Das Judentum in Afrika hat drei unterschiedliche Ausprägungen: Verstreut lebende afrikanische Bevölkerungsgruppen, die eine Zugehörigkeit zur Nachkommenschaft des alten Israel oder auf andere Weise zu den historischen Israeliten behaupten und Bräuche pflegen, von denen man eine Verwandtschaft mit jüdisch-israelitischen Bräuchen annehmen kann. Allein die aus Äthiopien stammenden Beta Israel werden vom Staat Israel und der internationalen jüdischen Gemeinschaft als Juden anerkannt. Das heutige Judentum mit Sephardim und Mizrahim, die überwiegend in Nordafrika leben. Viele von ihnen sind nach Israel und Frankreich, andere nach Kanada, Brasilien und den USA ausgewandert. Die Aschkenasim, die als europäische Kolonisten nach Afrika gekommen sind. mini|Jüdischer Bevölkerungsanteil in den Staaten Afrikas 2005
Afrikanische Gruppen Beta Israel
Die äthiopischen Beta Israel oder Falascha wurden 1975 von der israelischen Regierung als „amtliche“ Juden anerkannt. Sie gelten nach einer Entscheidung des israelischen sephardischen Oberrabbiners (Rischon LeZion) Ovadja Josef als Nachkommen des Stammes Dan, eines der zehn verlorenen Stämme Israels. Historische und genetische Anhaltspunkte lassen jedoch einen anderen Ursprung vermuten.
Heute leben die meisten von ihnen in Israel, nachdem sie per Luftbrücken aus Äthiopien heraustransportiert wurden. Rabbi Yosef verfügte eine pro forma Konversion zum Judentum aller Beta Israel nach ihrer Ankunft im Staat Israel und eine Unterwerfungserklärung unter die Lebensweise der Halacha, bzw. Lehre und Praxis des orthodoxen rabbinischen Judentums. Zahlreiche rabbinische Behörden sehen die Konversion zum Judentum nicht als pro forma, sondern real an.
Die Praxis der Beta Israel unterscheidet sich in bestimmten Bereichen erheblich von denen anderer Formen des Judentums, da die Beta-Israel-Gemeinde in Äthiopien zumeist in Unkenntnis des Talmud gelebt hatte.
Sie besaßen jedoch ihr eigenes mündlich tradiertes Gesetz, das zuweilen dem der Karäer ähnelte. Jedoch interpretierten ihre Ältesten oder die Priesterkaste, die „kessim“ oder „qessotch“, das biblische Gesetz des Tanach in einer nicht vollständig abweichenden Weise von dem, was andere rabbinisch-jüdische Gemeinden in anderen Teilen der Welt praktizierten. In diesem Sinn verfolgen die Beta Israel eine dem Talmud ähnliche Tradition, obgleich sie zuweilen im Gegensatz zu Lehre und Praxis anderer jüdischer Gemeinden weltweit steht. Heute sind sie eine Gemeinde im Fluss und haben mit vielen kessim das „normative“ Judentum übernommen, während andere Traditionalisten auf der Beibehaltung ihrer eigenen und eindeutigen Form des Judentums bestehen, wie sie in Äthiopien und in Eritrea geübt wird.
Die nach Israel eingewanderte äthiopische jüdische Jugend passte sich zum einen der in Israel herrschenden Form des orthodoxen Judentums an, während sich andere am weltlichen Lebensstil in Israel orientierten.
Lemba
Die Lemba sind eine Volksgruppe im südlichen Afrika, die sich zum Teil auf arabische, zum Teil auf jüdische Ursprünge zurückführen. Obgleich sie die Bantusprache wie ihre Nachbarn sprechen, pflegen sie spezifische religiöse Praktiken, die denen des Judentums ähnlich sind und auf einen Ursprung im Nahen Osten oder in Nordafrika deuten.
Interkulturelle Ehen mit Nicht-Lemba sind tabu, so dass es besonders für männliche Nicht-Lemba schwer ist, Teil der Volksgruppe zu werden. Das Vorhandensein des CMH-Haplotyps auf dem Y-Chromosom wurde als genetische Verwandtschaft über den Aaron des Y-Chromosoms mit den Kohanim, den Nachfahren der jüdischen Priester, interpretiert. Allerdings ist dieser Haplotyp nicht auf die Kohanim beschränkt, sondern kommt auch sonst im Nahen Osten vor, und ist deshalb nicht geeignet, eine jüdische Abstammung sicher nachzuweisen.Sergio Tofanelli, Luca Taglioli, Stefania Bertoncini, Paolo Francalacci, Anatole Klyosov, Luca Pagani, Mitochondrial and Y chromosome haplotype motifs as diagnostic markers of Jewish ancestry: a reconsideration. In: Frontiers in Genetics 5, 2014, DOI:10.3389/fgene.2014.00384 Neuere detailliertere genetische Untersuchungen haben gezeigt, dass die spezielle, für die Kohanim typische Variante des CMH-Haplotyps bei den Lemba nicht vertreten ist. Hinsichtlich der Blutgruppen und Blutserenproteine wie auch der über die weibliche Linie weitergegebenen mitochondrialen DNS unterscheiden sich die Lemba nicht von ihren afrikanischen Nachbarn. Man geht daher von einem genetischen Einfluss arabischer Männer aus, vermutlich über den arabischen Handel an der Ostküste Afrikas.
