mini|Ernst Putz. Fotograf Kurt BeckErnst Putz Kurt Beck Ernst Raimund Hermann Putz (* 20. Januar 1896 auf dem Sinntalhof bei Brückenau in Unterfranken; † 12. September 1933. Auf: mainpost.de – In den Quellen werden verschiedene Daten seines Todes genannt, Juli 1933, 12. oder 15. September 1933. Amtlich gilt gemäß Sterbeurkunde des Standesamtes Berlin-Tiergarten der 12. September 1933, durch zeitgenössische Tagebucheinträge bestätigt von seiner Schwester Charlotte Putz. im Untersuchungsgefängnis Berlin-Moabit)Bundesarchiv, DY 55/V 278/6/1438 (enthält Lebenslauf und Artikel) war Mitbegründer eines reformpädagogischen Landerziehungsheims, Vorsitzender eines landwirtschaftlichen Interessenverbandes, ein zunächst parteiloser, ab Mitte 1926 kommunistischer Politiker, Redakteur eines parteipolitischen Periodikums und der seinerzeit jüngste Reichstagsabgeordnete. In Anspielung auf einen mittelalterlichen Heerführer des Deutschen Bauernkrieges wurde er als „Florian Geyer der Rhön“ bezeichnet.Ralf Ruppert: Suche nach Spuren von Ernst Putz in Bad Brückenau, 13. September 2013. Auf: infranken.de

Familie mini|Ernst Putz (re.) mit seiner Familie vor dem Alten Sinntalhof, ca. 1901 Ernst Putz war das zweite von insgesamt fünf Kindern des Bildhauers, Offiziers,Offizierspersonalakten Sebastian Putz (* 11. Januar 1867). In: Bayerisches Hauptstaatsarchiv, Signatur: BayHStA, Offizierspersonalakten 27490. Bestand: 4.2.4 Offizierspersonalakten. Fremdenheimbetreibers und Nebenerwerbslandwirts Sebastian Putz (1867–1937) und dessen Ehefrau Amelie Putz (1868–1918), geborene Moritz.Ralf Ruppert: , 10. Oktober 2013. Auf: mainpost.de Beide waren streng-katholisch.Peter Dudek: „Dass ich aus innerster Überzeugung meinen Weg ging.“ – Die Erinnerungen an die Freie Schulgemeinde Wickersdorf im Zuchthaustagebuch des KPD-Reichstagsabgeordneten Ernst Putz (1896–1933). In: Beiträge zur Geschichte der Arbeiterbewegung (BzG), 3 (2011), S. 91–120, Zitatstelle: S. 93. Das Ehepaar, das am 12. Oktober 1893 geheiratet hatte, betrieb später ein florierendes Fremdenheim (Pension),Brief von Ernst Putz, Fremdenheim Sinntalhof, Brückenau, an Friedrich Pustet, Verlag Friedrich Pustet, 30. Juli 1926. In: Bischöfliche Zentralbibliothek Regensburg, Proskesche Musikabteilung. Auf: kalliope-verbund.info das von dem benachbarten Staatsbad profitierte. Den 1821 begründeten Sinntalhof und die Ländereien hatte Amelie Putz mit eingebracht, die aus einer alteingesessenen Familie stammte. Als der Hof im Jahr 1910 durch einen Zyklon schwer in Mitleidenschaft gezogen worden war, baute das Ehepaar ab 1911 den Neuen Sinntalhof auf, in dem dann ab 1912 das Fremdenheim eröffnet wurde, das sich zur wesentlichen Einnahmequelle der Familie entwickelte.Peter Dudek: Vorweggelebtes Leben – Die Erinnerungen des Reichstagsabgeordneten Ernst Putz an seine Wickersdorfer Schulzeit. In: Gudrun Fiedler, Susanne Rappe-Weber, Detlef Siegfried: Sammeln – erschließen – vernetzen: Jugendkultur und soziale Bewegungen im Archiv. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2014. ISBN 978-3-8470-0340-3, S. 161–182, Zitatstelle: S. 176–177.Leonhard Rugel: Der Sinnthalhof und die Familien Moritz und Putz. In: Jahresbericht des Franz-Miltenberger-Gymnasiums Bad Brückenau. Bad Brückenau 1982, S. 101–106.

