mini|Martin Eden, Erstausgabe 1909 Martin Eden ist ein Roman von Jack London. Das autobiographische Werk, das als Schlüsselroman bezeichnet wird, erschien in den USA im Jahr 1908 als Vorabdruck und ein Jahr später als Buchausgabe.Lutz-W. Wolff: Fremd im eigenen Leben. Nachwort in: Jack London: Martin Eden. dtv, München 2016, 2. Auflage 2021, S. 2 u. 493f.

Werkgeschichte mini|Jack London mit seiner zweiten Ehefrau Charmian im Jahr 1911 Am 23. April 1907 startete Jack London – gemeinsam mit seiner Ehefrau Charmian London – in San Francisco mit seiner Yacht Snark zu einer Weltreise, die ursprünglich sieben Jahre dauern sollte. Er hatte die Absicht, an Bord sein tägliches Pensum von eintausend Wörtern zu schreiben. Im Juli 1907 begann London mit einem Roman unter dem Arbeitstitel Success, über den er seiner Agentin Ninetta Eames berichtete.Lutz-W. Wolff: Fremd im eigenen Leben. Nachwort in: Jack London: Martin Eden. dtv, München 2016, 2. Auflage 2021, S. 489–491.

London schrieb am 17. Februar 1908 seinem Freund Cloudesley Johns, er habe einen 145.000 Wörter langen Roman beendet, der einen Angriff auf die Bourgeoisie darstelle. Für das Manuskript vermittelte Eames die Vorabdruckrechte an die Zeitschrift The Pacific Monthly. Hierfür erhielt London ein Honorar von 7000 Dollar.Irving Stone: Zur See und im Sattel. Eine Jack London-Biographie. Frankfurt am Main, Büchergilde Gutenberg 1949, S. 230. Dieser Betrag entspricht – auf das Jahr 2022 bezogen – etwa 210.000 Dollar.CPI Inflation Calculator. Abgerufen am 6. Januar 2022. Der Vorabdruck unter dem neuen Titel Martin Eden dauerte von September 1908 bis September 1909. Noch während dieser Zeit erschien die Buchausgabe beim New Yorker Verlag Macmillan, der zu Lebzeiten von Jack London eine Auflage von 250.000 Exemplaren verkaufen konnte.Lutz-W. Wolff: Fremd im eigenen Leben. Nachwort in: Jack London: Martin Eden. dtv, München 2016, 2. Auflage 2021, S. 493.

Handlung

Kapitel 1 bis 13 Die Handlung des Romans – er umfasst 46 Kapitel auf 486 Seiten – spielt in der San Francisco Bay Area und im Zentrum stehen diese beiden Protagonisten:Jack London: Martin Eden. dtv, München 2016, 2. Auflage 2021, S. 18 u. 32.

Martin Eden, Matrose, 20 Jahre alt, aus der Arbeiterschicht stammend, Ruth Morse, Studentin der Englischen Literatur, 23 Jahre alt, in Wohlstand lebend.

Mit einem Abendessen in der Wohnung der Familie Morse beginnt der Roman. Arthur, der Bruder von Ruth, hatte Martin eingeladen. Es geschah aus seiner Dankbarkeit für dessen spontane Hilfeleistung bei einem Angriff von betrunkenen Hooligans auf einer Fähre. Vor dem Abendessen sieht Martin zum ersten Mal Ruth, von deren sublimer Schönheit er sofort begeistert ist: Er verliebt sich in Ruth. In ihrem ersten Gespräch sprechen sie auch über die Dichter Swinburne und Longfellow.Jack London: Martin Eden. dtv, München 2016, 2. Auflage 2021, S. 25 f. u. 8–16. Beim Abschied leiht Ruth ihrem Gast Martin je einen Gedichtband von Swinburne sowie von Browning.Jack London: Martin Eden. dtv, München 2016, 2. Auflage 2021, S. 31.

Martin Eden will nun seine Bildung durch intensive autodidaktische Studien verbessern. Zu diesem Zweck wird er ein regelmäßiger Nutzer der Oakland Free Library sowie der Berkeley Free Library. In einem Dienstmädchenzimmer, das er im Haus seines Schwagers Bernard Higginbotham bewohnt, verbringt er Tage und Nächte mit dem Lesen der entliehenen Bücher. Nachdem er auch die Götter- und Heldensagen von Thomas Bulfinch gelesen hatte und eine Woche vergangen war, organisiert Martin ein Wiedersehen mit Ruth in ihrem Haus.Jack London: Martin Eden. dtv, München 2016, 2. Auflage 2021, S. 56, 69 f. u. 74.