Obgleich eine beträchtliche Mehrheit der Lemba keinen Widerspruch sehen, ihr vermeintliches hebräisches Erbe gleichzeitig mit der Ausübung des Christentums oder des Islam zu proklamieren, gab es später eine Bewegung in Richtung des Mainstream-Judentum, und organisierte Maßnahmen, die sie unterstützten, Vollmitglieder der weltweiten jüdischen Gemeinschaft zu werden.
Abayudaya miniatur|Synagoge der Abayudaya-Gemeinde bei Mbale, Uganda
Die Abayudaya (Kinder von Juda) leben am Fuß des Mount Elgon in Uganda. Sie sind eine etwa 1500 Mitglieder starke Gruppe, die seit 1919 zum Judentum konvertiert ist. Als Juden werden sie nur teilweise anerkannt.
Kanaanäisch-israelitische Gesellschaft Westafrikas Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts beherrschte die Vorstellung massiver Fremdeinflüsse das Bild, das man sich von der Geschichte Afrikas machte. Dabei spielte auch die Idee israelitischer Abwanderungen nach Afrika eine gewisse Rolle sowie Einflüsse der kanaanäischen Kultur, die durch die phönikische Expansion von 1000 bis 500 v. Chr. vermittelt wurden. Diese Ansätze wurden jedoch in nachkolonialer Zeit nur noch selten akzeptiert. In jüngerer Zeit nahm sie unter anderem Dierk Lange wieder auf und begründete sie neu. Dierk Lange: Ancient Kingdoms. S. 215–288, S. 343–375; id., Afrika südlich der Sahara. (PDF; 3,9 MB) S. 103–116. Andere Historiker Afrikas wie Christopher Ehret gehen weiterhin von der Isolation Afrikas von der antiken Weltgeschichte aus und ignorieren dementsprechend die Thematik der Israeliten im subsaharanischen Afrika.Christopher Ehret: The Civilizations of Africa. Oxford 2002.
Die spärlichen Berichte der arabischen Geographen zum mittelalterlichen Westafrika erwähnen jüdische Gemeinden lediglich für den Westen des Bilad al-Sudan im Bereich des heutigen Mali. Für das viel direkter von Abwanderungen aus dem alten Vorderen Orient betroffene Tschadseegebiet fehlen derartige Informationen. Hier lassen nur verschiedene innere Überlieferungen auf bedeutende israelitische Einflüsse schließen, deren Datierung auf Immigrationen im Anschluss an den Zerfall des assyrischen Weltreiches am Ende des 7. Jahrhunderts v. Chr. zurückführt.Lange: Afrika südlich der Sahara. (PDF; 3,9 MB) S. 104–107.
Juden in Westafrika Der in Palermo lebende Geograph al-Idrisi schreibt 1154 in Bezug auf das Gebiet des westlichen Nigerbogens, dass es dort die Städte Malal (Mali) und Do gäbe, die vier Tagereisen voneinander entfernt lägen. Die Einwohner der beiden Städte seien Juden, aber sie seien von Ignoranz und Unglauben befallen. Auch die Einwohner des geheimnisvollen Landes Qamnuriya, dessen Lage spekulativ mit dem Ghana-Reich in Verbindung gebracht wurde, sollten Juden gewesen sein, aber ihre Religion sei so verworren, dass sie letztendlich an gar nichts glaubten. Der zeitgleich mit al-Idrisi schreibende andalusische Geograph al-Zuhri bietet folgende Information: „Die Einwohner von Amima (Mema) bekennen sich zum Judentum. Man erreicht ihr Land über Gao und Wargla. Sie sind die ärmsten der Schwarzen. Sie lesen die Tora.“ Bei anderen mittelalterlichen arabischen Autoren finden sich nur wenige Erwähnungen von schwarzafrikanischen Juden. Diese wenigen Hinweise wurden gesammelt und häufig mit mündlichen Überlieferungen, die aus dem 20. Jahrhundert stammten, recht unkritisch in Geschichtsdarstellungen miteinander verbunden.
