Als Christlichen Zionismus beschreibt man die vor allem im evangelikalen Christentum verbreitete Ansicht, dass Christen den Staat Israel aus theologischen Gründen unterstützen müssen.
Geschichte und Herkunft mini|Der Puritaner Thomas Brightman
Christlicher Zionismus ist gemäß Donald M. Lewis historisch betrachtet eine Bewegung, die davon ausgeht, dass das jüdische Volk aufgrund eines biblischen Mandats einen Anspruch auf seine angestammte Heimat im Nahen Osten besitzt.Donald M. Lewis: A Short History of Christian Zionism. InterVarsity Press 2021. ISBN 978-0-8308-46-986, Introduction. Die Unterstützung Israels durch evangelikale Christen in den USA basiert nach Stephen Spector und Timothy P. Weber auf dem endzeitlichen Glauben, dass die Rückkehr der Juden nach Israel eine Voraussetzung für die Wiederkunft Christi ist.
Der schottische Puritaner Thomas Brightman (1562–1607) verfasste Shall They Return to Jerusalem Again? (1615) und gehörte zu den ersten Puritanern, die die Bekehrung der Juden nicht ans Ende der Welt verlegten, sondern darin den Auftakt zum tausendjährigen Friedensreiche sahen.Klaus W. Müller; Thomas Schirrmacher (Hrsg.): Mission in der Spannung zwischen Hoffnung, Resignation und Endzeitenthusiasmus: Eschatologie als Missionsmotivation. Bonn: Verlag für Kultur und Wissenschaft, 2001. Seite 132 Er wurde zum „Vater der Lehre der Wiederherstellung des jüdischen Volkes“, so begann der „Christliche Zionismus“. Dies war eines der frühesten Werke der Restorationisten.
Der eigentliche christliche Zionismus begann mit dem Entstehen des von Theodor Herzl vorangetriebenen politischen Zionismus und Herzls Bestreben, aus strategischen Gründen Nicht-Juden zur Unterstützung seiner Idee heranzuziehen: „Leider ist es so, daß die Angaben eines arischen Barons die upper Jews stärker beeinflussen, als was immer unsereiner sagen könnte.“Theodor Herzl: Briefe und Tagebücher 2, S. 500. Als Geburtsjahr kann 1896 gelten, als der anglikanische Pfarrer William Hechler als Chaplain an der britischen Botschaft in Wien wirkte, Herzls Judenstaat las und sich daraufhin dem jüdischen Zionistenführer als Gehilfen anbot.Claude Duvernoy: Der Fürst und sein Prophet. Theodor Herzl und William Hechler. Neuhausen-Stuttgart 1998. S. 59ff. Auch bei Hechler erkennt man, dass es pragmatische Gründe waren, warum sich der Zionismus auf seine christlichen Bewunderer einließ. So schrieb Herzl über den anglikanischen Botschaftsgeistlichen, dass er „ein feines Instrument für meinen Zweck“ sei.Theodor Herzl, op. cit., S. 313.
In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war Großbritannien das Land mit dem größten Anteil an christlichen Zionisten, wurde dann aber in diesem Rang von den USA abgelöst. Heute fungieren die christlichen Zionisten unter den Evangelikalen in den USA als eine starke Lobby zugunsten des Staates Israel und nehmen als solche Einfluss auf die Außenpolitik Washingtons. Innerhalb der amerikanischen Rechten kann man allerdings auch beobachten, wie der christliche Zionismus als Legitimation für die amerikanische Außenpolitik mehr und mehr infrage gestellt wird.