Beim zweiten Treffen beschreibt Martin den dringenden Wunsch, seine allgemeine Bildung wesentlich zu verbessern. Hierzu bittet er Ruth um Rat, und sie antwortet: Was Sie brauchen, das ist Ihnen ja selbst klar, ist Bildung. Sie müssen zurück in die Grammar School, und wenn Sie damit fertig sind, zur Highschool und zur Universität.Jack London: Martin Eden. dtv, München 2016, 2. Auflage 2021, S. 76. Über Martins Einwand fehlender Finanzmittel entwickelt sich eine Diskussion über seine sprachliche Ausdrucksweise, insbesondere über seine mangelhafte Grammatik.Jack London: Martin Eden. dtv, München 2016, 2. Auflage 2021, S. 76–80.

Die dann folgenden Besuche, es sind etwa ein halbes Dutzend, sind geprägt von Ruths Lernhilfe. Aber sie trägt auch das Gedicht Princess des englischen Lyrikers Alfred Lord Tennyson vor, und sie spielt die Ouvertüre zu Wagners Tannhäuser. Weil ihr Erfahrungen fehlen, kann sie die Situation nicht durchschauen: Ruth hat keine Ahnung davon, dass der verliebte Matrose allmählich auch ihre Liebe entstehen lässt. Oder mit anderen Worten: Da sie bisher ohne jede Liebesgeschichte gewesen war, fehlte es ihr an der Möglichkeit, eigene Gefühle einzuordnen.Jack London: Martin Eden. dtv, München 2016, 2. Auflage 2021, S. 80–83 u. 110.

Weil Martin das Geld ausgegangen war, hatte er als Matrose vor dem Mast auf einem Schatzsucherschiff angeheuert. Von dieser Reise kehrt er nach acht Monaten mit der festen Entscheidung zurück, zukünftig als Schriftsteller sein Einkommen verdienen zu wollen. Er würde schreiben – alles: Gedichte und Prosa, Erzählungen, Aufsätze und Theaterstücke wie Shakespeare. Das war … ein Weg, um Ruth zu gewinnen.Jack London: Martin Eden. dtv, München 2016, 2. Auflage 2021, S. 93.

Mit hoher Disziplin setzt Martin die Entscheidung in die Tat um. Das Manuskript einer Erzählung schickt er an den Herausgeber des San Francisco Examiner. Danach schreibt er eine Abenteuergeschichte für Jungen, die er an die Kinderzeitschrift The Youth’s Companion adressiert. Anschließend beginnt er, einen Artikel über Perlentaucher zu schreiben. In derselben Zeit entscheidet das Ehepaar Morse nach einem gemeinsamen Abendessen über Martins Rolle. Ihm wird die Aufgabe zugestanden, Ruths Interesse für die Männerwelt im Allgemeinen zu wecken.Jack London: Martin Eden. dtv, München 2016, 2. Auflage 2021, S. 95–98, 111 u. 103.

Auf dem Weg zur Bibliothek hört Martin en passant aus einer Diskussionsrunde im City Hall Park einige Zitate des englischen Philosophen Herbert Spencer, die ihn veranlassen, dessen Werk First Principles auszuleihen und zu lesen. Das intensive, enthusiastische Studieren des Werkes lässt Martin sogar einen Termin mit Ruth vergessen. Doch beim nächsten Treffen – im Beisein ihrer Brüder Arthur und Norman sowie des Kommilitonen Will Olney – beobachtet Martin eine erstaunliche Gleichgültigkeit gegenüber Spencer. Olney wiederholt sogar jenen Spruch, den Martin schon aus der Diskussionsrunde kennt: Es gibt keinen Gott außer dem Unerkennbaren, und Herbert Spencer ist sein Prophet.Jack London: Martin Eden. dtv, München 2016, 2. Auflage 2021, S. 127–132 u. 133 (Zitat).

Kapitel 14 bis 22

Vierzig Manuskripte hat Martin auf den Weg in die Redaktionen gebracht, doch bisher kann er keinen Erfolg, keine Annahme eines Manuskriptes nachweisen. Erst jetzt entschließt er sich, Ruth ausgewählte Texte zu präsentieren. Bei einem Ausflug im Sommer liest er Ruth drei Geschichten vor. Ihre Kritik ist ablehnend, sie nennt sein Schreiben amateurhaft und ungeschult. Trotzdem möchte sie alle Texte lesen, die er geschrieben hat oder noch schreiben wird.Jack London: Martin Eden. dtv, München 2016, 2. Auflage 2021, S. 140, 148 151–155.

In Martins Zimmer stapeln sich die zurückgesandten Manuskripte, und dem Autor fehlt es mittlerweile an Geld, um Briefmarken für weitere Versandaktionen kaufen zu können. Also geht er zur Arbeitsvermittlung, wo er die Stelle in der Wäscherei des Hotels Shelly Hot Spring annimmt. Das Hotel befindet sich 70 Meilen von San Francisco entfernt. In der Wäscherei arbeitet Martin – gemeinsam mit Joe Dawson – täglich bis in den Abend hinein. Seine mehrmals wiederholten Versuche, nach der Arbeit ein Buch des Philosophen John Fiske zu lesen, misslingen.Jack London: Martin Eden. dtv, München 2016, 2. Auflage 2021, S. 156 u. 167–173. Bei einem Saufgelage in der Dorfkneipe wird ihm seine völlig aussichtslose Lage bewusst, Martin beendet nach drei Monaten den Job in der Wäscherei und zieht wieder in sein Oaklander Zimmer ein.Jack London: Martin Eden. dtv, München 2016, 2. Auflage 2021, S. 156 u. 188–190.

