mini|Karte des Pogroms in Istanbul
Der Pogrom von Istanbul (griechisch Σεπτεμβριανά, „Septemberereignisse“; türkisch 6–7 Eylül Olayları, „Ereignisse vom 6. zum 7. September“) bezeichnet gewalttätige Ausschreitungen gegen die christliche, vor allem griechische Minderheit in Istanbul, IzmirMichael Knüppel: Die Türkisch-Orthodoxe Kirche. Pontus Verlag, Mönchengladbach 1996, ISBN 3980517802, S. 106Münchener Hochschule für Politische Wissenschaften (Herausgeber): Politische Studien. Olzog Verlag, 1964, S. 560Wolfgang Freund (Hrsg.): Orient Nr. 1/1992. Deutsches Orient-Institut, Hamburg 1992, ISBN 3-89173-024-1, S. 128 und in Ankara in der Nacht vom 6. auf den 7. September 1955. Den Verbrechen fielen auch türkische Juden und Armenier zum Opfer.
Dabei wird eine staatliche Initiative und Unterstützung als gesichert vorausgesetzt.Eine Studie von Dilek Güven zum Privatarchiv des damaligen obersten Militärrichters im Ausnahmezustand, Konteradmiral Fahri Çoker, geht von einer zentralen staatlichen Planung der Ereignisse aus. In einer dreiteiligen Serie fasst die Tageszeitung Radikal die Studie zusammen: Teil 1, und .Thomas Seibert: Heikler Jahrestag für Ankara. Antigriechischer Pogrom wird neu aufgearbeitet. In: Der Tagesspiegel vom 7. September 2005 (Artikel zum 50. Jahrestag)
Während türkische Zeitungen damals von 11 Toten sprachen,Yeni Sabah 8. September 1955, Hürriyet 8. September 1955, Cumhuriyet 8. September 1955 gehen neuere Untersuchungen von 15 Toten ausHelsinki Watch Report, 1990, S. 50 (einschließlich zweier orthodoxer Priester und eines Armeniers).Speros Vryonis: The Mechanism of Catastrophe: The Turkish Pogrom of September 6–7, 1955, and the Destruction of the Greek Community of Istanbul. Greekworks.com, New York 2005, ISBN 0-9747660-3-8. Infolge der physischen Übergriffe, der Vernichtung der wirtschaftlichen Grundlagen und der Zerstörungen von allem in der Rue de Pera (heute Istiklal) verließen die meisten der rund 125.000 Griechen Istanbul.
Hintergrund Nach der Eroberung von Konstantinopel 1453 durch die Osmanen hatte die griechische Bevölkerung der Stadt weiter zugenommen. Sie bekleideten unter der Herrschaft der Sultane bedeutende Rollen im Sozial- und Wirtschaftsleben sowie in der Politik und Diplomatie. Auch nach der Unabhängigkeit Griechenlands 1829 änderte sich nichts daran. Allerdings kam es im Zuge der Unabhängigkeitsbewegung der im Osmanischen Reich verbliebenen Griechen, etwa auf Kreta, regelmäßig zu Auseinandersetzungen und Pogromen an der griechischen Bevölkerung.
Ermutigt durch die Niederlage des Osmanischen Reiches im Ersten Weltkrieg versuchte das Königreich Griechenland die Umsetzung der „Megali Idea“ (Großen Idee), indem es das Osmanische Reich angriff und den Griechisch-Türkischen Krieg begann mit dem Ziel, von Griechen bewohnte Territorien in Kleinasien und Ostthrakien einzuverleiben. Nach der Niederlage Griechenlands wurde im Vertrag von Lausanne 1923 ein radikaler Bevölkerungsaustausch vereinbart: Beinahe alle in der Türkei lebenden Christen (Griechen), etwa 1,5 Millionen Menschen, wurden nach Griechenland verschoben, und rund 500.000 Muslime (Türken) mussten Griechenland verlassen. Ausgenommen waren einerseits die Istanbuler Christen (Phanarioten) und Inselgriechen, andererseits die Muslime (u. a. Pomaken, d. h. bulgarische Muslime) in Westthrakien.
Nach dem Griechisch-Türkischen Krieg misstrauten sich beide Seiten. Die Istanbuler Griechen, die vom Bevölkerungsaustausch ausgenommen waren, begannen, Istanbul zu verlassen.
