mini|ARD-Berichterstattung aus Afghanistan (2009) mini|Polnisches Kamerateam im Irak (2005) Der Begriff Kriegsberichterstattung bezeichnet die journalistische Berichterstattung in Massenmedien über Kriege und kriegsähnliche Auseinandersetzungen und Konflikte. Dazu gehören sowohl die Berichterstattung über die politischen und militärischen Ereignisse an sich als auch Hintergrundberichte zu entsprechenden diplomatischen, humanitären und wirtschaftlichen Themen. Die fotojournalistische Dokumentation von Krisen und bewaffneten Konflikten bezeichnet man als Kriegsfotografie. Unter den besonderen Bedingungen eines Krieges unterliegt journalistische Arbeit starken Einschränkungen (z. B. Zensur, Zugang zu Handlungsorten und Quellen, Manipulation durch eine Kriegspartei), die sich entsprechend auf die Kriegsberichterstattung auswirken und bei der Rezeption zu berücksichtigen sind.

Geschichte Die Anfänge der Kriegsberichterstattung mini|Holzschnitt zur Zerstörung der Burg von Boxberg 1523 von Hans Wandereisen, er begleitete den Schwäbischen Bund bei seiner Strafexpedition gegen Anhänger des Raubritters Hans Thomas von Absberg. Da viele Menschen seiner Zeit nicht lesen und schreiben konnten, erfolgte sein Bericht in Bildform.

Schon vor der Erfindung der Schrift und auch noch lange danach dienten in erster Linie heimkehrende Soldaten als Berichterstatter.

Alexander der Große erkannte früh die Bedeutung von Kriegsberichten. Auf seinen Feldzügen waren Schreiber anwesend, die seine Kriegserfolge dokumentierten und weiterleiteten und somit seinen Ruf als siegreicher Feldherr früh festigten.Dominikowski: Massenmedien und Massenkrieg. 1993, S. 36. Doch nicht nur über Sieg und Niederlage wurde berichtet, die Kriegsberichterstattung diente auch der Desinformation des Gegners und zur Manipulation der öffentlichen Meinung. So erhofften sich Herrscher Legitimation und politische Unterstützung in der Heimat für ihre militärischen Vorhaben. Ein Beispiel für den Fall, wo der General sogar sein eigener Kriegsberichterstatter war, ist Gaius Iulius Caesars De bello Gallico.Stöber: Kriegsberichterstattung, Kriegsberichterstatter. 2015.

Nach der Erfindung des Buchdrucks durch Johannes Gutenberg um das Jahr 1450 konnten erstmals Kriegsberichte einem großen Publikum zugänglich gemacht werden. In dem ersten Druck, der den Begriff Zeitung erwähnte – 1502 Newe Zeytung von orient und auff gange – wurde die zwei Jahre zurückliegende Eroberung der Insel Lesbos durch Venezianer und Franzosen thematisiertJürgen Wilke: Die „Neue Zeitung“. Leistungen und Normen eines vorperiodischen Informationsmediums. In: Jan Martin Lies (Hrsg.): Wahrheit – Geschwindigkeit – Pluralität. Chancen und Herausforderungen durch den Buchdruck im Zeitalter der Reformation (= Veröffentlichungen des Instituts für Europäische Geschichte, Mainz. Supplement. 132). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2021, ISBN 978-3-525-56037-2, S. 83–108, hier S. 84–85, doi:10.13109/9783666560378.83.. Der Krieg entwickelte sich in den neuen Druckmedien zu einem bevorzugten Sujet. Vor allem über die Kriege gegen das Osmanische Reich wurde berichtet. 73 % der Zeitungen von 1515 bis 1662 behandelten Krieg und Politik als vorrangiges Thema.In ihrer Dissertation, Die Neue Zeitung. Empirische Untersuchung eines Informationsmediums der frühen Neuzeit unter besonderer Berücksichtigung von Gewaltdarstellungen, Mainz 1994, untersuchte Kristina Pfarr die Themenauswahl von 1254 Newen Zeytungen aus den Jahren 1515 bis 1662. (Jürgen Wilke: Die „Neue Zeitung“. Leistungen und Normen eines vorperiodischen Informationsmediums. In: Jan Martin Lies (Hrsg.): Wahrheit – Geschwindigkeit – Pluralität. Chancen und Herausforderungen durch den Buchdruck im Zeitalter der Reformation (= Veröffentlichungen des Instituts für Europäische Geschichte, Mainz. Supplement. 132). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2021, ISBN 978-3-525-56037-2, S. 83–108, hier S. 85, doi:10.13109/9783666560378.83.).

