Die Schlüsselwortmethode, auch Ersatzwortmethode, Assoziationslernmethode, Hilfswortmethode, Kennwortmethode und Keywordmethode genannt,Krueger, S. 60; Possin, S. 116; sofatutor-Magazin ist ein mnemotechnisches Verfahren, um effizient und langfristig Vokabeln zu lernen.
Aufbau Das Gedächtnis bzw. die Mnemotechnik beruht auf der Assoziation von Altem mit Neuem. Außerdem kann sich das Gehirn Bilder und eindrucksreiche Vorstellungen besser merken als abstraktes Lernmaterial. Die Schlüsselwortmethode baut auf verschiedenen gehirn-gerechten Prinzipien auf: Neue Vokabeln werden mit bereits vorhandenem Wissen verknüpft. Abstraktes und unbekanntes Material wird in gut vorstellbare Bilder transformiert. Es findet eine geistige Verarbeitung und eine bewusste Konfrontation mit dem neuen Wissen statt.
Funktionsweise Für eine neue Vokabel wird ein Wort aus der Muttersprache gesucht, das phonetisch gleich oder ähnlich klingt wie die zu erlernende Vokabel oder gleich oder ähnlich geschrieben wird. Das bereits bekannte Wort ist das sogenannte Schlüsselwort. Es wird das neue fremdsprachliche Wort mit bereits bekanntem Wissen, also dem Schlüsselwort, verknüpft. Aus dem Schlüsselwort und der Bedeutung, also der Übersetzung der Vokabel, wird ein Mentalbild, also ein Bild im Geist erstellt.Karsten, S. 179 Bei dem Mentalbild, das als Eselsbrücke dient, handelt es sich um einen kurzen Satz, in dem sowohl das Schlüsselwort oder auch mehrere Schlüsselwörter als auch die Übersetzung der neuen Vokabel eingearbeitet sind. Die Schlüsselwörter können auch aus einer beliebigen anderen Sprache kommen, sogar aus der zu erlernenden Sprache selbst.Bien, S. 134–135.
Beispiele für Vokabeln aus 20 Sprachen Die einzelnen Fremdsprachen sind in der Auflistung in alphabetischer Reihenfolge angeordnet. Alle aufgeführten Beispiele sind zumindest sinngemäß aus der Fachliteratur entnommen, wobei die Mentalbilder von den Fachbuchverfassern als Vorschläge gedacht sind.Belegungen bei Bien, S. 133–135; Karsten, S. 179–183; Krueger, S. 13–219; Possin, S. 116–119; Stenger, S. 164–165. SpracheWortÜbersetzungSchlüsselwort bzw. SchlüsselwörterMentalbildArabischsarakastehlensah, RackerIch sah den Racker etwas stehlen.ChinesischhútòngGasseHutDurch die Gasse fliegt ein Hut.ChinesischshuāngFrostSchuh, AngelDurch den Frost hängt ein Schuh an der Angel.EnglischbileGalleBeilEin wutschnaubender Mann, dem die Galle überläuft, tobt mit einem Beil herum.EnglischdesertWüsteDeserteurEin Deserteur flieht aus der Kaserne und verschwindet in der Wüste.EnglischhoseSchlauchHoseDiese Jeans-Hose sitzt wie ein enger Schlauch an meinem Körper. EnglischmiceMäuseMaisDie vielen Mäuse knabbern alle Mais.EnglischtableTischTablettAuf dem Tisch steht ein Tablett.EsperantomieloHonigMieleEine Waschmaschine der Marke Miele ist mit Honig beschmiert.EsperantoprunoPflaumeBrunoVorstellung, wie Bruno mit Genuss eine Pflaume isst.FinnischhyttynenMückeHütte, DünenEs steht eine Hütte auf den Dünen; ich öffne die Tür und es schwirren lauter Mücken heraus.FinnischkummitusGespenst„Kumm mit us“Wir laden das einsame Gespenst ein und sagen: „Kumm mit us.