mini|Gustav Flügel (1812–1900) um 1860
Carl Gustav Flügel (* 2. Juli 1812 in Nienburg an der Saale; † 15. August 1900 in Stettin) war ein deutscher Komponist.
Leben und Werk Vorfahren und Kindheit mini|Der Taufeintrag von Gustav Flügel in der Pfarrkirche St. Johannis u. St. Marien Nienburg/Saale
Carl Gustav Flügel wurde am 2. Juli 1812 in Nienburg an der Saale als Sohn des herzoglichen Fähreinnehmers Johann Karl Flügel (1770–1828) und seiner dritten Ehefrau Johanna Friederike Heinze (1786–1855) geboren. Die Eltern hatten sich 1809 vermählt, die Mutter stammte aus einer Familie von Schlossern und Schulmeistern. Außer einem früh (1810) verstorbenen älteren Bruder hatte Gustav Flügel noch drei jüngere Geschwister, Auguste (* 1814), Carl (1823–1833) und Friederike (* 1824).
Gustav wurde von seinem Vater, „zur Musik bestimmt“.Flodoard Geyer: „Berlin. Gustav Flügel.“ in: Berlinische Nachrichten von Staats- und gelehrten Sachen (‚Spener’sche Zeitung‘) Nr. 297 (Berlin, 20. Dezember 1849) wortgleich in: Joh. Bapt. Heindl: Galerie Berühmter Pädagogen Schulmänner etc., Bd. I (1858) S. 136. Die beiden fast wortgleichen Kurzbiographien scheinen unabhängig auf eine Vorlage von Flügel selbst zurückzugehen und sind somit als das früheste Autobiographische Zeugnis des Komponisten anzusehen. Der Vater hatte schon als armer Knabe im Kirchenchor zu Köthen mitgesungen, „und habe, da er ein feines musikalisches Gehör besessen, gelegentlich als Solist fungiren müssen.“Gustav Wandel: „Aus dem Leben eines deutschen Kirchenmusikers“ in: Sonntagsblatt des Reichsboten Nr. 26 (Berlin, 30. Juni 1912) S. 205, nach einer handschriftlichen Anmerkung von Gustav Flügel. In ebendiesem Chor sang später (1807–1809) Flügels älterer Stettiner Kollege Carl Loewe. Flügels Vater erhielt zunächst eine Anstellung als Lakai am Hofe des Fürsten August Christian Friedrich von Anhalt-Köthen (1769–1812), möglicherweise aufgrund seiner musikalischen Fähigkeiten. Wie schon zu Bachs Zeiten erweiterte auch die Dienerschaft das fürstliche Orchester. Es ist fraglich, ob diese Stellung ein Glück zu nennen war: „Der Fürst war kein Freund geistiger Arbeit. Er liebte die Jagd und das Essen. Seine Umgebung verprügelte der Fürst vom Hofbeamten bis zum Lakaien, was zur Folge hatte, dass keiner lange bei ihm aushielt. […] Wer dem Hunde- oder Pferdestalle des Fürsten angehörte, konnte ohne weiteres auf die Zuneigung des Fürsten rechnen, und bekam auch dann Hofämter, wenn er nicht dazu geeignet war. Die mit der Hundepeitsche bearbeitete Dienerschaft plünderte zur Vergeltung Küche und Keller und erzählte dem Fürsten, der Sauigel wäre wieder dagewesen und habe Flaschen und Küchenbretter umgeworfen. Natürlich schlugen die Diener die Küchenbretter zusammen und jagten damit dem schreckhaften Fürsten ins Bett.“ (Oskar Hartung: Geschichte der Stadt Cöthen bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts. Köthen 1900, S. 65 f.) „Flügels Vater war nämlich, eine durch und durch musikalisch veranlagte Natur, was daraus ersichtlich ist, dass er sich, ohne je regelmäßigen Unterricht genossen zu haben, einige Fertigkeit auf verschiedenen Instrumenten angeeignet hatte, und das Klavier rein zu stimmen verstand.“ Flügel selbst schreibt von seinem Vater: „Meines Vaters Liebe zur Musik war unbegreiflich groß, er vermochte ihr große Opfer zu bringen. Ich höre ihn immer noch in der Vesperstunde die Violine spielen. Rührend ist, wie er, nur nach dem Gehör mir Choräle auszusetzen versuchte, mit mir Sonntags in die Kirche ging, auch mit mir die Kirchen der Umgebung besuchte, wo ich meine musikalische Kraft versuchte; mir Gelegenheit gab, Konzerte zu hören und viele Musikalien für mich abschrieb; den Stadtmusikus aus Staßfurt mit seinen Leuten holte, um mit ihnen zu musizieren.