Es gibt eine maurische Tradition, nach der eine frühere, Bafour genannte Urbevölkerung neben anderen Zuschreibungen auch Juden gewesen seien, ebenso seien die Iggawen (mauretanische Griots) oder die Mallimin (Schmiede, beide auf der untersten sozialen Stufe) ursprünglich Juden gewesen. Solche Topoi dürften wie die in Reiseberichten verbreiteten Geschichten über Hundsköpfige und Amazonen ins Reich der Fabel gehören. Dagegen ist sehr wahrscheinlich, dass es jüdische Kaufleute aus dem Maghreb gab, die im 12. Jahrhundert im Saharahandel tätig waren.Rainer Oßwald: Die Handelsstädte der West-Sahara. Die Entwicklung der arabisch-maurischen Kultur von Šinqīt, Wādān, Tīšīt und Walāta. Marburger Studien zur Afrika- und Asienkunde. Bd. 39. Dietrich Reimer, Berlin 1986, S. 105–108
Nach den arabischen Aufzeichnungen des Tarikh al-Fattash (ca. 1665) und Tarikh al-Sudan (ca. 1655) gab es jüdische Gemeinden in den alten Reichen Ghana, Mali und Songhai. Eine solche Gemeinde soll von einer Gruppe ägyptischer Juden gegründet worden sein, die scheinbar über die Sahara und die Sahelzone nach Mali einwanderte. Das Manuskript C des Tarikh al-Fattash beschreibt eine Bani Israel genannte Gemeinde, die 1402 im Seengebiet des Niger in Tendirma bestand, 333 Brunnen besaß und sieben Prinzen sowie ein Heer hatte.
Anderen Quellen zufolge wurden weitere jüdische Gemeinden der Region durch Wanderungsströme aus Marokko, Ägypten, Portugal und evtl. aus Gojjam, Äthiopien gegründet. Von einigen Gemeinden heißt es, sie bestünden aus einer Gruppe bestimmter Berberjuden wie die Tuareggruppe der Idaksahak oder Iddao Ishaak („Söhne des Isaak“). Zur Erklärung ihres Ursprungs sind drei Möglichkeiten in Betracht zu ziehen: Sie waren Einwanderer aus vorchristlicher Zeit, sie flohen vor den arabisch-islamischen Invasionen Nordafrikas im 7. und 11. Jahrhundert n. Chr. nach Westafrika oder sie wurden von späteren Handelsreisenden aus Nordafrika beeinflusst.
Igbo-Juden in Nigeria
Etwa 30.000 der 30 Millionen Igbo (veraltet Ibo) von Nigeria praktizieren Teile des jüdischen Ritus und beanspruchen, Nachfahren nordafrikanischer, ägyptischer oder vorderorientalischer Juden zu sein. Dementsprechend nimmt man entweder einen antiken oder einen mittelalterlichen Ursprung an. Der Ethnologe Dierk Lange, der für die ebenfalls in Südnigeria lebenden Oyo-Yoruba eine teilweise Abstammung von den 722 v. Chr. aus dem israelitischen Nordreich deportierten Israeliten annimmt, vermutet einen ähnlichen Ursprung bei den israelitischen Elementen der Igbo.Dierk Lange: Origin of the Yoruba and the „Lost Tribes of Israel“. (PDF; 593 kB) In: Anthropos. 106, 2011, S. 579–595.
Mangels einer offiziellen Zählung in der Region ist nicht bekannt, wie viele nigerianische Igbos sich selbst als Israeliten oder Juden bezeichnen. Zurzeit gibt es 26 Synagogen verschiedener Größe, schätzungsweise 30.000 Igbos üben irgendeine Form des Judentums aus.
Bnai Ephraim in Nigeria Die Bnai Ephraim („Kinder von Ephraim“) leben unter dem Volk der Yoruba in Nigeria. Sie zählten 1930 ungefähr 2000 Personen in 400 Familien in 20 kleinen Dörfern im Ondo Distrikt in Südwestnigeria. Nach ihren Überlieferungen gelangten sie im 16. Jahrhundert nach der Vertreibung der Juden aus Spanien im Jahr 1492 über Marokko nach Nigeria. Ihre Sprache ist eine Mischung des marokkanischen Arabisch mit Yoruba, jedoch mit aramäischen Elementen, wie ima für „Mutter“. In ihren Ansichten und den meisten Bräuchen unterscheiden sie sich nicht nennenswert von ihren Yoruba-Nachbarn, aber die Yoruba nennen sie Emo Yo Quaim – die „merkwürdigen Leute.“ Sie selbst nennen sich Bnai Ephraim und bewahren Kopien von Teilen der Torah in ihren Schreinen auf. Die Bnai Ephraim sind die einzige abgesonderte Volksgruppe unter den Yoruba.
Juden in Kamerun