Der jüdische Zionismus fand um 1900 nicht nur Unterstützung unter den Evangelikalen, sondern auch unter Angehörigen eines eher liberalen Christentums, gerade in Deutschland und Österreich. So verstand sich der liberale Protestant Hermann Maas, der 1903 am 6. Zionistenkongress teilnahm, als (christlicher) Zionist.So Gronauer, Gerhard: Der Staat Israel im westdeutschen Protestantismus. Wahrnehmungen in Kirche und Publizistik von 1948 bis 1972 (AKIZ.B57). Göttingen 2013. S. 109. „Zionismus ... bedeutet: Versöhnung. ... Zion und Friede gehören nach Gottes Verheißung zusammen.“ (Hermann Maas: Jerusalem, das droben ist, in: Für Arbeit und Besinnung. Kirchlich-Theologische Halbmonatsschrift, 4. Jg., Nr. 14 (15. Juli 1950), S. 314–321, S. 321); „Zionismus ... ist Politik aus dem Glauben ... ist Heimkehr aus dem Ghetto, aus der Verstümmelung des Lebens in seine Totalität und das Heil.“ (Hermann Maas: - und will Rachels Kinder wieder bringen in das Land. Reiseeindrücke aus dem heutigen Israel, Heilbronn 1955, S. 48). Auch der mit dem Sozialismus sympathisierende Theologe Friedrich-Wilhelm Marquardt, ein bedeutender Vertreter des christlich-jüdischen Dialogs, versuchte zeitlebens den politischen Zionismus auch im Rahmen einer christlichen Theologie zu bejahen.
Der christliche Zionismus unterschied sich seit ihrer Entstehung von den übrigen apokalyptischen Lehren pietistischer Couleur (z. B. im Rahmen der im 19. Jahrhundert aufkommenden Württembergischen Tempelgesellschaft oder der Gemeinschaftsbewegung) durch ihren klaren Philosemitismus, während die anderen Endzeitchristen mehr vom traditionellen christlichen Antijudaismus geprägt waren. Dies änderte sich erst in der Zeit nach der Staatsgründung Israels, mehr noch im Zuge des Sechstagekrieges 1967, als der christliche Zionismus mehr und mehr evangelikale Christen für sich gewinnen konnte. Die neue Attraktivität des christlichen Zionismus kann auf rationaler Basis damit erklärt werden, dass dessen religiöse Deutung verschiedene innerevangelikale, aber auch allgemein-politische Bedürfnisse befriedigte: Die Bibel wird in allen ihren Teilen wörtlich interpretiert. Die Beschäftigung mit der biblischen Prophetie gibt dem christlichen Zionisten das Gefühl, Einblicke in die göttlichen Geheimnisse zu erhalten und mehr zu wissen als die säkularen Zeitgenossen. Die israelische Staatsgründung als Erfüllung biblischer Verheißungen lässt angesichts der üblichen Glaubensskepsis die Bibel als wahr erscheinen, fungiert somit als eine Art Gottesbeweis. Der christliche Zionismus stellt einen evangelikalen Versuch der Vergangenheitsbewältigung dar, indem an die Stelle von antijudaistischen Strömungen in verschiedenen Kirchen eine projüdische und proisraelische Haltung tritt. Spätestens seit den 1970er Jahren ist der christlich-zionistische Endzeitglaube Teil der allgemeinen Untergangsängste in den westlichen Gesellschaften: Umweltkatastrophe, Dritter Weltkrieg usw.
Lehre Hechlers Theologie entspricht in ihren Grundzügen bis heute der Lehre der christlichen Zionisten: Die alttestamentliche Verheißung, dass die Juden am Ende der Zeiten nach Palästina zurückkehren würden (siehe etwa ), erfülle sich gerade jetzt. Deshalb sei es die Pflicht der Christen, die Juden bei der Ansiedlung in Palästina zu unterstützen. Christlicher Zionismus und der starke Glaube an die Endzeit bilden in der Regel zwei Seiten einer Medaille. Die Gründung des Staates Israel 1948 wird hier als das bedeutendste Zeichen der Endzeit gesehen, als Hinweis darauf, dass Jesus Christus als der jüdische wie christliche Messias bald (wieder)komme, siehe Parusie.
Nach der christlich-zionistischen Endzeitlehre, die sich aus dem traditionellen Chiliasmus und dem Dispensationalismus des 19. Jahrhunderts entwickelt hat, wird es am Ende der Zeiten zur gewaltigen Völkerschlacht in Armageddon (= Megiddo) kommen. Die Nationen, die versucht haben, den Staat Israel auszulöschen, würden durch den nun auf dem Ölberg in Jerusalem wiederkommenden Jesus Christus zurückgeschlagen. Weil hier die Juden Jesus als ihren politischen Befreier erlebten, würden sie ihn kollektiv als ihren eigenen Messias anerkennen. Nun beginne das Tausendjährige Reich (= Millennium), in dem Jesus Christus als neuer jüdischer König über die Erde herrsche. Diese Sichtweise erklärt, warum christliche Zionisten die Nahostgeschehnisse beobachten und jede israelfeindliche Äußerung eines arabischen oder islamischen Präsidenten als Teil der ihrer Ansicht nach heraufziehenden apokalyptischen Endzeitgeschehnisse bewerten.