Ernst Putz, der in seiner frühen Kindheit lebensgefährlich erkrankt gewesen sein soll, hatte vier Geschwister, die ältere Sophie (1894–1923), den jüngeren Bruder Josef (1897–1914) und die beiden jüngeren Schwestern Elisabeth (* 1900) und Charlotte (1903–1960).Ulrike Müller: . In: Mainpost, 3. September 2015. Auf: mainpost.de Alle Kinder sollen trotz Missbilligung durch ihre Eltern während ihrer Jugend aus der katholischen Kirche ausgetreten sein. Charlotte ließ sich einen Monat nach den Novemberpogromen 1938 allerdings wieder in die katholische Kirche aufnehmen.Peter Dudek: „Dass ich aus innerster Überzeugung meinen Weg ging.“ – Die Erinnerungen an die Freie Schulgemeinde Wickersdorf im Zuchthaustagebuch des KPD-Reichstagsabgeordneten Ernst Putz (1896–1933). In: Beiträge zur Geschichte der Arbeiterbewegung (BzG), 3 (2011), S. 91–120, Zitatstelle: S. 97.

Schulzeit als prägender Faktor mini|Königliche Kreis-Oberrealschule in Würzburg, 1910 Zwischen 1902 und 1905 besuchte Putz die Volksschule in Brückenau, danach bis 1909 das ehemals jesuitische Humanistische Gymnasium in der Pfaffengasse in Aschaffenburg und anschließend bis 1912 die Königliche Kreis-Oberrealschule in Würzburg,Peter Dudek: Vorweggelebtes Leben – Die Erinnerungen des Reichstagsabgeordneten Ernst Putz an seine Wickersdorfer Schulzeit. In: Gudrun Fiedler, Susanne Rappe-Weber, Detlef Siegfried: Sammeln – erschließen – vernetzen: Jugendkultur und soziale Bewegungen im Archiv. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2014. ISBN 978-3-8470-0340-3, S. 161–182. Zitatstelle: S. 165–166. wo er sich eng mit Max „Maxl“ Krug (1897–1918) anfreundete. Dort allerdings sei er als 15-Jähriger von seinem Religionslehrer, den Putz sehr verehrt habe, sexuell missbraucht worden, worüber er zeitlebens nicht hinweggekommen sein soll, wie seine Schwester Charlotte 1958 berichtete.Schreiben von Charlotte Putz (1903–1960) an Romano Guardini (1885–1968) vom 2. Oktober 1958. In: Nachlass Charlotte Putz. Privatbesitz Barbara Meyer-Jürgens, Bad Brückenau. Zitiert nach Peter Dudek: „Dass ich aus innerster Überzeugung meinen Weg ging.“ – Die Erinnerungen an die Freie Schulgemeinde Wickersdorf im Zuchthaustagebuch des KPD-Reichstagsabgeordneten Ernst Putz (1896–1933). In: Beiträge zur Geschichte der Arbeiterbewegung (BzG), 3 (2011), S. 91–120, Zitatstelle: S. 93–94.

Möglicherweise war dies ein Grund für seinen frühzeitigen Kirchenaustritt und seinen Wechsel zu einem Landerziehungsheim, denn seine Reifeprüfung hätte er auch in Würzburg ablegen können. Seine dortige Schule war zwischen 1907 und 1910 sukzessive von einer Realschule um drei weitere Klassenstufen zu einer Oberrealschule erweitert und wie ein Gymnasium ausgebaut worden.Foto: : Erweiterung der Königlichen Kreis-Realschule zur Königlichen Kreis-Oberrealschule Würzburg. Auf: roentgen-gym.de

Durch die Kinder einer deutsch-japanischen Familie, die während der Sommerferien 1911 im Fremdenheim Sinntalhof einquartiert war, erfuhr Ernst Putz von einem Internat, das ihn auf Anhieb interessierte. Herta Fumi Ohly (* 1898) und ihr jüngerer Bruder Waldemar „Waldi“ Hazama Ohly (* 1900) hatten vieles von dort zu berichten: „von der inneren Freiheit, von Musik, Morgensprachen und Menschen. Eine große Sehnsucht kam über mich. Die Jahresberichte der Schule – sie stehen alle im meinem Bücherschrank rechts vom Schreibtisch – las ich fiebernd. Heimlich bereitete ich eine Wanderung zum Stiftungsfest 1913 vor.“Peter Dudek: Vorweggelebtes Leben – Die Erinnerungen des Reichstagsabgeordneten Ernst Putz an seine Wickersdorfer Schulzeit. In: Gudrun Fiedler, Susanne Rappe-Weber, Detlef Siegfried: Sammeln – erschließen – vernetzen: Jugendkultur und soziale Bewegungen im Archiv. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2014. ISBN 978-3-8470-0340-3, S. 161–182, Zitatstelle: S. 177.