“ – Verfremdete deutsche Wörter oder Dialektwörter sind auch möglich.FranzösischadmirerbewundernAdmiral Der Admiral (militärischer Dienstgrad und auch Schmetterlingsart) wird von allen bewundert.FranzösischchienHundSchiDer Hund rast auf Schiern ins Tal.FranzösischlilasFliederlilaIch denke an duftende lila Fliederzweige.FranzösischrotRülpserrotAls ihm ein Rülpser beim Geschäftsessen entwischt, wird er rot.GriechischmajóBadehoseMayonnaiseBeim Anziehen der Badehose ist sie voller Mayo.GriechischneróWasserNeroKaiser Nero umgibt sich bei Auftritt mit den tollsten Wasser-Spielen. HebräischorLichtOhrMan sieht einen Menschen, bei dem Licht aus dem Ohr scheint.HebräischniagáraToilettenspülungNiagarafälleVorstellung, dass beim Betätigen der Toilettenspülung das ganze Bad wie von Niagarafällen überflutet wird.ItalienischbordoRandBordWenn man über Bord geht, stürzt man über den Rand des Schiffes.ItalienischcrostinoToastkross, TinoKross mag Tino seinen Toast am liebsten.ItalienischcalmareberuhigenCalamaresIch beruhige mich in einem italienischen Restaurant mit Calamares.KisuahelihundiScheckHundEin Hund schnappt sich den Scheck und läuft damit fort.Kisuahelimeza (z als s gesprochen)TischMesserVorstellung, wie ein Messer im Tisch steckt.KisuahelisanasehrSahneDas Essen schmeckt sehr gut, weil die Köchin überall viel Sahne hineingegeben hat.KroatischsobaZimmersauberDieses Zimmer ist endlich sauber.Kroatischtvrdhartdie FritteMan beißt auf die Fritte und merkt, dass sie sehr hart ist.LateinischancoraAnkeran, CoraAn Cora gefällt mir ihre Ankerkette.LateinischaraAltarAraEin grüner Ara fliegt in die Kirche und landet auf dem Altar.LateinischcubareliegenKuh, BahreDie Kuh liegt auf der Bahre.NiederländischformulierFormularFormular, BierVorstellung, über das Formular ein Bier zu kippenNiederländischondernemingUnternehmenUnternehmen, Omelett, MingIn diesem Unternehmen wirft jemand mit Omeletts herum und zerbricht eine Ming-Vase. – Auch die Verwendung von Lauten und Silben verschiedener Schlüsselwörter ist möglich (wem es gefällt).NorwegischheisAufzugheißIm Aufzug ist es ungewöhnlich heiß.NorwegischsengBettengDas Bett ist sehr eng.PortugiesischbílisGallebilligMir kommt die Galle hoch, weil ich das Auto so billig verkaufen muss.RussischprowodníkSchaffnerprosten, Wodka, nickenDer russische Schaffner prostet mit Wodka und nickt allen zu.RussischsadGartensattIn einem Garten fressen sich alle Vögel satt.SchwedischhinkEimerhinkenVorstellung, dass einem der Eimer auf den Fuß gefallen ist und man hinktSchwedischglassEisGlasEs schmiert jemand Eis ans (Fenster-)Glas.SpanischabejaBieneaber, ja„Aber ja!“, sagte die Biene.Spanischbaratobilligbar, RateBar zahle ich die Rate, denn sie ist billig.SpanischbocaMundBock (z. B. Ziegenbock)Vorstellung, wie mir ein Ziegenbock über den Mund leckt.SpanischcaspaSchuppen (auf dem Kopf)KasperKasper fliegen die Schuppen stark aus dem Haar, weil er sich schüttelt wie verrückt.SpanischcorbataKrawatteKorb, AtaIm Korb liegt Ata neben der Krawatte, um sie zu waschen.SpanischfaldaRockfall, daFall da nicht hin in deinem neuen Rock.SpanischfirmaUnterschriftFirmaNach einem Missverständnis hat jemand seine Unterschrift auf das Gebäude der Firma gesetzt.TamilischerudaschreibenRuderVorstellung, Notizen auf ein Ruder zu schreibenTürkischbalHonigBallEin Ball fällt in den Honig.TürkischharikawunderbarHaar, ErikaDas Haar von Erika ist wunderbar.
Geschichtliche Entwicklung der Schlüsselwortmethode Altes Griechenland und altes Ägypten Bereits um 500 v. Chr. schlägt ein anonymer griechischer Verfasser in der Dialexeis vor, „sich einen fremden Namen zu merken, indem man ihn in Teilstücken auf das setze, was man schon wisse.“Krueger, S. 239 So heißt es: „Z. B. du sollst den Χρύσιππος (Chrysippos) lernen. So setze ihn auf Χρυσóς (Gold) und ἵππóς (Pferd). Oder Πυριλάμπος (Pyrilámpos) zu setzen auf Πύρ (Feuer) und Λάμπειν (leuchten).“Krueger, S. 240 So sollten fremde Namen und Fremdwörter durch lautähnliche Ersatzwörter gemerkt werden, was einen Anfang der Schlüsselwortmethode bedeutet.
