mini|Guillaume Dufay (links) und Gilles Binchois, um 1440 Guillaume Dufay, auch Du Fay und Du Fayt, (* kurz vor 1400 in oder bei Cambrai [?]; † 27. November 1474 in Cambrai) war ein franko-flämischer Komponist, Sänger und Musiktheoretiker der frühen Renaissance..Marc Honegger, Günther Massenkeil (Hrsg.): Das große Lexikon der Musik. Band 2: C – Elmendorff. Herder, Freiburg im Breisgau u. a. 1979, ISBN 3-451-18052-9.

Leben und Wirken Guillaume Dufays Herkunft und sein genaues Geburtsdatum konnten bisher noch nicht einwandfrei ermittelt werden. Seine Mutter, Marie Dufay (auch Marie Du Fayt; † 23. April 1444 in Cambrai), hat vermutlich ihre überwiegende Lebenszeit in Cambrai verbracht, wo sie ihrem Cousin Jehan Hubert dem Älteren († 12. Dezember 1424 in Cambrai) den Haushalt führte. Dieser Onkel Dufays war Baccaleureus des kanonischen Rechts und Kleriker an der Kathedrale zu Cambrai.Peter Gülke: Guillaume Du Fay. Musik des 15. Jahrhunderts. Bärenreiter Verlag, 2003, S. 6.

Dass Dufay in Cambrai geboren wurde, erscheint eher unwahrscheinlich; vielleicht stammte er aus einer von mehreren Ortschaften der näheren und weiteren Umgebung, die den Namen Fay tragen. In eine andere Richtung deutet der Bericht von Dufays Testamentsvollstrecker. Darin ist von Erwerbungen in seiner Heimat die Rede. Danach könnte Dufay aus Wodeque im Hennegau (heute Wodecq) oder Bersele (heute Beersel) stammen.Peter Gülke: Guillaume Du Fay. Musik des 15. Jahrhunderts. Bärenreiter Verlag, 2003, S. 4. Dass Dufay am 5. August 1397 zur Welt gekommen sei, wurde indirekt aus der Datierung seines Testaments und seiner Ordination geschlossen, lässt sich aber nicht beweisen.Peter Gülke: Guillaume Du Fay. Musik des 15. Jahrhunderts. Bärenreiter Verlag, 2003, S. 2 f. Die am frühesten erhaltenen Archivbelege deuten jedenfalls auf die späten 1390er Jahre hin. Über den Vater sind bisher keine Informationen gefunden worden. Ein Hinweis von 1431 darauf, dass Willermus dou Fayt das Kind eines Priesters und einer alleinstehenden Frau sei, lässt sich durch keine weiteren Dokumente bestätigen.Peter Gülke: Guillaume Du Fay. Musik des 15. Jahrhunderts. Bärenreiter Verlag, 2003, S. 5.

Cambrai mini|Die Kathedrale von Cambrai vor ihrer Zerstörung in den Wirren der Französischen Revolution; links vorne, von einem Baum verdeckt, die MaîtriseVergleiche den Grundriss auf der Seite des Office de tourisme du Cambrésis. Abgerufen am 26. März 2015. Der erste zuverlässige biografische Beleg vom August 1409 betrifft seine wahrscheinlich von seinem Onkel Jehan Hubert in die Wege geleitete und durch Jehan Rogier de Hesdin vorbereitete Aufnahme als puer altaris (Kapellknabe) in die Maîtrise (Singschule) der Kathedrale von Cambrai,Peter Gülke: Guillaume Du Fay. Musik des 15. Jahrhunderts. Bärenreiter Verlag, 2003, S. 8. wo er bis 1414 Mitglied war. Dort erhielt er neben seiner Gesangsausbildung vermutlich auch einen fundierten musikalischen und musiktheoretischen Unterricht seitens der Maîtrisen-Leiter Nicholas Malin (Amtszeit 1392–1412) und Richard Locqueville (Amtszeit 1413–1418). Da Maîtrisen bevorzugte Institutionen waren, in denen illegitime Kleriker-Kinder Aufnahme fanden, erscheint der Hinweis auf Dufays Herkunft von 1431 durchaus plausibel..

Dufay bekam, eventuell als Auszeichnung, zwischen Juni 1411 und Juni 1412 ein Doctrinale, wahrscheinlich eine Kopie des allgemein so genannten, weit verbreiteten lateinischen Lehrgedichts Doctrina von Alexander de Villa Dei (* um 1170). Ab 1413/14 ist er als clericus altaris nachgewiesen und wurde in diesem Zeitraum mit einer Kaplanei betraut.

Konstanzer Konzil

Vermutlich im Sommer oder Herbst 1414 verließ Dufay Cambrai und reiste im Gefolge von Kardinal Pierre d’Ailly (1350/59–1420), auch Kanzler der Universität Paris, oder seines Nachfolgers im Bischofsamt Jean de Lens († 1439) zur Teilnahme am Konzil von Konstanz (1414–1418). Hier empfing der junge Musiker bedeutsame Eindrücke von der damaligen Konzilskapelle wie auch von den teilnehmenden Kapellen von Gegenpapst Johannes XXIII. (Amtszeit 1410–1415) und von Papst Martin V. (Amtszeit 1417–1431). Solche Einflüsse sind in den frühen Kompositionen Dufays nachweisbar, auch Einflüsse des Komponisten Antonio Zachara da Teramo (1350/60–1413/16), der bis Ende 1413 als magister der Kapelle von Johannes XXIII. tätig war. Im Zuge dieser Eindrücke bekam er mit Sicherheit auch die ersten Erfahrungen in diplomatischen und kanonistischen Angelegenheiten, die später für ihn von größter Bedeutung wurden. Darüber hinaus begegnete er wohl einigen bedeutsamen Mäzenen aus der italienischen Familie Malatesta, insbesondere Carlo Malatesta da Rimini (1368–1429) und Pandolfo Malatesta da Pesaro (1390–1441) sowie dem späteren Bischof Louis Aleman (um 1390–1450) und dem 1417 auf dem Konzil gekrönten Papst Martin V., deren Hochschätzung er sich erwerben konnte.

Cambrai und Italien I mini|hochkant=1.2|Ausschnitt aus He compaignons mit den Namen der compaignons.Peter Gülke: Guillaume Du Fay. Musik des 15. Jahrhunderts. Bärenreiter Verlag, 2003, S. 72 f. Dufay verließ Konstanz – noch vor Ende des Konzils – im November 1417 aus unbekannten Gründen und kehrte nach Cambrai zurück, und zwar an die Kirche St. Géry. Dort wurde er 1418 zum Subdiakon geweiht. Noch vor 1420 brach er nach Italien auf, aus Motiven, die sicher auf seine Zeit in Konstanz zurückgehen, denn er trat bereits im Jahr 1419 sein erstes musikalisches Amt als Mitglied der Malatesta-Hofkapelle in Pesaro oder Rimini an. In Pesaro waren zu dieser Zeit bereits die Komponisten Arnold und Hugo de Lantins tätig. In welcher der beiden Städte Dufay wirkte, ist offen: Sein Rondeau He compaignons bezieht sich auf Kapellangehörige in Pesaro, doch er selbst ist im dortigen Mitgliederverzeichnis von 1423 nicht aufgeführt.

mini|hochkant=1.2|Guillaume Dufays Hochzeitsmotette Vasilissa, ergo gaude Dufays Tätigkeit am Malatesta-Hof war von Anfang an mit größeren und wohl bisher vergleichslosen Kompositionsaufträgen verbunden, weil die Auftraggeber sich nicht mit den gewöhnlichen Aufgaben geistlicher Kapellsänger begnügten, sondern groß angelegte Motetten nach dem Vorbild der repräsentativen Musiken in Konstanz wünschten. Das erste solcher Werke ist Vasilissa ergo gaude, vermutlich bereits im Mai 1419 in Pesaro entstanden. oder in der ersten Hälfte des Jahres 1420 in Rimini,Alejandro Enrique Planchart: The Early Career of Guillaume Du Fay. In: Journal of the American Musicological Society, Band 46, Nr. 3 (Herbst 1993), S. 361. jedenfalls vor der Abreise der zweiten Tochter von Pandolfo Malatesta, Cleofe Malatesta da Pesaro, zur Feier ihrer bevorstehenden Vermählung mit dem Herrscher von Morea, Theodoros II. Palailogos. In diesen Zusammenhang gehören auch die Motetten O gloriose tyro martir (zum Patronatstag des heiligen Theodor Tyro am 19. November 1419) und die Ballade Resvelliés vous (zur Hochzeit von Carlo Malatesta mit Vittoria Colonna 1423). Nach dem Ausbruch der Pest in Rimini 1425 sind Teile des Malatesta-Hofs 1425/26 offensichtlich nach Patras (Peloponnes/Griechenland) verlegt worden; dort hatte Pandolfo Malatesta da Pesaro, der hier 1424 zum Erzbischof gewählt wurde, die über dem Grab des Heiligen Andreas stehende Kathedrale wieder errichten lassen. Dufays Motette Apostolo glorioso nimmt sicher Bezug auf die Weihe dieser Kirche im Jahr 1426. Es gibt (auf Grund des Rondeaus Adieu ces bons vins de Lannoys von 1426) Vermutungen, Dufay habe etwa 1424 bis 1426 als Sänger an der Kathedrale von Laon (Nordfrankreich) gewirkt; diese lassen sich aber nicht belegen, so dass sein Verbleiben in den Diensten der Malatesta bis Ende 1426 angenommen werden kann.

mini|hochkant|San Giacomo Maggiore in Bologna, Ort der Aufführung von Dufays Missa Sancti Jacobi Spätestens zwischen Frühjahr 1427 und März 1428 stand Dufay in den Diensten von Louis Aleman in Bologna. Letzterer war 1424 zum päpstlichen Legat (Botschafter) ernannt worden und 1426 zum Kardinal. Es ist offen, ob Dufay hier mehr musikalische oder mehr administrative Aufgaben hatte. Etwa Anfang 1428 ist er in Bologna zum Priester geweiht worden. Höchstwahrscheinlich entstand in dieser Zeit (1427 oder 1428) auch Dufays bisher bedeutendste Messe, die Missa Sancti Jacobi für die Kirche San Giacomo Maggiore in Bologna. Im zweiten Halbjahr 1428 verließ er Bologna und ging nach Rom, wobei die Gründe im Dunkeln liegen, denn auch hier war um diese Zeit die Gefahr einer Pestepidemie zu erkennen.

Ab Dezember 1428 wurde er als Mitglied der cantores capelle pape in Rom geführt, und zwar bis Mai 1437, mit einer knapp zweijährigen Unterbrechung von Sommer 1433 bis Sommer 1435. Unter Papst Martin V., also bis 1431, spielte er nach allem Anschein noch keine hervorgehobene Rolle. Nur die Motette O sancte Sebastiane, komponiert vermutlich 1428/29 anlässlich des Ausbruchs der Pest in Rom, gehört mit einiger Sicherheit in diese Zeit.

Pfründen

Dokumente vom Ende der 1420er-Jahre bezeugen erstmals, dass Dufay mit Pfründen ausgestattet wurde, und zwar in Laon und in Cambrai (an St. Géry). Im April 1430 kam ein Kanonikat in Nouvion-le-Vineux hinzu. Diese Pfründen, denen sieben weitere folgten und die manchmal gleichzeitig und bisweilen ohne Präsenzpflicht wahrgenommen wurden, boten Dufay ein regelmäßiges Grundeinkommen und schließlich eine Altersversorgung neben den eher unregelmäßigen, nicht auf Dauer angelegten Zuwendungen aus seiner künstlerischen Arbeit als Sänger und Komponist an Fürsten-, Bischofs- und Papsthöfen.Peter Gülke: Guillaume Du Fay. Musik des 15. Jahrhunderts. Bärenreiter Verlag, 2003, S. 76–79.

Italien II

Ein grundlegender Wandel entstand mit Beginn des Pontifikats des repräsentations- und prunkliebenden Papstes Eugen IV. in Rom und Florenz (Amtszeit 1431–1447), in dem erstmals eine systematische kuriale Musikpolitik mit der mensuralen Polyphonie betrieben wurde. Auf die letztgenannte Papstkrönung (11. März 1431) bezieht sich vermutlich die Motette Ecclesiae militantis.

mini|hochkant=1.2|Guillaume Dufays Domweihmotette Nuper rosarum flores Nachdem es in Papst Eugens Heimat Venedig üblich war, alle bedeutenden Ereignisse mit eigens dafür komponierter Musik auszustatten, ist sicher der Plan entstanden, dies unter seinem Pontifikat fortzusetzen, so dass das Schaffen Dufays in dieser Periode eine stattliche Reihe der bedeutendsten Werke aufweist. Hierzu gehören außer der erwähnten Krönungsmotette insbesondere Balsamus et munda (11. März 1431), Supremum est mortalibus zur Krönung des deutschen Kaisers Sigismund (31. Mai 1433), weiterhin Nuper rosarum flores zur Weihe des Doms zu Florenz (mit der berühmten Kuppel von Brunelleschi) am 25. März 1436. Die vier Abschnitte dieser Motette hat Charles Warren (1973) in ihrem Größenverhältnis mit den Proportionen von Langhaus, Seitenschiffen, Apsis und Kuppelhöhe des Domes in Beziehung gesetzt und auch weitergehende Entsprechungen zu Baumaßen des Salomonischen Tempels, Verhältniszahlen des Goldenen Schnitts und gematrischen Zahlwerten sprachlicher Ausdrücke vermutet. Solche Zahlenverhältnisse sind allerdings mehrfach angezweifelt worden.zur Kritik siehe Werner Keil: Gibt es den Goldenen Schnitt in der Musik des 15. bis 19. Jahrhunderts? In: Augsburger Jahrbuch für Musikwissenschaft, Nr. 8, 1991, S. 7–70.Craig Wright: Dufay’s „Nuper rosarum flores“ and King Solomon’s Temple. In: Journal of the American Musicological Society, Nr. 47, 1994, S. 395–439.Marvin Trachtenberg: Architecture and Music Reunited: A New Reading of Dufay’s „Nuper Rosarum Flores“ and the Cathedral of Florence. In: Renaissance Quarterly, Nr. 54, 2001, S. 740–775. mini|Selbstnennung Dufays in seiner Motette Salue flos tusce gentis, einem Lobpreis der Stadt Florenz und ihrer Bewohner:Guillermus cecini natus est ipse fay ([ich,] Guillaume, ein geborener Fay, habe gesungen)Peter Gülke: Guillaume Du Fay. Musik des 15. Jahrhunderts. Bärenreiter Verlag, 2003, S. 188. mini|Guillermus im Motetus der Motette Salue flos tusce gentis (Exzerpt)