Napoléon Bonaparte erkannte als einer der Ersten die Bedeutung der neuen Druckmedien in Kriegszeiten. Auf ihn geht der Satz zurück: „Drei feindliche Zeitungen sind mehr zu fürchten als tausend Bajonette“.Marshall McLuhan: Die magischen Kanäle (= Fundus-Bücher. 127). 2., erweiterte Auflage. Verlag der Kunst, Dresden u. a. 1995, ISBN 3-364-00308-4, S. 31. Er führte Armeezeitungen ein, die über seine Feldzüge berichteten. Die freie Presse lenkte er durch Bestechung und Verbote in die gewünschte Richtung. Jedoch erfüllten die geschönten Meldungen Bonapartes auf Dauer nicht ihren Zweck. Politik und Medien wurden in der Bevölkerung zusehends unglaubwürdig.

Bilder von Kriegen waren, bevor die Technik der Fotografie erfunden wurde, nur in Form von handgefertigten Skizzen, Zeichnungen oder Gemälden zu sehen. Doch zumeist zeigten diese, auch durch offiziell beauftragte Kriegsmaler angefertigten Bilder nur ein geschöntes oder heldenhaftes Bild des Krieges, in denen vor allem die (siegreichen) Kriegsführer im Mittelpunkt standen.

In deutlichem Kontrast hierzu stand die Arbeit zum Thema Krieg des spanischen Künstlers Francisco de Goya. In 82 Radierungen zu seinem Zyklus „Los Desastros de la Guerra“ von 1810 bis 1820 bildete Goya den napoleonischen Feldzug in Spanien mit seinen Gräueltaten plastisch ab und vermittelte so die Grausamkeit des Krieges aus neuer Perspektive.

Der erste Pressekrieg mini|War News from Mexico, Gemälde von Richard Caton Woodville, 1848 Mit der Einführung neuer Kommunikationstechniken nahm die Kriegsberichterstattung an Bedeutung zu. Wurde bisher meistens von militärischer Seite berichtet, so wurden durch die rasche Verbreitung der Tageszeitungen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erste zivile Kriegsreporter tätig. Die Verlage erkannten die auflagensteigernde Wirkung von Kriegsberichten.

Der Krimkrieg Russlands gegen England, Frankreich und das Osmanische Reich von 1853 bis 1856 leitete den ersten sogenannten Pressekrieg der Geschichte ein. Zahlreiche britische und französische Reporter berichteten von den Kampfhandlungen. Die Krisenkommunikation wurde erstmals von Zeitungsverlagen selbst organisiert. Militär und Medien sahen sich hier mit einer völlig neuen Situation konfrontiert. In der Anfangsphase des Krimkrieges gab es noch keine institutionalisierte Zensur und Presselenkung. Die Behandlung der Medien mussten die Militärs erst lernen, die Anwesenheit von Journalisten auf dem Schlachtfeld war neu und ungewohnt.

Der für die Londoner Times berichtende William Howard Russell gilt als der erste bekannte Kriegsberichterstatter. Was Russell auf der Krim sah und schrieb, gefiel den Heerführern nicht. Die Soldaten seien unterversorgt, es herrsche Typhus und Cholera. Russell berichtete zudem, die Offiziere verhielten sich wie auf einer Picknicktour.Paul: Bilder des Krieges. 2004, S. 62. Von Seiten des Militärs gab es scharfe Proteste. Später wurde Russell sogar wegen seiner offenen und neutralen Berichterstattung der Spionage bezichtigt. Die freie Berichterstattung wurde den kriegführenden Parteien zusehends hinderlich, sodass sie zum Ende des Krieges die Reportagen zensierten.Dominikowski: Massenmedien und Massenkrieg. 1993, S. 37.

Ein weiterer renommierter Kriegsberichterstatter war Ferdinando Petruccelli della Gattina, bekannt durch seine Reportagen aus den Italienischen Unabhängigkeitskriegen und dem Deutsch-Französischen Krieg. Jules Claretie von Le Figaro lobte seine Berichterstattung über die Schlacht bei Custozza.Jules Claretie: La vie à Paris. Bibliothèque Charpentier, 1896, S. 367.