“Fritz Lubrich: „Gustav Flügel“ in: Die Orgel Jg. III Nr. 7. (1892) S. 49. Schon Johann Andreas Jakob Flügel (1738–1800), der Großvater von Gustav Flügel, dürfte als Nachtwächter einige musikalische Fertigkeit besessen haben. Auch in Köthen ertönte der sprichwörtliche Wächtergesang. Der Wachdienst der Nachtwache stand in enger Verbindung mit dem Stadtpfeifer, der bis zum Einsturz des Kirchturms wurde zu Beginn des 17. Jhs. auch die Nachtturmwache besorgte. Danach wurde ein besonderer Nachtturmwächter bestellt, anstelle des Pfeifers. Dieser musste tagsüber mit Horn, Zincken, Posaunen und „Trommeten“ vom Turm blasen, auch „alle Sonntage die Kirchen Music nach vorher gepflogenen exercitio vorsichtiglich verrichten.“ (sh. Oskar Hartung: Geschichte der Stadt Cöthen bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts. (Köthen, 1900) 156–161). Die Nacht hat jedenfalls im Schaffen von Gustav Flügel eine besondere Bedeutung erfahren (Nachtfalter Op. 14 u. 16, Durch Nacht zum Licht Op. 113 etc.)
Der Vater wird von Flügel zeitlebens verehrt. Noch im hohen Alter gedenkt er seines Todestages. Die Mutter hingegen wird von Flügel nur nebenbei erwähnt. Dabei dürfte auch sie nicht wenig zur Musikalität ihres Sohnes beigetragen haben. In diesem Zusammenhang ist eine Stelle aus einem späteren Aufsatz Flügels von Interesse: „Zu welchem Mittel greift eine zärtlich liebende Mutter, wenn kein anderes mehr anschlagen will, um ihr weinendes Kind zu beruhigen? sie singt ihrem Liebling ein Liedchen vor, wenn ihre Stimme noch so eingerostet wäre; und das Kind wird ruhig unter dem Vorsingen der Mutter; es ist, als würde des Kindes Seele von diesen Tönen der Mutterstimme sofort berührt und beschwichtigt.“G. Flügel: „Was sollte in Bezug auf Gesang vor dem Besuche der Elementarschule und des Seminars (mit besonderer Rücksicht auf Seminar-Aspiranten) geschehen?“ Schulblatt für die Provinz Brandenburg 21. Jg. Nr. 9/10 (1856) S. 543–558, hier: S. 545.
Ersten Orgelunterricht erhielt Gustav Flügel bei dem Kantor Thiele, dem Vater des Orgelvirtuosen Louis Thiele, den er bald in den Sommerferien auf der Orgelbank vertreten durfte. Von an 1822 besuchte er das Gymnasium in Bernburg und setzte seinen Orgelunterricht an den dortigen Kirchen fort. Der Achtzigjährige sprach von dieser Zeit als seiner „ersten musikalischen Liebe“.
Studium unter Fr. Schneider in Dessau (1827–1830) Von 1827 bis 1830 studierte er Musik bei Friedrich Schneider in Dessau, der den jungen Musiker großzügig förderte. Im Sommer 1828 führte Flügel mit Freunden im Nienburger „Schwan“ sein erstes Werk auf: „Der Gang nach dem Eisenhammer“ (nach Schiller) für Solostimmen, Chor und Klavier. Schon im Januar 1829 starb der Vater in Nienburg. Dessau bot durch Konzerte von Musikgrößen der Zeit Vorbild und Anregung für den aufstrebenden Musiker, so beeindruckten ihn u. a. Henriette Sontag, Adolph Hesse und Niccolò Paganini. „Ein wunderbareres Cres- und Decrescendo habe ich nicht wieder erlebt.“ schrieb Flügel 1882 in seiner Autobiographie. Zusammen mit Schubring studierte Flügel ungedruckte Orgelkompositionen von Bach, den er zeitlebens verehrte.
Nienburg, Bernburg, Köthen (1830–1836) Zwischen 1830 und 1836 arbeitete er als Musiklehrer in Nienburg, Bernburg und Köthen. In Köthen vertrat er auch den erkrankten Organisten an der von Bandhauer neu erbauten katholischen Kirche, hätte auch dessen Stelle übernehmen können, wenn er es denn „über sich vermocht hätte, katholisch zu werden“.