Die Geschichtstheologie des christlichen Zionismus beruht auf zahlreichen Bibelstellen des Alten und Neuen Testaments, die nach einer spezifischen Art und Weise miteinander kombiniert werden und nach gewissen Analogien mit aktuellen politischen Ereignissen in Verbindung gebracht werden.
Beispiele christlich-zionistischer Bibelauslegung : Es wird zur letzten Zeit der Berg, da des HERRN Haus ist, fest stehen, höher als alle Berge und über alle Hügel erhaben, und alle Heiden werden herzulaufen … Diese Stelle besagt in den Augen der christlichen Zionisten zweierlei: Einerseits werde irgendwann der dritte Tempel errichtet sein, andererseits werde hier ausgedrückt, dass sich die Heiden(christen) aller Welt auf Jerusalem/Zion/Israel hin ausrichten werden, womit sich die christlichen Zionisten selber meinen. : So spricht Gott der HERR: Siehe, ich will eure Gräber auftun und hole euch, mein Volk, aus euren Gräbern herauf und bringe euch ins Land Israels. Dies bedeute: Gerade nach der Shoa = „Gräber“ haben die Juden den Staat Israel gründen können. : An dem Feigenbaum lernt ein Gleichnis: wenn seine Zweige jetzt saftig werden und Blätter treiben, so wisst ihr, dass der Sommer nahe ist. Der Feigenbaum sei ein traditionelles Symbol für Israel. Der grünende Feigenbaum solle hier für die Gründung des Staates Israel 1948 stehen, der nahende Sommer verweise auf die Endzeit. : Die ... sprachen: Herr, stellst du in dieser Zeit für Israel das Reich wieder her? Er sprach aber zu ihnen: Es ist nicht eure Sache, Zeiten oder Zeitpunkte zu wissen, die der Vater in seiner eigenen Vollmacht festgesetzt hat. „Die Jünger bezogen sich auf diese Hoffnung der nationalen Wiederherstellung“.David Parsons: Jesus und die versprochene ?Wiederherstellung?. Artikel vom 30. September 2008 auf der Website der "International Christian Embassy Jerusalem", abgerufen am 27. August 2022
Verbreitung Schätzungen zufolge gibt es in den USA mehrere zehn Millionen christliche Zionisten. Laut einem Artikel im E+Z Magazin aus dem Jahr 2019 schätzen Experten die Zahl christlicher Zionisten auf etwa 30 Millionen. In einer Umfrage der christlichen Organisation LifeWay Research befürworteten etwa 80 Prozent der Evangelikalen den christlichen Zionismus. Laut einer Pew-Studie von 2025 identifizieren sich 23 % der erwachsenen US-amerikanischen Bevölkerung als evangelikale Protestanten. Die Organisation Christians United for Israel (CUFI), die als größte christlich-zionistische Lobbygruppe in den USA gilt, hatte im Jahr 2021 über zehn Millionen Mitglieder. Die International Fellowship of Christians and Jews hat 1,6 Millionen christliche Spender weltweit. Die zionistische Bewegung wächst in den letzten Jahrzehnten besonders in Ländern des Globalen Südens (z. B. Nigeria, Brasilien, Philippinen), vor allem durch pfingstlerische und charismatische Kirchen. "Renewalists" (Pfingstler, Charismatiker und verwandte Gruppen) umfassen laut einer Pew-Studie von 2011 weltweit über 584 Millionen Menschen, wobei nicht alle als christliche Zionisten gelten, aber ein erheblicher Teil pro-israelische Einstellungen hat. Die Affinität dieser Renewalists zu pro-israelischen Einstellungen war in den Ergebnissen der Pew-Studie deutlich: Pfingstler und Charismatiker sind in vielen Ländern stärker pro-israelisch eingestellt als andere Christen.Donald M. Lewis: A Short History of Christian Zionism. InterVarsity Press 2021. ISBN 978-0-8308-46-986, Kapitel 14, Christian Zionism in Renewalist and global movements.
Kritik Vorwurf der Judenmission