Der Pardelluchs (Lynx pardinus), auch Iberischer Luchs genannt, ist ein äußerst seltener Luchs mit Habitaten in Spanien und Portugal. Lange als Unterart des im nördlichen Eurasien vertretenen Eurasischen Luchses geltend, wurde sein stammesgeschichtlicher Ursprung zwischenzeitlich allerdings in Europas Südwesten verortet und der Pardelluchs somit als eigenständige Art erfasst.

Seine Spezialisierung auf die Jagd nach Wildkaninchen (Oryctolagus cuniculus) in mediterranen Buschwäldern, deren Population nach einem Myxomatose-Ausbruch in den 1950er-JahrenAndre Deutsch: The Private Life of the Rabbit. R. M. Lockley, London 1964 kollabierte, resultierte zwischenzeitlich in einem zunehmend fragmentierten Verbreitungsgebiet des Pardelluchses bis hin zum Status als eine der am stärksten vom Aussterben bedrohten Katzenarten. Portugal und Spanien reagierten zur Jahrtausendwende mit einem Erhaltungszuchtprogramm,Hofrichter und Berger, S. 50. woraufhin sich die Population innerhalb von etwa 25 Jahren ca. verzwanzigfachte und der Status auf „gefährdet“ abgeschwächt wurde.

Name

Hinter dem Namensteil Pardel verbirgt sich ein historischer Begriff für den Leoparden, in Anspielung auf die im Vergleich zum Eurasischen Luchs kräftiger ausfallende, an die Großkatze erinnernde Fellzeichnung des Pardelluchses. Wie die letzte Silbe des Leoparden oder Geparden geht der Name Pardel auf das griechische Wort pàrdos zurück, seinerseits basierend auf der persischen Bezeichnung für die Parsis (Fars).Jamshid Ibrahim: Kulturgeschichtliche Wortforschung: persisches Lehngut in europäischen Sprachen. Harrassowitz, Wiesbaden 1991, S. 136.

Merkmale mini|Pardelluchs, Coto de Doñana Pardelluchse sehen dem Eurasischen Luchs sehr ähnlich. Wie dieser sind sie hochbeinig. Sie haben einen runden, katzentypischen Schädel und einen ausgeprägten Backenbart, der mit seinen fünf bis acht Zentimetern Länge ausgeprägter als beim Eurasischen Luchs ist. Pardelluchse haben den für Luchse charakteristischen Stummelschwanz. Welchen Vorteil Luchse aus der Entwicklung dieses kurzen und für Katzen nicht charakteristischen Schwanzes gezogen haben, ist bis heute ungeklärt. An den Enden der kleinen, dreieckigen Ohren finden sich drei Zentimeter lange Pinselhaare. Sie sind wie beim Eurasischen Luchs für die Hörfähigkeit dieser Luchse von Bedeutung. Beim Pardelluchs ließ sich anhand von Experimenten zeigen, dass der Verlust der Pinsel die Hör- und Ortungsfähigkeit einschränkt.

Pardelluchse sind wesentlich kleiner als die weiter im Norden verbreiteten Eurasischen Luchse. Mit einem Körpergewicht zwischen 9 und 15 Kilogramm wiegen sie weniger als zwei Drittel eines Eurasischen Luchses.Kalb, S. 155 Ihre Kopf-Rumpf-Länge beträgt 85 bis 110 Zentimeter. Das Fell ist meistens deutlicher und stärker gefleckt als das des nördlichen Verwandten. Es werden dabei zwei Farbvarianten unterschieden.Stubbe und Krapp, S. 1169. Der sogenannte Großfleckentyp weist auf seinem Fell etwa 12 Flecken mit einem durchschnittlichen Durchmesser von zwei Zentimetern auf. Häufiger ist jedoch der sogenannte Kleinfleckentypus, dessen Flecken nur einen Durchmesser von etwa einem Zentimeter haben. Das Fell ist insgesamt weniger dicht als beim Eurasischen Luchs. Die Grundfarbe des Fells ist ein rötliches Gelb. Bei dem Kleinfleckentyp entsteht durch die feine Tüpfelung der Eindruck, dass das Fell deutlich dunkler als beim Eurasischen Luchs sei.Stubbe und Krapp, S. 1179.