Seine Eltern machten starke Einwände gegen die von Rudolf Aeschlimann, Paul Geheeb, August Halm, Martin Luserke und Gustav Wyneken gegründete und zu dieser Zeit von Luserke geleitete reformpädagogische Freie Schulgemeinde Wickersdorf bei Saalfeld im Thüringer Wald geltend, ein konfessionsloses und somit womöglich gottloses, aus ihrer Perspektive sehr teures Schullandheim. Luserke gab zu bedenken, dass Ernst noch einmal die Hälfte der Obersekunda (OII; Jahrgangsstufe 11) wiederholen müsse und dadurch ein halbes Jahr verlieren werde. Grund dafür sei die organisatorische und didaktische Verschiedenheit des privaten Landschulheims zur zuvor besuchten Oberrealschule.Peter Dudek: „Dass ich aus innerster Überzeugung meinen Weg ging.“ – Die Erinnerungen an die Freie Schulgemeinde Wickersdorf im Zuchthaustagebuch des KPD-Reichstagsabgeordneten Ernst Putz (1896–1933). In: Beiträge zur Geschichte der Arbeiterbewegung (BzG), 3 (2011), S. 91–120, Zitatstelle: S. 113. Die von Luserke per Telegramm übermittelte Zusage einer Freistelle, die jugendliche Begeisterung ihres ältesten Sohnes und ein klärendes Eltern-Sohn-Gespräch führten dann doch zu einem Placet.

mini|Freie Schulgemeinde Wickersdorf bei Saalfeld im Thüringer Wald, 1907 Vom 20. September 1913 bis zum 22. Januar 1915 besuchte er die FSG Wickersdorf.Aufzeichnungen (Gefängnis-Tagebuch, Erinnerungen und Abschiedsbrief) von Ernst Putz in der Untersuchungshaft in Berlin-Moabit, Sommer 1933. Maschinenschriftliche Transkription seiner Schwester Charlotte Putz (1903–1960) ohne Seitenangaben. In: Bundesarchiv, BArch NY 4156, StA 3. Dort freundete er sich u. a. mit Roland „Ro“ Friend, Otto Gründler (1894–1961),Konrad Ackermann: Hochland – Monatsschrift für alle Gebiete des Wissens, der Literatur und Kunst. In: Historisches Lexikon Bayerns. Auf: historisches-lexikon-bayerns.de und Wilhelm „Will“ Jerosch (1898–1917) an.Peter Dudek: „Sie sind und bleiben eben der alte abstrakte Ideologe!“ Der Reformpädagoge Gustav Wyneken (1875-1864) - Eine Biographie. Verlag Julius Klinkhardt, Bad Heilbrunn 2017. ISBN 978-3-7815-2176-6, S. 139. Putz zählte zu der von Luserke geführten Kameradschaft der „Bären“, die 1906 von Ernst Herdieckerhoff und Luserke gegründet worden war.Logbuch der Schule am Meer Juist, Eintrag vom 21. Juni 1933. Am 11. und 12. Oktober 1913 nahm er sehr wahrscheinlich mit rund einhundert weiteren Schulkameraden am Ersten Freideutschen Jugendtag auf dem Hohen Meißner teil, während dort Luserke und Wyneken referierten.Peter Dudek: „Vorweggelebtes Leben“ – Die Erinnerungen des Reichstagsabgeordneten Ernst Putz an seine Wickersdorfer Schulzeit. In: Gudrun Fiedler, Susanne Rappe-Weber, Detlef Siegfried: Sammeln – erschließen – vernetzen. Jugendkultur und soziale Bewegungen im Archiv. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2014. ISBN 978-3-8470-0340-3, S. 161–182, Zitatstelle: S. 164.Martin Kießig: Martin Luserke. Gestalt und Werk. Versuch einer Wesensdeutung. Phil. Diss. Universität Leipzig, J. Särchen Verlag. Berlin 1936; zitiert nach: Die Lebensfahrt des Martin Luserke. Vortrag von Kurt Sydow zum 100. Geburtstag Martin Luserkes am 3. Mai 1980. Auf: luserke.net

Ernst Putz nahm seine Eindrücke im Thüringer Wald sehr intensiv wahr und vermochte sie bildhaft und beinahe poetisch in Worte zu fassen: