Ein Kirchengericht ist ein Rechtsprechungsorgan einer christlichen Religionsgemeinschaft.
Staatskirchenrechtliche Grundlage Staatskirchenrechtliche Grundlage kirchlicher Gerichtsbarkeit ist das Selbstbestimmungsrecht der Kirchen, das in Deutschland durch das Grundgesetz ( GG i. V. m. Art. 137 Abs. 3 WRV),etwa ECLI:DE:BVerwG:2002:301002U2C23.01.0, BVerwGE 117, 145, fortentwickelt durch ECLI:DE:BVerwG:2014:270214U2C19.12.0, BVerwGE 149, 139; ECLI:DE:BVerfG:1998:rk19980918.2bvr147694, KirchE 36, 409 in Österreich durch das Bundes-Verfassungsgesetz ( Abs. 1 B-VG i. V. m. Art. 15 Staatsgrundgesetz 1867)etwa ECLI:AT:VFGH:2011:B1220.2011 und in der Schweiz durch die kantonalen Verfassungen (vgl. Abs. 1 BV) gewährleistet wird.
Die Vollstreckung einer kirchengerichtlichen Entscheidung erfordert jedenfalls in Deutschland den Titel eines staatlichen Gerichts als Grundlage. Das gilt auch für etwaige GerichtsgebührenECLI:DE:VGHANNO:2008:0530.2A813.07.0A und die Prozesskostenerstattung.ECLI:DE:BVerwG:2015:251115U6C21.14.0, vorgehend ECLI:DE:OVGNRW:2014:0429.5A1386.12.00 Gestaltungs- und Feststellungsurteile bedürfen keiner Vollstreckung; Leistungsurteile können ggf. auch im Wege der Aufrechnung durchgesetzt werden.Michael Germann in: Handbuch des evangelischen Kirchenrechts (2016), § 31 Rn. 137
Römisch-katholische Kirche Ordentliche Gerichtsbarkeit Die ordentliche Gerichtsbarkeit ist unmittelbar in den beiden großen Kodifikationen geregelt (CIC für die lateinische Kirche, CCEO für die unierten Ostkirchen). Weitere Normen gelten für die Gerichte des Apostolischen Stuhles, z. B. die Konstitution Praedicate Evangelium (PE).
Gerichte a) Niedere Gerichte sind bischöfliches Diözesangericht (, )/Eparchialgericht (, ) erzbischöfliches Metropolitangericht (, , ) der Bischof selbst im kürzeren Eheprozess (, ) interdiözesanesBeispiele erster Instanz: Interdiözesanes Offizialat Erfurt seit 1979 (SSAT Prot. n. 10414/78 VT); Tribunal pénal canonique national in Frankreich seit 2022/Statuten; erstmals 1938 als Regionalgerichte in Italien (Motu proprio Qua cura, AAS 30 (1938) 410)Beispiele zweiter Instanz: Interdiözesanes Schweizerisches Kirchliches Gericht (ISKG), Freiburg i. Üe., seit 1986 (SKZ 1986 S. 557); National Tribunal of Appeals, Manila, seit 1984 (SSAT Prot. n. 15832/83 VT)/intereparchialesBeispiele: (maronitisches Einheitsgericht erster Instanz in Zouk Mosbeh); (melkitisches Kirchengericht in Sabtiyeh); Tribunalul intereparhial (rumänisches Intereparchialgericht in Baia Mare) Gericht (, CIC, )Ende 2011 gab es insgesamt 317 interdiözesane Gerichte: 61 in Afrika, 27 in Nordamerika, 15 in Mittelamerika, 83 in Südamerika, 51 in Asien, 70 in Europa und 10 in Ozeanien, siehe Paweł Malecha in Ius Ecclesiae 24 (2012), S. 183, 208. Siehe ferner , PE, , Normae pro Tribunalibus interdioecesanis vel regionalibus aut interregionalibus, AAS 63 (1971) 486–492. interrituelles GerichtBeispiele: Gerichte in Teheran (Iran), Bagdad und Mossul (Irak), Aleppo (Nord-Syrien), Athen (Griechenland, zweite Instanz in Syros) und Istanbul (Türkei, auch zweite Instanz; SSAT Prot. n. 1951/71 VT); siehe Pablo Gefaell: Tribunali delle Chiese sui iuris non patriarcali, in Ius Ecclesiae 16 (2004) S. 111, 123, Fn. 48 und 129, Fn. 67 (, ) nur in Streitsachen: Provinzial/örtlicher Abt, oberster Leiter/Abtpräses der Mönchskongregation (, mit CIC; siehe auch ) die Gerichte anderer Einheiten (Vikariat, Ordinariat, Exarchat usw.; , ).
Geleitet wird jedes Gericht von einem Gerichtsvikar (Offizial), dem Richter beigegeben sind;Carl Christian Snethlage: Der Bischof als Richter, in: De processibus matrimonialibus 29 (2022) 137–170 ferner gibt es die Ämter des Kirchenanwalts, des Bandverteidigers und des Notars (Urkundsbeamten, , ). Die Gerichtsaufsicht wird von der Apostolischen Signatur in ihrer Funktion als Justizverwaltungsbehörde ausgeübt (, PE, ).
b) Als höhere Gerichte bestehen vereinzelt besondere Gerichte wie die Rota der Apostolischen Nuntiatur in Spanien (Tribunal Rotae Nuntiaturae Apostolicae in Hispania)Normas orgánicas y procesales del tribunal de la Rota de la Nunciatura Apostólica en España, AAS 92 (2000) 5 (Gliederung: I. Art. 1 Verfassung, II. Art. 15 Ämter, III. Art. 34 Zuständigkeit, IV. Art. 41 Anwälte, V. Art. 48–56 Verfahren); zuvor Normae a Rota Nuntiaturae Apostolicae in Hispania servandae, AAS 39 (1947) 155 das Primatialgericht Esztergom-Budapest in Ungarn (Tribunal Primatiale Strigoniense)Péter Erdő: Das Primatialgericht von Esztergom-Budapest, in: De processibus matrimonialibus 6 (1999) 39–53 sowie in den 6 patriarchalen und 4 großerzbischöflichen Ostkirchen jeweils deren ordentliches Gerichtukrainisch: ; syro-malabarisch: Ordinary Tribunal; maronitisch: ; melkitisch: ; chaldäisch: ; rumänisch: Tribunal Ordinar; syro-malankarisch: Ordinary Tribunal/Statutes; syrisch: ; Benny Tharakunnel: Patriarchal/major archiepiscopal ordinary tribunal as tribunal of third and further instances (2015) (, , ) und das Synodalgericht bzw. die Bischofssynode selbstukrainisch: ; syro-malabarisch: Superior Tribunals; maronitisch: ; melkitisch: ; armenisch: ; rumänisch: Sinodul Permanent; syro-malankarisch: Synodal Tribunal/Statutes (, ).
c) Gerichte des Apostolischen Stuhles sind das Gericht der Römischen Rota als ordentliches Gericht des Papstes für die Annahme von Berufungen (, , );www.rotaromana.va; siehe auch Normae, AAS 86 (1994) 508 (Gliederung: I. Art. 1 Verfassung, II. Art. 15 Ämter, III. Art. 50–120 Verfahren), zuvor AAS 74 (1982) 490 und AAS 26 (1934) 449; Stefan Killermann: Die Rota Romana (2009), () beigegeben ist der Rota seit 2011 ein Amt für die Prozesse zur Gewährung von Dispens bei einer gültigen, aber nicht vollzogenen Ehe und für die WeihenichtigkeitssachenMotu proprio Quaerit semper, AAS 103 (2011) 569 () als besonderes Gericht das Oberste Gericht des Dikasteriums für die Glaubenslehre für schwerere Strafsachen im gerichtlichen Verfahren (, )siehe auch Normae de delictis Congregationi pro Doctrina Fidei reservatis, AAS 114 (2022) 113 (Gliederung: I. Art. 1 Susbtantielle Normen, II.1. Art. 9 Zuständigkeit, II.2. Art. 12 Strafprozess, II.3. Art. 19 Außergerichtliches Verfahren, II.4. Art. 26–29 Schluss); zuvor Normae de gravioribus delictis, AAS 102 (2010) 419 sowie Sacramentorum sanctitatis tutela, AAS 92 (2001) 737 der Oberste Gerichtshof der Apostolischen Signatur als Gericht der ordentlichen Gerichtsbarkeit (, , PE)www.vatican.va; siehe auch Lex propria Supremi Tribunalis Signaturae Apostolicae (LPSA), AAS 100 (2008) 513 (Gliederung: I. Art. 1 Verfassung und Ämter, II. Art. 32 Zuständigkeit, III. Art. 36 Ordentliches gerichtliches Verfahren, IV. Art. 73 Verwaltungsstreitverfahren, V. Art. 106 Verwaltungstätigkeit, VI. Art. 122 Anzuwendendes Recht) der Papst als „oberster Richter für den gesamten katholischen Erdkreis“ (Romanus Pontifex, , ), der selbst keiner Gerichtsbarkeit unterliegt (, ).
