Das Violinkonzert D-Dur op. 35 ist das einzige Violinkonzert des russischen Komponisten Pjotr Iljitsch Tschaikowski. Es zählt zu den bekanntesten und meistgespielten Violinkonzerten.

Entstehung Tschaikowski schrieb das Konzert im März und April des Jahres 1878 in Clarens, einem am Genfersee gelegenen Winzerort. Dort erholte er sich von einer Depression und einem schweren Nervenzusammenbruch, der durch seine unglückliche Ehe mit der Konservatoriumsstudentin Antonina Miljukova und aufgrund der Unterdrückung seiner Homosexualität ausgelöst worden war. Die positive Wirkung seines Aufenthaltes schlug sich im Konzert nieder, in dem sich neu gewonnene Lebensfreude manifestierte.Edward Garden: Tschaikowski. Insel-Verlag, Frankfurt 1998, S. 148

Unterstützt wurde Tschaikowski, der selbst kein praktizierender Violinspieler war, vom Geiger Josef Kotek, Tschaikowskis einstigem Kompositionsschüler. Die Kompositionsarbeiten waren nach drei Wochen abgeschlossen, obwohl Tschaikowski den ursprünglich geplanten Mittelsatz durch das als „Canzonetta“ bekannte Andante ersetzte. Aus dem ursprünglich geplanten Mittelsatz wurde später die Méditation für Klavier und Violine op. 42.

Uraufführung Anfangs hatte Tschaikowski als Solisten Leopold Auer vorgesehen. Dieser hielt allerdings einige Passagen des Soloparts für spieltechnisch nicht ideal und lehnte folglich ab, da die Stimmen schon gedruckt waren. Später nahm Tschaikowski einige Änderungen vor und kürzte Orchesterpassagen vor allem im dritten Satz. In dieser Form gab er das Konzert an zahlreiche seiner Schüler weiter. Möglicherweise fand die Uraufführung des Werkes in der Fassung für Violine und Klavier durch Leopold Damrosch 1879 in New York statt. Als Uraufführung der Orchesterfassung wurde lange Zeit die Aufführung durch Adolph Brodsky in Wien am 4. Dezember 1881 angesehen.Constantin Floros: Peter Tschaikowsky. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Hamburg 2006, ISBN 978-3-499-50668-0, S. 131 Brodsky konnte Hans Richter und seine Wiener Philharmoniker von den Qualitäten des Werks überzeugen. Brodsky spielte auch ein umjubeltes Konzert am 8. Mai 1882 in London und die russische Erstaufführung am 20. August 1882 in Moskau und ebnete dem Konzert den Weg zu weltweitem Ruhm. Neuere Belege weisen allerdings darauf hin, dass Tschaikowskis Violinkonzert bereits am Samstag, den 13. März 1880, durch den Violinisten Georg Hänflein mit dem Orchester der Hofoper Hannover unter Leitung von Ernst Frank aufgeführt wurde, eine Uraufführung, von der Tschaikowsky vermutlich nie erfahren hat.

Werkbeschreibung Besetzung Die Besetzung besteht aus 2 Flöten, 2 Oboen, 2 Klarinetten, 2 Fagotte, 4 Hörnern, 2 Trompeten, Pauken, Streichinstrumenten sowie Solovioline. Aufbau Das Violinkonzert umfasst drei Sätze: Allegro moderato Canzonetta. Andante Finale. Allegro vivacissimo

Erster Satz Der erste Satz überrascht dadurch, dass die Kadenz bereits der Durchführung folgt und nicht, wie vorher üblich, der Reprise. Eine weitere Besonderheit ist, dass die einleitende Orchestermelodie – wie in Tschaikowskis b-Moll-Klavierkonzert – im ganzen Werk nicht wiederkehrt.

Zweiter Satz Über den zweiten Satz, der vom melancholischen Spiel der Violine geprägt ist, schrieb seine Mäzenin und Brieffreundin Nadeschda von Meck an ihn: »Die Canzonetta ist geradezu herrlich. Wie viel Poesie, welche Sehnsucht und tiefe Traurigkeit in diesen sons voilés, den geheimnisvollen Tönen!«Brief vom 17. Mai 1878, engl. Übersetzung in:

Dritter Satz Der ohne Pause (attacca subito) an den zweiten Satz anschließende dritte Satz beendet abrupt die Schwermut des Vorgängersatzes und führt zu den zwei beschwingten Hauptthemen des Finalsatzes. –

Wirkung Den einflussreichen Musikkritiker Eduard Hanslick erinnerte das Konzert an »die brutale, traurige Lustigkeit eines russischen Kirchweihfestes« sowie an »lauter wüste, gemeine Gesichter« und »rohe Flüche«; er meinte über das Werk, es bringe uns »auf die schauerliche Idee, ob es nicht auch Musikstücke geben könne, die man stinken hört«. Auch andere Musikkritiker reagierten ablehnend auf das Werk. Ähnlich negativ hatten Kritiker sich über Tschaikowskis vier Jahre zuvor komponiertes 1. Klavierkonzert geäußert, ihre Meinung später aber weitestgehend revidiert. Tschaikowski reagierte daher gelassen auf die Kritik und war überzeugt, dass das Konzert sich durchsetzen werde. Es gehört bis heute zu den bekanntesten, meistaufgeführten und meistgespielten Violinkonzerten weltweit.

Diskographie (Auswahl) Das Violinkonzert von Tschaikowsky ist von zahlreichen Solisten, Orchestern und Dirigenten aufgenommen worden. Eine von Bernd Stremmel veröffentlichte Diskographie umfasst alleine 90 Aufnahmen. Die folgende Liste von Einspielungen stellt daher nur eine kleine Auswahl dar. 1952: Erica Morini, RIAS-Symphonie-Orchester, Ferenc Fricsay, Westminster Records (Remastered 2010, Audite) 1957: Jascha Heifetz, Chicago Symphony Orchestra, Fritz Reiner, RCA 1966: Christian Ferras, Berliner Philharmoniker, Herbert von Karajan, Deutsche Grammophon 1968: David Oistrach, Das Sinfonieorchester der Moskauer staatlichen Philharmonie, Gennadij Roshdestwendsky, Melodia-Eurodisc 1975: Ruggiero Ricci, Niederländisches Rundfunkorchester, Jean Fournet, Decca 1980: Gidon Kremer, Berliner Philharmoniker, Lorin Maazel, Deutsche Grammophon 2003: Anne-Sophie Mutter, Wiener Philharmoniker, André Previn, Deutsche Grammophon 2010: Hilary Hahn, Royal Liverpool Philharmonic Orchestra, Vasily Petrenko, Deutsche Grammophon

Film Das Konzert (Le concert). Drama, Frankreich/Belgien/Italien, 2009 Mozart in the Jungle (Serie). S01E01 Pilot, USA / New York, 2014

Literatur Richard Clarke (Hrsg.): Tchaikovsky Violin Concerto D–Dur Op. 35. Edition Eulenburg No. 708, London 2010

Weblinks

Tchaikovsky Research

Einzelnachweise

Tschaikowski Kategorie:Werk von Pjotr Iljitsch Tschaikowski Kategorie:Musik 1881