Verbreitungsgebiet Die ursprüngliche Verbreitung erstreckte sich wohl über das ganze Gebiet des heutigen Spanien und Portugals, ältere Autoren sprechen noch von Vorkommen auf Sardinien und in GriechenlandSo etwa Heinrich Rudolf Schinz: Systematisches Verzeichniß aller bis jetzt bekannten Säugethiere, oder Synopsis Mammalium nach dem Cuvier’schen System, Bd. 1, Solothurn 1844, S. 457. oder Westasien.Benedikt Kopezky: Naturgeschichte der Thiere in ihrer Anwendung auf Handel und Gewerbe mit vorzüglicher Berücksichtigung der europäischen Säugethiere. Wien 1851, S. 142. Sie rechneten gelegentlich auch Luchsvorkommen in den Karpaten zu dieser Art. Ein Fund eines bronzezeitlichen Luchsskelettes in Südfrankreich ist zwar dieser Art zugerechnet worden, dies geschah aber allein wegen der geringen Körpergröße des Tieres. Es ist aber fraglich, ob das Verbreitungsgebiet dieser Luchsart über die Iberische Halbinsel jemals hinausging.Stubbe und Krapp, S. 1178. Die für Jungtiere spezifischen Bissspuren an Kaninchen gestatten die Zuweisung entsprechender Knochen zum Pardelluchs, dessen Junge in Höhlen mit diesen Beutetieren versorgt wurden.Antonio Rodríguez-Hidalgo, Palmira Saladié, Juan Marín, Antoni Canals: Expansion of the referential framework for the rabbit fossil accumulations generated by Iberian lynx, in: Palaeogeography, Palaeoclimatology, Palaeoecology 418 (2015) 1–11.

Die beiden größten Vorkommen leben in Andalusien im Nationalpark Coto de Doñana und in der Sierra de Andújar in der Provinz Jaén (insgesamt 200 bis 250 Tiere); bestätigt werden konnte im Oktober 2007 ein weiteres Vorkommen in Kastilien-La Mancha, einem sehr dünn mit Menschen besiedelten Gebiet, mit 15 Tieren.New Population Of Iberian Lynx Raises Hope For Species’ Survival, in: Science Daily, 26. Oktober 2007.

In Portugal entstand im Jahr 1999 eine Aufzuchtstation im Schutzgebiet Serra da Malcata. Ab 2019 hofft man dort Auswilderungen vornehmen zu können.El lince ibérico sale del coma. In: El País 6. November 2007, S. 36. Noch 1994 existierten isolierte Bestände von jeweils mindestens zehn Tieren in der Serra da Malcata, der Serra de São Mamede und im Guadiana-Tal, das im Jahr 1995 unter Schutz gestellt wurde (Parque Natural do Vale do Guadiana),Miguel Delibes, Alejandro Rodriguez, Pablo Ferreras: Action Plan for the Conservation of the Iberian Lynx (Lynx Pardinus) in Europe. Abschnitt 2.3.2. The status of the Iberian lynx in Portugal, Nature and environment, No. 111 (2000) insgesamt schätzte man die Bestände auf 40 bis 50 Luchse.S. 10. Im Jahr 2005 galt der Pardelluchs dennoch in allen drei Gebieten als fast ausgestorben; ein möglicher Bestand dürfte durch den Bau des Odelouca-Staudamms verschwunden sein (2009 fertiggestellt), ein weiteres Habitat wurde durch den Alqueva-Damm zerstört (2002 fertiggestellt).Ein Bericht für die EU-Kommission glaubt, dass in Portugal bewusst von Regierungsseite entsprechende Informationen über Luchsbestände zurückgehalten wurden, um EU-Subventionen für den Dammbau bei Odelouca zu erhalten (Dan Ward: The Iberian Lynx Emergency. 2004, S. 17, 23, 33).

Lebensraum mini|Coto de Doñana, eines der letzten Verbreitungsgebiete des Pardelluchses Bevorzugtes Habitat des Pardelluchses ist baum- und strauchbestandenes offenes Land. Er präferiert Niederwaldzonen, locker bestandene Pinienhaine mit dichtem Unterwuchs, Zistrosenwälder sowie Korkeichenwälder mit einem dichten Bestand an Zistrosensträuchern.Kalb, S. 156. Pardelluchse sind damit viel weniger ausgeprägte Waldtiere als Eurasische Luchse. Die Aufforstung mit Eukalyptusbäumen und Kiefern, die weiträumig auf der Iberischen Halbinsel durchgeführt wurde, hat zu einem Rückgang der Besiedelung durch den Pardelluchs geführt,Stubbe und Krupp, S. 1180 f. ebenso wie der Verlust zahlreicher Korkeichenwälder. Dass die meisten Pardelluchse heute im Gebirge leben, liegt an der starken Verfolgung und nicht an einer natürlichen Bevorzugung von Höhenlagen als Habitat.