Auch in der Entwicklung der Schrift im alten Ägypten erkennt man bereits mnemotechnische Ansätze der Schlüsselwortmethode, besonders aber den „Entwicklungsschritt, die phonetischen Anlaute oder ganze Silben als Bildsymbole in die Hieroglyphen zu integrieren und zu neuen Wörtern zu kombinieren.“Krueger, S. 240
Johannes Buno – 1651 mini|300px|Johannes Buno: Neue Lateinische Grammatica von 1651 – Tafel 9, Bild 8 (vor S. 209)Johannes Buno: Neue Lateinische Grammatica, zwischen S. 208 und S. 209 Tafel 9 mit allen 13 Bildern Der deutsche Theologe und Pädagoge Johannes Buno (1617–1697) veröffentlichte 1651 seine Neue Lateinische Grammatica in Fabeln und Bildern. In diesem Werk verwendet er zahlreiche mnemotechnische Bilder, durch die sich Grammatik und Vokabeln visualisieren und leichter einprägen und lernen lassen. Buno stellte die mit seiner Grammatica erzielten Erfolge öffentlich unter Beweis, indem er durch die mnemotechnische Verbilderung der Vokabeln seinen Schülern binnen zwei Monaten über 2000 Vokabeln beibrachte.Krueger, S. 237
Johann Heinrich Döbel – 1707 mini|links|Johann Heinrich Döbel: Collegium Mnemonicum, Titelseite – 1707 Johann Heinrich Döbel veröffentlichte 1706 sein Werk Geheimnisse Der Gedächtniß-Kunst gründlich fürgestellet So durch Mündliche Erklärung im Collegio Mnemonico vollkömmlich zu begreiffen sind. Das Nachfolgewerk Collegium Mnemonicum, Oder: Gantz neu eröffnete Geheimnisse Der Gedächtniß-Kunst erschien 1707. Darin schreibt er:
„Die unbekanten Wörter werden behalten (1.) Wenn man in der Sprache / die bekant ist / ein gar gleiches oder mehrentheils gleiches Wort suchet; e. g. wenn ich das Französische Wort L'air oder die Luft behalten wolte / nehme ich an statt dessen das Teutsche Wort Leer und heffte es an Aaron, oder eine andere Person auff folgende Weise: Aaron künstelt ein güldenes Kalb und setzet es in ein leer Gefäß. (2.) Wenn ich dergleichen Wörter erfinde / welche mit dem unbekanten Wort überein kommen / theile ich das unbekante Wort / und mache über einen jeden ein Bildniß. Als Alabandenſis (ein Philoſophus beym Cicerone) ist getheilet in Ala„Flügel“ heißt auf Lateinisch ala. oder ein Flügel / band und Enſis„Schwert“ heißt auf Lateinisch „ensis“. oder ein Schwerdt. Das Polnische Wort RencafKrueger, S. 236, vermutet rękaw (Aussprache: reŋkaf) für Ärmel ist getheilet in rein oder lauter / und Kaff oder Spreu; hernach werden solche Theilungen an Aaron und Æneas & c. auff folgende Weise gehefftet: Aaron künstelt ein güldenes Kalb mit einer Ala und band daran ein Enſis, oder er setzete es in rein Kaff.“Döbel, S. 18
In den Verbildlichungen verwendet Döbel allerdings im Gegensatz zur heutigen Verwendung der Schlüsselwortmethode noch nicht die deutschen Bedeutungen der fremdsprachlichen Vokabeln. Die Schlüsselwörter verknüpft er mit dem Ort von Aarons Goldenem Kalb aus dem biblischen Buch Exodus. Diese biblische Szene war ein imaginärer Ort in Döbels Gedächtnispalast „Döbelsche Stuben“. Döbel war also mit den Mnemotechniken von Johannes Buno bestens vertraut und verteidigte diese auch in seinem Collegio Mnemonico „wegen der mächtigen Hülffe vors Gedächtniß“.Krueger, S. 236
Carl Otto Reventlow – 1847 mini|350px|Carl Otto Reventlow: Praktisches Lehrbuch der Mnemotechnik von 1847, Seite 301 – Liste mit lateinischen Wörtern, Schlüsselwörtern und Übersetzungen Carl Otto Reventlow, der eigentlich Carl Christian Otto hieß, veröffentlichte 1847 nach bereits mehreren früheren Veröffentlichungen zur Mnemotechnik nun unter dem Namen Carl Otto sein Praktisches Lehrbuch der Mnemotechnik oder Gedächtniskunst. Auf den Seiten 266–283 sind Vokabellisten mit fast 400 altgriechischen Wörtern und auf den Seiten 283–303 mit über 470 lateinischen Wörtern aufgeführt.
Die Auflistungen zeigen, dass Carl Otto Reventlow schon sehr nahe am heutigen Verständnis der Schlüsselwortmethode dran war. Er tauscht die griechische bzw. lateinische Vokabel durch ein ähnlich klingendes vorwiegend deutsches Wort aus und „nutzt es als Anhaltspunkt für die Verbindung mit ihrer Bedeutung. Dabei zielt er nicht auf mentale Bilder ab, sondern auf mehr oder weniger natürliche, logische Wortassoziationen.“Krueger, S. 235 Meistens zeigt Reventlow zu den deutschen Bedeutungen nur die Schlüsselwörter, verwendet das übersetzte Wort gelegentlich auch in Wendungen. Im Unterschied zum heutigen Verständnis der Schlüsselwortmethode sind die Assoziationen allerdings nicht bewusst seltsam, absurd und lustig gehalten.
John Henry Bacon – 1867 Der Theologe John Henry Bacon aus Cumberland, England, beschrieb im Jahr 1862 die Anwendung der Schlüsselwortmethode, die er als Phonetic Link Method bezeichnete.Desrochers/Begg, S. 56 In seinen Ausführungen geht es um das Erlernen von französischen Vokabeln: