Die Wirtschaftsethnologie oder ökonomische Anthropologie untersucht als Teilbereich der Ethnologie (Völkerkunde) die wirtschaftliche Organisation von ethnischen Gruppen und indigenen Völkern und ihre Versorgung mit Gütern und Leistungen; sie versucht, das wirtschaftliche Verhalten der Menschen mithilfe volkswirtschaftlicher sowie anthropologischer Methoden und Theorien zu erklären.

Allgemein werden die Zusammenhänge von gesellschaftlichen Strukturen im wirtschaftlichen und politisch-sozialen Bereich betrachtet. Fragestellungen sind beispielsweise die wirtschaftliche Grundlage gesellschaftlicher Schichtung, die Ausprägung von Arbeitsteilung in der Gesellschaft, die Ausgestaltung von Eigentum, Güterproduktion und -verteilung, Bewertung materieller und immaterieller Güter sowie die Auswirkungen auf Gesellschaft und Wirtschaftssystem.

Einigen Theorien zufolge ist das jeweilige Wirtschaftssystem grundsätzlich in kulturelle Rahmenbedingungen eingebettet (englisch embeddedness), was vor allem bei den traditionellen Wirtschaftsformen nicht-industrialisierter Gesellschaften noch der Fall sei.

Theoretische Ansätze der Wirtschaftsethnologie Die Wirtschaftsethnologie besteht aus drei Hauptparadigmen: Formalismus, Substantivismus und Kulturalismus.

Formalismus Das formalistische Modell ist dasjenige Modell in der Wirtschaftsethnologie, das die engste Verbindung zur Neoklassischen Theorie aufweist. Es definiert Wirtschaftswissenschaft als die Untersuchung von Nutzenmaximierung unter Bedingungen der Knappheit. Da formalistische Wirtschaftsethnologie versucht, Subjekte außerhalb ihres traditionellen Umfelds mittels der neoklassischen Theorie zu erforschen, steht sie mit der Neuen Institutionenökonomik in Verbindung. Diese trifft folgende zentrale Annahmen: Individuen verfolgen Nutzenmaximierung durch die Wahl zwischen alternativen Mitteln und wählen stets diejenige Alternative, die ihren Nutzen maximiert. Dabei unterliegen sie meist Beschränkungen durch unvollständige Information oder Transaktionskosten. Individuen entscheiden sich rational. Sie verwenden alle verfügbaren Informationen, um Kosten und Nutzen aller Möglichkeiten abzuwägen und um die Opportunitätskosten abzuschätzen, die im Vergleich zu anderen Nutzenmaximierungsstrategien anfallen. Dabei sind Individuen in der Lage, die notwendigen Kalkulationen durchzuführen – sei es durch bewusstes Vorausschauen, Instinkt oder Tradition. Ressourcen sind stets knapp, während die Bedürfnisse aller Individuen unbegrenzt sind.

Einige Formalisten verwenden die Spieltheorie als Modell rationalen Verhaltens unter bestimmten kulturellen oder zwischenmenschlichen Beschränkungen. Formalisten wie Raymond Firth und Harold K. Schneider behaupten, das neoklassische Wirtschaftsmodell könne auf jede Gesellschaft angewendet werden, wenn die nötigen Anpassungen vorgenommen werden würden. Sie sprechen den oben angeführten Prinzipien also universelle Gültigkeit zu. Alle Individuen treffen also stets Entscheidungen zwischen alternativen Mitteln zur Erreichung ihrer Ziele, wobei die Ziele kulturelle definierte Ziele sind. Sie beziehen sich nicht nur auf wirtschaftlichen Nutzen oder finanziellen Vorteil, sondern auf alles, das vom Individuum geschätzt wird – ob Freizeit, Solidarität oder Prestige.

Die Rolle der Anthropologen unter diesen Prämissen wäre es dann, jede Kultur bezüglich ihrer kulturell angemessenen Mittel zur Erreichung kulturell anerkannter und geschätzter Ziele zu untersuchen. Unter der Annahme wirtschaftlich rationalen Verhaltens werden individuelle Entscheidungen von individuellen Präferenzen geleitet, während die Kultur und die Präferenzen anderer als einschränkendes Umfeld wahrgenommen werden. Solche Analysen sollten die kulturspezifischen Prinzipien aufdecken, die dem rationalen Entscheidungsfindungsprozess unterliegen. In diesem Zusammenhang wurde die ökonomische Theorie von Anthropologen vor allem auf Gesellschaften ohne preisregulierenden Märkte angewendet (zum Beispiel Firth, 1961; Laughlin, 1973).

Substantivismus Aus Sicht der substantivistischen Position, die erstmals von Karl Polanyi in seinem Werk The Great Transformation entwickelt wurde, hat der Begriff Wirtschaft zwei Bedeutungen: Die formale Bedeutung bezieht sich auf Wirtschaft als die Logik rationaler Handlungen und Entscheidungen, als rationale Wahl zwischen alternativen Verwendungen knapper Mittel. Die zweite, substantivistische Bedeutung, setzt dagegen weder rationale Entscheidungsfindung noch Ressourcenknappheit voraus. Sie bezieht sich ausschließlich auf die Untersuchung, wie Menschen in ihrem sozialen und natürlichen Umfeld überleben. Die Überlebensstrategie einer Gesellschaft wird als Anpassungsprozess an ihre Umwelt angesehen, der Nutzenmaximierung einschließen mag oder auch nicht. Wirtschaft im substantivistischen Sinne bezieht sich also auf den Weg, wie eine Gesellschaft ihre Bedürfnisse befriedigt.

Polanyis Begriff great transformation („große Wandlung“) bezieht sich auf die Unterscheidung zwischen modernen, Markt-orientierten Gesellschaften und nicht-westlichen, nicht-kapitalistischen vorindustriellen Gesellschaften. Polanyi behauptet, dass nur die substantivistische Bedeutung von Wirtschaft angemessen für die Analyse nicht-kapitalistischer Gesellschaften sei. Ohne ein System preisorientierter Märkte sei die formalistische Wirtschaftsanalyse nicht anwendbar. Individuelle Entscheidungen basieren weniger auf der Maximierung wirtschaftlichen Profits, sondern viel mehr auf sozialen Beziehungen, kulturellen Werten, moralischen Überlegungen, Politik oder Religion. In den meisten bäuerlichen und tribalen Gesellschaften wird Subsistenzwirtschaft betrieben, d. h., dass für die Produzenten selbst produziert wird – im Gegensatz zur marktorientierten Produktion, die als Ziel vorwiegend Profitmaximierung anstrebt. Diese zwei Produktionstypen unterschieden sich so stark voneinander, dass keine einzelne Theorie beide erklären kann.

Laut Polanyi überschneiden sich in modernen kapitalistischen Gesellschaften die Konzepte von Formalismus und Substantivismus, da Menschen ihr Leben auf Basis rationaler Entscheidungen organisieren. In nicht-kapitalistischen Gesellschaften hingegen ist dies nicht der Fall, da diese nicht auf den Markt, sondern auf Redistribution und Reziprozität ausgerichtet sind. Reziprozität wird definiert als der gegenseitige Austausch von Gütern oder Leistungen als Teil langfristiger Beziehungen. Redistribution impliziert das Bestehen eines starken politischen Zentrums wie Verwandtschafts-basierte Führung, die Subsistenzgüter nach kulturspezifischen Prinzipien erhält und dann umverteilt. In nicht-marktorientierten Gesellschaften treten Reziprozität und Redistribution in der Regel gemeinsam auf. Umgekehrt wird der Austausch auf dem Markt als der dominante Integrationsmodus in modernen Industriegesellschaften betrachtet, während Reziprozität in familiären und Haushaltsbeziehungen weiter besteht und Redistribution teilweise vom Staat oder von gemeinnützigen Organisationen weiter ausgeführt wird. Jedes Verteilungskonzept benötigt jedoch ein eigenes Set analytischer Konzepte.

Ein weiteres Schlüsselkonzept im Substantivismus ist das der embeddedness (Einbettung). Wirtschaft wird in diesem Zusammenhang nicht als separater und abgrenzbarer Wirkungsbereich angesehen, sondern ist in wirtschaftliche und nicht-wirtschaftliche Institutionen eingebettet. Austausch findet innerhalb der Gesellschaft statt, nicht in einem sozialen Vakuum. Zum Beispiel können Religion und Regierung genauso wichtig für die Wirtschaft sein wie wirtschaftliche Institutionen selbst. Sozio-kulturelle Verpflichtungen, Normen und Werte spielen eine wichtige Rolle im Rahmen der Überlebensstrategien der Menschen. Infolgedessen ist jede Analyse der Wirtschaft als analytisch abgrenzbare und von ihrem sozio-kulturellen und politischen Kontext isolierte Einheit von vornherein fehlerhaft. Eine substantivistische Analyse der Wirtschaft fokussiert hingegen auf die Untersuchung der verschiedenen sozialen Institutionen, auf denen das Überleben der Menschen gründet. Der Markt ist nur einer von vielen Institutionen, die das Wesen wirtschaftlicher Transaktionen bestimmen. Polanyis zentrales Argument ist, dass Institutionen die primären Organisatoren wirtschaftlicher Prozesse sind.

Das Konzept der „Einbettung“ war in der Wirtschaftsethnologie sehr einflussreich. So fand zum Beispiel Granovetter in seiner Studie ethnischer Geschäftsbeziehungen von Chinesen in Indonesien heraus, dass wirtschaftliche Handlungen der Individuen in Netzwerke starker persönlicher Beziehungen eingebettet sind. Die Kultivierung persönlicher Kontakte zwischen Händlern und Kunden nimmt dabei einen gleichen oder höheren Stellenwert ein als die wirtschaftlichen Transaktionen selbst. Wirtschaftliche Tauschprozesse finden nicht zwischen Fremden statt, sondern eher zwischen Individuen, die in einem langfristigen Verhältnis zueinander stehen. Granovetter beschreibt, wie die neo-liberale Perspektive auf wirtschaftliche Handlungen die Wirtschaft von Gesellschaft und Kultur trennt und damit die soziale Komponente der Wirtschaft vernachlässigt.

Kulturalismus Für einige Anthropologen geht die substantivistische Position in ihrer Kritik der universellen Anwendung westlicher Wirtschaftsmodelle auf Gesellschaften der ganzen Welt nicht weit genug. Stephen Gudeman zum Beispiel behauptet, dass die zentralen Überlebensstrategien kulturell konstruiert sind. Daher müsse die Analyse von Modellen des Überlebens und damit verbundenen wirtschaftlichen Konzepten wie Tausch, Geld oder Profit durch die Anwendung lokal orientierter sozialwissenschaftlicher Sichtweisen vervollständigt werden. Statt der Formulierung universeller Modelle, die auf einem westlichen Verständnis der Wirtschaft und auf westlicher Wirtschafts-Terminologie basieren, und ihrer willkürlichen Anwendung auf alle Gesellschaften sollten Anthropologen versuchen, das „lokale Modell“ zu verstehen. In seiner Arbeit zu Lebensunterhaltsstrategien versucht Gudeman, die Konstruktion der Wirtschaft aus Sicht der Bevölkerung darzustellen (people’s own economic construction).Stephen Gudeman: Economics as Culture. Models and Metaphors of Livelihood. Routledge, London 1986, S. 1. Dabei untersucht er nicht nur die kulturelle Konstruktion von Werten mit der Perspektive auf die Produkte, die Menschen kaufen wollen, oder auf den Wert von Freizeit, sondern vorwiegend die lokalen Konzepte von Wirtschaft und ihren verschiedenen Aspekten, wie zum Beispiel das Verständnis von Tausch, Eigentum oder Profit (Gewinn). Seine Beschreibung einer bäuerlichen Gemeinschaft in Panama zeigt auf, dass die Bevölkerung nicht deshalb in einer Tauschbeziehung zueinander stand, weil jeder Profit machen wollte, sondern weil sie den Tausch als „Tausch von Äquivalenten“ ansahen, wobei der Tauschwert eines Guts durch den Aufwand für die Produktion bestimmt wurde. Ausschließlich Händler von außerhalb machten Profit in ihrer Tauschbeziehung zur Gemeinschaft.