mini|Stadtwappen
Die Geschichte der Stadt Paris reicht über 2000 Jahre zurück. Während dieser Zeit entwickelte sich der Ort von der keltischen Siedlung Lutetia des Stammes der Parisii zur heutigen Millionenstadt und Hauptstadt Frankreichs.
Vorgeschichte Vor 30 bis 40 Millionen Jahren war das Pariser Becken ein flaches warmes Meer, aus dem einzelne Inseln herausragten: der Mont Valérien, Chaillot, Belleville, Montmartre, Bagneux und der Meudon. Dieses Meer war vor allem von Nummuliten aus der Gruppe der Foraminiferen besiedelt, deren Versteinerungen später das Baumaterial der Stadt lieferten. Hinzu kam die Lagunenfauna von Buttes-Montmartre, von Buttes-Chaumont und Ménilmontant, die den Gips erzeugte, den zweiten wesentlichen Baustoff.
Später, als das große Kalkplateau im heutigen Nordosten Frankreichs erodierte, bildete sich die Seine mit ihrem Einzugsgebiet von rund 200 Kilometern Durchmesser. An ihrem tiefsten Punkt, 28 Meter über dem Meeresspiegel, bildete sich ein Archipel, an dem sich Menschen ansiedelten. Reste dieser Besiedlung sind nicht mehr erhalten, zumal das heutige Siedlungsniveau rund sechs Meter über dem ursprünglichen liegt. Lediglich an der Westspitze der Île de la Cité, die damals aus mehreren kleinen Inseln bestand, die erst später miteinander verbunden wurden, ist das Niveau noch das alte.
Legende Die Grandes Chroniques de France führen die Gründung der Stadt auf den Trojaner Paris zurück, so wie Romulus Rom gegründet haben soll, dessen Urenkel Brutus Britannien und Francus Frankreich. Auf einem Wandteppich aus dem 16. Jahrhundert, der Zeit des Königs Franz I., der sich in der Kathedrale von Beauvais befindet, wird Paris in zeitgenössischer Kleidung als Gründer der Stadt gefeiert. Während der Revolution trug der Bürger Jullian im Café Procope die Phrygische Mütze unter Hinweis auf den mythologischen Gründer der Stadt.
Nach einer anderen Legende wurde Paris von Herakles auf seinem Weg zu den Gärten der Hesperiden gegründet: er sammelte die Parrhasier aus den arkadischen Bergen um sich, siedelte sie am Fuß des Montmartre an und nannte sie Pariser. Bei seinem Einzug in die Stadt 1549 wurde König Heinrich II. von einem „gallischen Herkules“ (Ogmios) begrüßt; der König gab sechs Jahre später seinem jüngsten Sohn den Namen François-Hercule. Ludwig XIV. ist auf der Porte Saint-Martin als Herkules mit einer Keule in der Faust dargestellt.
Antike mini|Lutetia, erster Plan (gezeichnet 1705) mini|Lutetia, zweiter Plan mit Stadtmauer (gezeichnet 1705) mini|Video: Wie wurde Paris zur Weltstadt? (1:05 min)
Die Stadt entwickelte sich seit Mitte des 3. Jahrhunderts v. Chr. aus der keltischen Siedlung Lutetia des Stammes der Parisii auf der Seine-Insel, die heute Île de la Cité heißt, als Kreuzung (croisée) zwischen einer Nord-Süd-Straße und dem Fluss in West-Ost-Richtung.
Die Ebene an der Seine rund um die Insel hingegen war morastig: der Sumpf zog sich als breiter Streifen im Süden den Fluss entlang und reichte bis an die späteren Thermen von Cluny. Auch das Mündungsgebiet der Bièvre im Südosten (eine Mündung lag der Île de la Cité gegenüber, eine weitere ein Stück flussaufwärts, an der späteren Île Saint-Louis, die erst im 17. Jahrhundert trockengelegt wurde) war Sumpfgelände, vor allem aber der gesamte Bereich nördlich des Flusses, der auf Flusshöhe lag. Bis hin zum Montmartre gab es lediglich einige wenige feste Plätze.
Erstmalige schriftliche Erwähnung fand der Ort als Lutetia im sechsten Buch Caesars über den gallischen Krieg (De bello Gallico) zum Jahr 53 v. Chr.Gaius Iulius Caesar, De bello Gallico 6, 3. Über die Bedeutung des Namens wurde viel spekuliert, eine ernsthafte, quellengestützte Erklärung liegt jedoch nicht vor.
