Die 9K720 Iskander (russisch: 9К720 Искандер) ist ein fahrzeuggebundenes Raketensystem aus russischer Produktion. Es kann sowohl ballistische Kurzstreckenraketen (SRBM) als auch Marschflugkörper transportieren und starten. Die GRAU-Indizes für das Gesamtsystem lauten 9K720 und 9K723. Bei den russischen Streitkräften wird das System auch als Iskander bezeichnet. Die NATO-Codenamen lauten SS-26 Stone, SS-C-7 Southpaw und SS-C-8 Screwdriver.

Entwicklung Anfang der 1980er-Jahre entstanden in der Sowjetunion verschiedene Studien zu einem Nachfolgesystem der Kurzstreckenraketen R-17 Elbrus und OTR-23 Oka. Gefordert wurde ein taktisches Raketensystem mit hoher Geschwindigkeit und einer Reichweite von mindestens 400 km.Fiszer Michal & Gruszczynski Jerzy: Bolt From the Blue – Russian land-based precision-strike missiles. in: Journal of Electronic Defense 2003, Issue 1. Auch sollte das neue System in der zukünftigen vernetzten Kriegführung einsetzbar sein. 1987 wurde vom Ministerrat der UdSSR dem Konstruktionsbüro KBM der Entwicklungsauftrag erteilt. Chefkonstrukteur bei KBM war Sergei Nepobedimy. Grundlage der neuen Rakete war die auf der OTR-23 basierende Forschungsrakete Sfera.Schmucker Robert & Schiller Markus: Raketenbedrohung 2.0: Technische und politische Grundlagen. 2015. S. 353. Weiter griffen die Entwickler auf verschiedene Komponenten der 9K79 Totschka zurück.Schmucker Robert & Schiller Markus: Raketenbedrohung 2.0: Technische und politische Grundlagen. 2015. S. 354.Christopher F. Foss: Jane’s Strategic Weapon Systems – 38th Edition. Jane’s Information Group, 2003, S. 156–157. Die Raketentests mit dem als Iskander bezeichneten System wurden zwischen 1991 und 1997 auf dem Testgelände Kapustin Jar durchgeführt. Am 25. Oktober 1995 gab die Militärzeitung Krasnaja Swesda den offiziellen Abschluss der Raketentests bekannt. Noch während der ersten Tests mit den Prototypen wurde beschlossen, das Konzept in Richtung eines modularen Mehrzweck-Raketensystems für das russische Heer zu ändern, das 1993 genehmigt wurde. Die folgenden Arbeiten wurden innerhalb des Konstruktionsbüros KBM unter der Leitung von Oleg Mamaligi fortgesetzt. Ab dem Jahr 1996 wurden mit dem nun als Iskander-M bezeichneten System die ersten Teststarts durchgeführt. Finanzielle und technische Schwierigkeiten beim Hersteller verzögerten die Fertigstellung bis zum August 2004. Schließlich wurde im Jahr 2006 das Iskander-M-System beim russischen Heer eingeführt.

Im Jahr 1998 wurde das Konstruktionsbüro Nowator in Jekaterinburg mit der Entwicklung eines Marschflugkörpers für das Iskander-K-Raketensystem beauftragt. Die Entwicklung erfolgte unter dem Chefkonstrukteur Pawel Kemnjow. Der erste Teststart mit einem 9M728 (R-500)-Marschflugkörper erfolgte am 9. Mai 2007 auf dem Testgelände Kapustin Jar. Im Jahr 2013 wurde das Iskander-K-System beim russischen Heer eingeführt. abgerufen am 14. Mai 2023 Die Iskander-K-Ausführung mit dem verbesserten 9M729-Marschflugkörper wurde im Jahre 2017 beim russischen Heer eingeführt.

Versionen 9K115 Tender: 1. Prototyp installiert auf LKW BAS-6954. 9K720 Iskander: 1. Serienversion. NATO-Codename: SS-26 Stone-A. mit 9M720-Raketen mit einer Reichweite von 415 km und einer Nutzlast von 700–800 kg. 9K723 Iskander-M: 2. Serienversion. NATO-Codename: SS-26 Stone-B. mit 9M723-Raketen mit einer Reichweite von 480–500 km und einer Nutzlast von 700–800 kg. mit 9M723TL-Raketen mit Endphasen-Lenksystem (Projekt). Iskander-E: Exportversion. mit 9M723E-Raketen mit einer verringerten Reichweite von 280 km und einer Nutzlast von 482 kg. Iskander-K: mit zwei Startbehältern für Marschflugkörper 9M728 (R-500) mit einer Reichweite von 490 km. NATO-Codename: SS-C-7 Southpaw. mit vier Startbehältern für Marschflugkörper 9M729. Russischen Angaben zufolge hat dieser Marschflugkörper eine maximale Reichweite von 480 km. NATO-Codename: SS-C-8 Screwdriver.