Ursachen Die Ursachen liegen teils im türkischen Nationalismus, der nach dem Untergang des Osmanischen Reiches aufkeimte, sowie im eskalierenden Zypernkonflikt. Auch erlebte die Bevölkerung einen sinkenden Lebensstandard durch einen Preisverfall für landwirtschaftliche Erzeugnisse auf dem Weltmarkt, Misswirtschaft und Korruption. Die Popularität der Regierung unter Ministerpräsident Adnan Menderes sank dramatisch. Eine Eskalation zwischen den Religionen wurde von der Regierung auch dadurch gefördert, dass sie sich vom Prinzip des Laizismus abwandte und einen islamischen Staat etablieren wollte. Menderes erläuterte dies folgendermaßen:Ahmet N. Yücekök: Türkiye’de Örgütlenmiş Dinin Sosyo-Ekonomik Tabanı. Ankara 1971, S. 93
Historiker und Politikwissenschaftler vermuten, dass der Staat bei der Planung des Pogroms mitwirkte und der Zypernkonflikt bewusst hochgespielt wurde. Demnach trafen die Ereignisse die griechische Gemeinde Istanbuls ohne eigenes Zutun. In ihr glaubte die damalige Regierung den Sündenbock für die wirtschaftlichen und politischen Missstände gefunden zu haben.
Verbindung zum Zypernkonflikt
Der Pogrom wurde durch den Zypernkonflikt intensiviert.
Die Osmanen hatten 1878 Zypern an das Vereinigte Königreich verpachten müssen (siehe auch Geschichte Zyperns unter britischer Herrschaft). 1914 wurde die Insel von britischen Truppen annektiert und 1925 zur Kronkolonie erklärt. Bereits 1878 versuchten die Zypern-Griechen unter Erzbischof Sophronios den Anschluss Zyperns an Griechenland, die sogenannte „Enosis“ (griech.: Ένωσις), durchzusetzen. In dieser Zeit gab es mehrere Revolten, die von den britischen Besatzungstruppen niedergeschlagen wurden.
Im April 1955 strengte die „Griechisch-Zypriotische nationale Organisation der zypriotischen Kämpfer“ EOKA einen bewaffneten Kampf gegen die auf Zypern stationierten Streitkräfte der britischen Kolonialmacht sowie die seit der osmanischen Eroberung dort lebende Minderheit der Zypern-Türken an. Die seit 1954 gegründeten Bewegungen „Nationale Union der Türkischen Studenten“, „Nationale Föderation der Türkischen Studenten“ und „Zypern ist Türkisch“ nutzten die Aktivitäten der EOKA in Zypern, um gegen die Mehrheit der Griechen und das Ökumenische Patriarchat von Konstantinopel zu protestieren.
Im Jahr 1955 versuchte die türkische Regierung, unterstützt von der türkischen Presse, immer wieder Türken gegen Griechen aufzuhetzen, um die Ernsthaftigkeit der türkischen Ansprüche auf Zypern zu unterstreichen. Einige Wochen vor den Ereignissen vom 6./7. September 1955 hielten einige türkische Politiker griechenfeindliche Reden. Am 28. August behauptete Menderes, die griechischen Zyprioten würden ein Massaker gegen die türkischen Zyprioten planen.
Verlauf Am 6. September 1955 berichtete der türkische Rundfunk, im Geburtshaus des türkischen Staatsgründers Kemal Atatürk in der nordgriechischen Stadt Thessaloníki sei eine Bombe explodiert. Sofort druckte die Tageszeitung İstanbul Ekspres eine Sonderausgabe mit dem Titel: „Das Haus unseres Vaters wurde bombardiert“. Als Schuldige machte das Blatt die Griechen aus. Atatürks Geburtshaus war schon damals ein Museum und befand sich auf dem Gelände des türkischen Konsulats. Daher hat die Forschung inzwischen auch von einem „Bombenattentat auf das türkische Konsulat“ gesprochen.Klaus Detlev Grothusen, Winfried Steffani, Peter Alexander Zervakis: Zypern. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1998, ISBN 3525362080, S. 86.
Der Zeitpunkt des Attentats war offenbar gewählt worden, um die seit dem 29. August 1955Wolfgang Freund (Hrsg.): Orient Nr. 1/1992. Deutsches Orient-Institut, Hamburg 1992, ISBN 3-89173-024-1, S. 127. tagende und noch nicht abgeschlossene Londoner Dreiparteien-Konferenz zu torpedieren, die über den Zypernkonflikt diskutierte. Die von der britischen Regierung eingeladene Dreierkonferenz sollte ein friedliches Miteinander von Griechen, Türken und Engländern, die eigene Interessen verfolgten, im Mittelmeerraum erzielen. Jedoch versuchte die britische Regierung während der Konferenz, Griechen und Türken gegeneinander auszuspielen, ohne die Lage durch eine militärische Auseinandersetzung zwischen den beiden Staaten zu eskalieren.Wolfgang Freund (Hrsg.): Orient Nr. 1/1992. Deutsches Orient-Institut, Hamburg 1992, ISBN 3-89173-024-1, S. 125. Der Pogrom unterbrach die Konferenz.
Der türkische Nobelpreisträger Orhan Pamuk berichtete in seinem Buch Istanbul: Erinnerungen an eine Stadt, der türkische Geheimdienst habe hinter der Aktion gestanden,Orhan Pamuk: „Istanbul“. Erinnerungen an eine Stadt. Hanser, München 2006, ISBN 3-446-20826-7. während der Ökumenische Rat der Kirchen in Österreich „türkische Provokateure“ vermutete und berichtete, dass im Garten des Atatürk-Hauses zwar eine Ladung Dynamit explodiert sei, jedoch nur Sachschaden angerichtet worden sei.
In Istanbul Der zu dieser Zeit gegründete nationalistische Verein Kibris Türktür Cemiyeti (dt. Zypern ist türkisch) verteilte und verkaufte in ganz Istanbul die Sonderausgabe der Istanbuler Express-Zeitung. Die Mitglieder versuchten mit Hilfe der Eilmeldung Propaganda für sich zu machen, Erregung zu schüren und das Volk hinter sich zu bringen.
Der Pogrom selber war offenbar von langer Hand geplant, denn die nationalistisch-religiös aufgewiegelten Schläger kamen am 6. September mit verschiedenen Verkehrsmitteln von weit her. Diese Tatsache wurde unter anderem deutlich, als Behörden nach den Gewaltexzessen am Bahnhof Haydarpasa Plünderer stellten, die mit ihrem Raubgut in ihre Heimatstädte İzmit und Adapazarı zurückfahren wollten. Zudem hatten sich die Anführer der Extremisten Wochen zuvor aktuelle Listen mit den Adressen von Häusern und Arbeitsplätzen von Christen besorgt.
Gegen 18 Uhr begann in Istanbul ein Zug von angeblich 250.000 Personen durch die Straßen zu ziehen und zu marodieren. Nicht nur von auswärts kommende Schläger übten Gewalt aus, sondern auch Istanbuler Bürger beteiligten sich als Helfer, Täter bzw. Mitläufer. Muslimische Bewohner Istanbuls sollen in jener Nacht ihre Häuser mit der Landesfahne beflaggt haben, um dem marodierenden Mob zu offenbaren, welches Haus zu schonen sei bzw. welches sie angreifen konnten.Cem Özdemir: Die Stadt meiner Mutter. In: Der Tagesspiegel, 30. November 2003. In einigen Fällen hatten Helfer des Pogroms Häuser mit der Aufschrift „Kein Türke“ versehen, um darauf hinzuweisen, dass diese zur Plünderung offenstanden.
Morde, etwa 400 Vergewaltigungen»Oh, du bist noch am Leben!« in: Die Zeit, 4. September 2025. und schwerste Misshandlungen, unter anderem Zwangsbeschneidungen, gingen mit der Zerstörung einher. Weiterhin zählte man in Istanbul 32 schwerverletzte Griechen. Von den insgesamt 80Herder-Korrespondenz. Monatshefte für Gesellschaft und Religion. Herder, Freiburg 1955, S. 125. orthodoxen Kirchen in und um Istanbul wurden zwischen 60 und 72 „mehr oder weniger beschädigt“ bzw. in Brand gesetzt. Zu den beschädigten Gotteshäusern gehörte auch die Marienkirche, die einst der Eroberer Konstantinopels, Mehmed II., seinem griechischen Architekten Christodulos geschenkt hatte.Steven Runciman, Peter de Mendelssohn (Übersetzung): Die Eroberung von Konstantinopel 1453. C. H.Beck, München 2005, ISBN 3406025285, S. 209. Neben den Kirchen wurden mehr als 30 christliche Schulen in Brand gesetzt. Weiterhin schändete der Mob christliche Friedhöfe, Gebeine der Geistlichkeit, verwüstete rund 3.500 Wohnhäuser, 110 Hotels, 27 Apotheken und 21 Fabriken und mehr als 4.000 bis 5.000 Läden und Geschäfte. In den Wirren des Pogroms wurden auch Geschäfte von Muslimen angegriffen. Bei den Ausschreitungen gegen die Minderheiten sah die Polizei untätig zu bzw. duldete sie wohlwollend. Der Ökumenische Patriarch Athenagoras I., Oberhaupt der orthodoxen Christenheit, harrte im Phanar aus, der zwar belagert, aber nicht gestürmt wurde.
Der schnelle Transport der Schläger innerhalb der Stadt wurde mit PKW, Taxis, LKW und Bussen, aber auch mit Dampfern und militärischen Transportmitteln gewährleistet.
In Izmir In Izmir fanden ähnliche Ereignisse statt wie in Istanbul. Der Stadtgouverneur Kemal Hadimil wurde später als Initiator der Ausschreitungen bezeichnet und soll von örtlichen Pogrombefürwortern auf den Schultern getragen worden sein. Die Aggressionen wurden schneller beendet als in Istanbul, dem Zentrum der Gewalt.
In Ankara