Bereits die ersten Einwohner hatten Insel und Ufer durch die Brückenbauten Grand Pont im Norden und Petit Pont im Süden verbunden. Als die römischen Truppen unter Titus Labienus sich im Jahr 52 v. Chr., nach einem ersten gescheiterten Anmarsch, erneut näherten, zündeten die Parisii unter dem Oberbefehl des hochbetagten, wegen seiner ausgezeichneten Kenntnis der Kriegsführung berufenen Galliers Camulogenus Lutetia an, zerstörten die Brücken und nahmen am Seineeufer – der Stadt und Labienus’ Lager gegenüber – Stellung.Gaius Iulius Caesar, De bello Gallico 7, 58. Wenig später unterlagen sie den Angreifern.
Die Römer überließen den Parisii den Großteil der Insel und bauten auf dem linken Seineufer der Seine, in dominanter Lage an den Hängen des – später nach der Heiligen Genoveva von Paris benannten – Hügels, eine neue Stadt auf. Sie legten auch den befestigten Cardo und die Römerstraße von Soissons nach Orléans an (heute die Rue Saint-Martin im Norden und die Rue Saint-Jacques im Süden). Der Cardo trennte die Insel bald in einen administrativen Teil im Westen und einen religiösen im Osten – eine Struktur, die sich bis heute erhalten hat.
Am Südufer (der Rive Gauche) verlief eine Parallelstraße, die via inferior (später verballhornt zu rue d’enfer), heute der Boulevard Saint-Michel; im Norden zweigte nach Osten eine Straße Richtung Melun ab, die heutige Rue Saint-Antoine. Einen Decumanus, eine West-Ost-Achse, hingegen gab es offenbar nicht – diese Rolle kam dem Fluss zu.
Die Stadt, die im römischen Reich auch als Civitas Parisiorum oder Parisia bekannt wurde, blieb im besetzten Gallien zunächst recht unbedeutend. Dennoch sind – abgesehen von dem regelmäßigen Straßennetz des Quartier Latin – eine Reihe mehr oder weniger bedeutender Überreste aus der Römerzeit erhalten geblieben, von denen einzig die sogenannte Arena von Lutetia und die Thermen am Boulevard Saint Michel zugänglich sind:
im oberen Bereich der neuen Römischen Siedlung, zwischen dem Boulevard Saint-Michel und der Rue Saint-Jacques stand das Forum, dessen Fundamente kürzlich bei dem Bau einer Tiefgarage unter dem Boulevard Saint-Michel wenigstens teilweise aufgefunden wurden, des Weiteren fanden sich hier zahlreiche Reste von Töpfereien und jenseits des Boulevards, unter dem Luxembourggarten, Fundamente römischer Wohnhäuser; in unmittelbarer Nähe des römischen Cardos befanden sich zwei Thermen: mini|Die Thermes de Cluny der gallorömischen Kultur aus dem 3. Jahrhundert die Großen Thermen (auch Thermes de Cluny, heute Ecke Boulevard Saint-Michel und Boulevard Saint-Germain), etwa 200 Meter lang und damit eines der größten römischen Bauwerke aus dem 3. Jahrhundert, dessen Frigidarium mit Deckengewölbe (!) und Badebecken intakt ist; die Kleinen Thermen, 44 Meter lang, etwas weiter hügelaufwärts, beim Collège de France, die bislang nicht völlig freigelegt werden konnten; Reste des römischen Aquaduktes, der Quellwasser von Rungis bis in die Großen Thermen leitete, sind außerhalb von Paris in Arcueil zu sehen; die segmentförmigen Mauern eines römischen Theaters oder Odeons mit Ausmaßen von 72 m × 47 Meter und ein Vomitorium konnten im Jahr 1899 weiter westlich der beiden Thermen unter dem Lycée Louis-le-Grand (Ecke rue Racine und Boulevard Saint-Michel) identifiziert werden; östlich des Forums stehen noch heute an dem gen Sonnenaufgang gekehrten Hang des Hügels – an dessen Fuß einst die Bièvre floss – die sehr stark restaurierten Überreste der sogenannten Arena von Lutetia oder, präziser, des mit einer Bühne versehenen Amphitheaters, eine im Römischen Reich seltene, in Gallien häufig vorkommende Kombination zwischen Arena und Theater mit Doppelfunktion; Reste der römischen Stadtmauer, die zum Schutz vor dem Einfall germanischer Stämme um 280 auf der Île de la Cité errichtet wurde, sowie ein römisches Hypokaustum (Fußbodenheizung) sind in der Krypte Archéologique unter dem Domvorplatz der Kathedrale Notre-Dame de Paris zu sehen; ebenfalls auf der Ostseite der Insel stand ein Tempel, auf dem rechten Seineufer, auf dem weit außerhalb der Stadt gelegenen Montmartrehügel (der zu der Zeit noch Mons Mercurius hieß), gab es einen, vielleicht auch zwei weitere Tempel. Von dem Mercurius geweihten Tempel, der später durch das Kloster Saint-Pierre de Montmartre überbaut wurde, sind vier römische Säulen bei der Errichtung der ehemaligen Klosterkirche verwendet worden.