Technik mini|Transport- und Ladefahrzeug 9T250 mit zwei 9M720-Raketen und eingeklapptem Kranausleger Die SS-26 erreicht eine deutlich höhere Zielgenauigkeit als ihre Vorgänger.

Fahrzeug Das System ist auf dem geländegängigen Lastkraftwagen MSKT-7930 untergebracht. Dieses Startfahrzeug trägt die Typenbezeichnung 9P78 bzw. 9P78E. Das System ist hochmobil und schnell verlegbar. Auf dem Dach des Fahrzeuges ist eine Satellitennavigation-Antennengarnitur installiert. Das Navigationssystem arbeitet mit einem Empfänger für die Satelliten-Navigationssysteme GLONASS und GPS. Es wird eine minimale Reaktionszeit aus voller Fahrt bis zum Raketenstart von rund 16 Minuten erreicht. Jedes Fahrzeug ist mit zwei 9M723-Raketen bestückt, die in einem Abstand von 40 Sekunden gestartet werden können. Für den Raketenstart werden die Raketen über das Fahrzeugheck in einem Winkel von 90° angestellt. Zum Komplex Iskander gehören weitere Fahrzeuge, darunter das Transport- und Ladefahrzeug 9T250, das ebenfalls auf dem MSKT-7930 basiert und zwei Raketen transportiert sowie mit einem Ladekran ausgestattet ist. Die vier weiteren Fahrzeuge des Komplexes basieren auf Lastwagen vom Typ KamAZ-43101. Es gibt ein Führungsfahrzeug 9S552, ein Wartungsfahrzeug zum Test der Rakete, ein Fahrzeug 9S920 für Koordinaten- und Informationsverarbeitung sowie ein Versorgungsfahrzeug für die Bedienungsmannschaft.

Iskander-M und -E: Ballistische Kurzstreckenraketen mini|Verschiedene Starts von 9M723-Raketen auf dem Raketenstartplatz Saryschagan im Jahr 2019 Die Ausführung 9K723 Iskander-M verwendet die ballistische Kurzstreckenrakete 9M723. Über diese Rakete gibt es nicht viele gesicherte Daten, verbreitete Daten sind zum Teil irreführend. Die 9M723-Rakete wird von einem einstufigen, kartuschierten Komposit-Feststofftreibsatz angetrieben. Der Raketenmotor hat eine Brenndauer von rund 25 Sekunden und beschleunigt die Rakete auf eine Geschwindigkeit von rund 2100 m/s. Die Steuerung erfolgt mittels einer Trägheitsnavigationsplattform, die wie bei der 9K79-Rakete während des gesamten Flugs aktiv ist. Die Kurskorrekturen erfolgen durch vier Strahlruder sowie vier trapezförmige Steuerflächen. Die Reichweitensteuerung erfolgt nicht durch Schubterminierung, sondern durch Anpassen der Flugbahn. Daher kann die Flugbahn der Raketen neben der üblichen Wurfparabel auch einer semi-ballistischen Kurve gleichen. Die minimale Einsatzdistanz beträgt nach offiziellen russischen Angaben 50 und die maximale 480 bis 500 km. Nach russischen Angaben erreicht die 9M723-Rakete einen Streukreisradius (CEP) von 30 bis 100 m. Neben russischen Quellen, die berichteten, dass die Reichweite der 9M723-Rakete problemlos auf über 500 km gesteigert werden könne, abgerufen am 14. Mai 2023 bezweifelten auch Nachrichtendienste der Vereinigten Staaten und der NATO die russischen Angaben zur maximalen Reichweite. Gemäß westlichen Nachrichtendiensten könnte die 9M723-Rakete, wenn sie z. B. mit einem Nukleargefechtskopf vom Typ AA-75 (Gewicht 372 kg) bestückt wird, eine maximale Reichweite von über 600 km erreichen. mini|Russische Streitkräfte beim Verladen einer Iskander-Rakete (2019) Gemäß russischen Medien und Herstellerangaben soll die 9M723-Rakete auch mit einem GLONASS-Satellitennavigationssystem sowie einem optoelektronischen 9E436-Endphasen-Lenksystem für einen Gelände-Kontur-Abgleich ausgerüstet werden können. Dieses enthält eine digitale Infrarot-Kamera, welche die Rakete im Zielendanflug selbstständig auf einen Punkt zusteuert, der zuvor auf einer digitalen Satellitenkarte markiert wurde. Mit diesem Zusatzsystem soll ein Streukreisradius (CEP) von rund 10 m erreicht werden. auf www.defense-update.comIskander – mobilní raketový systém odstrašování v místních konfliktech. auf www.blisty.cz Das Projekt wurde in den Jahren 2004 bis 2006 erwähnt. Danach berichteten russische Medien nichts mehr darüber. Ob das Satellitennavigationssystem und das Endphasen-Lenksystem fertig entwickelt wurden, ist nicht bekannt.