Obwohl bereits zur Zeit des Krimkrieges Datenübermittlung durch die Telegrafie möglich war, wurde sie wegen der fehlenden Infrastruktur selten genutzt. Die Kriegsberichte übermittelte man überwiegend über den normalen Postweg. Zu diesem Zeitpunkt hielt auch das Medium der Fotografie Einzug in die Berichterstattung. Der Engländer Roger Fenton begleitete die britische Truppe auf der Krimhalbinsel mit seinem Laborwagen. Seine Bilder zeigten allerdings kein authentisches Bild vom Krieg. Sie enthielten keinerlei Schlachtszenen oder Tote, sondern nur Bilder von Soldaten. Fentons Arbeit war ein von der britischen Regierung finanziertes Projekt „[…] mit dem neuen, ‚objektiven‘ Medium ein von seinen Schrecken bereinigtes Bild des Krieges zu produzieren“Freund 1976, 117 f., zitiert nach Dominikowski: Massenmedien und Massenkrieg. 1993, S. 37. und belegte unfreiwillig Russells Beobachtungen eines „Picknick-Krieges“.

Trotz der Restriktionen der britischen Regierung gelang es einigen von privater Seite angestellten Journalisten, Schlachtenaufnahmen im Nachhinein zu machen, die das wahre Ausmaß des Krieges erahnen ließen. Doch auch auf diesen Bildern sind Kriegsopfer nicht zu sehen. Erst im Amerikanischen Bürgerkrieg wurden von dem Fotografen Mathew Brady auch tote Soldaten abgebildet.

Im sogenannten Pariser Kommunardenaufstand von 1871 wurden Bilder von Toten erstmals als propagandistische Waffe eingesetzt, um die Aufständischen zu verunglimpfen bzw. abzuschrecken. Doch solche Bilder bildeten die Ausnahme in der damaligen zeitgenössischen Kriegsfotografie. Die Mehrzahl der Aufnahmen zeigten Gruppen von Soldaten in einer eher gemütlichen Runde und vermittelten nicht das wahre Ausmaß von Tod, Leid und Zerstörung.

Die Zeit zwischen den Anfängen der Kriegsberichterstattung im Krimkrieg bis zum Ersten Weltkrieg wird von dem Kriegsberichterstatter Phillip Knightley als „Goldenes Zeitalter“ der Krisenkommunikation bezeichnet. Zum einen expandierte das Pressewesen in vielen Ländern aufgrund einer Steigerung der Nachfrage nach Zeitungen. Daneben gab es unzählige Kriege und Konflikte, wie bspw. die vielen Kolonialkriege (Burenkrieg 1899–1902, Boxeraufstand 1900), die von zahlreichen Reportern begleitet wurden. Somit festigte sich diese neue Form des Journalismus in der Gesellschaft.Knightley: The First Casualty. 3rd edition. 2004, S. 43. Doch in dieser Hochphase der Kriegsberichterstattung wurde der Krieg von den Reportern weniger als grausamer Krieg mit Leid und Tod, sondern vielmehr als Abenteuerspiel für Männer dargestellt:

Propaganda im Ersten Weltkrieg mini|Erster Weltkrieg: Kriegsberichterstatter im Schützengraben (1917) Im Ersten Weltkrieg war die Kriegsberichterstattung erstmals auch mit Filmaufnahmen möglich. Neben Wochenschauen, wie etwa in Österreich-Ungarn das Kriegs-Journal der Wiener Kunstfilm oder der Sascha-Kriegswochenbericht der Sascha Filmindustrie für die Kinos, die Bilder vom Frontgeschehen zeigten, wurde das junge Medium Film auch exzessiv für die Propaganda im Ersten Weltkrieg missbraucht. Zu den ersten Kriegsberichterstattern des Films zählte Eduard Hoesch, der vom österreichisch-ungarischen Kaiser Karl sogar zum „persönlichen Operateur“ ernannt wurde, und ihn daraufhin bei dessen Besuchen an den Kriegsschauplätzen stets begleitete. Der überwiegend aus Originalaufnahmen bestehende britische Film Die Schlacht an der Somme von 1916 gilt als der erste wirkliche Dokumentarfilm in der Geschichte des KinosNorbert Wehrstedt: , Leipziger Volkszeitung, 19. Mai 2014 und hielt bis zur Veröffentlichung von Krieg der Sterne gut 60 Jahre lang den Publikumsrekord an den britischen Kinokassen.Viewpoint: The WW1 film over 20 million people went to see, www.bbc.com, 7. November 2014

1936 bis 1945