Ischgl () ist eine Gemeinde in Tirol (Österreich) mit Einwohnern (Stand ). Die Gemeinde liegt im Gerichtsbezirk Landeck an der Grenze zur Schweiz.
Auf knapp 1400 Metern Höhe im Paznaun gelegen, ist der Ort bekannt für sein Skigebiet Silvretta Arena mit 238 Kilometern Piste und 45 Liftanlagen, das mit der schweizerischen Gemeinde Samnaun verbunden ist. Das einstige Bergbauerndorf verwandelte sich im 20. Jahrhundert in eine Hotelsiedlung, die den Massentourismus bedient. In der Skisaison finden dort zahlreiche Après-Ski-Partys und Konzerte verschiedener internationaler (Schlager-)Stars statt, zu denen bis zu 25.000 Besucher kommen. Im Jänner 2020 kamen auf 1.600 Einwohner knapp 12.000 Betten für Touristen in 390 Hotels. Durch die COVID-19-Pandemie wurde Ischgl im März 2020 weltweit bekannt, nachdem von dem Ort eine der ersten großen Anhäufungen von Ansteckungen mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 in Europa ausging (siehe COVID-19-Pandemie in Ischgl).
Geographie Lage Ischgl liegt auf im Paznaun, einer Talung im äußersten Westen von Nordtirol, zwischen den Gebirgsgruppen Silvretta und Verwall. Durch das Gemeindegebiet fließt die Trisanna. Beim Hauptort Ischgl und der Ortslage Brand mündet der Fimbabach in die Trisanna. Der Bürkelkopf mit bildet den höchsten Punkt der Gemeinde.
Klima Ischgl gehört der gemäßigten Klimazone an und liegt im Grenzbereich zwischen atlantischem, kontinentalem und mediterranem Einfluss. Die Kettengebirge wirken als Wetterscheiden, an denen Föhneffekte wirksam werden können. Die zentralalpinen Hochtäler sind aufgrund der Höhenlage rau, aber sonnenscheinreich und haben vergleichsweise geringere Niederschläge als die nord- oder südalpinen Staulagen. Die durchschnittliche Jahrestemperatur in Ischgl beträgt 4,9 °C. Die wärmsten Monate sind Juli und August mit durchschnittlich 13,6 °C beziehungsweise 13,1 °C und die kältesten Jänner und Februar mit −4,1 °C beziehungsweise −3,1 °C im Mittel. Der meiste Niederschlag fällt im August mit durchschnittlich 122 Millimetern, der geringste im Februar mit durchschnittlich 43 Millimetern.
Gemeindegliederung Das Gemeindegebiet umfasst eine einzige, gleichnamige Katastralgemeinde und gliedert sich in zwei Ortschaften (Einwohnerzahl Stand ): Ischgl ( Einwohner) mit den Ortsteilen Ebene, Fimbatal, Pasnatsch, Paznaun, Paznauntal, Platt, Vergröß, Versahl und Waldhof Mathon ( Einwohner) mit den Ortsteilen Piel und Valzur
Nachbargemeinden Drei der sechs Nachbargemeinden liegen im Bezirk Landeck, zwei in der Region Unterengadin/Münstertal, Kanton Graubünden (Schweiz).
Geschichte mini|Ischgl um 1890
Ischgl ist im Bereich Tirol und Vorarlberg ein Grenzort des alemannischen Dialektraums, einerseits zwischen Höchstalemannisch und Bairisch, andererseits zwischen Höchstalemannisch und Vallader.Eveline Elisabeth Vogt: Alemannisch-bairische Interferenzen im Dialekt des Tiroler Paznauns: eine Annäherung an Mundartgrenzen. Entwicklung, Verlauf, Beurteilung – „uf Goltir, in Ischgl, par Koppla und bam Sea“. Wien, Universität, Diplom-Arbeit, 1997.
Von der Besiedlung bis zum 19. Jahrhundert Das einstige Bergbauerndorf (Yscla, rätoromanisch für „Insel“)Chr. Hauser: Der Dorfname Ischgl. In: Extra-Beilage Bote 211, 1894, S. 89–97. wurde im frühen Mittelalter von Rätoromanen aus dem Engadin und im 13. Jahrhundert von den Walsern besiedelt. Eine befahrbare Verbindung ins Tiroler Oberinntal existierte nicht, so dass Ischgl wirtschaftlich eher mit dem Engadin und Vorarlberg verbunden war und auch Handel mit dem Vinschgau, Schwaben und Bayern trieb. Dazu kam ein Privileg des Erzherzogs Siegmund aus dem Jahre 1460, das es Ischgl erlaubte, zollfrei Vieh in bestimmte Gegenden zu exportieren und dafür zollfrei Getreide einzuführen. Ab 1505 kam das Recht auf Einzug eines Wegegeldes hinzu mit der Auflage, die Wege vom Engadin weiter über das Zeinisjoch ins Montafon instand zu halten.