Die 9M723-Rakete verfügt über eine Reihe von Systemen zur Überwindung gegnerischer Abwehrmaßnahmen. In der Anfangsphase fliegt die Rakete in einer flachen semi-ballistischen Flugbahn. Bei der maximalen Einsatzreichweite der Iskander-E (rund 280 Kilometer) beträgt das Apogäum lediglich 40–50 km. Eine solch flache Flugbahn erschwert die Zielerfassung durch Suchradare. Während des Zielanfluges soll die Rakete nach dem Zufallsprinzip abrupte Ausweichmanöver mit einer Belastung von 25 bis 30 g durchführen können. Weiter können im Raketenrumpf sechs Kanister für Penetrationshilfen angebracht werden. Diese stoßen beim Zielanflug 9B999-Täuschkörper aus.GICHD: Explosive Ordnance Guide for Ukraine 2022. Geneva International Centre for Humanitarian Demining (GICHD), 1211 Genf, Schweiz, 2022. S. 144. Zusätzlich soll die Raketenoberfläche mit einer radarabsorbierenden Schutzschicht versehen sein.

Die 9M723-Raketen können mit unterschiedlichen Gefechtsköpfen bestückt werden, wobei der Gefechtskopf mit Streumunition den Standardgefechtskopf darstellt. In Abhängigkeit zum verwendeten Gefechtskopf veränderte sich die Bezeichnung der Rakete: 9M723-1K5 (9N722K)-Gefechtskopf für 54 Stück 9N730-Streumunition (Submunition) mit kombinierter Splitter- und panzerdurchschlagender Wirkung. Gewicht 610 kg. 9M723-1F (9N722F)-Splittergefechtskopf. Gewicht 610 kg. 9M723-1F1 (9N722F1)-Penetrationsgefechtskopf. Gewicht 610 kg. 9M723-1F2 (9N722F2)-Splitter/Brandgefechtskopf. Gewicht 610 kg. 9M723-1F3 (9N722F3)-Penetrationsgefechtskopf. Gewicht 610 kg. 9M723-1F4 (A2GZ)-Splitter/Brandgefechtskopf. Gewicht 410 kg. 9M723-1B (9N70 / AA106)-Nuklearsprengkopf mit variablen Sprengleistung. Gewicht 410 kg.

Weiter wird über verschiedene andere Gefechtsköpfe spekuliert wie ein Gefechtskopf mit Panzerabwehrminen zur Fernverminung, eine Aerosolbombe, selbstzielsuchende (intelligente) Submunition zur Panzerbekämpfung (Iskander: 72 Stück, Iskander-E: 54 Stück) sowie ein nicht-nuklearer EMP-Sprengkopf vom Typ Atropos.

Die Export-Rakete 9M723E hat eine verringerte Reichweite von 280 km und ist mit den 482-kg-Gefechtsköpfen der 9M79-Rakete bestückt. Damit verletzt die 9M723E-Rakete nicht die Export-Richtlinien des Missile Technology Control Regime (MTCR) welche Exporte von ballistischen Raketen mit einer Nutzlast von mehr als 500 kg sowie einer Reichweite von größer als 300 km verbietet.

+ Technische DatenSystem Iskander-M Iskander-E (Export)Raketen 9M723 9M723E Länge 6,95–7,2 m 7,28 m Rumpfdurchmesser 914 mm Spannweite 1500 mm Gewicht 3723–3783 kg 3800 kg Nutzlast 410–610 kg 482 kg Sprengkopf konventionell oder nuklear konventionell Einsatzreichweite 480–500 km 280 km Quellen:

Iskander-K: Marschflugkörper mini|9M728-Marschflugkörper kurz nach dem Start Die Ausführung Iskander-K verwendet Marschflugkörper vom Typ 9M727, 9M728 und 9M729. Westliche und russische Quellen gehen davon aus, dass diese Marschflugkörper auf dem seegestützten 3M14-Marschflugkörper basieren. Dieser Marschflugkörper wird von U-Booten und Schiffen eingesetzt und hat eine Reichweite von 1500 bis 2600 km. Demnach soll es sich bei den 9M728 und 9M729-Marschflugkörpern um fahrzeuggebundene Ausführungen des 3M14-Marschflugkörpers handeln, welche eine auf unter 500 km reduzierte Reichweite haben sollen. Westliche Nachrichtendienste nehmen jedoch an, dass die tatsächliche Reichweite der 9M728/9M729-Marschflugkörper bei bis zu 1500 km liegt. Ebenso geben auch russische Quellen an, dass die Reichweite der Marschflugkörper problemlos auf über 1000 km gesteigert werden kann.