Am 26. Juni 1835 besuchte der junge Gustav Flügel Robert Schumann (erste Erwähnung in der Neuen Zeitschrift für Musik), mit dem er von nun an über Jahre brieflich und persönlich Kontakt hielt. (Die Nachtfalter Op. 16 sind Clara Schumann gewidmet). mini|Flügels Opus 1, Acht Lieder für eine Singstimme, erschienen Magdeburg, 1836
Magdeburg (1836) Auf Schumanns Rat hin zog Flügel im April 1836 nach Magdeburg, wo damals auch Richard Wagner am Stadttheater wirkte. Hier lernte Flügel auch seine spätere Frau, die Klavierlehrerin Minna Oppermann (1813–1847) kennen. Es entstanden Lieder, Klaviersonaten und mehrere (heute verlorene) Streichquartette, die im privaten Kreis aufgeführt wurden. Zwei Briefe Flügels an Schumann wurden in der Neuen Zeitschrift für Musik anonym abgedruckt und sind damit das früheste überlieferte Zeugnis des Musikschriftstellers Flügel:Die Identität ergibt sich aus den Briefbuchvermerken Schumanns Nr. 380 u. 417 (Lfd. Nr. der Berliner Correspondenz 1836–1846)
„* * * A.e.Br. Magdeburg. 23. Juni. Gern schrieb ich Ihnen viel über das hiesige Musiktreiben, doch Musik wird hier gar still und nur von Wenigen ernstlich betrieben. Alles schulmeistert und thut sich gar zu prosaisch. Der Singverein probt zum Braunschweiger Musikfeste. Der junge Musikverein war seiner Auflösung nahe, doch besteht er noch fort, wird aber besonders jetzt wenig besucht. Die HH. Gebrüder Ganz aus Berlin werden hier schon seit mehren Wochen erwartet. — Ein großer Verlust für Magdeburgs Musikleben ist der Abgang Schapplers, Violoncellist, eines sehr talentvollen jungen Mannes, der Ende Juli oder August nach Leipzig gehen will. — Am 9. Juni wurde in Burg die Schöpfung bei 27 ° Saalhitze und bei vollem Hause aufgeführt. Hr. Lehrer Kühne leitete Studien und Aufführung, Schappler und Maizier (Violinist) aus Magdeburg wirkten mit. Die Ausführung verdient mit so geringen Mitteln und bei so vielem Eifer alle Aufmunterung.“NZfM 5.2 (5. Juli 1836) 8.
„* * * A. e. Br. Magdeburg. Anf. August. — Sie werden gewiß von den Magdeburger bedeutenden Feuersbrünsten gelesen haben? Diese setzen denn auch die musikalischen Feuermänner wieder in Bewegung. Der Singverein gab ein Concert für die Abgebrannten. Der Musikverein wird bald folgen. Unter andern wird Spontinis Ouverture zur Olympia 60fingerig für drei Flügelinstrumente ausgeführt werden; auch die große Scene des 2ten Actes mit Chor; ferner das C-Moll-Quartett von Mozart (im April 1787 geschrieben); Finale aus Oberon etc. — Außer den verschiedenen musikalischen Vereinen besteht hier noch ein Quartett für Streichinstrumente, worin im wöchentlichen Privatversammlungen namentlich die Werke Beethovens dieser Gattung executirt werden. In diesem Quartette spielen Maizier und Fischer abwechselnd erste, Mühling jun. und Schefter zweite Violine; Wendt Viola und Schappler Cello. Jedes Mitglied trägt das Seine redlich zum Gelingen des Ganzen bei und alle beseelt der beste Wille. Auch wird jeder Kunstfreund willkommen geheißen. […] — Zur Vorfeier des 3. August wurde von Hrn. M.D. Wachsmann ein Concert im Domsaale veranstaltet. Ein Beethovensches Clavierconcert wurde von einem Gymnasiasten, Hrn. Weick, Schüler Ehrlichs, mit vieler Fertigkeit gespielt. — Hr. M.D. Wachsmann ist ein eifriger Beförderer classischer Musik, er wirkt ungesehen, im Stillen. Ständen ihm nur mehr Mittel zu Gebote.“NZfM 5.20 (6. September 1836) 81.
Schönebeck a.E. (1838–1840) Im Frühjahr 1838 wurde Flügel vom Vorstand des Gesangvereins zu Schönebeck (Elbe) aufgefordert, sich dort niederzulassen und die Direktion zu übernehmen. Er nahm das Amt Ende März 1838 an und errang so seine erste feste Stellung, wiewohl er nebenher weiter als Musiklehrer tätig blieb und wohl auch bleiben musste.