Zur selben Zeit kehrt die Familie Morse von ihrem Sommerurlaub am Lake Tahoe zurück. Ruth – sie hatte inzwischen ihr Examen bestanden und damit ihr Studium mit einem Bachelor of ArtsJack London: Martin Eden. dtv, München 2016, 2. Auflage 2021, S. 227. beendet – und Martin sehen einander in diesem Herbst sehr häufig: Ihre Nähe füreinander kann wachsen.Jack London: Martin Eden. dtv, München 2016, 2. Auflage 2021, S. 170 u. 191. Diese Entwicklung beobachtet Ruths Mutter mit Sorge, über die ein vertrauensvolles Gespräch zwischen den beiden Personen stattfindet. Und die Mutter spricht eine Warnung aus: Ich glaube, ich muss meinem kleinen Mädchen sagen, dass sie sich vorsehen soll. Mit ambivalenten Gefühlen nimmt die Mutter die Wandlung ihrer Tochter vom Mädchen zur Frau wahr, wobei Martin eine vom Ehepaar Morse gewollte funktionale Rolle übernommen hat.Jack London: Martin Eden. dtv, München 2016, 2. Auflage 2021, S. 195 u. 197.

Martin und Ruth machen viele sonntägliche Ausflüge in die Umgebung von San Francisco, zum Beispiel in den Shellmound Park. An einem Herbsttag, bei dem sie auf den Mount Tamalpais blicken können, sprechen sie zum ersten Mal über ihre Liebe.Jack London: Martin Eden. dtv, München 2016, 2. Auflage 2021, S. 203, 209–217 u. Anmerkung S. 507 zum Shellmound Park.

Wieder daheim kommt es sofort zu einem Gespräch zwischen Ruth und der Mutter über das Ereignis des Tages. Ruth bekennt sich zu ihrer Liebe und sagt: Ich dachte, du wüsstest es. Martin und ich sind verlobt. Das Bekenntnis beantwortet die Mutter mit einer strikten Ablehnung und – auch mit noch anderen Argumenten – ausdrücklich mit dem Hinweis auf Martins Status als ein mittelloser Abenteurer, Seemann, Viehtreiber und Schmuggler, der jetzt verantwortungslos seine Zeit mit dem Schreiben verschwende. Nach diesem Gespräch beschließen die Eltern, auf eine öffentliche Ankündigung der Verlobung zu verzichten und auf ihr Zerbrechen zu warten.Jack London: Martin Eden. dtv, München 2016, 2. Auflage 2021, S. 217 u. 221

Kapitel 23 bis 28

mini|hochkant|Leihhaus in Berlin (1931) Martin hat ein Zimmer in North Oakland gemietet, wo er seine schriftstellerischen Arbeiten beharrlich fortsetzt. Weiterhin ist er eifrig bemüht, seine Manuskripte zu versenden. Der fehlende finanzielle Erfolg seiner Bemühungen bringt ihn immer tiefer in eine existenzielle Notlage. Sogar seinen persönlichen Besitz wie Mantel, Uhr, Fahrrad und Anzug bringt er zum Pfandleiher. Als Ruth davon hört, hält sie diesen Weg der Geldbeschaffung für ein hoffnungsvolles Zeichen seiner möglichen Umkehr, seines Ausstiegs aus der Schriftstellerei.Jack London: Martin Eden. dtv, München 2016, 2. Auflage 2021, S. 221, 234–236, 246.

In der schier verzweifelten Lage besteht Martin die Prüfung für eine Anstellung bei der Post (Railway Mail) als bester Bewerber. In diesen Moment hinein kommt ein Brief vom Magazin Transcontinental Monthly mit der Annahme der Horrorgeschichte Das Läuten der Glocken –, allerdings für ein solch niedriges Honorar, dass Martin verärgert auf die an sich positive Nachricht reagiert. Wie ein Trost wirkt da die Annahme der Horrorgeschichte Der Strudel durch das Magazin White Mouse für ein relativ gutes Honorar.Jack London: Martin Eden. dtv, München 2016, 2. Auflage 2021, S. 251 u. 261.

Wegen der fehlenden Besuche entscheidet Ruth spontan, ihren Martin zu besuchen. Sie kommt in der Kutsche der Familie vorgefahren. Zum ersten Mal in ihrem Leben sieht sie die ihr bisher unbekannten Verhältnisse der Armut. Den kurzen Besuch beendet Ruth mit dem Ruf: Ich liebe, liebe, liebe dich!Jack London: Martin Eden. dtv, München 2016, 2. Auflage 2021, S. 262, 264 u. 271.