Entsprechend der Bedeutung des Flusses waren bereits zur Zeitenwende die gallischen Flussschiffer, die Nautes, deren Symbol auch heute noch das Wappen der Stadt ziert, eine mächtige Gruppe. Sie waren organisiert, eine eigene Polizeitruppe sorgte für Sicherheit auf der Seine. Im Musée national du Moyen Âge (früher Musée de Cluny) befindet sich der Pilier de Nautes, auf dem das erste Bildnis Pariser Einwohner zu sehen ist.
mini|Henri Bellechose: Altarretabel in der Kathedrale von Saint-Denis, Letzte Kommunion und Martyrium des Hl. Dionysius, 1416
1711 wurden unter dem Kopfende von Notre-Dame Reste eines gallorömischen Votivpfeilers aus dem Jahr 37 gefunden, mit dem die Flussschiffer Jupiter um gute Geschäfte baten, tatsächlich aber Cernunnos und Tarvos Trigaranus anbeteten, den Stier mit den drei Kranichen (so das Bild): letzterer wurde als Bœuf gras noch Anfang des 20. Jahrhunderts in Umzügen gefeiert.
Der angesehenste Gott war jedoch Mercurius, der Gott der Straßen und des Handels – dessen Tempel somit auch der höchste Punkt der Umgebung, der Montmartre, vorbehalten war. Im 3. Jahrhundert, als Dionysius von Paris (Saint-Denis) und dessen Gefolgsleute das Christentum in die Stadt brachten, gingen sie auch hier gegen die heidnischen Götter vor, vor allem gegen deren bedeutendstes Symbol, den Mercuriustempel. Dionysius wurde um 250 n. Chr., auf Anordnung des römischen Gouverneurs Sisinnius, als erster Bischof von Paris zusammen mit dem Priester Rusticus und dem Diakon Eleutherius auf dem Montmartre (lateinisch mons martyrium, deutsch Märtyrerberg) enthauptet. Nach der Enthauptung soll Dionysius mit dem Kopf in seinen Händen sechs Kilometer nördlich gelaufen sein, bis er die Stelle erreichte, wo er begraben werden wollte. An diesem Platz baute der fränkische König Dagobert I. im 7. Jahrhundert die nach dem Heiligen benannte Abtei mit der Basilika Saint-Denis, welche den französischen Königen als Grablege diente.
Im Jahre 280 wurde Lutetia von germanischen Invasoren heimgesucht und durch Feuer zerstört. Auf einer Straßenmarkierung aus dem Jahr 308 erscheint zum ersten Mal der Name Paris, Hauptort der Parisii, der den Namen Lutetia verdrängen wird. Im 4. Jahrhundert war die Stadt von so großer militärischer Bedeutung für den Norden Galliens, dass sie Winterquartier mehrerer Soldatenkaiser wurde, die von dort versuchten, die römischen Grenzen zu verteidigen und die Vorstöße der Germanen einzudämmen. Seit 358 war Paris Residenz des Caesars (Unterkaisers) Julian, der hier im März 360 gegen Constantius II. zum Augustus ausgerufen wurde. Zu Beginn seiner Regierungszeit residierte auch Valentinian I. (364–375) in der Stadt.
Zwischen Bièvre und Seine, etwas abseits der römischen Siedlung und der Île de la Cité, entstand in der Zeit nach Dionysius eine erste christliche Gemeinde in den dort vorhandenen alten Steinbrüchen. Die herausragende Persönlichkeit dieser Zeit war Bischof Marcellus von Paris, der der Legende nach einen Drachen, der in den Sümpfen lebte, mit Schlägen seines Bischofsstabes besiegte: noch Jahrhunderte später wurde zur Erinnerung an ihn am Jour des Rogations ein Monster durch die Straßen geführt. Sein Verdienst ist es jedoch vor allem, dass der Vorort Saint-Marcel im Süden Bedeutung erlangte. Dessen Bewohner entfernten die Säulen von den römischen Bauwerken, höhlten sie aus und benutzten sie als Sarkophage – Kopf nach Westen, Füße nach Osten; hier in Saint-Marcel starb im 5. Jahrhundert dulcissima Barbara, 23 Jahre alt, die erste Pariserin, deren Namen bekannt ist (das zugehörige Epitaph wurde 1656 gefunden). Marcellus ist als Täufer auf der Porte Rouge der Kathedrale dargestellt.
mini|Statue von Dagobert I. im Schloss Versailles