteilung) durchgeführt. Zu diesem Zweck werden die Patienten bei Bedarf mit mobilen Behandlungseinheiten (zum Beispiel Beatmungsgeräten) zu den jeweiligen Großgeräten transportiert. Auch in dieser mobilen Situation außerhalb der Station darf die Überwachungs- und Betreuungsqualität der Patienten nicht abnehmen.
Therapiemethoden mini|Beatmungsgeräte Bei der Intensivbehandlung kommen unter anderem zum Einsatz: Beatmung Infusions-, Transfusionstherapie kontinuierliche medikamentöse Therapie mittels Spritzenpumpen (z. B. Katecholamine) Dialyse, Hämofiltration künstliche Ernährung Defibrillation ECMO (extrakorporale Membranoxygenierung) Die angewandten Methoden unterscheiden sich zum Teil je nach Spektrum der zu therapierenden Patienten. So lassen sich etwa die chirurgische Intensivmedizin, die neurologische Intensivmedizinvgl. etwa D. Michalski und andere: Neurologische Intensivmedizin. Intensivmedizinische Studien aus 2018/2019. In: Der Anaesthesist. Band 69, Nr. 2, 2020, S. 129–136. und die pädiatrische Intensivmedizin (bzw. neonatologische IntensivbetreuungKurt Menzel (Hrsg.): Neonatologische Intensivbetreuung. Thieme, Stuttgart / New York 1983 ISBN 3-13-642001-2; 2., überarbeitete Auflage ebenda, 1985, ISBN 3-13-642002-0 (Lizenzausgabe).) unterscheiden.
Infektionsrisiko