Bereits im 17. Jahrhundert wurde der Handel weniger, weil sich das Engadin von Tirol löste und damit die Beziehungen lockerer wurden. Nachdem sich Mitte des 18. Jahrhunderts der Jamtaler Ferner so weit vergrößert hatte, dass der Weg nicht einmal mehr mit Saumpferden passierbar war, kam der Handel zum Erliegen. Da im Jahr 1622 der Ort durch die Engadiner gebrandschatzt wurde, wurden für fünf Jahre alle Steuern erlassen.Michael Fritz:
Steuerkataster sind für die Jahre 1697 (Tiroler Landesarchiv Kat. 45/1) und 1775 überliefert. Im Jahr 1849 wurden Ischgl und Galtür endgültig mit dem Gericht Landeck vereinigt.Abriss der Chronik, abgerufen am 18. April 2020.
Im Jahr 1852 wurde die Ischgler Musikkapelle gegründet, die erst ab 1904 ein Probelokal in der Volksschule nutzen konnte.Chronik der Musikkapelle Ischgl, abgerufen am 9. April 2020. Im 19. Jahrhundert begann eine starke Abwanderung,J. Öttl: Auswanderung aus Ischgl. O. Kolp. Ischgl (Stadtarchiv) 2007. bei der Familien bis nach Amerika kamen.Heidrun Traxl: Staying or Leaving? Some aspects of Tyrolean immigrants to the United States of America, Studienarbeit Univ. Wien 2011, S. 59 f. (pdf.) Durch Rückgang des Handels konnte die Bevölkerung im kargen Tal nicht mehr ernährt werden. Viele Bewohner verließen die Region, und Kinder wurden als Arbeitskräfte in die Fremde geschickt (siehe Schwabenkinder).
Zum Ende des 19. Jahrhunderts tat sich mit dem Tourismus eine neue Einnahmequelle auf. In den 1880er-Jahren errichteten Sektionen des Österreichischen Alpenvereins (ÖAV) und des Deutschen Alpenvereins (DAV) mehrere Schutzhütten in der Gegend (siehe auch Liste der ÖAV-Hütten und Liste der DAV-Hütten).
Erste Hälfte des 20. Jahrhunderts Während des Ersten Weltkriegs fielen 23 Personen aus Ischgl, und 3 wurden vermisst; im Zweiten Weltkrieg waren es 30 Gefallene und 7 Vermisste.Abriss der Chronik, abgerufen am 18. April 2020. Am 24. und 25. Juli 1938 fanden in Tirol zahlreiche Heldengedenkfeiern statt, auch aus Ischgl lag ein Bericht vor.Erinnerungsfeste -"Märtyrer" der Partei - Heldengedenken, aufgrund: Deutsche Volkszeitung vom 28. Juli 1938, S. 10, abgerufen am 18. April 2020. Von 1943 bis 1945 gehörten Ischgl und Galtür zu den Zielen der Kinderlandverschickung,Peter Hupertz: Kinderlandverschickung. Meine Zeit von 1940 bis 1945, in: Senioren-Internettreff, Campus Gummersbach Fachhochschule Köln, abgerufen am 18. April 2020. konkret aus Essen-Steele.Nicole Mause: Abenteuer, Saufraß und Flaggenappell: die "Erweiterte Kinderlandverschickung" der Carl-Humann-Schule in Essen-Steele nach Galtür und Ischgl (1943–1945), Essen 2000, ISBN 3-00-006118-5. Anscheinend war die Region bis 1945 von Kriegshandlungen weitgehend verschont geblieben. Am Ende des Zweiten Weltkriegs trafen am 6. Mai 1945 im Paznaun die amerikanischen Truppen bei Ischgl auf französische Einheiten, die über das Zeinisjoch aus dem Montafon gekommen waren. Anfang Juli 1945 übergaben die Amerikaner das Gebiet den französischen Truppen, die hier bis zum Österreichischen Staatsvertrag 1955 die Kontrolle ausübten.Othmar Kolp: Landeck: Die letzten Stunden des Krieges, in: meinbezirk.at, abgerufen am 18. April 2020.
Zunehmender Wandel zum Tourismusort mini|Après-Ski-Bar in Ischgl
Das einstige Bergbauerndorf durchlief in den letzten Jahrzehnten eine Entwicklung hin zu einem zunehmend touristischen Skigebiet. Infolgedessen wurden in Ischgl zahlreiche Hotels errichtet. Der Ort gilt heute mit seinen zahlreichen Après-Ski-Veranstaltungen als Beispiel für Massen- und Veranstaltungstourismus und wird daher auch als „Ibiza der Alpen“ bezeichnet.Tiroler Tageszeitung online: Corona-Krisenmanagement in Tirol: Politisches Nachspiel in Causa Ischgl folgt.
Die Anfänge von Skischule und Tourismusverband reichen in das Jahr 1929 zurück. Erwin Aloys (1910–2002) war einer der ersten Skilehrer in Ischgl sowie Hüttenwirt auf der Heidelberger Hütte. Er erbaute das Hotel Madlein und war langjähriger Bürgermeister von Ischgl. Der Volksschuldirektor Josef Parth (1921–2011) hatte gute Beziehungen zu deutschen Reiseveranstaltern und brachte damit in frühen Jahren viele Gäste in das noch unbekannte Ischgl. Seine Kontakte zu Landespolitikern waren beim Seilbahnbau von großer Bedeutung. Xaver Zangerl (1927–1997) war langjähriger Leiter der Skischule Ischgl.