Verglichen mit dem Eurasischen Luchs sind die einzelnen Reviere sehr viel kleiner. In der Estremadura beträgt das durchschnittliche Revier, das ein Pardelluchs durchstreift, durchschnittlich 300 Hektar. Aber wie beim Eurasischen Luchs sind für die Reviergröße die Dichte des Beutetierbestandes sowie die Anzahl der Deckungsmöglichkeiten ausschlaggebend. Das Revier muss außerdem Wasserstellen aufweisen.

Beutespektrum Pardelluchse sind nachtaktive Einzelgänger. Ihre Hauptbeute sind Wildkaninchen, die für den Pardelluchs eine ähnliche Bedeutung haben wie Rehe für die in Mitteleuropa lebenden Eurasischen Luchse. Der Anteil, den Kaninchen an der Gesamtbeute haben, ist abhängig von deren relativer Häufigkeit im Vergleich zu anderen potentiellen Beutetieren. Im spanischen Bergland machen Kaninchen 56 Prozent der geschlagenen Beutetiere aus. Im spanischen Nationalpark Coto de Doñana beträgt ihr Anteil dagegen 79 Prozent.Kalb, S. 159. Pardelluchse sind insgesamt so abhängig von den Kaninchenbeständen, dass Schwankungen der Kaninchenpopulationen gravierende Auswirkungen auf den Bestand an Luchsen haben. Die verbreitete Kaninchenseuche Myxomatose könnte somit indirekt auch den Pardelluchs bedrohen. Nach einer Myxomatose-Epidemie in den Jahren 1958 bis 1961 wurden Pardelluchse deshalb weit außerhalb ihrer normalen Verbreitungsgebiete gesehen.Stubbe und Krapp, S. 1184. Zum Schutz des Luchses hat die spanische Regierung Maßnahmen zur Stabilisierung der auch aus anderen Gründen rückläufigen Kaninchenbestände in Angriff genommen.

Ansonsten ist der Pardelluchs ein eher opportunistischer Jäger, der neben Kaninchen regelmäßig Kleinsäuger wie Mäuse und Feldhasen schlägt. Sofern in seinem Lebensraum auch Enten vorkommen, spielen auch sie eine große Rolle in seiner Ernährung. In der Coto de Doñana machen sie immerhin 9 Prozent der vom Pardelluchs erlegten Wirbeltiere aus. Rothühner und andere diverse Vogelarten werden ebenfalls regelmäßig von ihm bejagt.Stubbe und Krupp, S. 1183. Für die Jagd auf ausgewachsene und gesunde Rehe, Rot- oder Damhirsche ist er zu klein, er schlägt aber regelmäßig deren Jungtiere. Auch die Frischlinge der Wildschweine gehören auf seine Beuteliste. Ausgewachsene Wildschweine sind dagegen für ihn zu wehrhaft – sie werden auch vom deutlich größeren und schwereren Eurasischen Luchs nur im Ausnahmefall erbeutet.Kalb, S. 158 f. Der tägliche durchschnittliche Nahrungsbedarf liegt bei einem Kilogramm. Das ist etwa die Hälfte von dem des Eurasischen Luchses.

Jagdverhalten Wie sein größerer Vetter, der Eurasische Luchs, ist auch der Pardelluchs ein Überraschungs- und Lauerjäger. Anders als etwa der Wolf hetzt er seine Beute nicht über längere Strecken. Seiner bevorzugten Beute, den Kaninchen, lauert er in der Nähe ihrer Baue auf. Verlassen sie ihre Erdhöhle, schleicht er sich bis auf eine Distanz von vier Metern an, um sie dann mit wenigen Sprüngen zu schlagen. Kaninchen werden durch einen Biss ins Genick getötet. Bei den Jungtieren von Rehen, Rot- und Damhirschen verbeißt er sich in die Kehle.

Anders als der Eurasische Luchs zieht der Pardelluchs es vor, seine Beute von dem Platz der Jagd zu verschleppen. Kaninchen beispielsweise trägt er über größere Entfernungen fort, bevor er sich niederlässt und sie bis auf die größten Knochen und Fellreste verzehrt. Große Beutetiere, die er nicht im Maul davontragen kann, schleift er zumindest ein kurzes Stück weit. Ist die Beute zu groß, als dass er sie sofort vollständig verzehren kann, kehrt er mehrfach zu ihr zurück. Nicht verzehrte Teile werden verscharrt.Kalb, S. 161.

Bestand

Bestandszahlen

mini|Luchsfell Der Bestandsrückgang der Pardelluchse ist dramatisch. Vermutlich betrug der Bestand an Pardelluchsen zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch 100.000 Individuen über weite Teile Spaniens und Portugals.