Obgleich als Gericht des Apostolischen Stuhles bezeichnet, ist die Apostolische Pönitentiarie eher Gnaden- und Dispensbehörde (). Ihr obliegt beispielsweise die Absolution bei Tatstrafen, die dem Apostolischen Stuhl vorbehalten sind.www.penitenzieria.va; siehe auch Andrea Michl in: De processibus matrimonialibus 29 (2022) 199–210
Nicht kirchliche, sondern weltliche Gerichtsbarkeit üben die Gerichte des Vatikanstaats aus.Gesetz Nr. CXIX vom 21. November 1987, durch das die Gerichtsordnung des Staates der Vatikanstadt verabschiedet wurde, AAS Suppl. 58 (1987) 45–50
d) Beispiel Rom
Der kirchliche Gerichtsaufbau ist nicht immer leicht durchschaubar. Im Bereich von Rom beispielsweise gibt es unterhalb der Gerichte des Apostolischen Stuhles sieben kirchliche Gerichte. Geordnet nach zunehmender territorialer Zuständigkeit sind dies das Kirchengericht für das Vikariat der Vatikanstadt (), das räumlich mit dem weltlichen Gericht der Vatikanstadt verbunden istMotu proprio Quo civium iura, AAS 79 (1987) 1353; Nomina di Giudici del Tribunale Ecclesiastico del Vicariato della Città del Vaticano (2018) das Diözesangericht für andere als Ehenichtigkeitssachen aus dem Vikariat der Stadt Rom ()Constitutio apostolica Vicariae potestatis, AAS 69 (1977) 5, n. 12, 21; Constitutio apostolica Ecclesia in Urbe, AAS 90 (1998) 177, Art. 31, 38; Tribunale Ordinario della Diocesi di Roma der Papst als Bischof von Rom für Ehenichtigkeitssachen im kürzeren Verfahren aus dem Bistum Rom; erste Entscheidung vom 13. Juli 2017 das interdiözesane Gericht erster Instanz für Ehenichtigkeitssachen aus dem Vikariat der Stadt Rom und angrenzenden Bistümern ()Tribunale interdiocesano di prima istanza (2017); Tribunale interdiocesano di prima istanza per le cause di nullità di matrimonio das Gericht des italienischen Militärordinariats ()Statuti dell'Ordinariato Militare d'Italia (1987), n. 44 das Gericht des Apostolischen Exarchats Italien der ukrainischen griechisch-katholischen Kirche () (2021) das Gericht der Personalprälatur Opus Dei ().Decreto de constitución del Tribunal de la Prelatura del Opus Dei (1996)
Das 1988 in Rom eingerichtete interdiözesane Gericht zweiter InstanzMotu proprio Sollicita cura, AAS 80 (1988) 121; Constitutio apostolica Ecclesia in Urbe, AAS 90 (1998) 177, Art. 31, 40 wurde 2019 aufgelöst; seitdem ist die Römische Rota reguläres zweitinstanzliches Gericht nicht nur für das Vikariat der Vatikanstadt, sondern auch für die anderen römischen Untergerichte.SSAT Prot. n. 4461/19 SAT
Sachliche Zuständigkeit Die ordentliche Gerichtsbarkeit erstreckt sich u. a. auf folgende Angelegenheiten (Grundnormen: , ): 1. allgemeine Streitsachen über individuelle Rechte (; , ) 2. Statussachen Ehenichtigkeit (; /,Ausnahme: über Ehenichtigkeitsfälle, deren Nichtigkeit „offenkundig“ ist, entscheidet die Apostolische Signatur als Justizverwaltungsbehörde (, ). ; materiell insbesondere , )Beispiele bei Burke und Bunge Trennung bei bleibendem Eheband (; , ) Weihenichtigkeit (; , , )siehe auch Regulae Servandae ad proceduram administrativam nullitatis ordinationis inchoandam et celebrandam noviter confectae, AAS 94 (2002) 292, Art. 3 § 1; Rafael M. Rieger: Die Nichtigerklärung der Weihe, in HdbKathKR³ (2015), § 83, 1239–1242 Mitwirkung insbesondere an der Tatsachenfeststellung bei Eheauflösungen aufgrund des paulinischen Privilegs (, ) Eheauflösungen aufgrund des petrinischen Privilegs () Eheauflösungen aufgrund Nichtvollzugs (; , vgl. , ) Eheauflösungen aufgrund Todeserklärung (, )vgl. Amtsblatt der Österreichischen Bischofskonferenz 1984 S. 20 Kanonisationsverfahren (, , )siehe auch Instruktion Sanctorum Mater, Art. 53 3. Strafsachen (poenalis; , ), soweit nicht durch außergerichtliches Dekret im Verwaltungsweg geahndet (s. unten).
Dem Prozessrecht nach bildet das ordentliche Streitverfahren (, , )zu Rechtskraft und Vollstreckung Michael Werneke: Die Urteilsvollstreckung im kanonischen Prozessrecht, in: De processibus matrimonialibus 12 (2005) 175, 195–250 das Grundmuster, auf das an anderer Stelle/ (mündliches/summarisches Streitverfahren), / (Ehenichtigkeit), / (Trennung), / (Nichtvollzug), / (Weihenichtigkeit), / (Voruntersuchungsführer), / (Strafprozess), auch (Kanonisation); (Verwaltungsstreitigkeiten) verwiesen wird.
Erstinstanzlich ist im Allgemeinen ein Einzelrichter zuständig (, , ). Ehe- und Weihenichtigkeitssachen sowie Strafprozesse, die zur Entlassung aus dem geistlichen Stand oder zur Exkommunikation führen können, werden grundsätzlich vor einem Kollegialgericht mit drei Richtern verhandelt (, vgl. ).