Mitentscheidend für den Aufbruch in den 1960er-Jahren waren Rudolf Wolf und Franz Kurz.Ischgl: 50 Jahre Seilbahn auf news.at vom 24. Dezember 2013, abgerufen am 10. August 2018. Der Hotelier Günther Aloys, Sohn von Erwin Aloys, spielte unter anderem mit der Errichtung des ersten Designhotels in Ischgl eine Rolle beim internationalen Durchbruch Ischgls als Urlaubsort.Günther Aloys hat sein Heimatdorf zu einem reichen Wintersportort gemacht. In Die Berliner Zeitung am 7. Mai 1999, abgerufen am 10. August 2018. (PDF-Datei; 126 kB) Ischgl in Tirol Seit 1989 war Alfons Parth (* 1957) Obmann des Tourismusverbandes. Er prägte in dieser Zeit die Entwicklung von Ischgl maßgeblich, und während seiner Obmannschaft wurde Ischgl zum international bekannten Urlaubsort. auf Echo online, abgerufen am 10. August 2018 Sein Nachfolger ist seit Dezember 2019 der Hotelier Alexander von der Thannen (* 1971).
Nach Ausführungen von Altbürgermeister Erwin Aloys ist „der gesamte Besitz der politischen Gemeinde Ischgl […] 1968 und 1972 den Agrargemeinschaften Mathon und Ischgl übertragen worden, in Mathon unter der Einlagenzahl 133 und in Ischgl unter den Einlagezahlen 128 und 129. […] Im Grundbuch war lediglich die Kirche mit dem Friedhof, das Gemeinde- und Schulhausgebäude […] als Gemeindebesitz ausgewiesen.“Erwin Aloys: b'sinna. Hochseilakt über Ischgl; ein Pionier erinnert sich, Ischgl 1996, S. 121.
1976 wurde nahe der Gemeinde Ischgl der gleichnamige Meteorit „Ischgl“ gefunden. Dieser Meteorit ist einer von acht auf österreichischem Staatsgebiet gefundenen Festkörpern kosmischen Ursprungs, welche die Erdatmosphäre durchquert haben, den Erdboden erreichten und nach einem Ort in Österreich benannt wurden (vgl. Liste der Meteoriten Österreichs). Der Meteorit war mit einer frischen Schmelzkruste überzogen und wies kaum Spuren irdischer Verwitterung auf. Er gehört zur Klasse der Gewöhnlichen Chondrite (LL6) und enthält u. a. das relativ selten vorkommende Mineral Chlorapatit.Franz Brandstätter u. a.: The Ischgl meteorite, a new LL6 chondrite from Tyrol, Austria. In: Annalen des Naturhistorischen Museums in Wien. Band 115A, Wien am 15. Jänner 2013, S. 5–18 ().
Das Paznaun ist seit jeher hochgradig lawinengefährdet. In jüngster Zeit gab es in Ischgl Abgänge mit tödlichem Ausgang in den Jahren 1984, als ein Mann in einer Telefonzelle von einer Lawine begraben wurde,Philipp Mausshardt: Gefangen im Paznauntal. Vier Tage unter den Eingeschlossenen von Ischgl: Eine Begegnung mit Menschen und Lawinen, in: Zeit Online vom 4. März 1999, abgerufen am 31. März 2020. 2012,Ischgl: Lawine war nicht vorhersehbar, in: orf.at vom 17. Februar 2012, abgerufen am 31. März 2020. 2017Lawinenabgang in Ischgl: Österreicher verschüttet, in: rosenheim24.de vom 9. März 2017, abgerufen am 31. März 2020. und 2018.43-Jähriger von Lawine in Ischgl getötet, in: heute.at vom 4. Jänner 2018, abgerufen am 31. März 2020. Im Jahr 1999 ereignete sich wenige Kilometer entfernt die Lawinenkatastrophe von Galtür mit 38 Toten. Die Madleinlawine ist ein Lawinenstrich im Paznaun, die den Ort Ischgl bedrohte und regelmäßig, wie 1817 oder 1984, zu schweren Verwüstungen führte. Sie wurde mit einer über 35 Jahre dauernden sukzessiven Lawinenverbauung aufwändig gesichert, die 2010 fertiggestellt wurde.
Da sie einer Zufahrtsstraße zu einem Skilift im Wege stand, wurde im Jahr 2002 die denkmalgeschützte barocke Sankt-Gallus-Kapelle von Mitgliedern der Ischgler Agrargemeinschaft illegal abgerissen und durch einen Betonneubau in der Nähe ersetzt. Der damalige Bürgermeister und zwei weitere Beteiligte wurden dafür vom Tiroler Landgericht zu Geldstrafen verurteilt.sanktgallus.net, abgerufen am 25. April 2020.